Wenige Spiele wurden 2014 so sehr vom Hype umgeben wie Destiny. Wir haben das Mammutwerk von Bungie intensiv gezockt und ziehen ein gemischtes Fazit.

Rund drei Stunden hat es gedauert, bis Destiny mich das erste Mal richtig packte. Bei einem Einsatz im kargen Alt-Russland stolperte ich durch Zufall in ein Team-Event, bei dem ich mit einem Haufen anderer Spieler ein Riesiges-Roboter-Alien niederstreckte. Das war cool, das war packend. Blöderweise ließ mich das Spiel danach wieder los. Und das ist im Grunde meine Erfahrung mit dem Spiel: Destiny ist großartig. Destiny ist eine Enttäuschung. Und Destiny liegt irgendwo genau dazwischen. Warum das so ist, verrät Euch unser Test.

Ein kleines Vorwort: Ich habe Destiny primär im Singleplayer gespielt und bin mir durchaus bewusst, dass es sich um ein MMO handelt 😉 Aus Zeitgründen und der Tatsache geschuldet, dass die wenigen Gamer in meinem Freundeskreis größtenteils eher PC-affin unterwegs sind, kann ich zum Koop-Teil des Spiels daher nur vergleichweise wenig beitragen – behaltet das im Hinterkopf, wenn Ihr später eure wutentbrannten Kommentare in die Tastatur hämmert 😉

Shooter im MMO-Gewand

In Destiny übernimmt Ihr die Rolle eines so genannten „Hüters“, den ihr Euch zu Beginn aus einer von drei Charakterklassen aussucht. Im Verlauf der Story-Kamapgne ballert Ihr Euch anschließend durch vier verschiedene Planeten unseres Sonnensystems und kämpft dabei in bester HALO-Manier gegen diverse Alienmassen. Das Besondere: Ihr seid dabei faktisch nie alleine. Destiny ist als MMO konzipiert, bei dem ihr immer online seid (ergo braucht Ihr auch eine PSN Plus bzw. Xbox Gold-Mitgliedschaft) und mit anderen Spielern zusammen über Mond, Erde, Mars und Venus dängelt. Zwar lässt sich die Hauptstory auch komplett alleine durchzocken, viele Elemente wie die kooperativen Strike-Missionen funktionieren aber nur mit anderen Spielern. Nach meinen Erfahrungen merkt man im Hauptspiel allerdings nicht viel vom MMO-Grundgedanken. Zwar laufen mir auf den großen Missionskarten immer mal wieder andere Spieler über den Weg, die mir manchmal auch freundlich zuwinken, allzu viel Miteinander herrscht aber abgesehen von Zufallsevents nicht. Bei den Storymissionen bewegt Ihr Euch von Zielmarkierung zu Zielmarkierung, wobei ihr jederzeit auf ein Fahrzeug zugreifen dürft, mit dem Ihr im Stile der Speedbikes aus „Die Rückkehr der Jedi-Ritter“ über die Planeten düsen dürft – das macht zugegebenermaßen eine Menge Spaß 😉

Die Zufallsevents, bei denen Ihr Euch mit anderen Hütern zusammenrottet, sind eines der Highlights von Destiny

Nach jedem Einsatz landet Ihr in Eurem Raumschiff, wo Ihr Euch den nächsten Einsatz auf einem der Planeten aussucht. Neben der Hauptkampagne könnt Ihr dabei auch so genannte Patrouillen-Missionen annehmen, bei denen Ihr Euch frei auf den Planeten bewegt. Die Aufgaben erinnern hier extrem an typischen Online-RPGs, sprich: „Sammel x hiervon“ oder „Töte x davon“, sind aber immerhin nett vertont und sorgen für neue Beute, die Ihr wahlweise verkauft oder aber selber nutzt – sofern Ihr es vorher beim „Kryptarchen“ identifiziert habt.

Dieser wartet wie alle NPCs im Turm der Hüter auf Euch, der als so etwas wie die zentrale Anlaufstelle in Destiny fungiert und ebenfalls zwischen den Missionen besucht werden darf. Hier identifiziert ihr gefundenes Zeug, holt Euch Belohnungen für Missionen ab und nehmt neue an, tauscht virtuelle Währung gegen neue Ausrüstung und so weiter und so fort. Das alles ist Online-RPG-Einmaleins, wird im Spielverlauf allerdings ein wenig lästig: Die langen Laufwege zwischen Shops und Ansprechpartnern nerven über kurz oder lang und lassen die Frage aufkommen, warum Bungie die Funktionen nicht einfach ins Inventar integriert hat, wie man es mit dem Verkauf getan hat. Im Turm holt Ihr Euch auch die Belohnungen ab, die Ihr in den diversen Multiplayer-Spielmodi verdient, beispielsweise dem Schmelztiegel, in dem Ihr PVP-Schlachten ausfechten dürft. Blöderweise wird dies alles nicht besonders gut erklärt, sodass man als Neuling zum Teil fragend vor den Geschäften steht und sich wundert, wie man denn an all die schönen Waffen und Rüstungen gelangt, die hier feilgeboten werden – ein kleiner Kritikpunkt, der mir aber dennoch sauer aufgestoßen ist.

Der Turm der Hüter bietet einen Haufen Shops, aber leider auch wenig Abwechslung und lange Laufwege

Packende Kämpfe für Geduldige

Im Kern ist und bleibt Destiny freilich ein Shooter, der seine HALO-Wurzeln nicht verleugnen kann und will. Und diesen Part meistert das Spiel fast durchgehend mit Bravour: Die Kämpfe gegen die Gegnerhorden erfordern Geschick und taktisches Vorgehen und fordern Gelegenheits-Shootermenschen wie mich ordentlich heraus (wobei ich bei meiner Meinung bleibe, dass Shooter einfach nicht für das Gamepad gemacht sind ;-). Die KI der Feinde bewegt sich auf vergleichsweise hohem Niveau und verlangt vom Spieler, ständig in Bewegung zu bleiben, neue Möglichkeiten zur Deckung zu suchen oder sich im richtigen Moment zurückzuziehen.

So frei wie dieser Captain der Gefallenen präsentieren sich Eure Gegner in Destiny nur selten. Die KI hält Euch meist ordentlich auf Trab

Ein nicht zu übersehender Fleck auf der ansonsten reinen Shooter-Weste von Destiny sind ausgerechnet die Story-Missionen. In deren Verlauf kommt früher oder später fast immer der Moment, an dem Euer Geist-Begleiter sich in irgendein Terminal hackt und ihr aufgefordert werdet, ein paar Feindeswellen abzuwehren. Und. Das. Kann. Dauern. Zuweilen hat man das Gefühl, dass die Macher das Spiel künstlich in die Länge ziehen wollen, soviele Aliens stürmen auf den Spieler zu. Und ja, das spielt sich genauso öde, wie es sich anhört, zumindest bei der dritten oder vierten Mission im immer gleichen Gewand – da hilft auch die künstliche Intelligenz der Gegner wenig. Hinzu kommt, dass ihr bestimmte Orte im Verlauf der Handlung mehrmals aufsucht, was der Abwechslung nicht eben zuträglich ist.

Story mit Gähnfaktor, Spielwelt mit verschenktem Potenzial

Ein Aspekt, von dem ich wirklich enttäuscht bin, ist die Story von Destiny. Die Geschichte um den mysteriösen Reisenden, der die Erde besucht und die anschließenden Alien-Invasionen gewinnt zwar grundsätzlich keinen Innovationspreis, hätte allerdings mit der richtigen Inszenierung durchaus Potenzial gehabt. Doch genau hier scheitert Destiny an mangelnder Ambition: Das Spiel wirft Euch ohne große Erklärungen in die Welt. Wer ist der Reisende? Was ist meine Motivation, woher kommen die Hüter, was soll das überhaupt alles? Bis zum Ende bekommt ihr nur auf die wenigsten Fragen eine Antwort. Die Geschichte von Destiny ist, um es freundlich zu umschreiben, wirr. Dieser Umstand wird auch nicht dadurch verbessert, dass viele Storyelemente nicht im Spiel, sondern mit den sammelbaren „Grimoire-Karten“ erzählt werden. Damit müsst Ihr Euch auf der Destiny-Homepage einloggen und könnt Story-Schnipsel und andere Elemente im Spiel freischalten. Ja, ihr habt richtig gehört: Ihr müsst eine Website aufrufen, um die Story eines Spiels mit 500 Millionen Dollar Produktionsbudget zu erfahren. Mehr Medienbruch geht kaum. Ernsthaft, liebe Destiny-Schöpfer, so etwas GEHÖRT IN DAS SPIEL!!!! Sorry für die Großbuchstaben, aber für diese Nummer habe ich einfach keinerlei Verständnis. Nun gehöre ich zu den Menschen, die Story-Texte und Dialoge gerne lesen und damit vielleicht zur Minderheit unter den Konsolieros. Aber wenn man sich solche Mühe macht, eine Welt mit Hintergründen auszustaffieren (wovon ja auch die durchaus coole Aktion mit Destiny Planet View zeugt), warum versteckt man es dann auf irgendwelchen externen Websites, die man nicht einmal mehr im Spiel öffnen kann?!?

Den größten Teil der Story von Destiny erfahrt ihr nicht im Spiel, sondern auf Bungies Homepage – ein echtes Spieldesign-No Go…

Dabei hätte man das alles so schön ins Spiel packen können, welches durchaus ein paar interessante Figuren oder Zwischensequenzen hätte vertragen können. Denn: Technisch ist Destiny grandios. Die vier Planeten sehen sowohl über- als auch unterirdisch toll aus. Ein Spaziergang auf dem kargen Mond, der überwuchterten Venus oder dem zerklüfteten Mars ist beeindruckend und atmosphärisch, die Inszenierung erinnert an einen Ridley Scott-Film. Warum steht da oben also was von „verschenktem Potenzial“? Nun, weil Destiny trotz allem Bombast nicht ganz das Gefühl vermitteln kann, dass ich mich gerade wirklich durch eine riesige Spielwelt bewege. Trotz des vermeintlich großen Universums findet die Action lediglich auf einer handvoll Karten statt, die zwar groß, aber nicht eben abwechslungsreich sind – hier wird Destiny von anderen MMOs oder auch Single Player-Spielen wie Mass Effect deutlich in den Schatten gestellt.

Per Speedbike düst Ihr durch die erfreulich großen Karten von Destiny

Der Geist von Tyrion Lannister?

Der aufmerksame Tutonaut-Leser fragt sich vielleicht seit geraumer Zeit: Stand da oben nicht irgendetwas von „Geist-Begleiter“? Ja, tat es. Warum ich den lieben „Geist“ bis hierhin nur einmal in einem Nebensatz erwähnt habe? Nun, weil er zu den blassesten Spiele-Sidekicks seit Jahren gehört. Doch der Reihe nach! Bei jenem Geist handelt es sich um einen kleinen schwebenden Würfel, der mit Euch kommuniziert und erklärt, was um Euch herum und in der Welt von Destiny so vor sich geht – so zumindest die Theorie. Denn in der Praxis entpuppt sich die kleine Laberbacke leider eher als nervig und hilft wenig dabei, dem Spiel die nötige Persönlichkeit zu verpassen. Viel zu selten sind die Informationen interessant, viel zu oft erlebe ich die bereits beschriebenen „Wehre drölfhundert Feinde ab während ich irgendwas hacke“-Momente, viel zu selten kommt bei den Dialogen zwischen Geist und Hüter ein Buddy-Movie-Gefühl auf. Das ist schade, wird der Geist doch im englischen Original von Game of Thrones-Star Peter Dinklage und im deutschen immerhin von dessen durchaus brauchbaren Synchronsprecher Claus-Peter Damitz vertont. Wer dadurch aber hofft, dass der Geist ähnlich wortgewandt ist, wie Dinklages berühmte Serienfigur Tyrion Lannister, wird leider enttäuscht. Die wirren Story-Häppchen, die der kleine Geist von sich gibt, sind ebenso wenig motivierend, wie die vermeintlich lustigen Kommentare, die Euer Begleiter dann und wann im Kampf einwirft.

Der Geist-Begleiter ist zwar toll vertont, trägt aber leider nur wenig zur Qualität des Spiels bei

Charaktere auf Schienen

Meine zweite größere Enttäuschung ist die Charakterentwicklung von Destiny. Wie in einem klassischen Rollenspiel erntet Ihr Erfahrungspunkte und könnt diese in neue Fähigkeiten für Euren Hüter investieren. Das Problem ist, dass der Skilltree nahezu komplett linear gestaltet ist. Okay, auf Level 15 könnt Ihr eine Unterklasse wählen, aber wer – wie ich – auf Individualisierungsmöglichkeiten wie bei Borderlands oder World of Warcraft hoffte, wird von Bungie enttäuscht. Die Entwicklung läuft größtenteils auf Schienen und selbst das Looten neuer Ausrüstung entfacht angesichts der wenig abwechslungsreichen Waffen und Rüstungen nur einen kleinen Funken des Motivationsfeuerwerks, den andere Titel mit ähnlichen Spielmechaniken erreichen. Auch wenn es nett ist, das eigene Equipment im Kampf mit Upgrades auszustatten, „fühlt“ es sich nicht wirklich so an, als hätten die neuen Waffen einen besonderen Einfluss auf das Spielgeschehen. Dabei mangelt es Destiny grundsätzlich nicht an Optionen zur Anpassung, nur wollte sich in meiner Spielzeit nicht so recht der „Ich brauch was besseres!“-Effekt einstellen, den andere Spiele so oft vermitteln.

Die Charakterentwicklung ist ein wichtiger Bestandteil von Destinys Gameplay, allerdings nicht die größte Stärke des Spiels

Fairerweise muss ich hier nochmal daran erinnern, dass ich noch nicht wirklich viel vom Endgame mitgenommen habe – hier kann sich freilich noch was tun, zumal ich auch noch an keinem großen Raid teilgenommen hab (dafür fehlte es bislang vor allem an der Zeit 😉 ). Vielleicht aktualisiere ich den Artikel in den kommenden Wochen noch einmal, so es sich anbietet.

Stärken im Team

Super gefallen mir die Strike-Missionen, bei denen Ihr Euch mit zwei bis drei Leuten durch Horden an Gefallenen, Vex und Konsorten schnetzelt. Ob mit Freunden oder per Zufallszusammenstellung (ein wenig Glück beim Matching vorausgesetzt), hier macht Destiny wirklich Spaß. Die Strikes können sich zwar ein wenig hinziehen, die Bossgegner machen den Stress in der Regel weg – auch wenn die Gear-Belohnungen bei meinen Streifzügen insgesamt eher mau ausgefallen sind. Ich hoffe, dass Bungie hier in den kommenden Wochen und Monaten noch mit Updates und meinetwegen auch mit DLCs nachlegt, denn die Strikes sind für mich definitiv ein Highlight des Spiels.

Vergleichsweise mau fand ich hingegen die Ausflüge in den Schmelztiegel, der PVP-Arena von Destiny. Hier spielt Ihr ein relativ unsinspiriertes Capture the Flag mit (gefühlt) schlechtem Team-Balancing, bei dem Extras wie eine vernünftige Rangliste fehlen. Immerhin lohnen sich die Ausflüge dennoch, gibt es hier doch jede Menge Belohnungen zu verdienen, die Ihr außerhalb des Multiplayerparts nicht bekommt.

Im Team macht Destiny absolut Laune, wenn es zuweilen recht hektisch zugeht

Destiny im Test: Trotz allem ein guter Anfang

Dieses Review wäre vermutlich schon viel früher fertig geworden, wenn mir dieses elende Fazit nicht so schwer fallen würde. Ist Destiny ein gutes Spiel geworden? Definitiv. Ist es ein Meilenstein der Spielegeschichte? Definitiv nicht, zumindest, wenn Ihr mich fragt. Dafür mangelt es dem Spiel an Tiefgang, an Abwechslung oder auch an schierer Größe. Das versprochene riesige Universum hat Bungie nur zum Teil geliefert. Wer – wie ich – auf ein „Mass Effect-MMO“ gehofft hat, dürfte enttäuscht werden. Ich hatte beim Spielen fast durchgängig das Gefühl, dass sich Bungie mit Destiny ein wenig übernommen hat: Als MMO ist Destiny einen Hauch zu flau, als Solo-Shooter oft zu eintönig.

Was auch immer über Destiny gesagt werden kann, eines ist sicher: Es sieht grandios aus 😉

Das Absurde: Ich meckere und meckere und stelle immer wieder fest, dass ich TROTZDEM immer wieder zu Destiny zurückkehre, um hier und da noch eine Mission zu spielen, eine Runde Capture the Flag im Schmelztiegel durchziehe oder mich mit Freunden und mich mit Unbekannten auf eine Strike-Mission einlasse. Denn trotz all seiner Schwächen und vermeidbaren Fehler macht Destiny eine ganze Menge Laune, weil Bungie die grundlegenden Mechaniken des Shooter-Genres einfach versteht. Ich könnte mir vorstellen, dass die Entwickler mit Destiny den Grundstein zu einer neuen Spiele-Reihe gelegt haben, die sich mit ein wenig Feinschliff an Story und Gamplay zu etwas Großem entwickeln kann. So ist Destiny sicherlich kein Shooter-Quantensprung, aber ein mehr als solider Genrevertreter, der Solo- und Multiplayer zumindest zeitweise sehr geschickt vereint, verdammt gut aussieht und trotz seiner Schwächen durchaus lange motiviert. Mein Tipp lautet daher: Gebt Destiny eine Chance, und sei es als Leihtitel, doch versucht dabei, den Hype um das Spiel auszublenden – wenn das gelingt, könnt Ihr eine Menge Spaß mit dem Titel haben.

 

Über den Autor

Boris Hofferbert

Freier Journalist, seit seligen Amiga-Tagen technikbegeistert, schreibt über Windows, Smartphones, Games und eine Menge anderen Kram

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