Wenn sich Jugendliche fragen müssen „Wie sage ich meinen Eltern, dass ich youtube?“, ist wohl etwas in Punkto Medienkompetenz schiefgelaufen. Youtuben ist grundsätzlich erstmal harmlos, völlig normal – und sogar ein möglicher Beruf.

„Mama, darf ich Youtube-Videos machen?“ – laut der extrem populären Seite Gutefrage.net, ist das tatsächlich eine gute Frage. Zumindest eine Populäre. Eigentlich ist Gutefrage.net vor alllem eine Quelle für die spaßigen Abgründe, oder besser Untiefen, des menschlichen Intellekts („Wie funktioniert Sex bei Lesben? wie geht das??brauch man dazu ein verbindungsstück??“), aber das Youtuben scheint wirklich das Potenzial für einen ernsthaften Generationenkonflikt zu haben. Und da dürfte nicht selten fehlenden Medienkompetenz ausschlaggebend zu sein.

Schaut man sich die Fragen mit Darf-ich-Youtube-Bezug anschaut, sieht man schnell, dass es meistens um die Belange von älteren Kindern bis zu jüngeren Teeenagern geht. Inhaltlich dreht es sich meistens um die Angst, die Eltern würden das verbieten. „Wie sage ich meinen Eltern, dass …?“ – eine Frage, die wohl in jeder Generation gestellt wurde, von Jahrzehnt zu Jahrzent: „… ich die Pille nehmen will?“, „… ich die Grünen wähle?“, „… ich lange Haare und eine Band gründen will?“, „… Ballerspiele nicht aggressiv machen?“, „… ich mit 15 ein Mofa will?“, „… ich mit 14 auf eine Party mit Jungs und Mädchen will?“, „… ich (10) ein eigenes Handy brauche?“, „… ich homosexuell bin?“, „… ich Künstler werden will?“, „… einen Minirock trage?“ – die Liste ist unendlich.

Alte Leier 1: Generationenkonflikte

Und wenn Ihr Eltern Euch da irgendwo wiedererkennt, dann denkt doch mal nach. Wurden alle jungen Frauen, die in den 60ern zum Schock ihrer Eltern die Pille haben wollten zu – Verzeihung – Schlampen? Haben Euch die langen Haare und Rockmusik in den 70ern zum Penner gemacht? Ist die Welt durch die Outing-Welle der 90er untergegangen? Hat der 00er-Handy-Alltagseinzug die Menschheit verblödet? Die meisten dieser Generationenkonflikte haben sich doch in dieselbe Richtung entwickelt: Aus Aufregern wurden elbstverständlichkeiten, da schreit kein Hahn mehr nach. (Nuuuuun, die 00er-These könnte man nochmal zur Prüfung einreichen …)

Und heute ist eben auch Youtube so ein Thema (und das auch nicht erst seit gestern …). Dabei gibt es bei der Youtube-Kultur für Euch einen riesigen Vorteil gegenüber Sub-/Jugendkulturen früherer Tage: Es sind keine abgeschotteten Offline-Veranstaltungen, Ihr könnt hinschauen. Wenn Ihr in den 90ern auf Raves oder in der Grunge-Szene unterwegs ward, konnten Eure Eltern eigentlich nur hoffen, dass Ihr nicht der sperrlichen Medienberichterstattung entspracht. Die Vorstellung der eigenen Brut in diesen Szenen, depressiv mit Strick um den Hals oder vollgepumpt mit Ecstasy fünf Tage durchtanzend, war bestimmt sehr entspannend.

Und ja, auch im Netz, bei Youtube gibt es Bullshit, genauso wie es Selbstmorde in der Grunge-Szene und Drogen auf Raves gab – aber die meisten dürften lebendig und clean gewesen sein. Und auch Youtube hat seine Gefahren – ein Clip mit 17-Jährigen, die sich gegenseitig vollkotzen, muss nicht zwangsläufig extrem hilfreich beim Bewerbungsgespräch sein. Und wenn ein 13-Jähriger ausgiebig seinen einsamen Schulweg durch den dunkeln Stadtwald ausbreitet, ist auch das ziemlich suboptimal. Es sind aber grundsätzlich deutlich mittelbarere Gefahren als die, die etwa auf einem Rave lauern.

Das Wohnzimmer stirbt.

Aber: Das Netz, und Youtube hat da einen gewaltigen Anteil, ist nunmal das Unterhaltungszentrum jüngerer Leute (und alter Techies wie mir, weshalb ich überhaupt etwas zu dem ganzen Thema ablassen muss). Der Fenseher stirbt. Das Wohnzimmer stirbt. Findet Euch damit ab. Kennt Ihr noch diese Kinder aus „komischen“ Familien, die keinen Fernseher hatten? Nicht ganz fair, aber als Kind dachten wohl die meisten so. Und eine generelle Ablehnung von Youtube, beziehungsweise des Youtubens (ja, das ist als Verb gedacht), rückt Euch auch in eine komische Ecke. Dass ich persönlich kein großer Fan der Kultur bin, habe ich hier irgendwann mal ausgeführt.

Harmlos, banal, überdreht, oberflächlich, langweilig – vielleicht. Aber sicherlich ein harmloses Hobby.

Ich bin aber auch zu alt, selbst für Veteranen wie Bibi, Unge, LeFloid, Gronkh & Co., ich kann mit Lets-Plays nichts anfangen und der ganze Kram im Spannungsfeld Personality, Daily Soap, Produktpräsentation war mir früher schon im TV ein Graus. Aber es ist fast alles ziemlich harmlos. Mehr noch – es ist sogar praktisch wertvoll zu youtuben. Wenn Euer Sohnemann mit (cleveren, gut gemachten) YT-Videos auf Like-Jagt geht, ist das durchaus nützlich: Youtuber ist ein Beruf, Videos werden zunehmend für Bewerbungen und Präsentationen genutzt und nicht zuletzt lassen sich Likes direkt in bahre Münze umrechnen – was Fähigkeiten im Marketing schult, in der Kommunikation, der Selbstwahrnehmung, der freien Rede und natürlich im Umgang mit Technik.

Youtuben ist heute für junge Menschen etwas ganz Normales und in ein, zwei Jahrzehnten wird es wohl für alle normal sein. Und die YT-Generation darf dann ihren Kindern, keine Ahnung, vielleicht das Einpflanzen von Chips für Augmented-Reality-Anzeigen auf der Iris verbieten. Das soll jetzt nicht heißen: Lasst sie machen, was sie wollen. Aber wenn es schon sein muss, verbietet konkrete Projekte, nicht das Youtuben an sich. Ihr könnt es gerne bescheuert finden, anderen Leuten stundenlang zuzuschauen, wie sie ein für Euch völlig unverständliches Spiel zocken und dabei unsäglich langweiligen Mist reden – Lets-Plays sind schon gewöhnungsbedürftig. Und bevor jetzt jemand einen Schreikrampf bekommt: Ja, es gibt auch gute Lets-Plays, einverstanden – zu sehen, wie jemand eine Nazi-Festung in Minecraft genussvoll verwüstet ist schon geil 😉 Und ja, es gibt immer auch die Option, dass das Video der Blagen nicht so toll, gar peinlich ist und Hater oder Trolle anzieht.

Und ja, ich bin ziemlich dankbar, dass in meiner Jugend nicht überall Kameras hingen, nicht alles fotografiert und verinstagramt wurde und wir uns nicht online austoben konnten. Aber wer heute mit sozialen Medien und Youtube aufwächst, ist sich dessen auch bewusst und vor allem geht die Generation anders damit um, auch wenn sie irgendwann in der Zukunft man Welt steuert. Früher wurde man geschnitten oder blamiert, heute ent-liked – schön ist das nie, aber sicherlich kein Grund für pädagogische Reinräume. Zudem bin ich mir persönlich nicht sicher, ob es so eine gute Strategie ist, Kinder, oder sonstige Menschen, in ihrer Kreativität zu beschneiden, um sie vor potenziellen zukünfigen Peinlichkeiten zu beschützen. Straßenverkehr ist auch gefährlich – aber verbietet Ihr die Überquerung von Straßen, oder erklärt Ihr, wie es geht? Untersagt Ihr das Fahrradfahren, oder kauft Ihr einen Helm?

Alte Leier 2: Verstehen statt verbieten

Statt das Youtuben zu verbannen, wäre es vermutlich hilfreicher, den angehenden Youtubern die möglichen Probleme aufzuzeigen, von Peinlichkeiten über Probleme mit Verwerterrechten bis hin zur Wahrung gewisser persönlicher Daten und Bilder. Das ist aber schwierig, wenn Ihr die Kultur nicht kennt. Und da solltet Ihr dann vielleicht akzeptieren, dass Eure Nachkommen mehr Ahnung haben. Fragt doch einfach mal nach dem Lieblings-Youtuber. Oder was zum Geier ein Lets-Play ist. Vielleicht muss dann auch kein 14-Jähriger mehr Schiss haben zu fragen, ob er, was weiß ich, Lego-Stop-Motion-Filme machen darf, oder eine 16-Jährige, ob sie Styling-Tipps verbreiten darf (um mal mit beiden Füßen im Klischeetopf zu stehen).

Die Eltern-Generationen haben weder Miniröcke, noch lange Haare, noch Beat-Musik, noch Flower Power, noch die Pille, noch die Liberalisierung in der Politik, ja noch nicht einmal den Walkman verstehen und somit auch nicht akzeptieren können – und sie hatten immer unrecht. Unverständnis ist kein guter Grund für Verbote. Angst vor Neuem schon gar nicht.

P.S.: Ich habe übrigens nicht das Bedürfnis, irgendwem Erziehungstipps aufzudrängen – aber die Vorstellung, dass die Darf-ich-Youtuben-Frage tatsächlich weitverbreitet zu Ängsten führt, kotzt mich schon an. Und Medienkompetenz möchte ich durchaus aufdrängen 😉 Das Traurige: Die Eltern, die dermaßen rigoros verbieten werden wohl nie hier landen … ;(

Über den Autor

Mirco Lang

Mirco Lang

Am Anfang war der C-64 des großen Bruders des besten Freundes in der Grundschule ...

Der echte Technikwahn kam dann mit einer Ausbildung bei Saturn - als Computer noch erklärt werden mussten, Soundkarten benötigten, ein gutes Monatsgehalt kosteten und das Internet nur bei Nerds und mit 38 kbp/s lief, bestenfalls.

Ein Studium der Informationswirtschaft und ein paar Jahre als Redakteur bei Data Becker später, sitzt hier ein freier Journalist, der auf Old-School-Computing (cli ftw!), Free Software, Frickelei, Kodi und "Hundedinger" steht - und Grauseligkeiten wie Bild und Heftig.co zutiefst verabscheut.

Und sonst so? Sauerländer, BSI-Mitarbeiter, untalentierter Musikinstrumentebesitzer und seit 24 Jahren Skateboarder, ein ziemlich alter. Und manchmal kommt das abgebrochene Philo-Studium wieder durch ...

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1 Kommentar

  • Die Frage ist ja immer, wie sehr man als Eltern das Treiben der Kinder kontrollieren will oder kann. YouTube ist eine recht klassische Form des Social Webs, hier wird vor allem gesendet, nicht empfangen. YouTube ist sozusagen das Wohnzimmer und die TV-Station der jungen Generation. Eltern können verfolgen, was hier abläuft – anders als zum Beispiel bei Diensten wie Snapchat. Nichtsdestotrotz dürfte die junge Generation deutlich mehr Medienkompetenz besitzen als viele von uns und wissen, was schadet und was nicht. Man sollte sie, wie Du sagst, lassen. Das Schöne ist doch: YouTube-Videos lassen sich nötigenfalls auch leicht wieder löschen.