Das kleine iPad Pro ist ein feines Gerät. Allerdings hat Apple sich bei der Keynote eine Spur zu weit aus dem Fenster gelehnt. Statt zusätzlicher Produktivität geht es nämlich nur darum, zu zeigen, wie gut man ist.

Das iPad Pro im 9,7″-Kleinformat ist raus. Kein schlechtes Gerät, aber nach wie vor nicht der von Apple beworbene PC-Ersatz und auch kaum besser als alle anderen iPads zuvor. Der Grund ist nach wie vor das iOS-Betriebssystem, wodurch auch das iPad Pro einfach ein zu großes iPhone mit einem kastrierten Betriebssystem ist. Und trotzdem wollen Leute es haben. Wegen dem Stift. Für Notizen. Dann möchte ich einfach meinen Kopf an der Tischkante blutig schlagen.

Apples Lisa Jackson, Umweltmanagerin, zeigt, wo 600 Millionen alte PCs landen könnten…

Fünf Jahre alte PCs sind sehr, sehr traurig

Während der ein oder andere Gadget-Nerd noch die letzte Träne ob der etwas seltsamen Apple-Keynote ohne wirkliche Neuheiten verdrückt, sind User-Foren und Kommentarspalten schon in heller Aufregung: Welches iPad Pro darf’s denn sein? Und zu welchem Preis? In Maximalkonfiguration samt Stift und LTE kommt Apples neues kleines iPad Pro zwar in Kostensphären eines Macbooks, aber hey, was soll’s, schließlich soll es den PC ersetzen. Den PC. Nicht den Mac. Nur damit da keine Missverständnisse aufkommen. Auf der Keynote nahm sich Apple dann auch gleich Großes vor:

600 million PCs in use that are more than 5 years old, this is really sad, it really is. These people could really benefit from an iPad Pro.
Phil Schiller, Apple

Die 600 Millionen PC-Nutzer könnten natürlich alle auf’s iPad Pro umsteigen, um davon zu profitieren, so Schiller. Weil es der bessere Computer ist als ein fünf Jahre alter PC. Und vermutlich, weil es sich, wie Anfangs in der März-2016-Keynote erwähnt, eines Tages hervorragend recyceln lässt. Der Umwelt zuliebe. Das wurde während der Keynote sogar noch selbstgerecht beklatscht. Keine 30 Minuten später wurde die Welt dann dazu aufgerufen, ihre 600 Millionen ollen PCs zugunsten eines iPad Pro wegzuschmeißen. Die landen dann in der Regel auf einem großen Haufen irgendwo in Afrika, wo kleine Kinder sie abfackeln, um die Rohstoffe herauszuholen. Gegen einen Kilopreis von 50 Cent verkaufen sie Kupfer, Alu, Eisen und den ganzen anderen Kram dann zurück an die Zulieferer der Zulieferer der Zulieferer der IT-Industrie. Die wiederum zimmern die hübschen, umweltfreundlichen Platinen für Apple in hässlichen, schmutzigen chinesischen Fabriken mit Akkordarbeit zusammen. Aber gut, irgendwie ist das ja auch Recycling. Und „really sad“ noch obendrauf, lieber Phil.

… wenn tatsächlich alle auf’s iPad Pro umsteigen, wie Phil Schiller das mehr oder weniger empfiehlt.

Die Welt mit dem SUV retten

Aber gut, ich selbst bin ja eigentlich nicht verdächtig, ein Öko zu sein. Oder ein Menschenfreund. Oder ein Weltretter. Was mich allerdings aufregt, ist diese Selbstgerechtigkeit, die vor allem ausgesprochen wohlhabende Menschen bei Umwelt- und Sozialthemen an den Tag legen. Mit einem 50.000-Dollar-Hybrid-SUV unter dem Hintern, einen veganen Burger für 15 Dollar zwischen den Zähnen und John Lennon’s „Imagine“ per CarPlay vom 1000-Dollar-Telefon auf’s Autoradio gestreamt im Ohr lässt sich die Welt bekanntlich am besten retten. Wie gut das geht, hat Apple mit dieser Keynote auf fast obszöne Weise bewiesen.

Und wenn Ihr es 1000 mal wiederholt: Ein iPad ist kein PC. Und kein Mac. Und überhaupt kein richtiger Computer.

Und dann kauf ich mir das. Um mir Notizen zu machen

Und die Käufer? Die machen es, sexy Marketing sei Dank, auch gleich mit. In einem Forum musste ich eben lesen, dass jemand sein iPad Air 2 zugunsten eines nur minimal besseren iPad Pro 9,7″ verkaufen will. Grundsätzlich habe ich da nichts gegen, wenn nur dieses Argument nicht gewesen wäre, das ich im Bezug auf das iPad Pro leider schon viel zu häufig lesen und auch hören musste:

„Ich kaufe mir ein iPad Pro mit Pencil für Notizen. Damit die Zettelwirtschaft aufhört.“

DAMIT-DIE-ZETTELWIRTSCHAFT-AUFHÖRT! Wie genau stellen sich diese Luxus-Spaten das vor? Kaufen sie das iPad Pro gleich im Dutzend als Abreißblock mit Klebestreifen auf der Rückseite und pappen dann iPads an ihren Monitor? An ihren Kühlschrank? Für die Freundin an den Spiegel, jeweils mit einer kurzen Notiz? Wühlen am Telefon nach dem Tablet, suchen den ollen 100-Euro-Pencil, öffnen eine App und notieren da etwas handschriftlich, was nachher keiner lesen kann? Kaufen ein 1000-Euro-Tablet, um ein klassisches Eingabe- und Nachrichtensystem zu ersetzen, das sich in Jahrzehnten milliardenfach bewährt hat und ungefähr 1000 mal flexibler ist als die Stifteingabe des iPad Pro? Das gute, alte Klebezettel-mit-Kugelschreiber-System, das mit Hardwarekosten von wenigen Cent und und völlig ohne Updates und Strom auskommt? Ernsthaft? Im Anbetracht der von Phil Schiller aufgeworfenen Recycling-Problematik ist das der Moment, wo die Stirn mehrfach schmerzhaft auf die Tischkante schlägt. Am besten erzählt mir noch einer, dass das mit dem iPad Pro umweltfreundlicher sei als die „Zettelwirtschaft“. Im Leben nicht.

Es ist ja schön, dass das Ding ’nen Pencil hat. Viel besser als seine Vorgänger ist es trotzdem nicht und erst recht kein PC-Ersatz.

Es geht wie immer um Distinktion

Hätte das verdammte iPad Pro wenigstens eine leistungsstarke Handschrift- und Texterkennung an Bord, einen eingebauten doppelseitigen Dokumentenscanner und ein ordentliches Drucksystem, das nicht Airprint ist, OK. Ich würde es als ultimative Waffe zur Schaffung des papierlosen Büros akzeptieren. Sogar trotz Apples Marketing-Ansage im Hintergrund, 600 Millionen funktionierende PCs aus Gründen der Nachhaltigkeit wegzuschmeißen und den armen Kindern in Afrika ein regelmäßiges Einkommen zu ermöglichen. Wirklich.

Ich wollte glauben. Aber ich konnte nicht.

Aber beim iPad Pro geht es nicht darum, etwas besser zu machen. Es geht darum, zu zeigen, dass man etwas besser machen könnte. Und vor allen Dingen darum, sich als besonders umweltfreundlich – Stichwort Recycling – und wohlhabend – Stichwort Preis – zu distinguieren. Man will nicht zu dem Gesindel gehören, das einen fünf Jahre alten PC oder Mac besitzt und womöglich noch nutzt. Das ist alles, was iPad Pro-Käufer, die mit Notizen argumentieren, möchten: Sich über andere stellen und zeigen, dass sie es sich leisten können. Aber gut: Diese Leute tauschen auch drei Jahre alte SUVs gegen neue Hybrid-SUVs, um CO2 zu sparen und die Umwelt zu schützen. Zumindest behaupten sie das. Und glauben es vermutlich auch. Und das ist wirklich ziemlich traurig.

Über den Autor

Christian Rentrop

Technikjournalist und Schreiberling aus Überzeugung. Schon als Zweitklässler 1986 mit dem Amstrad CPC angefixt, habe ich mich immer für Computer und Technik interessiert und finde: Computer sind nichts, wovor man Angst haben sollte.

Sag' Deine Meinung