Lichtgraffiti, oder Lichtmalerei, ist auch mit einfachen MItteln möglich – wir helfen beim Einstieg mit Tipps zu Einstellungen, Ausrüstung und Motivwahl.

Geisterhafte Figuren in der Nacht und Schriftzüge für den Augenblick sind die Aushängeschilder für moderne Lichtmalerei – und erstaunlich einfach zu realisieren. Dafür braucht Ihr nur eine Taschenlampe und eine Kamera ab Bridge-Klasse. Im Folgenden zeigen wir Euch, wie Ihr Lichtgraffitis erstellt, welche Foto-Hardware und Leuchtmittel Ihr benötigt und geben Anregungen für Motive.

Bei Lichtgraffiti oder Lichtmalerei geht es darum, Licht zum Malen und Zeichnen zu nutzen und so in der Wirklichkeit unsichtbare Kunstwerke zu schaffen, die sich erst auf einem Foto zeigen. Dies ist auch gleich die künstlerische Besonderheit: Ihr lichtet nicht die echte Welt ab, sondern schafft eine eigene, wie Ihr es auch mit Stift und Papier könntet. Was sich da mit einem bewegten Licht und langer Belichtungszeit anstellen lässt, hat bereits in den 1930er Jahren der Fotograf Man Ray entdeckt, der auf seinen Bildern (bewegungs-) unscharf im Hintergrund zu erkennen ist und im Vordergrund mit einer kleinen Taschenlampe oder ähnliches herumkritzelt. Unter anderem hat er auch mal einen Bilderrahmen vor sich positioniert und darin gezeichnet, was einer traditionellen Papierzeichnung schon recht nahe kommt.

Leichte Dämmerung, 25 Sekunden Belichtung, wenig Licht dank kleiner Blende (f/11) und schon entsteht mit einer kleinen Maglite Mini und der Panasonic FZ-50 Bridge-Kamera ein erstes stimmungsvolles Bild

Und selbst Pablo Picasso hat sich Ende der 1940er zu einer Reihe von Lichtbildern hinreißen lassen, auf denen meist neben den typischen abstrakten Zeichnungen auch der Meister selbst zu sehen ist, da in verhältnismäßig hellen Räumen fotografiert wurde. Die bekanntesten modernen Lichbilder zeigen vor allem Werke, die stark an traditionelles Graffiti erinnern und von Schriftzügen über abstrakte Bilder bis zu ganzen Szenen mit Figuren, Tieren und Pflanzen reichen – vorzugsweise abgelichtet im nächtlichen, städtischen Umfeld mit seinen vielen Kunstlichtern. Vielleicht habt Ihr schon mal den mit Licht zu einem Roboter aufgemotzen Mülleimer gesehen, die Umrisse eines parkenden Wagens oder geisterhafte Gestalten, die es sich nachts auf einer Parkbank gemütlich gemacht haben, um nur mal drei der populärsten Werke und Motive zu nennen. Ein Motiv, das zwar nicht wirklich gemalt ist, aber den technischen Aspekt sehr schön verdeutlicht, kennt Ihr auf jeden Fall: Straßen bei Nacht, auf denen die Scheinwerfer der vorbeirasenden Autos eine durchgehende Lichtspur hinterlassen – lange Belichtungszeit, bewegte Lichtquellen und schon entsteht ein eindrucksvolles Werk.

So kennt man den Licht-Effekt aus zahlreichen Großstadtbildern: Hier hinterlässt die Stadbahn Linie 3 einen durchgängigen Lichtstreifen auf der Severinsbrücke in Köln

Praxis
In der Praxis ist Lichtgraffiti, rein technisch betrachtet, erfreulich einfach, zum Ausprobieren reichen eine Kamera, die mindestens fünf Sekunden belichten kann sowie ein Feuerzeug oder ein Handy, falls gerade keine Taschenlampe greifbar ist. In diesem Einfachst-Setting könnt Ihr die Kamera auf den Tisch stellen, zeitverzögert auslösen und in einem dunklen Raum Bewegungen mit Feuerzeug, eingeschaltetem Handy-Display oder sonst etwas Leuchtendem vollführen. So werdet Ihr sicherlich nicht den neuesten Flickr-Hit kreieren, aber um einen Eindruck zu gewinnen, was sich wie auswirkt, reicht es durchaus – vor allem aber reicht es, um weitermachen zu wollen, Neugier und Faszination toben sich hier richtig aus.

Für erste richtige Bilder solltet Ihr mindestens 10-20 Sekunden belichten können und eine Taschenlampe zur Verfügung haben, die Ihr direkt auf die Kamera haltend tatsächlich wie einen gewöhnlichen Stift benutzt. Nach den typischen ersten abstrakten Formen, Linien und Gekritzel, solltet Ihr es mit simplen Schriftzügen versuchen – „Foto“ eignet sich beispielsweise sehr gut. Dabei sind zwei Besonderheiten zu beachten, die auch für komplexere Lichtbilder gelten: Zum einen steht Ihr hinter dem aufgenommen Schriftzug und müsst entsprechend spiegelverkehrt schreiben, zum anderen müsst Ihr ein Gespür dafür bekommen, wo der nächste Buchstabe anfangen oder wo etwa der Querstrich auf dem „t“ platziert werden muss – schließlich könnt Ihr gezeichnete Striche nicht sehen. Schreibt den Schriftzug daher vorher per Trockenübung in die Luft, während der Belichtung solltet Ihr nicht mehr überlegen müssen, da dies regelmäßig zu unbrauchbaren Bildern führt.

„Künstler“ bei der Arbeit: Hier seht Ihr deutlich die Bewegungen beim Malen – um unsichtbar zu werden, empfehlen sich dunkle Kleidung und vor allem Schatten

Noch mehr gilt dies für komplexere Objekte, beispielsweise ein simples Strichmännchen: Am Anfang hockt Ihr mit eingeschalteter Taschenlampe und vorgehaltener Hand auf dem Boden, entfernt die Hand, zeichnet die Beine als einen Bogen, haltet die Hand wieder vor und zeichnet anschließend den „Körperstrich“ für unser Männchen – dafür müsst Ihr aber entsprechend in der Mitte und in der richtigen Höhe des Beine-Bogens ansetzen. Während Buchstaben diesbezüglich noch relativ einfach zu handhaben sind, weil sie direkt nebeneinander stehen, benötigt Ihr für größere Figuren eine ordentliches Vorstellungsvermögen, um die richtigen Ansatzpunkte zu finden. Auch hier solltet Ihr Euch daher im Vorfeld gründlich überlegen, wie Eure Linienführung aussehen soll und diese testen. Tipp: Kennt Ihr die Zeichntrickfigur The Line? Die kurzen Animationen bestehen durchweg aus einer einzigen Linie, aus der Figuren und Objekte empor treten. Mit einem solchen Zeichenstil könnt Ihr saubere Zeichnungen erstellen, ohne dass der Hals neben dem Körper hängt (das Prinzip kennt Ihr auch vom „Haus vom Nikolaus“).

Übrigens, besser als die** Hand vor die Lampe** zu halten ist freilich eine Taschenlampe, die einen entsprechenden Ein-/Ausschalter hat, leider schalten diese aber bei etlichen Modellen in irgendwelche Blink-Modi, verstellen die Helligkeit, sind „dank“ Drehschalter unpräzise zu nutzen (Maglite) oder sitzen schlicht an einer ungünstigen Stelle wie dem Batterieverschluss – die Hand vor der Lampe funktioniert in der Regel sehr gut. Soweit die Grundlagen, jetzt werfen wir einen Blick auf die richtige Kameraausstattung, Leucht- und Hilfsmittel sowie passende Settings und Motive.

Kamera-Hardware
Die gute Nachricht: Es muss nicht unbedingt eine Spiegelreflex- oder Systemkamera sein, ein Bridge-Modell mit manuellen Einstellungen reicht durchaus; für unseren Artikel ist eine Panasonic FZ-50 im Einsatz. Klar ist aber auch, dass wenn Ihr mit langer Belichtungszeit bei meist sehr wenig und eher komplizierter Beleuchtung arbeitet, kleinere Geräte da schnell an ihre Leistungsgrenzen kommen. Um langfristig für Unterhaltung (ja, Lichtgraffitis zu erstellen macht Spaß!) und ordentliche Resultate zu gewährleisten, sollte Eure Kamera mindestens 60 Sekunden Belichtungszeit mit manueller Blendenwahl ermöglichen und vorzugsweise über einen manuellen Fokus verfügen. Zum Scharfstellen könnt Ihr alternativ auch eine starke (!) Taschenlampe und den Autofokus verwenden. Bei einer Belichtungszeit 20 Sekunden und mehr, werdet Ihr sehr schnell feststellen, dass Umgebungslicht und Lichtquellen im Hintergrund zu unschönen (örtlichen) Überbelichtungen führen, daher sollte auch ein Graufilter zur Grundausstattung gehören. Damit lassen sich sogar bei Tageslicht Graffitis realisieren!

Gehobene Grundausstattung: Stativ, manuell einstellbare Kamera, Fernauslöser, Graufilter, Knicklichter, Feuerzeuge, Streichhölzer und diverse Taschenlampen und Farbfilter

In gewissen Maßen könnt Ihr natürlich auch mit der Blende arbeiten und gerade Hintergrundllichter (Straßenlaternen etc.) lassen sich mit reduziertem Lichteinfall recht gut kontrollieren. Bei DSLRs könnt Ihr zusätzlich mit der Lichtempfindlichkeit experimentieren, bei Bridge-Modellen verschlechtert sich die Bildqualität mit höheren ISO-Werten aber in der Regel rapide. Wie sich Blendeneinstellungen und Graufilter konkrete auswirken, könnt Ihr unten separat nachvollziehen. Unverzichtbar ist, natürlich, auch ein Stativ. Da aber selbst gute Stative minimal schwanken, empfehlen wir dringend einen Fernauslöser. Alternativ (aber auch zusätzlich) nutzt Ihr einfach die verzögerte Auslösung – selbst wenn Ihr zu zweit seid und nicht selbst auslösen müsst, sicher ist sicher. Tipp: Ganz generell solltet Ihr geplant und konzentriert an Bilder herangehen, da es sonst schnell zum Geduldsspiel wird; beispielsweise benötigt die FZ-50 zum Abspeichern eines Bildes ziemlich genau so lange wie zum Belichten – für einen einzigen Aufnahmeversuch können so schon mal drei, vier Minuten vergehen.

Leuchtmittel
Hier gibt es keinerlei Grenzen, alles was leuchtet funktioniert. Als Basis solltet Ihr auf jedenfall eine einigermaßen vernünftige Taschenlampe besitzen, eine Maglite Mini für rund 15 Euro eignet sich zum Zeichnen schon recht gut. Bei größeren Entfernungen zur Kamera sowie zum Fokussieren in der Dunkelheit, sollte auch noch eine wirklich starke Lampe zum Gepäck gehören, zu haben ab etwa 40 Euro, wie die liteXpress X-Tactical 104 für 35 Euro, die uns gute Dienste leistet und drei aufsetzbare Farbfilter (Rot, Grün, Blau) mit sich bringt. Den kleinen Bruder 103 gibt es bereits für 20 Euro und mit integrierten LEDs in Rot, Grün und Blau.

Für interessante Effekte sorgen auch Geräte mit mehreren LEDs, da diese später im Bild sauber getrennt zu erkennen sind. Mit blinkenden Lampen, wie etwa den meisten Fahrradleuchten, lassen sich hingegen perfekt gestrichelte Linien erzeugen – je nach Blinkgeschwindigkeit müsset Ihr die Leuchte dabei schneller oder langsamer bewegen, da hilft nur etwas Herumtesterei. Taschenlampen sind aber nur die Basis. Günstige, bunte Lichteffekte lassen sich zum Beispiel mit Knicklichtern erzielen, die sich auch zu Formen zusammenfügen lassen. Zu beachten ist hier allerdings, dass Knicklichter zwar knallig, aber nicht sehr hell leuchten, entpsrechend müsst Ihr diese recht langsam durchs Bild bewegen und möglichst nur wenige Meter von der Kamera entfernt. Eine dritte, spektakuläre Lichtquelle ist Feuer. Beispielsweise lassen sich schon mit einem simplen Feuerzeug mit Feuerstein interessante Sternchen realisieren, die durch die Funken beim Zünden entstehen. Oder schnippst mal eine Minute lange Streichhölzer durch den Raum – bedingt empfehlenswert, aber die Lichtspuren sind schon schick.

Vielleicht lässt sich hier das Potenzial von Knicklichtern erahnen: Die Leuchtkraft ist stark begrenzt, Stillstand und langsame Bewegungen reichen aber für schicke Effekte (25 s, f/2.3)

Wer es richtig krachen lassen will, kann sich auch mit Deo-Spray und Feuerzeug verwirklichen – aber diesen Miniaturflammenwerfer wollen wir nun wirklich niemandem empfehlen, egal wie unnachahmlich mit Flammen gemalte Objekte sind … . Unbedenklich hingegen sind Wunderkerzen, mit denen sich ebenso wunderbar zeichnen lässt (ähnelt dem Dissolve-Effekt aus Photoshop) – aber bedenkt: Im Gegensatz zur Taschenlampe beleuchtet Feuer rundherum, also auch Euch! Sofern Ihr also nicht auf den Bildern zu sehen sein wollt, müsst Ihr euch hinter etwas verbergen, ständig in Bewegung bleiben oder zumindest mit dunkler Kleidung entgegenwirken. Interessante Lichtquellen ließen sich jetzt noch tagelang auflisten, wir belassen es mal bei diesen dreien – und einem allgemeinen Tipp: Die Lichter müsst Ihr nicht unbedingt von Hand bewegen! Bindet doch mal eine kleine, sehr helle Leuchte an eine Schnur, schwingt sie herum und bewegt euch dabei – Ihr werdet schnell sehen, welche Möglichkeiten sich für große Lichtskulpturen ergeben.

Hilfsmittel
Neben Licht- und Kamera-Hardware, gibt es einige praktische Hilfsmittel, die Euch helfen können. Dazu zählen etwa die bereits erwähnten Trockenübungen: Macht Euch Gedanken über die Linienführung, malt das Bild voher in die Luft, sucht Euch einige Fixpunke, anhand derer Ihr etwa die Position für Arme und Beine ausmachen könnt und bei mehreren Objekten im Bild, helfen auch kleinere Markierungen auf dem Boden bei der Orientierung; für wirklich komplexe, mehrminütige Bilder würden wir sogar zu Skizzen raten. Auch für das Licht gibt es Nützliches zu beachten: Die Hand reicht als Abdeckung für eine Taschenlampe, wenn Ihr aber breite Linien mit einer Röhrenlampe zeichnet, solltet Ihr an ein passende Papprohr oder ähnliches zum Verdecken denken. Auch bei Knicklichtern ist dies sinnvoll, da Ihr diese, etwa zu Blumen zusammengebunden, mit Hilfe einer Abdeckung als Stempel benutzen könnt – hier kommt Lichtmalerei ausnahmsweise mal ohne Bewegung aus. Gleiches gilt für die Verwendung von Schablonen: Ein Pappschild mit ausgeschnittenem Schriftzug, eine Taschenlampe dahinter gehalten und schon bekommt Ihr saubere Schriftzüge oder auch sonstige Formen hin (übgrigens äquivalent zum normalen Graffiti, wo bisweielen ebenfalls Schablonen zum Einsatz kommen – denkt an die berühmten Bananen!). Und als ganz allgemeiner Hinweis zum Schluss: Tragt eher dunkle Kleidung und vermeidet selbst ins Licht zu geraten – es sei denn, die Schattenbilder des Zeichners sind gewollt, verleihen sie Bildern doch eine gewisse Dynamik.

Auch Lichtgestalten posieren gern vorm Dom: Die recht große Blende (f/3.6) lässt eigentlich zuviel Hintergrundlicht in den 15 sec zu, sorgt aber auch für einen gut ausgeleuchteten Kölner Dom – da stören auch die leicht fehlplatzierten Geister nicht weiter …

Motive
Ein guter Pinsel und teure Farben machen noch kein Kunstwerk, nichts ist wesentlicher für ein gutes Bild, als Ihre eigene Kreativität. Und hier ist vor allem das Motiv gefragt. Die meisten Bilder in diesem Artikel sind darauf ausgelegt, irgendetwas zu verdeutlichen – das Vogelhaus beispielsweise, das auch tagsüber Aufnahmen möglich sind – dürften aber künstlerisch kaum von großem Wert sein (von den beiden Drittwerken mal abgesehen). Es gibt viele gute Lichtbilder, die technisch nicht sonderlich billiant sind und nur aus wenigen Linien bestehen. Macht Euch für Lichtgraffitis die Umgebung zur Nutze. Erweckt beispielsweise Gegenstände durch Arme, Beine, Köpfe, Sprechblasen oder ähnliches zum Leben, lasst Fische aus dem Asphalt auftauchen, Bagger gegeneinander kämpfen oder beschriftt Euer lokales Rathaus mit politischen Slogans – kurz: Macht Euch die Umgebung zu Nutze, gerade eine Stadt bei Nacht, mit vielen Verkehreslichtern, Reklametafeln, im Hintergrund vorbeifahrenden Autos und so weiter stellt eine hervorragende Leinwand dar. Aber auch ein der Umriss eines Spaziergängers samt Hund an der Leine im dämmrigen Herbstwald ist ein schönes Motiv.

Objekte wie dieses eignen sich sehr gut, um sich dahinter zu verstecken – selbst bei Tageslicht: Trotz satter 60 Sekunden Belichtungszeit funktioniert die Aufnahme dank Graufilter

Eine ganz andere Art von Motiv wäre das Abstrakte: Fuchtelt Ihr etwa eine Minute lange mit verschiedenen, farbigen Lichtern wild vor der Linse herum, entstehen durchaus spektakuläre Farb- und Lichtspiele. Mit einer geordneten Choreographie entstehen ganze Skulpturen, wie sie auch schon von Künstlern als Auftragsarbeiten in Museumsgärten und ähnliches projeziert wurden – eine Lichtinstallation für den Augenbllick, als Hingucker für Marketing. Eine dritte grundsätzliche Motividee ist das Nachmalen von Gegenständen: Stellt Euch beispielsweise eine dunkle Baustelle vor auf der unter anderem auch ein typisch gelber Bagger steht. Nun könntet Ihr, statt mit der Taschenlampe direkt in Richtung Kamera zu malen, diesen Bagger aus Richtung der Kamera abmalen, also gezielt beleuchten. Als Resultat erhalten ein Baustellenpanorama mit hervorgehobenem, irreal beleuchtetem und gelb strahlendem Baufahrzeug. Diese Art von Fotografie ist sicherlich eher ein artverwandter denn integraler Bestandteil der Lichtmalerei, wie wir sie auffassen, doch wenn Ihr schon mal mit Taschenlampen und Kameraequipment bewaffnet in der Nacht herumeilt, solltet Ihr es mal versuchen. Und natürlich lassen sich all unterschiedlichen Motivarten hervorragend miteinander kombinieren – warum sollte der augeleuchtete Bagger nicht ein paar Steine aus Licht bewegen?

Endlich eine Anwendung für den Glowing-Edges-Effekt – Ikea-Regale mal anders

Licht lässt sich mit Schablonen oder hier mit verbundenen Knicklichtern auch als Stempel verwenden

Fazit
Lichtgraffiti ist technisch also nicht sonderlich kompliziert, für gute Bilder braucht es aber ein wenig zeichnerisches Geschick, räumliches Vorstellungsvermögen und ein Händchen für Motive. Und wenn Ihr jetzt befürchtet, ohne Künstler-Gen oder Profikamera mache das ganze für Euch keinen Sinn, seht es mal so: Gebt einem Kleinkind einen simplen Wachsmaler und ein paar Blatt Papier und schon ist es stundenlang begeistert bei der Sache, selbst wenn die Bilder objektiv betrachtet eher, sagen wir mal mau sind – es ist neu, es entsteht etwas auf dem Papier, man sieht sofort Erfolg und nachher wird das Papier zerknüllt und zum Ball umfunktioniert, der Spaß überwiegt, das Ergebnis ist nicht das Wichtigste. Mit genau dieser Einstellung solltet Ihr an die Lichtmalerei gehen. Versucht nicht irgendetwas großes, komplexes, preisverdächtiges zu erschaffen, macht Euch ersteinmal das Medium vertraut und zeichnet wild drauflos. Ist das Gefühl einmal da, werden die Bilder automatisch besser, es gibt weniger Fehlversuche und vor allem werdet Ihr künftig überall potenzielle Motive sehen, selbst wenn Ihr nur zum Einkaufen unterwegs sind.

Wenn Ihr nun angefixt seid und sofort loslegen wollt: Zum Ausprobieren reichen ein taghelles Zimmer, Alltagsgegenstände und eine simple Taschenlamp oder gar ein Feuerzeug

Einstellungen im Vergleich
Im Grunde ist Lichtmalerei ganz simpel: Lange belichten, gezielt leuchten. Allerdings gibt es immer wieder auch andere Lichtquellen (etwa imstädtischen Hintergrund) oder es ist schlicht noch/zu hell draussen. Da Ihr die Belichtungszeit nicht beliebit verkürzen könnt, müsst Ihr mit Blenden gegen Hintergrundlichter und mit Graufilter gegen Tages-/Umgebungslicht vorgehen. Wie groß die Spanne ist, seht Ihr an unseren Extrembeispielen. (Alternativ könnt Ihr natürlich auch mit der Empfindlichkeit spielen, zumindest bei kleinere (Bridge-) Kameras, bringt ISO 100 aber bessere Bildqualität hervor.)

Blendenwerte: Im Hintergrund sind hier einige Leuchtquellen verteilt (Multispot-Lampe, Maglite Mini, Kerze, Rote Taschenlampe, Knicklichter), gezeichnet wird mit einer Taschenlampe mit Grünfilter. Darüber hinaus gibt es leichten Tageslichteinfall von links. Beide Bilder haben eine Belichtungszeit von sechs Sekunden, das obere Bild mit einer kleinen (f /11), das untere mit einer großen Blende (f/3,2). Die gleichen Effekte wie hier lassen sich auch bei Hintergründen wie Skylines sehen.

f/11 und 6 sec. Belichtung

f/3,2 und 6 sec. Belichtung

Graufilter: Selbst bei Tageslicht ist es ohne weiteres möglich, Langzeitbelichtungen mit Licht-Graffiti zu realisieren – Ihr benötigt nur einen Graufilter. Beide Bilder sind bei schwierigem Gegenlicht und leichter Dämmerung aufgenommen, mit einer Belichtungszeit von zehn Sekunden und einem Blendenwert von f/11. Die obere Variante ohne Graufilter zeigt deutlich, dass selbst diese recht kurze Belichtungszeit schon keinen Sinn mehr ergibt, während die Aufnahme mit Graufilter sogar noch deutlich mehr Zeit und auch Licht verkraften würde.

Ohne Graufilter

Mit Graufilter

Sich zum Affen machen …

mmmhhhh

…muss man sich nicht unbedingt, aber es hilft! Man kommt sich bisweilen schon etwas esoterisch vor, wenn man mit Knicklichtern in der Gegend herumturnt, aber insbesondere zu mehreren ist es auch eine verdammt lustige Angelegenheit – sich gegenseitig bei obskuren Taschenlampen-Choreographien zuzuschauen, ist eine lang anhaltende Pointe. Anfangs kam bei mir aber durchaus auch das ein oder andere Mal Frust auf, wenn sich Vorstellung und Zeichnung partout nicht decken wollten. Um den durchaus nötigen Enthusiasmus möglichst lange aufrecht zu erhalten, möchte ich Euch zwei Tipps geben: Lasst Euch durchaus von fremden Lichtbildern inspirieren, aber zeichnet nicht einfach Ähnliches – selten entsprechen die Ergebnisse den Vorbildern – macht Euer eigenes Ding. Und: Geht mit offenen Augen durch die Nacht! Wie auch Architekten, Skateboarder oder Geographen, werdet Ihr schnell mehr sehen als die Dinge selbst – nämlich Potenzial! Selbst wenn Ihr ohne Kamera unterwegs seid, wird Eure Umgebung deutlich spannender und allein dafür lohnt es sich schon, der Lichtmalerei mal ein paar Stunden zu widmen – selbst wenn Euch das große Künstler-Gen (wie auch mir) fehlt.

Workshop: Bilder mit Photoshop verschmelzen
Egal, ob Ihr Euer gesamtes Projekt mit einer Aufnahmen in den Kasten bekommt oder schlicht das Beste aus mehreren Versuchen kombinieren wollt, mit Hilfe einer Ebenenmaske ist dies sowohl mit Photoshop, wie wir hier zeigen, als auch mit Gimp kein Problem.

1. Ausgangssituation
Das hintere, bessere Bild, soll mit den grünen Lichtern aus dem zweiten Bild verbessert werden.

Der grüne Schimmer soll hinüber

2. Ebenen anlegen
Behaltet das bessere Bild als Hintergrund, zieht die Ebene des zweiten Bilds als neue Ebene darüber und legt davon gleich eine Kopie an. Blendet zusätzlich den Hintergrund aus.

Layer anlegen

3. Ebenenmaske anlegen
Legt nun für die oberste Ebenen eine Ebenenmaske an, die alles verbirgt.

Alles verstecken

4. Schwarz=Unsichtbar
Die Ebenenmaske wird als schwarzes Rechteck neben der Ebenenminiatur angezeigt – schwarz bedeutet bei Ebenenmasken, dass die Pixel darunter ausgeblendet werden. Daher seht hier im Bild trotz sichtbarer Ebene (die mittlere Ebene haben wir hier kurz ausgeblendet) nur den transparenten Hintergrund.

Die fertige Ebenenmaske

5. Weiß macht sichtbar
Malt nun mit dem Pinsel oder einem beliebigen Zeichenwerkzeug und der Farbe Weiß grob über den Bereich, den Ihr in den Hintergrund integrieren wollt. Weiß ist bei Ebenenmasken entsprechend der Bereich, der die Pixel seiner Ebene durchscheinen lässt. Die gezeichnete Fläche seht Ihr in der Masken-Minatur.

Der grüne Schimmer wird „sichtbar gemalt“

6. Anpassen
Schaltet nun die mittlere Ebene aus, um den freigelegten Bereich genauer anzupassen.

Anpassen

7. Hintergrund sichtbar schalten
Nun schaltet den Hintergrund wieder sichbar und macht Euch an die Feinarbeiten – wenn Ihr nun mit weißer Farbe malt, kommt direkt der Inhalt des obersten Layers zu Tage. Natürlich könntet Ihr auch die Schritte fünf und sechs auslassen und direkt auf den Hintergrund malen, gerade das Nachzeichnen/Durchpausen hilft aber bei der Genauigkeit. Sofern Ihr das Bild nun weiter verfremden wollt, speichert die PSD-Datei und reduziert das Bild anschließend auf eine Ebene.

Mit weißer Farbe wird der oberste Layer sichtbar

8. Filter-Spielreien
In der Filtergallerie lassen sich nun allerlei Spielreien durchführen; unter anderem gibt es endlich mal einen sinnvollen Einsatz für den Glowing-Edges-Effekt,

Spielerei…

Über den Autor

Mirco Lang

Mirco Lang

Am Anfang war der C-64 des großen Bruders des besten Freundes in der Grundschule ...

Der echte Technikwahn kam dann mit einer Ausbildung bei Saturn - als Computer noch erklärt werden mussten, Soundkarten benötigten, ein gutes Monatsgehalt kosteten und das Internet nur bei Nerds und mit 38 kbp/s lief, bestenfalls.

Ein Studium der Informationswirtschaft und ein paar Jahre als Redakteur bei Data Becker später, sitzt hier ein freier Journalist, der auf Old-School-Computing (cli ftw!), Free Software, Frickelei, Kodi und "Hundedinger" steht - und Grauseligkeiten wie Bild und Heftig.co zutiefst verabscheut.

Und sonst so? Sauerländer, BSI-Mitarbeiter, untalentierter Musikinstrumentebesitzer und seit 24 Jahren Skateboarder, ein ziemlich alter. Und manchmal kommt das abgebrochene Philo-Studium wieder durch ...

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1 Kommentar

  • Danke für diesen schönen, interessanten Post!
    An Silvester ist mir das zuerst aufgefallen: Auf einmal haben alle Fotos gepostet, auf denen „2015“ im Vordergrund stand und ich wusste nie, wie die das hinbekommen haben…
    Dank dir ist das jetzt anders!
    Werde ich sicher demnächst mal ausprobieren 🙂

    LG,
    Alexandra von growing-in-self-confidence.blogspot.de