Live-TV immer und überall klingt toll, oder? Doch Zattoo und Magine sind vielleicht nicht ganz die Dienste, die man sich wünschen würde.

Zattoo ist ein echter Spoiler-König: Dank rund 30 Sekunden Verzögerung zum TV könnt Ihr große Sportübertragungen getrost vergessen – Deutschland im Fußball-WM-Finale, Götzes Tor und Ihr hört den Jubel der Nachbarn schon eine halbe Minute vorher. Herzlichen Glückwunsch! Ach, und viel Spaß an Sylvester … Magine ist auch ein König – ein König der Intransparenz: Die Website verrät, dass es Kosten gibt – irgendwie, irgendwann, für irgendwas. Wenn Ihr wissen wollt, was was kostet, müsst Ihr Euch erst registrieren und das Probe-Abo abschließen! Hmmm, super Idee. Frage: Würdet Ihr Euch bei Saturn oder Media Markt oder Amazon Instant Video registrieren, bevor man Euch Preise und Produkte zeigt? TV via online mag die Zukunft sein – aber es könnte längst die Gegenwart sein, wenn die Anbieter es nicht mal wieder weitgehend verkacken würden.

Magine: Och menno …

Ich höre jetzt schon wieder diese Daueroptimisten: Mir gefällt es aber, es funktioniert doch, ich will doch nur diese und jene Sender, registrieren ist doch kein Problem, ich gucke kein Sport, bla bla bla. Natürlich, auch schlechte Produkte machen manche Menschen glücklich – von gestrecktem Kokain über Massenhaltungsgeflügel bis hin zu Unity. Wer aber etwas anspruchsvoller ist oder schlicht objektiv urteilen will, kommt schnell zu dem Schluss, dass es bei beiden Diensten hinten und vorne an Etlichem mangelt – beginnen wir mal mit Magine:

Magine – Bauernfänger
Infos über Kosten erst nach Registrierung – eigentlich sollte ich jede weitere Beschäftigung damit verweigern, das ist wie das Buchen einer Kaffeefahrt. Wann immer ein Unternehmen mit grundlegenden Infos hinterm Berg hält, sich auf ein paar bunte Stock-Bilder beschränkt und einen auf schlank und hip und Buzzwords macht: Vorsicht! Ich muss mir die Infos aus den Hilfe-Seiten heraussuchen und den FAQ bemühen? Warum denn bitte? Was habt Ihr zu verbergen? Einmal drin, wieder dieses bereits von Kollege Hofferbert andernorts beklagte No-Go namens Silverlight – lasst das! Egal, extra für Euch habe ich mich herabgelassen, Silverlight wider besseres Wissen zu installieren – und was ist? Nichts. Nüschts. Null. Silverlight oder Magine will partout kein Video starten – Wartekreis, Wartekreis, Fehlermeldung. Mmmh, vielleicht ein Browser-Neustart? Mooooment … – nein, es geht nicht. Magine schlägt ab- und wieder anmelden vor – OK, es geht, total super. Ab hier läuft es einwandfrei.

Magine: Uiiiiii – Preise! War das denn so schwer?

Dass die Pro7-RTL-Sender nicht dabei sind, macht das ganze als Gratis-Version zwar ziemlich nutzlos als TV-Ersatz (einfach, weil zu vieles fehlt), aber da kann Magine nichts für. Dass die öffentlich rechtlichen Sender nicht kostenlos in HD verfügbar sind, kotzt mich schon wieder an – ganz egal woran das liegt. Und Pro7-RTL-Sender in HD? Fehlanzeige. Und dann wieder diese Beschränkungen: Ja, Magine läuft auf zwei Rechnern, aber nicht dasselbe Programm – und das ist noch mehr, als Zattoo erlaubt. Wirklich schön ist die Möglichkeit, sich ein eigenes Senderpaket zusammenzustellen – allerdings zahlt Ihr nicht für abonnierte Sender, sondern bekommt Rabatt auf abgewählte (in Magine-Sprache „ruhende“) Sender. Der Rabatt liegt bei 10 Cent bei Sendern aus dem Master-Paket und 25 Cent bei Magic-Sendern. Wollt Ihr etwa nur Sport1 in HD aus dem Master-Paket, kostet Euch das 2.59 Euro pro Monat. Wollt Ihr zusätzlich TNT Film aus dem Magic-Paket, liegt Ihr bei 5,34 Euro. Interssant: Nur TNT Film wird mit 5,24 Euro angezeigt – weil Master automatisch zu Magic hinzugebucht wird, selbst wenn alle Master-Sender ruhen.

Magine: Pay-TV mit Einzel(ab)wahl .

Zattoo – Trannsparenter Technikschlunz
Meine allerersten Erfahrungen mit Zattoo: Zattoo will Flash Player runterladen – möööp, veraltete Version. Will Monk auf RTL gucken – möööp, keine Pro7-RTL-Sender. Will Comedy Central gucken – möööp, Werbung bei jedem Umschalten. Will auf Vollbild schalten – möööp, Monitor wird nicht ordentlich ausgefüllt (Windows Client, Web ist OK). Öffentlich rechtliche Sender in HD – möööp, nur in der Bezahlversion; selbst „Schneller Senderwechsel“ ist ein Bezahl-Feature.

Zattoo: Hübsch(er Standard)

Nun denn, viele Mööps lassen sich über die Bezahlversion ausmerzen – im Gegensatz zum TV zahlt Ihr dann also rund 10 Euro pro Monat für die HD-Versionen der der Pro7-RTL-Sender. Aber hey, nicht alles ist umsonst, Zattoo erbringt eine Leistung und die darf freilich etwas kosten und Werbung beinhalten, überhaupt ist Zattoo diesbezüglich erfreulich transparent und aufklärend, die Datenschutzerklärung ist nicht vercryptet, sondern sagt ganz klar:

„… Bei der Registrierung sowie bei der Nutzung werden bestimmte persönliche Daten des Nutzers gesammelt und bearbeitet. Sie umfassen oder können zukünftig umfassen: E-Mail-Adresse, Name, Postadresse, Zahlungsinformationen, Geburtsdatum, Geschlecht, Sprache (zusammen „persönliche Daten“), Einkommen, Ausbildung, Haushalt, Beruf, Konsumverhalten, Hobbies, Lieblingsaktivitäten und Nutzung der Dienste (alle vorstehendenden Informationen zusammen nachfolgend „personenbezogene Daten“).

Daneben werden im Zuge der Nutzung unserer Dienste einzelne Daten, wie z. B. IP-Adresse, Browser-Typ und Zugriffszeiten durch Ihren Computer automatisch an uns übertragen und auf unseren Servern gespeichert (nachfolgend „Nutzerdaten“). Zattoo kann durch die Nutzeridentifikation über die UserID und durch das Setzen von Cookies Daten über die Nutzung der Dienste durch den Nutzer sammeln, z.B. IP-Adresse, Fernsehkanale und gezeigte Werbung. …“ [Auszug]

Zattoo: Das Bild-in-Bild-Ding ist nett – wie bei der Youtube-Android-App.

Und natürlich freut sich nicht nur Zattoo über die Daten – noch ein Auszug:

„… Darüber hinaus ist der Nutzer damit einverstanden, dass Zattoo die vom Nutzer erhaltenen persönlichen Daten in folgendem Umfang an Dritte weiterleitet: An Zahlungsanbieter (z.B. Kreditkartenunternehmen, Banken, PayPal, Mobilfunkdienste, Inkassoinstitute), Anbieter zur Erstellung und Aufbereitung von Statistiken, IT-Dienstleister (z.B. Rechenzentren, Hostprovidern, Backupservices, Datenbankdiensten). Diese Dienstleister haben nur Zugang zu Ihren persönlichen Daten, soweit dies zur Erfüllung ihrer Aufgaben notwendig ist. …“

Mit anderen Worten: Im Grunde darf Zattoo alle Daten erheben und an jedermann verticken – denn IT-Dienstleister kann so ziemlich alles sein, und die Erfüllung von Aufgaben ebenso. Aber die klare Ausdrucksweise ist vorbildlich.

Oder was Schönes aus den AGB:

„… 2.1 Zattoo behält sich das Recht vor, ihr Geschäftsmodell jederzeit zu ändern und z.B. bestimmte oder alle Dienste nur noch gegen Entgelt zu erbringen. Gegebenenfalls wird Zattoo die jeweiligen Entgelte veröffentlichen. …“

Gegebenenfalls? Wenn Ihr Pfeiffen etwas verkaufen wollt, solltet Ihr die Preise veröffentlichen – IMMER! Auch fällt Zattoo in gute alte GEZ-für-jedes-Gerät-Zeiten zurück:

„… 2.6 Eine gleichzeitige Nutzung kostenpflichtiger Dienste auf mehreren Endgeräten ist unzulässig, es sei denn eine solche Nutzung wird im Rahmen der jeweiligen Angebotsdarstellung ausdrücklich zugelassen. …“

Bitte nicht falsch verstehen, das sind alles durchaus übliche Vereinbarungen – aber wirklich schön ist es deshlab nicht. Und nochmal ein Gedankenanstoss zu den Kosten: Für die Anzeige einer Werbung beim Umschalten des Senders bekommt Zattoo rund 86 Euro pro Tausend Einblendungen – bei meinem Zap-Verhalten würde ich Zattoo locker einen dreistelligen Betrag pro Monat einbringen, da ist das Abo ohne Werbung echt günstig für mich, beziehungsweise eher noch ungünstig für Zattoo.

Warum nun dieser ganze Sermon? Nun, zweierlei: Zum einen bin ich einfach ganz persönlich unzufrieden mit diesen Möchtegern-TV-Revoluzzern, es ist einfach noch nicht rund – und Online-TV in dieser Machart gibt es schon seit knapp zehn Jahren! Zum anderen solltet Ihr einfach dafür sensibilisiert sein, dass Magine, Zattoo & Co. nicht einfach nur toll und kostenlos sind – auch wenn die meisten Webseiten, Blogs und Zeitschriftenartikel das so gerne suggerieren. Ihr bezahlt mit persönlichen Informationen – das ist nicht kostenlos! Es ist Geld-los, ja. Aber Infos/Daten sind nun mal „das neue Öl“ – mit dem einzigen Unterschied, dass Ihr Euren Ölkanister nur einmal eintauschen konntet, Eure Daten als immaterielles Gut aber immer und immer wieder. Dennoch: In der Industriegesellschaft war Öl das Gegenstück zum Geld, in der Informationsgesellschaft sind es Daten (stark vereinfacht …) – und wenn Ihr mit Daten bezahlt, bezahlt Ihr – und was bezahlt wird, ist nicht kostenlos. Ist Euch wumpe? Kein Problem, Ihr sollt es ja nur bewusst entscheiden.

Zattoo: Nein, das ist kein sauberes Vollbild – inaktzeptabel.

Letztlich funktionieren beide Services recht gut, zumindest auf dem PC läuft hier alles einwandfrei. Und zumindest mit eigens dafür angelegten Nutzerkonten, schaden Anmeldungen sicherlich nicht sonderlich – noch kein vollwertiger Ersatz fürs TV, aber eine nette Ergänzung für’s Klo (von mir aus auch Küche, Garten & Co.). Es ist schon schön, dass es Dienste wie die beiden gibt!

Aber es gibt eben reichlich Kinderkrankheiten und einfach unschöne Ansätze – und da ein Großteil der Presse sich auf ein „Oh wie geil, gratis fernsehen“ beschränkt, musste ich dann doch mal ein paar Eindrücke loswerden. Man könnte (müsste) das noch deutlich genauer testen und sich mit den Hintergründen auseinandersetzen, mir persönlich ist eingentlich nur eines wichtig: Auch wenn etwas vermeintlich kostenlos ist und die großen Webseiten alle Hurra schreien – guckt selbst, worauf Ihr Euch einlasst. Ein kritischer Blick ist seit dem Mittelalter nicht mehr wirklich gefährlich, zumindest hierzulande nicht.

Nur, dass mir hier keiner mit „Die ham doch Preise …“ kommt: Ein paar individualisierte Beispiele sind noch keine ordentliche Auskunft!

Über den Autor

Mirco Lang

Mirco Lang

Am Anfang war der C-64 des großen Bruders des besten Freundes in der Grundschule ...

Der echte Technikwahn kam dann mit einer Ausbildung bei Saturn - als Computer noch erklärt werden mussten, Soundkarten benötigten, ein gutes Monatsgehalt kosteten und das Internet nur bei Nerds und mit 38 kbp/s lief, bestenfalls.

Ein Studium der Informationswirtschaft und ein paar Jahre als Redakteur bei Data Becker später, sitzt hier ein freier Journalist, der auf Old-School-Computing (cli ftw!), Free Software, Frickelei, Kodi und "Hundedinger" steht - und Grauseligkeiten wie Bild und Heftig.co zutiefst verabscheut.

Und sonst so? Sauerländer, BSI-Mitarbeiter, untalentierter Musikinstrumentebesitzer und seit 24 Jahren Skateboarder, ein ziemlich alter. Und manchmal kommt das abgebrochene Philo-Studium wieder durch ...

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Kommentare

  • Moin Mirko,
    sehr geil geschrieben, habe gut gelacht. Du bringst es auf den Punkt!
    Ich befürchte, das es so noch viele Jahre weiter gehen wird. Kaum Konkurrenz,
    kaum vernünftige Angebote – und alle so YEAH! Alles total unausgereift,
    sowohl angebotstechnisch, als auch softwareseitig.
    Ich werde jetzt meine Kodi-Ubuntu-HTPC-Bastel-Kiste vertickern und stelle mir
    wieder meinen alten SD Satelliten-Receiver hin. Fertig ist die Laube. Aus 6 Meter
    Entfernung kann ich eh nicht erkennen, ob das Bild 4K, HD oder 699p hat. Und
    ob Jogi runde oder ovale Schweissperlen auf der Stirn hat, ist mir absolut Latte.
    Das zappen geht auch ratz fatz. Und das Beste ist: es kostet absolut nix!

    Grüße,
    Micha