Das Surface Book ist das iPad Pro, das wir uns immer gewünscht haben. Leider ist es von Microsoft, nicht von Apple. Warum muss das so sein? Und warum kann Apple nichts besseres liefern?

Es gab mal eine Zeit, in der Apple als Innovationsschmiede galt: Produkte wie iPod, iPhone und iPad und nicht zuletzt das normale Mac-Lineup oder Zubehör wie Magic Mouse und Trackpad bewiesen über mehr als eine Dekade, dass Apple hochwertiges, nützliches Zeug produzierte, während alle anderen – von Asus über Google und Microsoft bis Samsung – vor allem großen Käse für Menschen produzierten, denen eine gewisse Geiz-ist-Geil-Mentalität anhaftete. Seit heute ist alles anders: Mit dem Surface Book hat Microsoft das iPad Pro präsentiert, das ich mir immer gewünscht habe.

Das Surface-Book kombiniert Tablet und Notebook endlich auf die richtige Art. (Bild: Microsoft.com)

Surface Pro ist ein echter PC

Die technischen Daten dürften inzwischen, einige Stunden nach dem Microsoft-Event, von Fachpresse und Bloggern bis zum Erbrechen durchgekaut sein. Ja, wir Tutonauten sind keine Newsschreiber und darauf sind wir auch stolz. Aber zurück zum Thema: Mit dem Surface Book hat Microsoft genau das geliefert, was ich mir immer von Apple als iPad Pro gewünscht habe: Ein Convertible mit richtiger Hardware, Touchscreen und, das hatte ich damals vergessen, einem leistungsstarken Eingabestift. Und so ließ ich mich, von Herrn Hofferbert seit Jahren als Elender Fanboy geschimpft, schon nach einem kurzen Blick auf das neue Gerät in unserem Tuto-Telegram-Chat zu folgender Aussage hinreißen:

Damit ist MS jetzt offiziell cooler als Apple. Dass ich sowas nochmal sagen würde…

Und dazu stehe ich auch jetzt, nachdem ich die News einige Stunden habe sacken lassen. Das Surface Book also. Ein Gerät, das PC und Tablet auf die einzig sinnvolle Weise miteinander verbindet, das gleichermaßen ein leistungsstarkes Notebook, als auch ein praktisches Tablet ist. Ein Convertible, das auf die von Apple eingeführte und ganz und gar künstliche Trennlinie zwischen Mobil- und PC-Betriebssystem verzichtet und sowohl im Tablet-, als auch im Notebook-Betrieb eben keine halbgare Lösung mit kastriertem OS darstellt. Während Apple also das iPad mit seinem unnötige verstümmelten iOS auf 12,9 Zoll aufbläst, mit einer feineren Eingabematrix und einem Keyboard versieht, einen Stift für 99 Euro verkauft und das Ganze dann als „Innovation“ verkauft wie McDonalds neue Cheeseburger mit noch einer Scheibe Fleisch, nimmt sich Microsoft den ganzen Tablet- und Notebook-Markt vor und fragt sich, was Anwender wirklich brauchen könnten. Heraus kam ein schlankes Notebook mit abnehmbaren Display, echter PC-Technik und einem echten Betriebssystem, quasi ein Surface Pro auf Steroiden, das das iPad Pro mit seinen von Apple inzwischen nahezu zwanghaft betriebenen iOS-Beschränkungen das Fürchten lehren wird – zumindest, solange Apple selbst keine ähnliche Geräteklasse ins Leben ruft.

Das iPad Pro von Apple hätte auch so ein Gerät sein können. Stattdessen blieb man beim beschränkten iOS-Konzept (Bild: Microsoft.com)

Aura der Langeweile bei Apple

Nun hat Apple natürlich seinen Zenith noch nicht überschritten. Der Apple-Kram verkauft sich deutlich besser als alles, was Microsoft je an Hardware gebaut hat. Doch Microsoft, noch vor nicht all zu langer Zeit von Dauerflops wie dem ersten Surface oder Windows 8 geplagt, zeigt nun den alten Kämpfergeist. Von Apple jahrelang in die Ecke getrieben, mit dem neuem CEO Satya Nadella im Chefsessel, wurde nicht nur die alte, fast zwei Jahrzehnte dominierende Steve-Ballmer-Bräsigkeit abgelegt, nein: Microsoft zeigt sich wieder kampfbereit und bietet endlich Innovationen, die sich sehen lassen können. So wie Apple damals, bevor Steve Jobs verstarb und das wenig dynamische Duo Tim Cook und Jony Ive die Nachfolge antrat, ohne auch nur die Hälfte des Elans des alten Chefs zu besitzen. Gerade Cook zeichnet sich vor allem durch eine Aura der Langeweile aus, die Apple mittelfristig nicht guttun wird.

Das iPad Pro wirkt nach dem Microsoft-Scoop recht altbacken. (Bild: Apple.com)

Die Realität wird die Qualität zeigen

Aber genug des Apple-Bashings: Böse Zungen – und meine Zunge ist, ohne Apple-Fanboy zu sein, nach mehr als 25 Jahren Technik-Erleben, ziemlich böse – dürften jetzt behaupten, dass Microsoft trotz neuer Ideen immer noch Microsoft bleibt. Ein gigantischer Konzern mit festgefahrenen Strukturen, reaktionsarm, massenkompatibel und damit langweilig. Und es Microsoft genau deshalb verbaseln wird, so wie sie es immer bei großen Innovationen verbaselt haben. Zu viele Menschen haben zu viel Einfluss an zu vielen Positionen – hier ist Apple mit seiner strengen Hierarchie nach wie vor deutlich besser aufgestellt. Und so wird sich auch beim Surface Book erst zeigen müssen, ob Microsoft hier nicht softwareseitig Schwierigkeiten bekommt. Das das MobileGeeks Hands-on-Video jedenfalls verheißt diesbezüglich nichts gutes: Beim Abdocken bleibt die erwiesermaßen für den Touch-Betrieb ungeeignete Windows-10-Oberfläche zunächst aktiv, statt automatisch auf den Tablet-Mode umzuschalten, zudem ist von nur drei Stunden-Akkulaufzeit im Tablet-Modus die Rede. Aber das sind nur Details.

Kaufe es (noch) nicht

Übrigens: Kaufen werde ich mir das Ding nicht. Nicht nur, weil es sehr, sehr teuer ist, sondern auch, weil ich Sorge um die Software habe. So sehr ich Windows 10 als Windows-System schätze, ist es nach wie vor ein Windows-System. Als seit nunmehr 12 Jahren Mac-Nutzer warte ich lieber, bis Apple den Knall hört, die halbgaren Konzepte „MacBook“ und „iPad Pro“ zu einem Convertible mit OS X zusammenschmeißt und Toaster und Kühlschrank dann wirklich endlich zusammenwachsen. Das wäre Apples Stil, dafür müsste der Konzern aus Cupertino sich aber auch trauen, Mac OS X mit einer Touch-Oberfläche auszurüsten und die strikte Trennung zwischen iPad und Mac aufzuheben.

Über den Autor

Christian Rentrop

Technikjournalist und Schreiberling aus Überzeugung. Schon als Zweitklässler 1986 mit dem Amstrad CPC angefixt, habe ich mich immer für Computer und Technik interessiert und finde: Computer sind nichts, wovor man Angst haben sollte.

Sag' Deine Meinung

Kommentare

  • ja herr rentrop, bleibens nur immer schön bei ihrem apple-kram… 🙂 das surface in den himmel loben und dann doch lieber drauf warten, bis es apple abkupfert. unfair aber nicht unklug! 😉

  • Ich gebe Dir in allen Punkten völlig recht.

    Oh, Moment. Nun, nicht ganz – das Teil hatte ich ja noch nie in der Hand, von daher kann ich darüber nichts sagen, aber die Reklame auf die sich derzeit alle berufen, ja die Reklame für das Teil, die ist super. So super, dass Tausende Blogger/Journalisten das Ding jetzt schon super finden. Gucke ich mir alte super Reklame für super Windows 8 an – OK, dann finde ich auch das super.
    Aber ja, ich weiß, alles vergebene Liebesmüh, scheiss auf Hands on. Reklame ist ja naturgemäß neutral, ehrlich, aussagekräftig.

    Aber Rootover hat’s ja schon schön gesagt – schön bei Apple bleiben, denn selbst wenn das Ding soooo toll ist wie Microsoft und Blogger das meinen, Du müsstest für einen Umstieg ja aus dem Apple-Universum aussteigen oder Parallelleben führen – viel Spaß!

    P.S.: Wenn Du Angst vor Windows hast – kauf das Teil und spiel Mint, Ubuntu, Debian oder sonstwas auf! Dazu noch ein Apple’eskes Theme und schon fällt der Abschied nicht mehr schwer. Nicht bei so super Hardware!

    • Eigentlich wollte ich nun eine lange Antwort darüber schreiben, dass man ja durchaus Geräte einschätzen kann, bevor man sie in der Hand hätte. Doch ich versuche es mal anders: Du, werter Kollege, schimpfst seit Jahren über Mac OS X, ohne es auch nur einmal „in der Hand“, sprich in Benutzung gehabt zu haben. Etwas schlecht zu finden, ohne es getestet zu haben, ist nicht weniger verwerflich, als etwas toll zu finden 😉

      Ich für meinen Teil bin von den Surface-Modellen seit langem schwer angetan (auch von denen, die ich schon in Benutzung hatte 😉 ), und ja, auch mich hält Windows aktuell vom Wieder-Umstieg ab. Denn auch unter Windows 10, so gut es mir gefällt, sind regelmäßige Update-Neustarts Pflicht, muss man sich um Virenschutz und regelmäßige Systempflege kümmern, sich mit schwachsinnigen Lizenz-Aktivierungs-Kram befassen, Backups machen, die nicht mal im Ansatz so komfortabel wie Time Machine funktionieren etcpp – alles Dinge, die ich auf einem ARBEITS-Gerät nicht machen möchte. Und da ich es auch schon mit Linux Mint etc. probiert habe, kann ich sagen, dass das für mich einfach keine Alternative ist. So bleibe ich vorerst in der ach so pösen Apple-Welt gefangen. Aber irgendwann ist so ein Macbook ja auch mal abgeschrieben, mal schauen, was dann passiert 😀

      PS: Nur für’s Protokoll und alle externen Mitleser: Bekanntermaßen führe ich im Gegensatz zu Christian ja auch noch ein „Parallelleben“ unter Windows 10, daher rede ich hier nicht auf Basis von Erfahrungen, die zu Zeiten von Windows XP entstanden sind 😉

  • Ja klar, einschätzen geht, irgendwie – aber mal ehrlich, wer weiss etwa schon, ob der Stift funzt? Ob das Schanier tut , wie es soll? Akkulaufzeit? usw… Die reinen Specs sind super, keine Einwände. Vermutlich waren die Zune-Specs auch knorke …, aber jetzt wirds unfair.
    So, aber über osx habe ich noch nie gemeckert (auch wenn mir das immer wieder mal vorgehalten wird, woll?!) – eben weil ich es noch nie hatte, oder vielleicht wäre ich sogar ganz angetan, was ich allerdings aus diversen Gründen bezweifle … Ich mecker über das System Apple – grosser Unterschied (habe aber gerade nur Telefon, keine Lust hier so lang zu tippen).

    • Joot 🙂 Aber ich z.B. Stichwort „Stift“ – da mache ich mir absolut keine Sorgen, dass das Ding gut ist. Ich fand schon das allererste Surface in der Richtung gut, die danach haben es in der Richtung noch optimiert – ja, es ist „Spekulation“, aber es würde mich SEHR wundern, wenn es beim neuen Modell einen Rückschritt geben würde. Aus dem Apple-Lager wurde ja bei der iPad Pro-Präsentation so getan, als wäre der „Pencil“ das erst funktionierende Gerät in dieser Richtung, und das ist schlichtweg jetzt schon Blödsinn (auch die Samsung Note-Geräte können das schon gut).

      Das Scharnier – klar, wird der Praxistest zeigen. Ich kann mich grundsätzlich bislang nur auf die Hands-on-Berichte der Leute vor Ort verlassen, das waren aber nunmal schon ein paar Hundert Menschen von rund um den Globus. Die waren allesamt begeistert. Ich finde es einfach nett, dass Microsoft es geschafft hat, in einem seit Jahren festgefahrenen Produktzweig mal wieder so etwas wie einen Wow-Effekt zu schaffen und in Sachen Laptops mal etwas Neues zu zeigen, was – zumindest in der Theorie – das Zeug hat, mal etwas mehr als „nur“ ein Kompromiss zu sein.

      Das kommt allerdings auch alles aus der Feder eines überzeugten Laptop-und-Tablet-Nutzers, was sicherlich auch eine Rolle bei der Einschätzung spielt 😉

      • Einverstanden, spannend ist das Ding natürlich und sofern ich da LInux drauf kriege auch für mich persönlich interessant (theoretisch, praktisch habe ich immer noch keinen Bedarf für ein Laptop). Was die Hands-on-Leute angeht habe ich nur etwas Angst, dass das die kritikfreien Äffchen sind, die auf der Pressekonferenz klatschen, was von Journalismus soweit entfernt ist, wie es nur geht – aber wir äußerten ja beide schon die Hoffnung, dass es sich um bezahlte Klatscher handelte (auch wenn das dann ziemlich viele im Raum waren …).

  • ach kommt, jetz hier bitte keinen apple/ios/mac vs. Win/MS-Krieg. Soll doch jeder nutzen, womit er glücklich ist. Hauptsache, man ist persönlich mit den verwendeten Produkten zufrieden. Einfach mal die Meinung des anderen akzeptieren, auch wenn sie „falsch“ sein mag 😉

    • Da bin ich ganz bei dir, ist von meiner Seite aus auch eher Frotzelei als „Krieg“ 😉 Eine neutralere Person wirst du auch kaum finden, in meinem Systemuniversum finden sich Sachen von Apple, Microsoft und Google im ungefähr gleichen Verhältnis – und alle haben sie ihre Vor- und Nachteile 🙂

      • Ha – Du machst das falsch! Eigentlich ist Apple so gedacht, dass Du jedes Qäuntchen IT nur noch aus einer Hand beziehst – Dir nur das Gute aus dem Apfeluniversum ziehen und die Ketten abzustreifen ist ganz, ganz gemein, Du ruinierst mit so einem unverschämten Konsumverhalten noch den ganzen Konzern. Also wirklich, Herr Nachbar, womit sollen Rollinäher denn in Zukunft noch Geld verdienen? Hä??