Warum wir Publisher und Blogger uns selbst gegen den Werbeterror verpflichten und auf nichtnervige Werbung setzen sollten.

Eben surfte ich durch diverse Newsseiten und musste ausgerechnet auf Welt Online eine Doppel-Videowerbung mit Autoplay finden. Zwei Werbeformen – einmal ein aufklappendes Video, einmal ein Videobanner – standen direkt zwischen dem ersten Absatz in einem Artikel. Drumherum diverse Banner, manche im schlimmsten Fall ebenfalls mit Ton. Eine Kakophonie des Grauens, die mich – den erklärten Gegner aller Werbeblocker fast dazu gebracht hätte, wieder einen zu installieren. Das kann es doch nicht sein.

Adblocker sorgen in letzter Instanz dafür, dass die Heftig- und Buzzfeed-Formate zunehmen.

Nervige Werbung als Grund für den Adblocker-Einsatz

Welt Online zeigt als eine der seriöseren Seiten, wie man es nicht machen sollte. Andere Content-Anbieter sind aber ähnlich lästig: Da werden Flash- oder, schlimmer noch, HTML5-Video-Werbespots in voller Lautstärke abgefeiert, wenn man eine Seite besucht. Da liegt Overlay über Overlay, Banner neben Banner um zufällige Klicks von den Besuchern der Website geradezu zu provozieren. Besonders schlimm sind diese Formen auf kleinen Bildschirmen und Tablets: Nicht selten haut man neben den winzigen Schließen-Button und generiert ohne es zu wollen Umsatz für die Contentanbieter. Kein Wunder, dass viele User – selbst die, die sich eigentlich nicht an Werbung stören – inzwischen zum Adblocker greifen. Wir auf Tutonaut.de haben hier eine Adblocker-Quote von über 50 Prozent. Und ich kann jeden einzelnen Nutzer verstehen.

Jeder Browser mit Adblocker ist für immer verloren

Denn oft nervt die Werbung im Netz, und das kräftig. Das Problem dabei: Sinkende Umsatzzahlen zwingen gerade größere Publisher geradezu, die Seiten mehr und mehr mit Werbung zuzupflastern. Gleichzeitig treibt die extrem penetrante Werbung auf vielen Seiten die Anwender geradezu – und aus absolut nachvollziehbaren Beweggründen – in die Arme der Adblock-Dienstleister, was wiederum die Content-Anbieter zum Handeln zwingt. Dieser Teufelskreis verschärft sich derzeit massiv, die Folge ist bereits jetzt, dass ehrliche Leser ohne Adblocker mit zahllosen Ads, Bannern, Overlays und Videos zugedonnert werden. Gleichzeitig wollen aber gerade solche Portale – ja, ich spreche von Euch, lieber Axel Springer-Verlag – mit halbherzigen Paywall-Konzepten zusätzliche Kohle scheffeln. Dass das nicht funktionieren kann, liegt auf der Hand. Zumal es nur weniger Mausklicks bedarf, die Werbung für immer auszublenden. Auf jeder Seite. Ist der Adblocker erst einmal installiert, gibt es kein Zurück mehr: Der Adblocker-Nutzer wird die Software wohl kaum wieder entfernen und ist für alle Zeiten für alle Content-Lieferanten als möglicher Umsatzbringer verbrannt. Schlimmer noch: Da er die Webangebote trotzdem nutzt, verursacht er sogar Kosten, da er natürlich den Server mitbelastet. Gerade kleinere Content-Anbieter, Blogger wie wir oder Forenbetreiber, leiden massiv darunter.

Es trifft die Schwächsten im System

Die inzwischen virulente Verbreitung von Adblockern hat natürlich Folgen: Die Umsätze reichen nicht mehr, um Redaktionen zu versorgen, Geschäftsmodelle kleinerer Websites greifen nicht. Ausbaden müssen das – wieder einmal – diejenigen, die den Content mit Liebe und Know-How erstellen: Wir Blogger, wir freien Journalisten, wir Fotografen. Wir, die wir von unserer eigenen Arbeit schon bald nicht mehr leben können, weil die Adblocker-Seuche denen, die wie wir am Ende der redaktionellen Nahrungskette sitzen, direkt auf die Honorare schlägt. Ein Verlag wird sich überlegen, ob er Vorstände, Manager und Festangestellte kündigt – Freie bekommen einfach keine Aufträge mehr. Dummerweise stört das die großen Publisher kaum: Irgendwelche Praktikanten und Nebenjobber stehen immer Schlange, um aus Eitelkeit drittklassigen Heftig.co-Content für einen Zehner zusammen zu kloppen. Der sorgt für zahllose Klicks und Likes, kostet kaum und bringt viel Umsatz – aber ist das der Weg, um sich zu finanzieren? Wohl kaum: Die Qualität sinkt bis auf den kleinsten gemeinsamen Nenner. Und der ist, das weiß ich als Zyniker, sehr, sehr klein. Trotz der augenscheinlichen Erfolge der lieblos aus dem Internet zusammengeklauten Listicals à la Buzzfeed und Co. kann das nicht der Wunsch des Lesers sein.

Anti-Adblock? Vergesst es!

Doch welche Strategien gibt es, um der Adblocker-Seuche Herr zu werden? Beliebt sind derzeit Paywalls und Adblocker-Blocker, erstere können sich jedoch nur Publisher mit einer großen Stammkundschaft leisten. Und die Adblocker-Blocker? Nunja: Auch die werden von Adblock Plus und Co. blockiert, quasi als Adblockerblockerblocker. Wer genug Geld hat, kann sich dank der dubiosen Geschäftsgebahren von Adblock Plus und Co. freikaufen – und ballert trotzdem alles mit Werbung zu. Die Adblocker-Problematik ist damit aber längst nicht beseitigt.

Was bleibt, ist Wut

Mich persönlich macht dieses ganze Thema immer wütender. Beispiel Tutonaut.de: Bei rund 630 hochwertigen Beiträgen auf der Seite und rund 8.000 Unique Visitors am Tag kommen wir auf Werbeeinahmen von gerade einmal 20 Euro am Tag. Wir verwenden drei Adsense-Banner, hinzu kommt ein wenig Kleingeld durch Amazon Affiliate-Links. Da wir die Seite zu dritt betreiben, kommen wir am Monatsende mit je 200 Euro brutto heraus – Geld, das zwar ein nettes Taschengeld ist, aber am Ende des Tages keine Relevanz besitzt. Sowohl Boris, als auch Mirco und ich investieren – auch aus Spaß an der Freude – monatlich mehrere dutzend Stunden, um Euch interessante Inhalte zu liefern. Nein, ich will nicht meckern: Wir sind (auch) ein Spaßprojekt, aber für uns ist es natürlich ein mittelfristiges Ziel, von der Seite leben zu können. Was bedeutet, dass wir die aktuellen Umsätze mindestens um den Faktor 15 steigern müssten.

Wir Publisher sollten uns selbst verpflichten

Schon deshalb wäre es eventuell sinnvoll, über eine freiwillige Selbstverpflichtung nachzudenken: Wir wollen nicht noch mehr User in die Arme der Adblocker treiben. Denn es ist unwahrscheinlich, dass die Website-Nutzer freiwillig auf Adblocker verzichten. Ebenfalls unwahrscheinlich ist, dass sie die Adblocker deinstallieren, bestenfalls ein Whitelisting könnte man, eine entsprechend überzeugende Argumentation vorausgesetzt, erzielen. Und so bleibt einzig die Möglichkeit, Werbung im Web so unaufdringlich wie möglich zu gestalten. So sorgen inzwischen viele Agenturen mit Advertorials und gesponserten Posts für qualitativ hochwertige Inhalte, die gleichzeitig Geld einbringen; die allerdings sind von der journalistischen Warte betrachtet zumindest bedenklich.

Klassische Bannerwerbung reicht!

Ich für meinen Teil bin deshalb nach wie vor eher ein Freund der klassischen Bannerwerbung: Der Leser soll selbst entscheiden, ob er die Website unterstützen möchte oder nicht. Zu vermeiden ist nur, dass er die Möglichkeit zur Unterstützung nicht mehr sieht, weil er, überdrüssig von aufdringlicher Werbung auf manchen Portalen, einen Adblocker installiert hat. Schon deshalb sollte jeder darauf achten, seine Werbung möglichst zurückhaltend zu gestalten – und so dafür zu sorgen, dass sie die Nutzer nicht in die Arme der Adblock-Anbieter treibt. Denn es ist ja nicht so, dass Werbung grundsätzlich sinnlos wäre: Viele User profitieren von seriös gestalteten Anzeigen, die zum Beispiel auf Rabattaktionen oder Sonderangebote in den von ihnen favorisierten Shops oder auf neue Produkte hinweisen. Wer die Ads als Leser filtert, verliert auch ein Stück weit die Möglichkeit, das ein oder andere interessante Angebot zu nutzen. Und so sollten wir uns auf eine faire Lösung für beide Seiten einigen – profitieren könnten alle davon.

Über den Autor

Christian Rentrop

Technikjournalist und Schreiberling aus Überzeugung. Schon als Zweitklässler 1986 mit dem Amstrad CPC angefixt, habe ich mich immer für Computer und Technik interessiert und finde: Computer sind nichts, wovor man Angst haben sollte.

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Kommentare

  • Eine Problematik bleibt hier leider unbrücksichtigt.
    Werbung setzt Scripting voraus; zu geschätzt 100 Prozent.
    Die nervt wie gesagt und oft dauert es ewig, bis eine Seite überhaupt geladen ist.
    Nicht mal mehr animierte GIF’s lassen sich heute einfach bändigen.

    ICH browse zum Lesen üblicherweise mit dem FF OHNE Scripting.
    Das verhindert die beschriebenen Belästigungen und verhindert lange Ladezeiten wegen Adsens-Ladeketten durch das Netz .

    Auf Webseiten, die ich entweder zum Kommentieren oder Bestellen aufrufe, verwende ich Safari mit Scripting.

    Es liegt eben zuerst am Webseitengestalter, ob ich Werbung hinnehme oder sogar sehen möchte.
    Wenn das dezent geschieht und zu meinem Thema passt, dann gehts schon oder gerade noch.
    Siehe 3D-Druck akzuell bei http://www.3ders.org/ oder allgemeines Geschwafel bei Stadt-Bremerhaven.de

  • … und für diesen qualifizierten Kommentar habe ich meinen uBlock.Origin für euch deaktiviert. Leider wundere ich mich auf fremden Rechnern immer wieder darüber, wie nervig das Internet aussieht, bis man Blocker für alles installiert hat. Der Weg, Werbung sanft zu zeigen und dezent(!) auf die Notwendigkeit hinzuweisen ist mE erfolgversprechend. Drücke euch die Daumen und klicke auch mal auf ein paar Banner!

    • Danke! Sehr löblich und freundlich – wir freuen uns natürlich ganz besonders über so positives Feedback 🙂 Keine Sorge: Wir lehnen alle nervigen Werbeformen ab. Geld ist nicht alles im Leben und die paar Google-Banner stören ja in aller Regel nicht. Popups oder Overlays, Autoplay-Videoanzeigen und ähnlichen Firlefanz wirst Du bei uns auch in Zukunft nicht finden.