Test: Over-Ear-Bluetooth-Kopfhörer Avantek AudioMX – ein wahres Basswunder, oder eher Basswahnsinniger, der mit einem kleinen Kniff zu einem 65-Euro-Gerät mit wirklich gutem Preis-Leistungsverhältnis mutiert.

Distributor Avantek hat uns mit einem Bluetooth-Kopfhörer zum Testen versorgt, dem AudioMX für einen Amazon-Verkaufspreis von 65,99 Euro. Erstmal die Fakten: Bluetooth 4.0, aptX, Freisprecheinrichtung, laut Hersteller 20 Stunden Akkulaufzeit, Over-Ear, zusammenklappbar – so ein Kopfhörer ist eben im Grunde ein recht simples Testobjekt, was die Features angeht. Etwas komplexer sind da schon Verarbeitung und Audioqualität – hier sieht es auf der einen Seite ziemlich gut aus, auf der anderen, nun …

Der Kopfhörer besteht aus Standardkunststoff, Metall an den ausziehbaren Muscheln und weichen Kunsstoffpolstern aus einer Art Lederimitat. Das klinkt wenig spektakulär, fühlt sich aber durchaus wertig an, und da auch die Nähte und Verklebungen einen guten Eindruck machen, gibt es hier nichts zu meckern. Vor allem aber sitzt der Kopfhörer sehr bequem: Auf meinem eher groß geratenen Kopf drückt er nicht an den Seiten, ist oben sehr angenehm weich gepolstert und die ausziehbaren, 3D-gelagerten, eigenwillig rechteckig geformten Ohrmuscheln sitzen tatsächlich nahezu perfekt über den Ohren. Allerdings ist die obige Polsterung sehr leicht, sodass zumindest fraglich ist, ober sie viele Jahre lang hält. Auf der andern Seite sind die Scharniere zum Abklappen der Ohrmuscheln gut verarbeitet: Hier schnappt einfach der Metallbügel in eine gebogene Metallaufnahme und das ganze ist verschraubt – sprich wenn der Verschluss irgendwann mal nicht mehr so recht will, dürfte sich hier mit einer Zange gut aufbereiten lassen.

Mit Equalizer top, ohne ein Flop.

Knöpfe, Buchsen, Bedienung und Akku

Die Ausstattung besteht aus An-/Ausschalter, Laut-/Leiseschalter, Klinken- und USB-Buchse – eben Standard. Buchsen wie Schalter sind recht lieblos gestaltet und ins Plastik gestanzt – da ist der von Boris getestete Magnat LZR 588 schon ein anderes Kaliber. Die Knöpfe lassen sich dennoch problemlos nutzen, langes Drücken skippt wie üblich Songs. Die Bluetooth-Buchse schreit jedoch nach Kratzern auf dem umgebenden Plastik. Die angegebene Akkulaufzeit von 20 Stunden ist leicht übertrieben, aber er läuft immerhin rund 8 Stunden bei mittlerer Lautstärke. Übrigens: Den Kopfhörer gibt es baugleich von anderen Anbietern – da wird aber schon nur noch von 12 Stunden gesprochen. Ein Wort noch zur Klinkenbuchse: Steckt man den Stecker komplett rein, kommt nur Mono-Ton, zieht man ein wenig heraus, Stereo-Ton – vielleicht nur ein Montagsgerät, daher kommt dieser Punkt nicht in die Wertung.

Etwas lieblos, aber ordentlich zu ertasten und drücken.

Klang – Standard

Die Verbindung mit dem Nexus 4 klappt erwartungsgemäß problemlos, ein langer Druck auf den Ein-/Ausschalter aktiviert den Pairing-Modus. Ein erster Song erklingt, irgendetwas von Black Sheep – und der Bass ist regelrecht erschlagend. Nun gut, Hip Hop ist eben basslastig. Aber auch Metal-, Folk- und Wasauchimmer-Songs lullen völlig mit Bass ein. Nun mag ja jedermann viel Bass, und ein Mangel davon ist wohl einer der häufigsten Kritikpunkte bei mobilem oder kleinem Audio-Equippement – aber das hier ist einfach zu viel. Standardmäßig klingen alle fünf probierten Android-Musik-Apps (Vanilla, Google Music, SicMu, TurtlePlayer, Pretty Good Music Player) dermaßen bassig, dass es sich ein wenig anfühlt wie in der einzigen Dorfdisko, 3 Uhr morgens, ein Dutzend Whisky Cola intus, DJ packt schon ein, was läuft ist längst egal, unbestimmbares Bassgewaber hält die letzten aktiven Körperzellen davon ab ins 10-Stunden-Koma zu fallen. Höhen? Wenig. Mitten? Was sind Mitten? Wer einfach nur Bass haben will, um sich zu pushen oder wach zu bleiben, ist mit dem AudioMX soweit gut bedient – alle anderen dürften das Teil sofort wieder einpacken und zurücksenden, bis hierher!

Gute Scharniere.

Verschraubt.

Klang – Angepasst

Von den obigen Playern bietet leider nur Vanilla einen Equalizer und der durfte beim Testen endlich mal zeigen, was er kann (eigentlich verzichte ich auf Equalizer): Er kann dafür sorgen, dass ein 65-Euro-Kopfhörer nicht zwangsläufig wieder zurück muss. Mit heruntergedrehten Bässen und leicht angehobenen Mitten und Höhen zeigt der AudioMX, dass er eigentlich ein wirklich gutes Stück Hardware ist – der Klang ist ausgewogen, klar und voll. Und da er auch die Umgebungsgeräusche sehr ordentlich abschirmt, macht er jetzt wirklich Spaß.

Die Freisprecheinrichtung

Das Telefonieren über die Freisprecheinrichtung klappt erstaunlich gut: Die Lautstärke ist gut, die Sprachqulität klingt ein wenig nach sehr heruntergeregelter MP3, aber alles in allem ist das Mikro völlig zufriedenstellend – wenn auch natürlich nicht als Mikrofon zum Aufnehmen.

Fazit

Für einen BT-Kopfhörer im unteren Preissegment bekommt man einen sehr bequemen, ordentlich verarbeiteten und tadellos funktionierenden Tonlieferanten. Dazu kommt allerdings eine zwiespälige Kaufempfehlung: Wenn Ihr damit leben könnt, mit einem Equalizer nachzuhelfen, ist der AudioMX jeden Cent wert, der Ton überzeugt dann wirklich voll und ganz – für das Preissegment. Noch mehr Zwiespalt sähen scheinbar baugleiche Geräte: Andere Anbieter bieten den Kopfhörer ab 40 Euro an (siehe unten im „P.S.“). Zum Vergleich musste hier ein Bose Triport mit Kabel herhalten, der deutlich besser Klingt. Allerdings kostet der Triport-Nachfolger in der Bluetooth-Version auch rund 250 Euro. Wer hingegen an seiner Lieblings-App festhält und/oder keine Equalizer-Spielerei will, dürfte mit dem AudioMX nicht glücklich werden, der Sound ist standardmäßig einfach zu basslastig dumpf. Aber wie gesagt: Zu wenig Bass lässt sich schlecht softwareseitig korrigieren, zuviel Bass hingegen ziemlich gut. Übrigens: Der Anschluss via Klinkenkabel bringt auch keine Abhilfe, der Kopfhörer scheint einfach softwareseitig schlecht konfiguriert.

P.S.:
Der von Avantek unter dem Namen AudioMX (20 h Laufzeit lt. Hersteller) angebotene Kopfhörer scheint identisch mit dem CSL 450 LE (14 h Laufzeit lt. Hersteller), der bei Amazon für 54,58 Euro angeboten wird. Und auch der GEEGA S204 (10 h Laufzeit lt. Hersteller) weist erstaunliche Ähnlichkeit auf – dieses Mal für 39,99 Euro! Schon interssant, je teurer, desto länger soll der Akku halten – vielleicht sind die Modelle ja nur außen identisch, haben aber unterschiedliche Stromversorger, allein mir fehlt der Glaube …
Übrigens: Boris hat sich den GEEGA gekauft und konnte die Bass-Überdosis nicht bestätigen – wir werden bei Gelegenheit mal beide parallel testen und schauen, ob Boris Ohren oder mein Modell einen Hau haben.

P.P.S.:
Noch ein Nachtrag zum Sound: Es gibt auch Reviews im Netz, die den extremen Bass auch hören, aber mögen. Natürlich ist da viel persönlicher Geschmack mit bei, ein Labor haben wir leider nicht und ich bin sicherlich kein übertrieben audiophiler Mensch, aber für eines lege ich meine Hand ins Feuer: Ohne Equalizer ist der Klang für die meisten Musikrichtungen untauglich.

Über den Autor

Mirco Lang

Mirco Lang

Am Anfang war der C-64 des großen Bruders des besten Freundes in der Grundschule ...

Der echte Technikwahn kam dann mit einer Ausbildung bei Saturn - als Computer noch erklärt werden mussten, Soundkarten benötigten, ein gutes Monatsgehalt kosteten und das Internet nur bei Nerds und mit 38 kbp/s lief, bestenfalls.

Ein Studium der Informationswirtschaft und ein paar Jahre als Redakteur bei Data Becker später, sitzt hier ein freier Journalist, der auf Old-School-Computing (cli ftw!), Free Software, Frickelei, Kodi und "Hundedinger" steht - und Grauseligkeiten wie Bild und Heftig.co zutiefst verabscheut.

Und sonst so? Sauerländer, BSI-Mitarbeiter, untalentierter Musikinstrumentebesitzer und seit 24 Jahren Skateboarder, ein ziemlich alter. Und manchmal kommt das abgebrochene Philo-Studium wieder durch ...

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