Mit Website X5 Pro könnt Ihr im Baukastenprinzip Websites aufbauen – inklusive Maps, Social Media, Shop und mehr. Wie schlägt sich das 200-Euro-Programm?

Nein, sie sind noch nicht ganz tot, die guten alten Web-Baukästen, auch wenn Online-Funktionen der Provider und vor allem CMS wie WordPress und Joomla längst für das gros der Webseiten verantwortlich sind. Aber Baukästen haben durchaus noch Relevanz: Sie bieten Laien und Einsteigern die Möglichkeit, individuell gestaltete Seiten anzubieten und dabei sogar Shop-Elemente, Animationen, Google Maps, Galerien und so weiter zu nutzen – bei WordPress & Co. verlangt das entweder nach Ahnung oder die Seiten sehen aus wie alle anderen. Und wen sollte das interessieren? Vor allem Kleinunternehmen und kleine Mittelständler profitieren davon, können sie sich doch professionell präsentieren und von der Konkurrenz absetzen. So weit die Theorie – und wie schlägt sich hier nun das 200-Euro-Tool Website X5 Professional?

Website X5 kam vor knapp zehn Jahren vom italienischen Anbieter Incomedia nach Deutschland und fand sich als kostenlose Special Edition auch immer wieder auf der Heft-DVD der PC Praxis (die Kollege Rentrop und Ich jeweils rund ein Jahr als Produktmanager betreuen „durften“ …). Der Clou (und Namensgeber): In fünf Schritten kam man zur fertigen Website – selbst Laien konnten so in schätzungsweise zwei Stunden einen ansehnlichen Webauftritt hinlegen. Die aktuelle und hier getestete Version Website X5 Professional 11 bekommt das nicht mehr so einfach hin: Es sind immer noch fünf Schritte, aber innerhalb jedes Schritts gibt es reichlich Optionen – es dauert länger, ist nicht mehr ganz so einfach, aber man wird immer noch sehr gut durch den Ablauf geführt.

Vorab das Wichtigste in aller Kürze: Mit Website X5 Professional lassen sich für das vorausgesetzte Know-How sehr gute Ergebnisse erzielen – Laien/Einsteiger könenn sogar Shops aufsetzen. An die Flexibilität und Funktionsvielfalt von Dreamweaver und CMS kommt X5 nicht heran. Für Kleinunternehmer, Handwerker und kleine Webschmieden sind die knapp 200 Euro aber gut angelegt.

Die fünf Schritte
Schritt 1: Hier werden allgemeine Einstellungen wie Seitenname, Adresse, Sprache und vor allem das Template ausgewählt – von denen es erfreulich viele gibt. Die Templates lassen sich recht einfach anpassen, nicht per WYSIWYG-Editor, sondern über Eigenschaften von Menüleiste, Header, Textbereich und so weiter. Da muss man sich erst dran gewöhnen und erfahrene Web-Entwickler dürften etwas frustriert sein, aber für Einsteiger/Laien ist es eben ohne Einarbeitung machbar.

Viele brauchbare Templates, durchgehend anpassbar.

Editieren

Statt WYSIWYG und CSS, „designt“ Ihr hier per Eigenschaften.

Schritt 2: Erstellen der Sitemap. Hier erstellt Ihr einfach einen hierarchischen Seitenbaum – schlicht, einfach, perfekt.

Super gelöst: So einfach erstellt Ihr die Seitenstruktur.

Schritt 3: Seiten erstellen. Hier lauert die eigentliche Arbeit: Zunächst teilt Ihr die einzelnen Seiten in beliebig viele Spalten und Zeilen auf und zieht dann per Drag&Dropt die verschiedenen Inhaltstypen auf eine oder mehrere Zellen. Als Typen gibt es: Text, Bild, Tabelle, Galerie, Video/Audio, Mail-Formular, Social Network Buttons, Gästebuch, Landkarte, Flash-Animation, Produktkatalog, dynamischer Inhalt, HTML-Code sowie Bookeo, Google News Box, Google Translate und Youtube News, PDF-/PPT-Viewer und Counter von Shinystat.

Content-Elemente zieht Ihr einfach auf die gewünschten Zellen.

Einmal platziert, legt Ihr die Eigenschaften der jeweiligen Inhalte fest, also beispielsweise die Adresse für den Google Maps Viewer, Texte, Bilder etc. Im Grunde lässt sich hier fast alles realisieren, da schließlich externe Animationen und eigener HTML-Code genutzt werden können. Spannend sind aber andere Aspekte: Der Maps Viewer funktioniert tadellos und ist sehr hilfreich, Galerien sind ebenfalls schnell angelegt, der PDF-Viewer läuft ohne weiteres, nur die Youtube News wollen partout nicht, was aber nicht weiter wild ist. Interessant ist die integrierte Shop-Funktion, die freilich nicht mit ausgewachsenen Shops wie OS-Commerce mithalten kann, aber für ein überschaubares Angebot genügt es – etwa für den örtlichen Party-Service, ein wenig Merchandise, den Torten-Lieferservice des Konditors oder auch die Metallwaren eines Mittelständlers. Diverse Zahlungsarten wie Paypal, Kreditkarte oder Google Wallet verstehen sich von selbst. Nicht so selbstverständlich: Der X5-Shop lässt sich an Datenbanken anbinden!

Social Media? Kein Problem; wenn auch nicht mit der Auswahl, wie man sie bei WordPress & Co. findet.

Schritt 4: Nun stehen Extras wie der integrierte Blog, Statistiken, Introseite, Zugangsverwaltung, Datenmanagement, RSS-Feed und Mobile App an – allesamt sehr einfach und intuitiv zu konfigurieren. Auch die Einrichtung des Online-Shops findet hier statt – im vorigen Schritt wird lediglich das Frontend in die Seite eingebaut. Produkte lassen sich direkt in X5 als hierarchischer Baum anlegen oder aus Datenbeständen importieren.

Ein Shop, den auch Laien hinbekommen? Ja!

Mobile

Mobil, aber mit Abstrichen, da eigentlich nur RSS …

Schritt 5: Hier unterstützt Euch X5 beim Export und bei der Optimierung – nichts Spektakuläres. Ein kleines Manko: Zwar gibt es den Export via FTP, aber der geneigte X5-Nutzer ist wohl eher Website-Laie und da wäre ein integriertes Hosting-Angebot nützich, in der Art: Hosting bei Incomedia dazubuchen und dann direkt über X5 veröffentlichen und den Code für die Weiterleitung der eigenen Domain anbieten. Aber gut, FTP-Upload sollte auch ein werdender Webmaster auf die Reihe bekommen – dringend!

Der FTP-Upload genügt in der Regel, aber eine direkte Anbindung an Hosting-Angebote wäre schon nett.

Was ist gut?
Die Nutzerführung ist gut, das Angebot an Templates und Bildern ist ebenfalls gut und die Menge an Features kann sich für einen Baukasten durchaus sehen lassen. Natürlich gilt das nicht für die heute übliche Website-Kategorie „Blog“, nicht für hochdynamische Seitenprojekte, nicht für umfangreiche Shops und vor allem nicht für Menschen, die CSS, PHP, SQL und HTML aus dem FF beherrschen – aber für das, was X5 will: Einsteigern und Laien die Möglichkeit verschaffen, gut aussehende, fehlerfrei funktionierende Seiten zu erstellen, die im wesentlichen auf statische Inhalte bauen, die mit kleineren dynamischen Elementen wie Shops und Standards wie Kartenansichten auskommen und sich ein wenig von der Masse absetzen (können). Zum Schluss noch ein echtes Highlight: Mit dem integrierten Bild-Editor lassen sich schnell Optimierungen oder Effekte wie Sepia & Co. umsetzen – das ist einfacher, als einen externen Helfer zu nutzen.

Viele Bilder, gute Bilder und vor allem Bilder, die auch kommerziell genutzt werden dürfen!

Was ist schlecht?
Das Anpassen der Templates geht wie berichtet recht einfach und umfangreich über simple Eigenschaftendialoge – allerdings muss man anfangs sehr viel mit der Vorschau spielen, um herauszufinden, welche Einstellungen sich wie genau auswirken; hier wäre eine Live-Vorschau ganz praktisch. Ansonsten stören hier und da Kleinigkeiten, beispielsweise lassen sich Bilder aus Bildergalerien nicht einzeln anklicken und so in voller Größe zeigen – sieht man häufig, ist aber dennoch schrecklich. Ebenfalls schrecklich: Weitere Inhaltstypen und Templates gibt es online oder direkt als In-App-Käufe – und kosten beispielsweise 10 Credits/Guthaben. Toll. Danke. Tschüss. Ernsthaft Leute, gebt Preise bitte in vernünftiger Währung an, nicht in Fantasie-Währung. Keine Ahnung, was ein Credit wert ist und ich habe auch keine Lust nachzuschauen, Fantasie-Werte haben in meinen Augen immer nur einen Zweck: Kunden (!) durch Intransparenz abzuzocken. Ganz, ganz schwach.

Nein, nein, nein. Euro, nicht Credits. Egal warum.

Die Mobile App: Nun, hier bin ich nicht glücklich. Liest man die Website von X5 durch, glaubt man zunächst einmal, man bekäme auch gleich eine App-Version der eigenen Website. Aber Pustekuchen. Stattdessen gibt es bei Google Play einen Incomedia-eigenen RSS-Reader – der, oh Wunder, Eure Seite darstellen kann. Wie man es auch dreht und wendet, hier weichen Wunsch und Wirklichkeit doch arg voneinander ab.

Gesamteindruck
Die Usability ist für die Zielgruppe nach wie vor sehr gut – und daher bekommt mit X5 jeder Bäcker, jeder „IT-Mensch“ beim Kleinunternehmen, jeder Verein, jeder Einzelhändler oder Handwerker eine schicke, einwandfrei funktionierende Seite hin (gestalterisches Geschick kann Website X5 freilich nicht ersetzen). Die Vorlagen und Bilder sind tatsächlich brauchbar bis sehr gut, Maps, Galerien & Co. gehören sich einfach auf modernen Seiten und selbst für den ersten eigenen Shop ist gesorgt – und das alles viel einfacher und pflegeleichter als bei CMS-Anpassungen und individueller als Standard-CMS-Looks. Insofern ist Website X5 Professional durchaus empfehlenswert – mit 199 Euro freilich nur für den professionellen Gebrauch. Die Version Evolution für 69,99 Euro dürfe allerdings bereits vielen Nutzern genügen, auch wenn einige Aspekte weniger ausgeprägt sind, etwa Shop, Grafikeditor oder Mobile App; hier gibt es einen Vergleich der Versionen.

Fünf Versionen – da lohnt der sorgfältige Vergleich.

Zielgruppe Web-Agentur: Nicht zu vergessen, auch für kleine Web-Agenturen, ist Website X5 möglicherweise interessant, da sich beliebig viele Projekte damit umsetzen lassen – ein Riesenunterschied etwa zum ehemaligen Data-Becker-Flaggschiff Web-to-Date und vielen anderen Baukästen, die weitere Gebühren für Projekte verlangen. Das typische Szenario wäre etwa der Kleinbetrieb auf dem Land, der für lokale Bäcker, Schulen, Maler, Vereine und so weiter kleine Homepages realisiert – sitzt der Workflow einmal, lässt sich damit durchaus lukrativ arbeiten und das mit durchaus professionellen Ergebnissen.

Website X5 oder Dreamweaver oder WordPress oder Provider-Baukasten?
Tja, eine gute Frage. Dreamweaver ist für echte HTML-Frickler mit Ahnung von Design und Technik – für die individuellsten Ergebnisse. WordPress ist perfekt für Seiten, die ständig neue Inhalte bekommen und deren Webmaster quasi im Internet und den sozialen Netzwerken leben und bereit sind, sich um Sicherheit, Updates etc. zu kümmern. Provider-Baukasten sind meist eher für Minimalisten, die auf drei Seiten Ihre Familie und Ihren Hund vorstellen wollen … Website X5 Professional bringt für den verlangten Skill Level sehr viel Website ins Netz – für Nicht-ITler, die Ihren Kleinbetrieb oder kleines KMU präsentieren und gegebenenfalls auch monetarisieren wollen, ist X5 sicherlich die beste Option (sofern man es denn selbst machen will). So oder so: Vor dem Kauf solltet Ihr das Programm definitiv ausprobieren – sei es als Pro-Demo oder Gratis-Version.

Nicht schick, aber durch die unterschiedlichen Farben seht Ihr die Elemente der Seitenstruktur, die Ihr ändern könnt. Konkret im Bild ist hier ein Blog-Post in der Vorschauzu sehen und im Hintergrund der Template-Editor von X5.

Ein Hinweis zur Wertung: Hier ist die Zielgruppe Einsteiger/Laien/Nicht-IT-Kleinunternehmer im Hinterkopf – Dreamweaver-Frickler und WordPress-Fanatiker dürften die Usability beispielsweise für sich selbst als völlig unbrauchbar bezeichnen.

Über den Autor

Mirco Lang

Mirco Lang

Am Anfang war der C-64 des großen Bruders des besten Freundes in der Grundschule ...

Der echte Technikwahn kam dann mit einer Ausbildung bei Saturn - als Computer noch erklärt werden mussten, Soundkarten benötigten, ein gutes Monatsgehalt kosteten und das Internet nur bei Nerds und mit 38 kbp/s lief, bestenfalls.

Ein Studium der Informationswirtschaft und ein paar Jahre als Redakteur bei Data Becker später, sitzt hier ein freier Journalist, der auf Old-School-Computing (cli ftw!), Free Software, Frickelei, Kodi und "Hundedinger" steht - und Grauseligkeiten wie Bild und Heftig.co zutiefst verabscheut.

Und sonst so? Sauerländer, BSI-Mitarbeiter, untalentierter Musikinstrumentebesitzer und seit 24 Jahren Skateboarder, ein ziemlich alter. Und manchmal kommt das abgebrochene Philo-Studium wieder durch ...

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