Hat Apple auf der September-Keynote die Konkurrenz kopiert? Wir finden nicht: Die neuen Produkte sind eher geschickte Neuinterpretationen.

Heute morgen musste ich diesen Artikel von Kollege Pallenberg lesen: Das gestrige Apple-Event sei eine „Copycat-Show“ gewesen, Apple habe nichts weiter getan, als Konzepte des Mitbewerbs (Microsoft Surface, Nintendo Wii…) zu kopieren. Zudem beschwert er sich über den „Apple-Stylus“ des iPad Pro, auf dem auch der Rest des Internets jetzt schon den ganzen Tag herumreitet. Ich sehe das nach einer Nacht Schlaf anders: Das erste Mal in der Tim Cook-Ära hat Apple geliefert – und zwar ordentlich!

Das iPad Pro war der große Knüller des Apple-Events, aber mit Ansage. Das, was Apple lieferte, war nichts anderes als das, was schon seit Wochen von den Gerüchteseiten spekuliert wurde. Optisch und funktional erinnert es, da liegen die Meckerfritzen Marke Pallenberg richtig, erinnert es doch arg an Microsofts Surface 3 und ja, auf den ersten Blick erscheint das neue 12,9″-Apple-Tablet wie eine ziemlich dreiste Kopie des seit nunmehr drei Jahren erfolglosen iPad-Klons von Microsoft. Aber genau das sind die Stichwörter: „Erfolglos“ und „iPad-Klon“. Denn anders als das iPad Pro, das sich, wie schon 2010 das iPad, nahtlos in ein bestehendes Software-Ökosystem einbettete und trotzdem eine komplett neue Geräteklasse darstellte, war das Microsoft Surface trotz interessanter Ansätze nie mehr als ein unnötig verstümmelter Laptop mit Touch-Display. Oder ein Tablet mit unsinnigem Desktop-Betriebssystem. Gipfel dieser bizarren Entwicklung war das sogenannte Betriebssystem Windows RT: Ein Windows, das nicht Windows-kompatibel war und über keine sinnvolle Tablet-Oberfläche verfügte – kein Wunder, dass Microsoft diesen Versuch längst beerdigt hat. Und so ist es müßig, Apple zu unterstellen, von Microsoft geklaut zu haben: Vielmehr hat man sich den Surface-Ansatz zueigen gemacht und sinnvoll aufgearbeitet und bietet eine Funktionalität, die dem Surface trotz des hervorragenden Windows 10 immer noch schuldig bleibt. Auch wenn man dafür das „kastrierte“ iOS in Kauf nehmen muss, das sich aber mit Version 9 inzwischen durchaus als Notebook-Ersatz verwenden lässt.

Für Grafiker ergeben sich völlig neue Möglichkeiten.

Von wegen „Stylus“!
Und der vielgescholtene „Stylus“, über den geschrieben wurde, dass Steve Jobs deswegen im Grabe rotieren würde? Nun: Ein „Pencil“ ist kein „Stylus“, denn ersterer ist ein Zusatzgerät, letzterer für die Bedienung zwingend notwendig. Das iPad bleibt ein iPad mit Fingerbedienung und der „Pencil“ ist letztlich eine verbesserte Version der schon seit geraumer Zeit erhältlichen iPad-Stifte, der besonders Grafikern, die auf dem iPad zeichnen möchten, ein zusätzliches und sehr präzises Werkzeug an die Hand gibt. Klar: Das hat man auch schon gesehen, etwa beim Samsung Galaxy Note, doch auch hier war sich der Hersteller offensichtlich wieder nicht darüber im Klaren, was er da eigentlich verkaufen will. Und so ist das iPad Pro nichts weiter als ein größeres iPad mit einem ganz offensichtlich deutlich feinerem Touch-Interface, denn sonst würde der Pencil nicht so präzise funktionieren.

Das ist ein Stift, kein „Stylus“!

Auch bei den weiteren Neuerungen wurde gemeckert, und das nicht zu knapp. Doch grundsätzlich ist weder gegen das iPhone 6S als konsequente Weiterentwicklung der iPhone-Baureihe zu sagen, vom Preis einmal abgesehen, der dank laschen Dollar-Wechselkurses, Mehrwertsteuer und Apples Europa-Aufschlag in der realistischen 64-Gigabyte-Variante bei 849 Euro liegt, beim Plus noch einmal 110 Euro mehr, was im Grunde frech ist. Aber das iPhone will ich aber jetzt auf Seite lassen, auch wenn es hier ebenfalls Kopiervorwürfe gab. Viel wichtiger ist wohl das AppleTV 4 und, nunja: Hier könnte man Apple durchaus einen gewissen Hang zum Nachäffen unterstellen. Tobias Gillen von Basicthinking etwa twitterte:

Womit er nicht ganz unrecht hat. Das AppleTV war zwar immer schon ein Kandidat für eine Spielekonsole, weil es unter iOS lief und ähnliche Hardware wie iPhone und Co. besaß. Ein Potential, das ich lange gesehen habe, das Apple selbst aber scheinbar nie auf dem Schirm hatte. Anfang vergangenen Jahres ließ ich mich bei Netzwelt.de zu Spekulationen über ein AppleTV mit Konsolenfunktion hinreißen. Dort schrieb ich in einem Anfall von Hellsicht noch vor dem Release des FireTV:

Auch wenn ich Tim Cook schon vor mir sehe, wie er auf der nächsten Keynote die neue Spielefunktion auf der Streaming-Box verkauft, als hätte Apple das Rad erfunden, freue ich mich: Ja! Endlich! Und als jemand, der selten und am liebsten mit Freunden Multiplayer an einem Bildschirm spielt, kann ich nur sagen: bye-bye, blöde Wii!

Dagegen kann die Wii vermutlich einpacken.

Und ja! Endlich! Ich stehe noch zu meiner Meinung. Das neue AppleTV mag von FireTV und Wii abgekupfert sein, der Clou ist jedoch, dass es sich dabei trotzdem um etwas Eigenständiges handelt. Ich bin mir sicher: Das AppleTV mit Konsolenfunktion wird Home-Entertainment auf ein neues Level bringen, denn es ist keine Kopie eines vorhandenen Systems, sondern führt die Vorzüge von FireTV und Konsolen wie Nintendos Wii durch exklusive Titel zusammen, während Amazon einfach einen weiteren Android-AppStore mit den üblichen 08/15-Titeln betreibt, die eigentlich für Smartphones und Tablets gedacht sind. Sicher: Das Eingabekonzept erinnert an die Wii – aber nach dieser Logik müsste man auch Sony vorwerfen, den Controller des Super-Nintendo kopiert zu haben. Natürlich muss die Realität erst einmal zeigen, ob das AppleTV Kunden findet, die Unterstützung von Apps dürfte es jedoch extrem flexibel machen und dafür sorgen, dass es sich schnell durchsetzt, auch wenn, wie viele monieren, 4K-Unterstützung und ein optischer Audioausgang fehlen.

Das AppleTV 4 ist Mediaplayer und Konsole in einem.

Fazit: Kopieren ist nicht gleich Kopieren
Nur, weil etwas ähnlich aussieht, ist es keine Kopie, lieber Herr Pallenberg und all Ihr anderen Meckerfritzen. Und nur, weil etwas ähnliche Technologien einsetzt, wurde nicht zwangsläufig abgekupfert. In einer industrialisierten Welt sehen Produkte oft ähnlich aus, doch niemand würde Toyota den Vorwurf machen, von VW abzukupfern, nur weil beide ähnliche Systeme entwickelt haben und Autos immer vier Räder haben. Niemand würde LG vorwerfen, Philips zu kopieren, nur weil die TV-Geräte ähnlich aussehen und ähnliche Funktionen bieten. Und niemand hat Microsoft je vorgeworfen, das iPad kopiert zu haben. Fakt ist: Es gibt zu jedem beliebigen Zeitpunkt in einer Industriegesellschaft ein gewisses technisches Niveau und einen gewissen Schatz an möglichen einsetzbaren Technologien und Funktionen, die eingesetzt werden können. Dass diese sich ähneln, ist eher die Regel als die Ausnahme.

Unternehmen interpretieren die vorhandenen Technologien unterschiedlich – und Apple ist ein wahrer Meister darin, Vorhandenes zu nehmen, neu zu überdenken und mit einem Apfel-Logo versehen erfolgreich als Innovation zu verkaufen. Das war bei der grafischen Benutzeroberfläche nicht anders als bei der Maus, dem Unix-Betriebssystem (OS X) dem MP3-Player (iPod), dem Smartphone (iPhone) oder dem Tablet-PC (iPad) und es war schon immer so – ganz ohne den Vorwurf, kopiert zu haben. Denn letztlich zählt nicht, ob eine Technologie vorhanden ist – sondern ob sie auch problemlos verwendbar ist. Und hier hat Apple ganz offensichtlich immer noch die Nase vorn. Aus meiner Sicht jedenfalls war die vergangene September-Keynote die erste, bei der das neue Tim-Cook-Apple ordentlich geliefert hat.

Über den Autor

Christian Rentrop

Technikjournalist und Schreiberling aus Überzeugung. Schon als Zweitklässler 1986 mit dem Amstrad CPC angefixt, habe ich mich immer für Computer und Technik interessiert und finde: Computer sind nichts, wovor man Angst haben sollte.

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1 Kommentar

  • Ich stimme dir in den meisten Punkten zu (zumindest beim Stichwort „Kopieren“ vs. „Übernehmen/integrieren/verbessern“).

    Aber bei den ganzen hämischen Kommentaren geht es doch vor allem um eine Sache: Apple hat sich bei der Präsentation des iPad 2 hingestellt und das „Year of the Copycat“ ausgerufen, weil alle das iPad „kopieren“ wollten. Das mag in der Sache damals auch nicht falsch gewesen sein, aber es ist halt albern, hochnäsig und völlig daneben, wenn ein Unternehmen selber seit Jahren nichts anderes tut, als von anderen zu „klauen“ (ich setze das bewusst in Anführungszeichen 😉 ). Sei es nun bei den Software-Features von iOS oder den Hardware-Funktionen wie dem Stylus-Pen-Stift-Digitizer-Schlagmichtot 😉