Das Internet ist voller altbackener Seiten, die seit über einer Dekade nicht gepflegt wurden. Wir zeigen Euch, wie Ihr sie finden könnt.

Hach, früher… da gab es im Internet noch allerlei Spökes: Wilde Hintergründe, hässliche Gästebücher mit fürchterlichen Inhalten, legasthenische Texte, pixlige Videos, animierte GIFs mit Katzen… wobei… nunja… die große Revolution ist wohl ausgeblieben, die wichtigste Web-Neuerung der letzten anderthalb Dekaden dürfte demnach der Like-Button sein. Versuchen wir es also anders: Wow, was war dieses Internet, von dem jetzt alle reden, früher aber simpel! Als man zu Website noch Homepage oder „Internetseite“ sagte, mit 56K-Modems unterhalb von GPRS-Geschwindigkeit durch’s Web kroch und dafür auch noch rund 10 Cent pro Minute bezahlen musste, natürlich zusätzlich zum normalen Telefontarif. Als wir Web-Veteranen damals einstiegen, war alles teuer, langsam und hässlich.

Ja, wirklich: Hässlich. Wir verdarben uns an flimmernde 15-Zoll-Röhrenmonitoren die Augen, schraubten Voodoo-3D-Beschleuniger in unsere PCs und hängten mit einem seriellen Kabel diese obskuren 56K-Modems an Rechner, deren Design in etwa dem eines Plattenbaus entsprach: Quadratisch, praktisch, aber alles andere als gut. Und wo wir gerade bei billigen Sozialismus-Analogien sind: Internet war damals, Mitte der 1990er Jahre, eine Art digitale DDR: Trotz reichlich Potential gab’s nicht viel und am Ende war’s für alle ein ziemlich teurer Spaß. Dazu gab’s reichlich Eurodance mit endcoolen Musikvideos, den wir uns aber zum Glück nicht auf die Festplatte oder gar den MP3-Player ziehen konnten, weil erstere, also die Platten zu klein, und letztere, also die MP3-Player, noch nicht erfunden waren. Die Musik von CDs (was hätten wir die gerne gebrannt, aber diese Brenn-Dinger gab’s ja auch erst später…) war unglaublich groß, rein dateimäßig, denn MP3 gab’s ja auch nicht. Und so spielten wir an Interrupts, um den wachsenden Park an PCI-Steckkarten in den Griff zu bekommen, zockten pixlige Shooter wie Doom 2 und freuten uns, wenn die blöde Kiste einfach mal nicht abstürzte. Anders als heute gab es keine Katzenvideos, selbst die blöde Lime Cat kam deutlich später. Eine graue Zeit war das damals, als wir im Internet krabbeln lernten.

Ja: So traurig war das früher im Netz.

Nun wurde es seinerzeit Mode, das neue Medium aktiv zu nutzen. Und da es weder Facebook, noch Twitter gab, mussten wir uns zum Verbreiten unsere Befindlichkeiten eine eigene Homepage basteln. Und weil HTML neu war und dieses ganze Abgemahne und Abgewatsche von Anwälten und Unternehmen, Rechteinhabern und anderen Kleingeistern noch nicht stattfand, schrieben wir die Homepages mit irgendwelchem Kram voll, der uns interessierte, kopierten Bilder, verlinkten Quatsch, ja boten sogar allerlei halblegalen Kram zum Download an. Ich verwendete das Internet zum Beispiel, um eine Seite über Motorroller auf die Beine zu stellen, die übergab ich irgendwann an einen anderen Vespa-Enthusiasten, der sie leider inzwischen eingestellt hat.

Eurodance. Ihr wisst schon.

Womit wir auch endlich beim Thema wären: Anders als Motorrollerseiten.de sind nämlich viele, viele Websites aus der grauen, geburtsschleimigen Internet-Ursuppe noch online. Mangels SEO und anderen modernen Spielereien sind die allerdings nicht ohne Weiteres aufzuspüren. Nun gab es aber zum Glück seinerzeit die Marotte – und leider auch die technische Notwendigkeit – Websites für mehrere Browser zu optimieren und das dann auch stolz auf die Seite zu schreiben.

Eine Pokemon-Seite, seit 11 Jahren nicht gepflegt.

Nun erlaubt genau diese Macke der frühen Homepagebauer uns heute, ihre Machwerke wieder aufzustöbern: Eine kurze Suchanfrage mit „optimiert für netscape 4″ fördert bereits einiges an wirklichem altem Kram zutage. Ihr könnt den String auch abwandeln, etwa in den damals sehr populären Internet Explorer 5. Natürlich lässt sich die Versionsnummer beliebig senken, wichtig ist die Verwendung von Anführungszeichen im Suchstring, damit Google weiß, dass Ihr genau diesen Begriff sucht. Ebenfalls spaßig ist übrigens die Verwendung typischer 90er-Internetdinge wie „Gästebuch“ oder „Under Construction Gif“ in der Google-Bildersuche, die nicht selten ebenfalls auf uralte Seiten weiterleiten.

Eine Bildersuche kann Wunder wirken.

Und das Internet? Das ist heute schon besser. Allein, weil es Youtube und den Tutonauten gibt.

Über den Autor

Christian Rentrop

Technikjournalist und Schreiberling aus Überzeugung. Schon als Zweitklässler 1986 mit dem Amstrad CPC angefixt, habe ich mich immer für Computer und Technik interessiert und finde: Computer sind nichts, wovor man Angst haben sollte.

Sag' Deine Meinung

Kommentare

  • Bewegte GIFs waren schon tot, beerdigt, vorbei. Und dann haben die verdammten Meganerds den Mist wiederbelebt und heute wird man damit bis zum geht nicht mehr vollgespamt, ein Elend. Davon ab würde es mich doch massiv wundern, wenn zukünftige Netzler den ganzen Social-Media-Plus-1-Like-Käse nicht ähnlich betrachten werden wie wir die Gästebücher.
    Schöne Suchterme!