Wir glauben: Das iPad Pro ist weder ein Desktopersatz, noch eine Alternative zum Notebook. Die Gründe liegen auf der Hand, auch wenn Apple versucht, uns etwas anderes weiszumachen.

Apple-CEO Tim Cook meint, das iPad Pro sei ein idealer Ersatz für ein Notebook, ja sogar für einen Desktop-PC. Jetzt, wo das Gerät endlich auf dem Markt ist, ist klar: Nein, Tim. Ist es nicht. Es ist ein großes iPad mit einem Stift, nicht mehr und nicht weniger. Weshalb wir es auch nach wie vor ignorieren werden, denn echte Pro-User können nach wie vor nichts mit dem iOS-Betriebssystem anfangen – und wenn der Bildschirm noch so groß ist.

Das iPad Pro mit Smart Keyboard: Ein Riesen-Riesen-iPod-touch.

Ich habe es redlich versucht

Ich habe es wirklich redlich versucht. Wirklich. Mit dem iPad zu arbeiten, meine ich. Ich bin kein Apple-Fanboy, benutze das Zeug aber gerne. Und das iPad ist nach wie vor mein größter Fetisch aus dem Apple-Sortiment. Einerseits schleppe ich meines seit Generation 1 eigentlich überall hin mit, weil ich das klare Design, die leichte Bedienung liebe und es nach wie vor als Spielgerät, Lesegerät und Surfbrett schätze. Auf der anderen Seite regt es mich auf, dass iOS so beschränkt ist und für Pro-Nutzer schlicht keine Alternative darstellt. Und so oszilliere ich regelmäßig zwischen höchstmöglicher Zuneigung und tiefstem Hass. Dann nämlich, wenn ich nach einer Runde Pinball HD (Liebe) dann doch entscheide, einen Text auf dem Ding zu verfassen oder gar etwas für dieses Blog zu schreiben (Hass). Zunächst: Möglich ist das natürlich. Aber wie!

Tim Cook ließ sich im Interview mit dem Telegraph zu folgender Aussage verleiten:

“Yes, the iPad Pro is a replacement for a notebook or a desktop for many, many people. They will start using it and conclude they no longer need to use anything else, other than their phones.“
– Tim Cook, Apple-CEO

Und ich sage: Nope. Nopenopenope. Cooks Marketing-Geschwätz verursachte bei mir schon beim Lesen Fingerkrämpfe ob der fummligen Bedienung im Pro-Einsatz, dem ewigen und unkomfortablen Wechsel zwischen Apps und der hirnrissigen Cursor-Positionierung im Schreibeinsatz. „Nein, Tim“, möchte ich ihn schütteln und anschreien, „ist es nicht. Es ist weder ein Notebook-Ersatz, noch ein echter Rechner!“ Es ist und bleibt ein iPad, ein großes zwar, eines, das einen Stift besitzt und ein „Pro“ im Namen trägt. Aber es bleibt ein iPad. Das nach wie vor und auch in Generation 9 von iOS ein großes iPhone ist, denn das Betriebssystem ist identisch. Es mochte noch funktionieren, das normale iPad als „großen iPod touch“ zu positionieren. Aber beim „Pro“ ist Schluss. „Pro“ suggeriert mir, dass ich alles damit machen kann, ohne mich irgendwie einschränken zu müssen, so wie bei meinem Macbook Pro. Beim iPad Pro ist das derzeit nicht der Fall: Schon das von Cook benannte Szenario – iPad Pro und Mobiltelefon – funktioniert nicht.

Tim Cook präsentiert das iPad Pro im Herbst 2015.

Es fehlen alle Pro-Features

Denn das iPad Pro besitzt weder einen USB-Port, um das Smartphone zu laden, noch irgendwelche Fähigkeiten, das Gerät zu synchronisieren. Ja, nichtmal Musik oder Fotos lassen sich vom iPad Pro auf irgendein Smartphone übertragen, sofern man nicht zu einer Cloud-Lösung greift. Und die wiederum benötigt einen Internetanschluss, der bei großen Datenmengen auch schnell mal teuer werden kann. Hinzu kommen die nach wie vor unnötig eingeschränkten Fähigkeiten des Dateisystems, der Bluetooth-Schnittstelle und das völlige Fehlen eines vernünftigen Dateimanagers wie dem Finder oder dem Windows-Explorer, von der Möglichkeit, USB-Sticks oder externe Festplatten, ja auch nur Netzwerkfreigaben vernünftig zu nutzen, ganz abgesehen. Letzteres geht zwar per Nachrüst-Apps wie FileBrowser aber hey: Wäre bei einem Gerät mit Pro-Anspruch nicht wenigstens so eine App als Standard sinnvoll gewesen!? Stattdessen gibt’s den gleichen iOS-Kram, der in seiner ganzen Beschränktheit auf dem iPhone gerade noch erträglich, auf dem normalen iPad aber im Grunde schon eine Zumutung ist.

Anschlüsse wie beim normalen iPad. Plus Smart Connector. (Quelle: Apple.de)

Verlass‘ Deine Filterblase, Tim!

Puh. Luft holen. Nicht aufregen. Vielleicht ärgere ich mich so, weil ich merke, wie sehr Apple die gute Idee „iPad Pro“ versemmelt hat. Meine Vermutung: Die Entscheider bei Apple, zuvorderst Tim Cook, sind derzeit nicht in der Lage, ihren Manager-Mikrokosmus zu verlassen. Wenn Cook wie im vergangenen Jahr behauptet, er würde 80 Prozent seiner Arbeit auf dem iPad verrichten, glaube ich ihm das sofort. Nur: Er ist eben Manager, er hat Angestellte, die ihm Spreadsheets, Präsentationen und so weiter erstellen und bei Bedarf auf das iPad laden. Er sitzt dann damit in Meetings, hält Präsentationen, diskutiert und entscheidet, schreibt vielleicht mal eine E-Mail, recherchiert im Netz oder konsumiert Videos und PDFs. Das ist sein Job, das ist auch soweit in Ordnung, bis auf den kleinen Unterschied, dass das, was Cook mit dem Gerät macht, sicherlich alles ist, aber keine Pro-Nutzung.

Ich will nicht eingeschränkt werden

Pro-Nutzung bedeutet für mich, dass ich auf dem Gerät nicht eingeschränkt werde. Schon Schreiben auf dem iPad ist eine Pein, und ehrlich: Ich versuche es seit 5 Jahren, doch egal ob mit Stylus, Bildschirm- oder Bluetooth-Tastatur: Es ist nicht das gleiche wie am PC oder Mac, hierzu fehlt das Trackpad oder die Maus. Wenn ich einen Tutonaut.de-Artikel schreiben will, brauche ich neben dem Schreiben auch noch die Möglichkeit, Bilder zu bearbeiten. Das geht zwar auch am iPad. Aber wie! Nicht nur, dass ich auf dem Mac oder PC 1000x mehr Möglichkeiten habe, ich bin auch noch präziser und schneller. Und über das Einpflegen mit der WordPress-App will ich gar nicht sprechen, trotz aller Verbesserungen ist sie nach wie vor furchtbar schlecht. Für meine journalistische Arbeit brauche ich außerdem regelmäßig: Virtuelle Maschinen, Up- und Downloads, die Möglichkeit, auf USB-Geräte zuzugreifen und so viel mehr. All das ist mit dem sogenannten iPad Pro nicht möglich. Und selbst das, was zumindest per App möglich wäre – Video- und Bildbearbeitung, Textverarbeitung, Webdesign oder die Arbeit mit Musik-Equipment – ist unter iOS eine wenig präzise und langwierige Qual, mit oder ohne Pro. Seit fünf Jahren will ich mit dem iPad arbeiten, aber bis auf ein paar Textdokumente, die ich schnell und mangels Mobilrechner zusammengekloppt habe, ist es mir aber nicht gelungen. Das Arbeiten mit dem iPad gelingt mir sicher auch nicht, weil ich ungeduldig bin. Aber hauptsächlich, weil sich die Touch-Bedienung unter iOS nach wie vor anfühlt, als hätte man mir die Beine abgehackt und würde mir jetzt erklären, dass ein Rollstuhl sowieso viel besser ist. Und als würde Tim Cook nun allen Leuten davon vorschwärmen, wie praktisch ein Leben ohne Beine ist und dass Räder die Zukunft sind.

Was fehlt, ist ein vollwertiger USB-Anschluss (Quelle: Apple.de)

Dabei wäre die Lösung so einfach

Gemeinerweise ist die Ursache für diese Probleme mit der Kreativarbeit am iPad schnell gefunden: Es sind nach wie vor zwei Faktoren, die die iPads – auch das Pro – unnötig einschränken. Da ist zum einen die fehlende Möglichkeit, USB- und Bluetooth-Zubehör sinnvoll zu nutzen: Würde Apple eine Maus erlauben, möglicherweise sogar einen echten USB-Anschluss samt Dateimanager verbauen, wäre schon ein großer Teil des Pro-Anspruchs erfüllt. Und zum anderen ist der AppStore in vielen Dingen viel zu restriktiv, was zu einem großen Teil auch mit den unnötigen Software- und Hardwarebeschränkungen zusammenhängt. Obwohl ich seit über einem Jahrzehnt Apple-User bin, muss ich hier eine Lanze für Microsoft brechen: Das, was Redmond mit den Surface-Geräten macht, ist tatsächlich professionell. Apples Riesen-Riesen-iPhone ist es nicht. Dabei wäre es so einfach.

Immmerhin: Der neue Smart Connector ist ein Schritt in die richtige Richtung. Wünschenswert wäre, dass alle iPads demnächst über diesen Anschluss verfügen. Übrigens ist auch Adobe meiner Meinung.

Über den Autor

Christian Rentrop

Technikjournalist und Schreiberling aus Überzeugung. Schon als Zweitklässler 1986 mit dem Amstrad CPC angefixt, habe ich mich immer für Computer und Technik interessiert und finde: Computer sind nichts, wovor man Angst haben sollte.

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Kommentare

  • Microsofts Surface-Geräte sind leider nur als Tablet kaum zu gebrauchen.

    Ich habe mittlerweile Tablet-Erfahrung mit allen drei Betriebssystemen und muss sagen, dass iPads die ästhetisch ansprechendsten Medien-Konsumiermaschinen sind. Den Fluss stört bei iOS, dass man immer wieder die Hand von der Tastatur nehmen muss um auf den Touchscreen zu tippen. Android ist am flexibelsten: Man kann im Tablet-Modus arbeiten und mit BT-Maus und Tastatur kann man sehr effizient arbeiten. Überhaupt ist der Standard-Launcher von Android 4.4 und die Oberfläche an sich so gut mit der Tastatur navigierbar, dass dieses typischen Tätigkeiten wie schnell mal ein paar Mails beantworten und dabei immer wieder in den Browser wechseln, unheimlich gut gehen.

    Windows 10 krankt an fehlenden Apps. Surfen oder Filme schauen geht im Tablet-Modus einwandfrei, wenn auch nicht so ästhetisch, wie bei Apple oder so flexibel wie bei Android. Und da hört es auch schon auf. Natürlich punkten Windows Tablets bei der Arbeit mit Tastatur und Maus, erst recht mit externem Monitor. Aber damit sind die Windows-Tablets letztlich nur kleine, leise PCs. Ich wünschte mehr ordentlich brauchbare Metro-Apps, die wirklich auf Touch optimiert sind. Aber den Druck, diese zu entwickeln, hat ja kein Programmierer, weil kein normaler Mensch das Windows-Tablet ohne Tastatur einsetzt. Und kein normaler Mensch setzt das Windows-Tablet ohne Tastatur ein, weil es praktisch keine Metro-Apps gibt…

    Was ich empfehle? Kommt darauf an. Ein Notebook-Ersatz sind wohl eher Windows-Tablets mit Tastaturdock – auch mit den Notebook-Nachteilen, dass man sich hier eher überlegt, die Tastatur bei einer dreitägigen Geschäftsreise mitzunehmen. Für maximale Flexibilität ein großes Android-Tablet. Und Apple iOS? Wer damit sozialisiert ist und nur ab und an Tagebuch schreiben oder Mails beantworten möchte: iPad plus BT-Tastatur trotz der Nachteile – aber eben kein überteuertes Pro.