Kein Bock auf ein halbes Technikstudium? 65-Zoll-UHD-Fernseher für 1.500 Euro kann man auch einfacher auswählen. Eine kleine Einkaufs-Odyssee.

Wer sich einen neuen Fernseher anschaffen will, kann blind nach Angeboten greifen oder darf sich auf ein kleines Technikstudium „freuen“. Wer das Beste oder das Billigste will, hat es einfach. Wer ein „perfektes“ Bild haben will, wird sich in 1-Stern-Bewertungen auskotzen … Ich hatte ein klares Ziel: 65 Zoll für 1.500 Euro mit bestmöglichem Bild, und ein paar Kleinigkeiten. Und das ist dabei rausgekommen:

Die Kurzversion vorweg

Meine persönliche Antwort auf die Frage lässt sich ziemlich einfach zusammenfassen: Einen Philips 65PUS8102/12. Die vielleicht größte Auswirkung auf die Bildqualität hat in dieser Preisklasse die Art der LED-Beleuchtung und für 1.500 Euro (heute 1.355) bietet der Philips flächendeckend LEDs (Direct LED), wo die meisten Hersteller nur LEDs an den Rändern (Edge LED) verbauen. Ich hatte nämlich keine Lust, mich tagelang in Buzzwords, Techniken, Hersteller- und erst recht nicht Modellunterschiede einzuarbeiten.

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Big Bug Bunny in 4k mit 60 FPS – immer wieder gutes Testmaterial.

Aber mal von vorne.

TV-Vergleichstests helfen nicht

Ganz ganz früher konnte man Fernseher ganz gut nach den Heften der Stiftung Warentest kaufen: Ein Testfeld, das alle wichtigen Produkte enthält. Ausufernde, professionelle Tests, auch im Labor. Und wenn so ein Röhrenmonster in drei Größen vorhanden war – auch egal, beim Bild hat das keinen Unterschied gemacht. Auch heute bekommt man noch – sehr sehr selten – gute Vergleichstests, Boris hat beispielsweise einen für Alles Beste gemacht. Helfen tut das aber nur Menschen, die absolut keine bestimmten Vorgaben haben. Schlicht und ergreifend weil das Testfeld nur einen Bruchteils des Markts beleuchtet.

Ein Test, der wirklich den ganzen Markt zeigt, müsste Dutzende Fernseher vergleichen – und zwar in jeder Bildschirmgröße. Und selbst wenn sich irgendein philanthropisch veranlagter Verlag finden sollte, der das finanzieren will: Es würde wohl so lange dauern, dass die Geräte schon wieder Auslaufmodelle wären …

Peisstaffeln und Technik-Irrsinn

Fernseher findet man bei allen Herstellen ganz grob in gewissen Preisstaffeln: Für 65 Zoll gibt es Einsteigergeräte für rund 800 Euro, dann Geräte für rund 1.500 Euro, die nächste Klasse liegt bei knapp über 2.000 Euro und jenseits der 2.500 Euro bekommt man dann auch erste OLED-Modelle. Man kann aber auch 4.000 Euro latzen, wenn man High End wünscht. Eines ist also klar: In der 1.500-Euro-Klasse müssen technische Kompromisse gemacht werden – aber welche bitteschön?

Bei der Beschäftigung mit solch komplexer Gerätelandschaft kommt immer wieder der Punkt wo man denkt: Ah, das ist der technische Aspekt, der den Unterschied macht! Dann ist man zufrieden, will fast schon bestellen und, ach herjee, dann kommt der nächste Aspekt, der noch viel wichtiger scheint … Für mich letztlich ausschlaggebend: Direct LED. Bei Edge-LED liegen die für das Bild zuständigen LEDs an den Rändern des TVs, bei Direct LED verteilen sie sich über den ganzen Bildschirm – und bei 65 Zoll macht das einen großen Unterschied. Bei 40 Zoll sieht das schon wieder ganz anders aus …

Aber was kann man nicht alles beachten: HDR-Standards. Fernbedienungskonzept. Betriebssystem. Kompatible Streaming-Dienste und Apps. Curved oder Flat. Aufnahme auf USB-Medien? Reaktionsgeschwindigkeit, wichtig für’s Gaming. Kontrastwerte. Dimming-Technologie. Picture Quality Index. Stromverbrauch. Update-Politik. Verarbeitung des Gehäuses. Unterschiedliche Dimming-Verfahren. Bildfehler wie Clouding, Streifen, tote Pixel. Verwendeter Hauptprozessor. Und und und.

Technik-Anekdötchen

Fernbedienungen: Manch ein Hersteller versorgt TVs mit so genannten Smart-Fernbedienungen – und das ist großer Scheiss. Smart heißt hier eigentlich nur, dass sich die verdammte Fernbedienung auf zwei, drei Knöpfe beschränkt. Statt also einfach Sender 5 mit einem Tastendruck aufzurufen, dürft Ihr Euch durch behämmerte Menüs kämpfen. Liebe Hersteller, das ist einfach nur Schwachsinn. Ja, auf einem aufgeräumten Arbeitsplatz im Apple-Showroom sieht sie besser aus, wenn mal wieder die Schöner-Wohnen-Foto-Crew für ein Shootign vorbei kommt. Aber die Usability solcher Dinger ist ein Witz.

Perfektes Bild gibt es nicht: Immer wieder liest man bei Amazon lustige Bewertungen stinksaurer Käufer, die auf dem Bildschirm Fehler wie zum Beispiel tote Pixel finden und das Teil dann austauschen lassen – was bei 65 Zoll schon etwas aufwändiger ist. Und wenn die nächsten beiden Austauschgeräte ebenfalls tote Pixel haben … Naja, dann ist das Fluchen groß. Aber: Ein paar tote Pixel sind kein Garantiefall. Nach Industriestandards darf ein Bildschirm eine gewisse Menge toter Pixel pro Fläche haben! Und auch Dinge wie Streifen im Bild oder Clouding im gewissen Rahmen sind bei günstigeren Fernsehern schlicht und ergreifen zu erwarten und kein Grund, Hersteller anzumeckern und nach Austauschgeräten zu schreien.

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I See Dead Pixels.

Betriebssystem: Ja, auch bei TVs muss man sich heutzutage damit herumschlagen. Samsung kocht sein Süppchen, Sony ein anderes, Technisat sowieso, Android TV ist immerhin noch herstellerübergreifend zu finden. Fakt ist: So fix wie früher die „dummen“ Fernseher, sind sie alle nicht. Offensichtlich bedeutet Smart auch langsam. Ganz toll. Teils werden Senderumschaltzeiten von 5 Sekunden berichtet. Aber vielleicht zappen in Netflix-Zeiten nur noch alte Leute …

Aufnahmen: Viele TVs können auf einen angeschlossenen USB-Datenträger aufnehmen oder damit zeitversetztes Fernsehen ermöglichen. Auch die beliebten Einsteigergeräte von Samsung. Das Lustige: Für einige dieser Geräte muss man sich erst eine separate Service-Fernbedienung eines Drittherstellers kaufen, um in den sonst nicht zu erreichenden Service-Menüs des TVs eben diese Funktion freizuschalten. TV-Entwickler müssen Zugriff auf interessante Drogen haben.

Es wurde ein Philips

9 Jahre hat mich mein alter 52-Zoll-Philips-Fernseher begleitet und ich kann das Gleiche darüber sagen, wie über alle Philips-Geräte, die ich bislang hatte: Tolle Hardware, beschissene Software. Heute ist Philips nur noch ein holländischer Name für China-Geräte, ein Vergleich mit früher ist daher obsolet. Zumal fast alle Geräte aus China kommen. Wer Made in Germany will, kann sich bei Loewe oder Technisat bedienen. Und die Technisat-Dinger sind nicht uninteressant – nur mal als Hinweis für all jene, die den Namen nur mit billigen Sat-Receivern verbinden.

Knapp 10 Jahre haben Spuren hinterlassen …

Mein Kauf: Ein Philips 65PUS8102/12 für mittlerweile 1.355 Euro. Warum der Philips? Im Grunde ganz einfach: Direct LED gibt es bei 65 Zoll meist erst ab 2.000 Euro aufwärts, bei 1.500 Euro gab es im Grunde gar keine Konkurrenz. Das machte es einfach. Bei Philips bekommt man dafür auch noch ein wirklich tolles Ambilight, eine traditionelle Fernbedienung mit QWERTY-Tastatur auf der Rückseite und mit Android TV ein Betriebssystem, das vielleicht nicht perfekt ist. Aber man kennt die Bedienung von anderen Android-Geräten, tendenziell sieht es gut um Updates aus und es gibt massig Apps.

Bewertung

Bild: Ein toter Pixel, kein Clouding, sattes Schwarz, gute Farben – labormäßige Pedanten würden dennoch meckern. Zum einen sind alle vier Ecken deutlich abgedunkelt. (Nachtrag: Der Effekt scheint nach einer Woche nun deutlich schwächer.) Zum anderen werden weiße Elemente zu den seitlichen Rändern hin dunkler. Ganz deutlich werden die Ecken, wenn man den Monitor komplett mit weißem Hintergrund füllt. Und auf schwarzem Untergrund sieht man wunderbar mit einem Mauszeiger, dass dieser an den Rändern eher grau als weiß ist. Und ja, als Computer-Monitor würde das Gerät nicht taugen. Aber bei Spielen und Videos fällt weder das eine noch das andere auf. Zum einen, weil sich das Bild nunmal ständig ändert und keine großen, statischen, planen Flächen zeigt (und Ambilight übertüncht zusätzlich). Zum anderen schaut man nun mal meist eher mittig auf den TV. Nun gut, wenn Ihr Tagesschau guckt, gibt es natürlich manchmal für ein paar Sekunden statisches blaues Hintergrundbild – und dann sieht man auch die verdunkelten Ecken. Insgesamt ist das Bild für mein Dafürhalten sehr gut.

Teils gibt es Schlieren und Artefakte bei Bewegungen – das scheint aber je nach Player und Material und Quelle unterschiedlich zu sein. Bei normalen Filmen über Shield und TV ist mir bislang nichts groß aufgefallen, bei Big Bug Bunny über Computer und den Media Player Classic schon. Auch bei Spielen ist nichts zu sehen.

Ton: Für mich persönlich ist der TV-Ton nicht allzu kritisch, im Zweifelsfall schalte ich die Hifi-Anlage dazu – zwei brusthohe Canton-Boxen reichen ;) Aber der Fernseher klingt ziemlich gut, auf der Rückseite finden sich zwei komplett schwingend eingehängte Lautsprecher.

Bedienung: Licht und Schatten. Licht: Die Fernbedienung bedient auch die angeschlossene Nvidia Shield, sobald diese als Quelle gewählt ist – ohne weitere Umstellung. In Anbetracht der beschissenen Shield-Fernbedienung ein echter Segen. Die Menüs sind allesamt sehr gut, die Sender lassen sich ordentlich sortieren, inklusive Favoritenlisten. Ein echter Vorteil gegenüber dem alten Philips: Angeschlossene Geräte können manuell benannt werden – der alte hatte an den HDMIs vier mal „Computer“ … Ebenfalls „toll“ (sollte eigentlich selbstverständlich sein): Es wird standardmäßig die beste verfügbare Tonspur der Sender gewählt, der alte Philips musste jedes elende mal manuell, umständlich umgestellt werden.

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Ein Blick ins Menü.

Schatten: Man kann nicht mehr mit der Zurück-Taste von HDMI-Geräten zum TV und zurück wechseln.

Fernbedienung: Top! Nicht perfekt, aber super. Viele echte Tasten mit guten Druckpunkten, alles übersichtlich, alles wie früher. Plus Netflix-Taste, falls man das mag. Schade nur, dass man die Tasten nicht umbelegen kann. Dreht man das Teil um, findet man eine echte QUERTY-Tastatur, über FN-Taste samt Sonderzeichen. Es sendet übrigens nur die Seite, die oben ist, versehentliche Tastendrücke von unten gibt es also nicht. Sprachsuche über den Google Assistant ist ebenfalls möglich. Die Stromversorgung läuft über zwei normale AAA-Batterien.

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So gehört sich das – eine gute alte Fernbedienung.

Ambilight: Für mich nur ein Bonus, aber einer, den ich nicht mehr missen möchte – es sieht schon ziemlich geil aus. Und die Koppelung mit Philips Hue ist auch spannend. Die Ambilight-Bedienung ist simpel und natürlich könnt Ihr das Licht auch ausschalten.

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Die Ambilight-Leiste.

Smartiges: Juckt mich nicht, weil ich die Shield nutze. Aber es gibt alle üblichen Apps, inklusive Mediatheken, Streaming-Diensten wie Amazon Prime und Netflix, Kodi, Youtube und so weiter. Es gibt Apps über Philips selbst und Google Play und meine wenigen Tests liefen problemlos und flott. Aber wirklich tiefe Einblicke kann ich hier nicht liefern. Am liebsten wäre mir eigentlich ein dummer TV gesesen – Updates für Fernbedienungen? Will eigentlich kein Mensch.

EPG und Infos: Sendungsinformationen kommen wahlweise von den Sendern oder aus dem Netz. Es gibt zwar immer wieder mal Verzögerungen beim Aufruf und falsche Infos und die Kurzinfos in der Senderübersicht zeigen bei vielen Sendern nur Sendungsinhalte, aber nicht den Titel, doch das alles ist nur Kleinkram.

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Das EPG in Aktion. Wir würden Euch ja gerne ein schönes Bild mit Blockbuster zeigen, aber dann kommen wieder die ollen Abmahnknilche …

Verarbeitung und Aufbau: Das Gerät steht auf zwei stabilen Metallfüßen, die zunächst montiert werden müssen. Tipp: Fernseher noch in der Packung mit den Füßen versehen, dann kippen und die Verpackung nach oben abziehen. Das Gehäuse ist recht schlank und macht einen ordentlichen Eindruck. Die Stromversorgung läuft über ein Standardkalterägekabel. Hier gibt es nichts zu meckern, auch wenn der ein oder andere vielleicht lieber einen Drehfuß hätte.

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Stabile, wackelfreie Füße – upps, noch die Folie drauf …

Sonstiges: Toll gelöst ist zum Beispiel die Aufnahme-/Timeshift-Funktion: Hängt ein USB-Datenträger dran, kann man schlicht und einfach die Tasten für Play, Pause, Stop, Vor, Zurück und Aufnahme nutzen – direkt im Programm, völlig nahtlos. Nicht ganz so toll: Die Anschlüsse auf der Rückseite sind wie heute üblich etwas „versteckt“, weshalb man nicht sooo toll dran kommt. Liebe Entwickler, wen juckt eigentlich die Optik der Rückseite? Samsung löst das bei besseren Geräten mit einer ausgelagerten Box mit allen Anschlüssen vorbildlich. Die Senderumschaltzeit liegt bei rund 2,5 Sekunden – akzeptabel, nicht toll. Wiederum schön: Es gibt einen Lichtsensor, über den der TV die Helligkeit automatisch anpassen kann.

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Warum muss ich mein Kabel knicken?

Fazit

Für 1.500 Euro bekommt man einen 65-Zoll-Fernseher, von dem ich persönlich sagen würde, dass man bei normaler Nutzung (TV, Streaming, Spiele, Unterhaltungs-Apps) sehr glücklich sein kann. Wer das Bild lieber mit Testprogrammen traktiert, wird über die dunklen Ecken meckern, die Randbereiche, die keinen schneeweißen Mauszeiger darstellen können und der tote Pixel würde vermutlich auch einige Käufer zur Weißglut bringen – aber wie gesagt, das sind technisch bedingte Dinge, die man nun mal in Kauf nehmen muss. Zumindest für diesen Preis. Perfektion oder auch nur High End gibt es für 1.500 Euro nicht.

Wer keine Lust hat, sich zum Fernsehtechniker auszubilden, um wirklich den einen besten aller Fernseher für den Preis zu erwischen, sollte sich auf wenige KO-Kriterien beschränken. Bei mir war es letztlich nur Direct LED. Als nächstes würde ich empfehlen, auf Apps zu achten, sofern Ihr die Smart-Funktionen wie Streaming braucht – wobei Prime und Netflix auf sehr, sehr vielen Geräten laufen. Alles darüber hinaus ist nur interessant, wenn Ihr entweder besondere Bedürfnisse habt oder doch Lust, Euch mit technischen Details auseinanderzusetzen – deren Auswirkungen für Otto Normalfernsegucker meiner Einschätzung nach meist nur sehr mäßig groß ausfallen und kaum im Verhältnis zum Aufwand stehen, den man treiben muss, um den ganzen Käse zu sichten und zu verstehen.

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Da hat endlich mal jemand richtig gut mitgedacht!

Über den Autor

Mirco Lang

Mirco Lang

Freier Journalist, Exil-Sauerländer, (ziemlich alter) Skateboarder, Dipl.-Inf.-Wirt, Einzelhandelskaufmann, Open-Source-Nerd, Stichwortschreiber. Ex-Saturn'ler, Ex-Data-Becker'ler, Ex-BSI'ler.

Computer-Erstkontakt: ca. 1982 - der C64 des großen Bruders eines Freunds.

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