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Social Street Smart & The Polite Type: Gegen Hass, Fake News, Click Bait und Hirn

Per Browser-Add-on und Font soll das Internet zu einem besseren, freundlicheren Ort werden - kann das gehen?

Im Rahmen des Google Summer of Code (GSoC) wurde in diesem Sommer die Browser-Erweiterung Social Street Smart (SSS) fertiggestellt. Das Tool erkennt Fake News und Click-Bait-Beiträge und markiert etwa Tweets mit einer Wertung in der Art: 84% TOXIC. Hass kann SSS sogar direkt ausblenden. Das Tool funktioniert wahlweise auf Facebook, Twitter, Reddit und/oder dem Rest des Internets. Das liegt wohl im Trend, ist aber Bullshit – oder wenn Ihr so ein Tool nutzt: etwas wenig Gutes …

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Pillemann, Fotze, Arsch

So, das musste mal gesagt werden. Aber nicht nur zum Spaß, sondern, um das Problem aufzuzeigen: „Pillemann, Fotze, Arsch“ ist ein Lied von Die Lokalmatadore und auch Die Kassierer haben es schon zum besten gegeben. Das kann man mögen oder auch nicht, aber es hat zweifelsfrei nichts mit Hass, Diskriminierung oder ähnlichem Stuss zu tun. Woher ich das weiß? Kontext. Ich bin ein Mensch, ich kann Kontext, ich sehe: Aha, Humor.

Tools kriegen Kontext hingegen (noch) nicht auf die Reihe, künstliche Intelligenz hin, Machine Learning her. In einer Zeit, da Political Correctness für viele zu einem Fetisch geworden ist, wird aber dennoch allenorts darauf gesetzt. Aktuelles Beispiel: The Polite Type – eine Schriftart mit eingebauter Zensur! Kein Witz, und vermutlich lacht auch niemand. Hier mal ein kleines Rätsel:

  • King Curvy
  • Not traditional beautiful Duckling
  • Voluptous person Checker
  • Thin person Puppy
  • Cheech & Asian person
  • White Person women
  • non-Muslim Lime
  • Conservative white people Rampage

Klingt bescheuert, oder? Dieser Schwachsinn entsteht, wenn man mit The Polite Type Folgendes schreibt:

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  • King Chubby
  • Ugly Duckling
  • Chubby Checker
  • Cheech & Chong
  • Honky Tonk Women
  • Kaffir Limette
  • Redneck Rampage

Was bekomme ich wohl beim türkischen Gemüsehändler um die Ecke (oh, oh – verdammte Stereotype …), wenn ich bei ihm nicht-muslimische Limone order? Kaffir-Limetten oder eine gescheuert? Ich könnt’s ihm nicht verdenken. Spätestens bei Eigennamen funktioniert software-getriebene Zensur nicht. Als Aktion, um auf Hass und fehlende Umgangsformen aufmerksam zu machen, könnte ich Dinge wie The Polite Type vielleicht noch ertragen, aber nicht als „Tool“. Und mal ganz nebenbei: The Polite Type stammt nicht von der UNO oder einer Menschenrechtsorganisation oder einem Hardcore-Gutmenschen – es stammt von der finnischen IT-Firma tieto Evry.

Social Street Smart

Die Chrome-Erweiterung Social Street Smart ist da schon deutlich freundlicher und sinvoller. Zum einen ist es Open Source Software, entwickelt unter anderem im Rahmen von Googles 16. Summer of Code, eine jährliche Veranstaltung, die Studenten und Projekte/Mentoren zusammenbringt. Die Erweiterung kann

  • Hassreden erkennen und markieren,
  • Click-Bait-Beiträge erkennen und markieren,
  • Schimpfwörter zensieren,
  • News auf Fake-haftigkeit und
  • Bilder per Reverse-Suche auf Manipulationen prüfen.

Und wenn es das denn tatsächlich gut könnte, meinetwegen … Kann es aber nicht. Kann es gar nicht können. Selbst so ein popeliges Problemchen wie Eigennamen überfordern derartige Tools doch schon.

sss settings
Social Street Smart – nicht sozial, keine Straße, nicht smart. Was soll das?

Kontext hingegen ist ein viel größeres Problem. Ich zum Beispiel fänd einen Satz wie „Ich hasse Rassisten“ völlig in Ordnung. Hass mag unnötig wie ein Kropf sein, aber auch meine ganz persönlichen Gefühle gegenüber Rassisten ließen sich wohl nur mit krassem Euphemismus auf ein liebenswürdigeres Maß bringen. Kontext im Sinne von Humor ist sogar noch viel problematischer – selbst die meisten Menschen (hier im Sinne von Twitter-Nutzern …), sind damit überfordert. Und übliche Formulierung wie Ironie an … Ironie aus empfinde ich als reine Aufgabe – „Achtung, jetzt kommt ein Karton“. Hach bin ich alt – oh verdammt, das klingt nach egozentrischmasochistischer Altersdiskriminierung.

Aber Tools wie SSS sind sowieso noch sehr weit von all dem entfernt. Social Street Smart zensiert zum Beispiel das Wort God. Nun, vielleicht sind in der Nähe dieses Worts Anfeindungen, Schimpfwörter und Aufrufe zum Völkermord oft genug nah genug, um für einen Algorithmus als Trigger herhalten zu müssen. Aber nein: SSS arbeitet schlicht mit einer popeligen Wortliste – darin unter anderem: „God“, „Dildo“, „Hell“, „Porn“, „Viagra“, „Willy“ …

Und auch die Erkennung von Hass- (–> toxic) und Click-Bait-Beiträgen ist völliger Quark: Wie zur Hölle kommt ein Tool/Algorithmus/Mensch nur auf die absurde Idee, meinen Tweet zu unserer hauseigenen Linux-Hilfe cli.help als zu 65 Prozent toxisch einzuschätzen? Und viele andere unserer Tweets als Click Bait? Nun, wir twittern neue Artikel, damit man sie anklickt … – aber mit Click Bait ist dennoch was anderes gemeint. Kein Mensch auf der Welt käme auf die Idee, „cli.help – Update: Bash Builtins Teil 5/5“ für einen Click-Bait-Titel zu halten. Ganz im Gegenteil würden mir wohl die meisten Chefredakteure der Welt nahelegen, mir einen verkaufsförderenderen (geiles Wort, oder ;) ) Titel auszudenken (und am besten auch gleich anderen Content …).

sss on tuto
Was für ein Schwachsinn …

SSS einsetzen

Wenn Ihr SSS nutzen wollt, so geht’s:

  1. Installiert das Add-on.
  2. Öffnet die Einstellungen über das neue Symbol oben rechts im Browser.
  3. Aktiviert/Deaktiviert die Features zu Hass, Fake News und Schimpfwörtern.
  4. Aktiviert/Deaktiviert die Seiten, auf denen zensiert werden soll.
  5. Bestätigt mit „Done“.
  6. Aktiviert SSS über den Hauptschalter am Icon oben rechts im Browser.

Anschließend könnt Ihr zum Beispiel Twitter aufrufen und nach Trump suchen – Click Baits, Hass und Schimpfwörter werdet Ihr dann schon finden ;)

sss
An oder aus? Derzeit? AUS!

Zudem könnt Ihr SSS aus dem Kontextmenü heraus verwenden: Rechtsklickt auf ein Bild oder einen Beitrag und lasst die Inhalte von SSS prüfen – manipulierte Bilder und Fake News sind allerdings schon deutlich schwieriger zu finden!

sss screenshot
Natürlich liegt SSS auch häufig richtig – aber ist hier wirklich ein Hinweis nötig?

Nachtrag: Bei all der nicht gut funktionierenden Zensur habe ich glatt vergessen etwas nicht so ganz Unwichtiges zu erwähnen – die Performance. SSS analysiert den kompletten Inhalt von Webseiten, und das dauert. Es dauert so lange, dass ich mich vermutlich eher in Scheisse suhlen würde, als das Wort Scheisse im Alltag herauszufiltern …

Nein zur Zensur

Für mich persönlich sind all diese Zensurmechanismen völliger Schwachsinn. Auf technischer Ebene sind sie einfach allesamt grottenschlecht; zu miese Erkennung, zu viele False Positives, zu willkürlich. Allenfalls im Rahmen einer Kinderschutzlösung könnte man darüber diskutieren, um zumindest das Schlimmste abzumildern.

Statt auf Software sollte die Menschheit lieber auf Softskills und Hirn setzen: Bei der Erkennung von Fake News hilft zum Beispiel ganz massiv Medienkompetenz – wer glaubt, sich bei Clowns wie Ken Jebsen oder der Bild-Zeitung informieren zu können, ist sowieso schon verloren. Und wer erst eine Meinung hat und sich dann das passende Medium sucht ebenfalls. Ein paar Lektionen bezüglich Medienkompetenz haben auch wir zu bieten.

Und beim Hass hilft vermutlich am meisten, einfach mal runterzukommen und Schnappatmung und Reflexbeisserei einzustellen – denn zum effektvollen Beleidigen gehören zwei Seiten. Mir wurde in der Schule zum Beispiel mal nahegelegt: „Leg Dich auf die Seite, dann bist Du größer.“ Heute würde das bei vielen Menschen im Netz wohl zu einer gigantischen Bodyshaming-Debatte mit noch viel mehr Hass führen – mir war es einfach scheissegal. Hass im Sinne von (offline-)Diskriminierung ist eine ganz andere Sache, aber bloße Worte? Ach Gottchen …

Ja, das klingt jetzt ein wenig so, als würde ich die Fake-News- und Hass-Verfasser aus der Verantwortung entlassen wollen. Nein, will ich nicht – aber bis sich online ein Verhaltenskodex durchsetzt, der zumindest ansatzweise in Richtung unseres Offline-Sozialverhaltens geht, werden vermutlich noch ein paar Jahrzehnte vergehen. Die Corona-Heimunterichtszeit hat doch ganz klar gezeigt, dass Eltern und Lehrer (in der breiten Masse) viel zu weit weg von Technik und Online sind, um als Stellschrauben für das digitale Sozialleben zu taugen. Vermutlich müssen erst die Digital Natives die Masse der Eltern und Lehrer stellen, bevor sich die Agitation bei deren Schützlingen dann langsam auf ein aktzeptables Niveau bewegt. Vielleicht, hoffentlich.

Und insofern sehe ich derzeit mehr Chancen in Rezeption und Reaktion: Wer Übles sähen will, wird das auch weiterhin tun – aber Menschen mit Hirn sollten doch in der Lage sein darüber zu stehen beziehungsweise Bullshit zu erkennen. Aber digitale Scheuklappen? Wir wissen doch trotzdem alle, was der Ami sagt, wenn’s im US-TV piept, oder?!

Und eines sollte man sowieso nie vergessen: Hass, Fake News und der ganze Mist ist ja nur ein winziger Teil des Internets – es wimmelt dort nur voller Dinge, die einfach nur glücklich machen:

P.S.: Ein letzter kleiner Tipp noch – für’s Seelenheil ;) Die Meckerfritzen auf Twitter & Co. sind weder repräsentativ noch die Mehrheit – sie sind einfach nur lauter und präsenter. Wie die Anti-Corona-Maßnahmen-Deppen oder das ausländerfeindliche Pack, die ständig Unsinn auf den Straßen herumbrüllen: Kein gemäßigter, vernunftbegabter Mensch skandiert lauthals „ES IST NICHT ALLES PERFEKT, ABER EIGENTLICH LÄUFT ALLES ZIEMLICH GUT! EINEN SCHÖNEN TAG NOCH!“ „Merkel muss weg“ grölt sich doch viel besser …

Und als finales Statement:

Mirco Lang

Freier Journalist, Exil-Sauerländer, (ziemlich alter) Skateboarder, Dipl.-Inf.-Wirt, Einzelhandelskaufmann, Open-Source-Nerd, Checkmk-Handbuchschreiber. Ex-Saturn'ler, Ex-Data-Becker'ler, Ex-BSI'ler. Computer-Erstkontakt: ca. 1982 - der C64 des großen Bruders eines Freunds. Wenn Ihr hier mehr über Open Source, Linux und Bastelkram lesen und Tutonaut unterstützen möchtet: Über Kaffeesponsoring via Paypal.freue ich mich immer. Schon mal im Voraus: Danke! Nicht verpassen: cli.help

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