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Beyerdynamic Lagoon: ANC-Kopfhörer mit einer Prise Meer

Die Konkurrenz zu Sony XM3 und Bose QuietComfort aus Heilbronn

Bluetooth-Kopfhörer mit Active Noise Cancelling (ANC) dürften derzeit der Kopfhörer-Trend überhaupt sein. Besonders viel Beachtung bekommt dabei das Preissegment bei 250 Euro, dem sowohl Markführer Sony XM3 als auch der vermutliche Zweite Bose QuietComfort 35 angehören. Die Beyerdynamic Lagoon sind aber ebenfalls reizvoll: Deutscher Anbieter, sehr guter Ruf – und ansonsten eigentlich alles genau wie beim Bose. Aber nicht Sony. Natürlich, Sony geht ja immer eigene Wege …

Hinweis: Einige der verlinkten Artikel werden erst im Laufe des heutigen Tages erreichbar sein.

Features

Das vielleicht Wichtigste, und eben Angesprochene, zuerst: Als Bluetooth-Audio-Standard werkelt hier aptX – nicht das höherwertige aptX HD, und natürlich nicht das theoretisch noch ein wenig bessere LDAC von Sony. Als grober Vergleich scheint sich durchgesetzt zu haben: aptX klingt wie eine 320-kbps-MP3 und aptX HD wie eine CD – schaut selbst, ob das für Euch kaufentscheidend ist (mehr zu dem Thema hier). Natürlich gibt es auch den guten alten Klinkenanschluss für Kabelkopfhörer.

Das Key-Feature für viele: ANC, das hier in zwei Stufen verfügbar ist. Dazu gibt es noch Klangpersonalisierung per App, farblich leuchtende Ohrmuscheln für Statusinformationen, ein sehr stabiles Case, Touch-Bedienung, Ansage des Akkustands und Aufruf des Sprachassistenten, sofern mit einem Smartphone verbunden.

Ein Quasi-Feature bleibt außen vor: Die Klangpersonalisierung. Über einen Hörtest mit der App lässt sich das Klangprofil individuell anpassen und im Kopfhörer speichern – er klingt dann also ab sofort immer anders, auch wenn Ihr mit anderen Geräten oder Apps hört. Wie sehr das Ergebnis gefällt ist dann aber eben auch komplett individuell. Aber wenn der Kopfhörer Euch einmal überzeugt haben sollte, ist es eine sehr schöne Optimierungsmöglichkeit!

Bedienung

Zu bedienen gibt es hier nicht viel: Der Ein-/Aus-Schalter lässt sich zum Koppeln oder Ansagen des Akkustands noch ein Stück weiter schieben – funktioniert tadellos. Lauter/Leiser, Nächstes/Voriges, Pause/Play und Anruf werden auf die übliche Weise per Touch-Gesten auf der Rechten Seite gesteuert – funktioniert ebenfalls einwandfrei. Die Lautstärkeregelung funktioniert immer, die sonstigen Funktionen müssen vom Player auch unterstützt werden.

Ach, und die Muscheln leuchten in Farbcodes, um zum Beispiel den Status anzuzeigen oder wo links, wo rechts ist. Ein wirklich und wörtlich hübsches Feature -, aber letztlich kaum mehr als ein nettes Gimmick. Apropos Beleuchtung: Es gibt nirgends sonst lästige Leuchtdioden, die die Mitmenschen nerven – sehr löblich.

Farbcodes sind gar nicht mal so unnütz!

Klang

Ausgewogen – mehr muss man eigentlich nicht sagen. Kopfhörerhersteller haben die unangenehme Neigung, den Bass zu sehr in den Vordergrund zu stellen. Die Lagoon tun das definitiv nicht. Der Klang ist eben sehr ausgewogen, sowohl Metal als auch Hip Hop als auch Frickel-Jazz und die obligatorische Klassik kommen ordentlich zur Geltung. Im Vergleich zu vielen älteren, traditionellen Stereokopfhörern ist das Klangbild dabei wesentlich räumlicher, aber durchaus angenehm, ohne allzu sehr nach Kino-Surround zu klingen. Im direkten Vergleich mit dem Klassiker Beyerdynamic DT 990 kann der Lagoon allerdings nicht mithalten. Der DT klingt noch ausgewogener, hat einen natürlicheren Bass und ist insgesamt weniger aufdringlich. Der Lagoon lullt einen ein wenig ein – wer nur moderne Bluetooth-Kopfhörer gewohnt ist, wird das vielleicht sogar mögen.

Die Aussage gilt sowohl für Kabel als auch für Bluetooth. Trotz „nur“ aptX-Standard, ist der Unterschied zum Kabelmodus gering, lediglich ein wenig mehr Druck scheint über das Kabel zu kommen. Um es klar zu sagen: Der Klang ist sehr gut, vorausgesetzt, man mag die spezielle Akustik geschlossener Kopfhörer.

Ein gewaltiges Aber: Der ANC-Modus rauscht! Laut und deutlich. Das scheint auch bei anderen Herstellern der Fall, beim Sony WH-1000XM3 für ebenfalls 200 bis 250 Euro aber zum Beispiel nicht. Persönlich muss ich sagen, interessiert mich ANC nicht sonderlich, daheim kann ich Geräuschquellen ausschalten, in der Außenwelt bekomme ich gerne was von eben jener mit. Für mich war ANC eher als nettes Gimmick gedacht, um mich vielleicht mal an besonders eskapistischen Tagen mitten auf die Domplatte zu setzen oder so. Aber der ANC-Modus allein scheint Kopfhörer rund 100 Euro teurer werden zu lassen und für die meisten Käufer ein Key-Feature! Wie kann man sowas nur verkaufen? Wenn es konzeptionell bedingt wäre – okay. Aber wenn anderer Hersteller es ohne Rauschen schaffen, dann sollte man es im Zweifelsfall lieber sein lassen. Und da spielt es für mich auch keine große Rolle, dass man von dem Rauschen wenig bis nichts mitbekommt, wenn „normale“ Musik läuft. Viele wollen ANC scheinbar auch ohne Ton nutzen, andere sind so unberechenbar und hören Jazz mit leisen Passagen oder gar so genannte Hörbücher … Sorry für den Rant, eigentlich finde ich Beyerdynamic großartig, allein schon wegen der Ersatzteile – aber die DT-Serie ist halt ein Klassiker, der Lagoon ist Trend.

beyerdynamic lagoon foto
Einfache Bedienung, gute Polster, aber ein wenig eng.

Der Klang im ANC-Modus ist ein wenig anders, aber nicht großartig schlechter, und die zusätzliche elektronische Dämmung funktioniert ziemlich gut – gänzlich still wird es aber nicht, ein TV auf Zimmerlautstärke ist immer noch gerade so zu hören. Ob wirklich jemand die erste Stufe nutzt darf zumindestmal angezweifelt werden, ein simpler Ein-/Aus-Schalter hätte es auch getan.

Verarbeitung und Haptik

Die Verarbeitung ist durchgehend gut, der verarbeitete Kunststoff ist nichts Besonderes, aber okay. Der Bügel selbst macht einen sehr stabilen Eindruck und die Ohrpolster sind weich, angenehm und (sehr) abschließend, inklusive ziemlich guter Abschirmung auch ohne ANC.

Der Sitz ist freilich immer Geschmackssache und abhängig von der Kopfform, aber die Lagoon sind anpassbar und groß genug, um im Allgemeinen zu gefallen. Beyerdynamic macht hier im Grunde nichts falsch, auch wenn nicht der Tragekomfort etwa der Beyerdynamic-Klassiker der DT-Serie erreicht wird – aber man soll ja auch damit rumlaufen.

Als persönliche Ergänzung: Ich habe sie zurückgeschickt, weil mir nach 20 Minuten die Ohren weh taten, vermutlich wegen der Kombination aus recht hohem Anpressdruck und den sehr dicht abschließenden Polstern. Beide Punkte dürften allerdings unter „gewünscht“ fallen, schließlich sind es geschlossene Reisekopfhörer – die sollen fest und bündig sitzen. Sobald der Puls etwas höher ist, hört man dadurch allerdings den eigenen Herzschlag sehr sehr deutlich als zusätzlichen Beat. Der DT spielt auch hier in einer ganz anderen Welt!

beyerdynamic lagoon foto
Die Touch-Bedinung funktioniert einwandfei, das Case ebenfalls – der ANC-Modus definitiv nicht.

Fazit

Ich habe mir die Entscheidung wahrlich nicht leicht gemacht, die Lagoon wieder zurückzuschicken – der Klang ist einfach ein Segen, wenn man der elenden Basslastigkeit moderner Bluetooth-Kopfhörer überdrüssig ist. Selbst als Kabelkopfhörer hätte ich sie behalten können, hätte ich sie länger als 20 Minuten tragen können ohne nur noch an die Ohren zu denken … Die minimale Bedienung liefert keinen Grund zum Meckern, die Verarbeitung ist gut, das Material für einen UVP von knapp 300 Euro ein wenig unter den Erwartungen.

Wenn Ihr einen ausgewogenen Sound mit kräftigem, aber nicht aufdringlichem Bass sucht und einen maximal durchschnittlich breiten Kopf habt, wird Euch der Kopfhörer vermutlich begeistern!

Wenn Ihr Wert auf ANC ohne Ton oder mit Hörbüchern oder sonstigen Werken mit stillen Momenten legt, schaut Euch lieber woanders um, Bose und Sony liegen bei Dämmung und ANC doch ein Stück voraus – so auch die nahezu einhellige Meinung in anderen Tests und Produktbewertungen bei Händlern. Rauschen nimmt nicht jeder gleichermaßen deutlich, vor allem aber nicht gleich störend wahr, insofern ist es vielleicht doch einen Versuch wert. Vielleicht mal lokal beim HiFi-Händler statt gleich drei Modelle bei Amazon zu bestellen ;) Ach, was sage ich da, wir profitieren ja von Euren Klicks auf:

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Mirco Lang

Freier Journalist, Exil-Sauerländer, (ziemlich alter) Skateboarder, Dipl.-Inf.-Wirt, Einzelhandelskaufmann, Open-Source-Nerd, Checkmk-Handbuchschreiber. Ex-Saturn'ler, Ex-Data-Becker'ler, Ex-BSI'ler. Computer-Erstkontakt: ca. 1982 - der C64 des großen Bruders eines Freunds. Wenn Ihr hier mehr über Open Source, Linux und Bastelkram lesen und Tutonaut unterstützen möchtet: Über Kaffeesponsoring via Paypal.freue ich mich immer. Schon mal im Voraus: Danke! Nicht verpassen: cli.help

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