Yeeehaawww – endlich keine Infos mehr über Webseitenbetreiber! Wen juckt schon oller Whois-foo? DSGVO 1 – Whois 0.

Die DSGVO ist schon ein Schätzchen – dank ihr kann man endlich Webseiten anonym betreiben. Endlich kann ich meine ganzen alten Hassschreiben aus dem Keller holen und veröffentlichen. Endlich kann ich Leuten Falschinformationen unterdrücken, um irgendeinen Scheiss zu verkaufen. Endlich, endlich – danke DSGVO!

Die olle Kackbratze

Jaaaaa, ich weiß, die DSGVO ist sooo böse und ist sooo schädlich und macht sooo viele kleine Unternehmen kaputt. Man hatte ja auch nur zwei Jahre Zeit, um Dinge umszusetzen, die zum größten Teil sowieso schon nach alter Rechtssprechung galten. Unverschämt. Und was soll das überhaupt? Nur weil die Schwester des besten Freundes des Postbotens meiner Nachbarin Fotos mit mir im Hintergrund freimütig Facebook zur (Gesichts-) Analyse übergibt, muss ich doch nicht gleich durch ein Gesetz geschützt werden, oder? Was soll die Aufregung? Datenerhebung ftw!

Und die ganzen kleinen Handwerker-Visitenkarten-Webseiten und Stricken-mit-Spaghetti-Fanseiten. Alle tot! Wie kann man von den einfachen, nicht Techie-Leuten verlangen, eine Datenschutzerklärung zu veröffentlichen? Und nicht ungefragt persönliche Daten zu erheben? Und nicht ungefragt Kundendaten an Dritte weiterzugeben? Einfach unverschämt. Wie kann man erwarten, dass die das alles hinbekommen? Häää, liebe Regierung?! Ich meine, beim ersten Mal, als sie ihre Seiten aufgesetzt haben, gut, da haben sie es irgendwie hinbekommen. Mit Hilfe, vielleicht. Nicht rechtskonform, vielleicht. Aber jetzt noch mal einen Nachmittag investieren? Nur wegen ein paar läppischer „Daten“? Was soll das überhaupt sein? Herr Ober, 1 Daten bitte …

Endlich anonym

Aber heeeeey – immerhin spendiert uns das böse Monster endlich das quasi-anonyme Internet. Ihr kennt die NICs, die Network Information Center? Hier in Deutschland die DENIC? Bei diesen Domain-Registraturen liegen die Informationen über Domain-Inhaber. Über so genannte Whois-Server konnte man seit jeher herausfinden, wem eine Domain gehört – völlig verrückt. Ich meine, man landet mirnichts dirnichts auf www.kauf-die-scheisse-du-idiot.de und konnte dann doch tatsächlich gucken, wer diese Webseite betreibt, bevor man die Scheisse kauft und Kohle rüberschickt. Einfach so! Kann man doch nicht machen.

Und dank der coolen DSGVO ist nun Schluss mit dem Unfug! Jawoll, nieder mehr mit dem Zwangs-Impressum! Es gibt doch eine Impressumspflicht an die sich der Betreiber von www.ich-lüge-dir-die-hucke-voll.de, Ingvar Ichklaudeingeld-Schmidt, halten muss. Der Betrüger muss im Impressum seinen echten Namen nennen – warum dann eine technische Möglichkeit bereitstellen? Betrüger mögen betrügen, aber sie würden doch nie bei ihrem Namen lügen.

dsgvo denic

Whois-Auskünfte für Jedermann? Nö. Aus und vorbei.

Jungs, wirklich?

Aber mal ehrlich: Ja, ich kann der DSGVO einiges Gutes abgewinnen – Datenschutz ist nun mal wichtig, auch wenn die meisten Menschen die Hintergründe nicht verstehen und es hier und da Arbeit macht und die Praxis hier und da in Absurdistan angesiedelt zu sein scheint. Aber einen weltweiten technischen Standard abzuschalten, der dafür sorgt, dass ich mich neutral über die Betreiber öffentlicher Informationsportale informieren kann? Webseiten werden veröffentlicht Ihr Clowns! Jaaaaaaaaaaaaaaa – hinter einer Domain muss keine Website stecken, sie kann auch nur für private Dinge, etwa eMail, genutzt werden. Aber das ist eindeutig so selten der Fall, dass das Interesse der Öffentlichkeit hier deutlich überwiegt.

Über die DENIC bekommt man jedenfalls nur noch Auskunft, wenn man entweder der Seitenbetreiber selbst ist (wichtig für die Verrückten, die sich selbst nicht kennen), als Behörde beispielsweise Strafverfolgung betreibt, seine Namensrechte durch eine Domain verletzt glaubt oder es um zivilrechtliche Pfändungen geht. Für all diese Zwecke gibt es nun Formulare. Aber ich habe ein berechtigtes Interesse daran, zu erfahren, wer mir auf einer Webseite Informationen unterjubelt! Als Privatmensch, aber auch als Journalist – schlicht und ergreifend, um Informationen einordnen zu können.

Die Abschaltung der bisherigen Whois-Abfragen ist schlicht und ergreifend ein Witz. Und kann nur von Menschen verursacht worden sein, die keine Ahnung von Technik haben. (Sollte man meinen dürfen …)

P.S.: Wenn Ihr mal ein konkretes Beispiel haben wollt, warum das auch für Euch ganz privat lästig ist, hier: Ihr landet auf einer der vielen Pseudo-Produkttestwebseiten (wir schrieben auch mal darüber), etwa www.neutrale-matratzen-informationen.de und erfahrt dort, dass nur Matratzen mit Füllung XY besonders gut für Allergiker sind – und bekommt auch gleich einen Link zu www.die-einzige-gesunde-matratze-kaufen.de. Über eine Whois-Abfrage könntet Ihr ganz einfach nachschauen, wem die Seite gehört. Und wenn dann Shop und „Info-Seite“ auf denselben Namen registriert sind, wisst Ihr sofort: Betrüger!

Und heute? Seid Ihr darauf angewiesen, dass der Betrüger Euch freiwillig darüber informiert, dass er Euch gerade betrügt …

Mooooooment!

Ihr dachtet, Ihr wäret schon durch? Irrtum. Denn das Lustige: Whois würde wohl auch unter DSGVO noch laufen dürfen! Wieder mal ist nicht die DSGVO selbst Schuld an all dem Übel dieser Welt, sondern was Menschen daraus machen. Denic-CEO Jörg Schweiger legt in einem Interview mit heise dar, dass man das bisherige Whois nicht direkt wegen der DSGVO abschaltet, sondern weil sie davon ausgehen, „dass die Rechtslage im Verlauf der Zeit eine andere Interpretation findet.“ Vielen Dank, Genossen!

Aber nicht nur die DENIC ist in heller Aufregung. Generell gibt es die Diskussion um Whois-Einträge: Datenschützer wollen die Informationen verschwinden sehen. IT-Security-Spezialisten wollen die Informationen behalten. Whois ist nämlich auch ein klassisches Hilfsmittel, um gegen Cybercrime vorzugehen. Eine nette, kurz Analyse dazu findet Ihr zum Beispiel bei KrebsOnSecurty.

An all die Sanftmütigen: Sorry, wenn ich angepisst klinge, aber ich bin angepisst – Whois war für mich immer ein wertvolles Werkzeug. Wie soll ich kritische Informationen von Webseiten einschätzen, wenn ich nichts über den Betreiber heraus finden kann?

Über den Autor

Mirco Lang

Mirco Lang

Freier Journalist, Exil-Sauerländer, (ziemlich alter) Skateboarder, Dipl.-Inf.-Wirt, Einzelhandelskaufmann, Open-Source-Nerd, Stichwortschreiber. Ex-Saturn'ler, Ex-Data-Becker'ler, Ex-BSI'ler.

Computer-Erstkontakt: ca. 1982 - der C64 des großen Bruders eines Freunds.

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Kommentare

  • Für „unserein“ ist das latürnich ein nerviger Verlust. Aber Ottor Normalsurfer und Liesschen Unbedarft kämen nicht mal Ansatzweise auf den Gedanken das es soetwas wie einen Domain-Besitzer gäbe. Oder was und wozu ein WHOIS gut ist. Oder was denn eine Domain überhaupt ist. Oder das man „im Internet“ grundsätzlich Skeptisch sein sollte… oder… oder… augenroll

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