Vergleichstest-Portale wie Netzsieger.de versprechen Euch umfangreiche Produkttests – liefern aber all zu oft nur olle Werbung. Wir zeigen am Beispiel, woran Ihr Pseudo-Journalismus erkennt.

Pseudo-journalistische Angebote verarschen Euch. Das kann man einfach mal so stehen lassen. Kleine Lektion in Sachen Medienkompetenz gefällig? Gerne: In letzter Zeit poppen überall ganz tolle Portale mit Vergleichstests auf, die im Grunde immer das Gleiche versprechen: Die besten Produkte auf einen Blick erkennen, ohne Aufwand für Euch. Früher hat man sich da auf die Stiftung Warentest verlassen, später auf Fachzeitschriften. Und heute gibt es Mist wie Netzsieger.de. Wir zeigen Euch, wie die Masche funktioniert.

Journalistische Vergleichstests

Was macht einen guten, redaktionellen Vergleichstest aus? Im Grunde ist das ganz einfach zu beantworten: Er sollte neutral sein, objektiv, transparent und Euch einen Überblick verschaffen. Im Gegensatz zu Amazon-Bewertungen geht es darum, ein Produkt als Ganzes zu betrachten, nicht nur zu schauen, ob es für den einen persönlichen Zweck geeignet ist. Testen ist aufwändig. Es müssen diverse Szenarien durchgespielt werden, standardisiert und mit jedem Produkt identisch. Fehler müssen provoziert, nachvollzogen und erklärt werden.

Besonders viel Aufwand verursachen schlechte Bewertungen: Viele Hersteller melden sich nach schlechten Noten und beschweren sich – selbst wenn sie am Ende zustimmen, man muss Zeit in ein paar Mails stecken. Bestenfalls fragen die Hersteller nach, um gefundene Fehler zu beheben – diese seltene positive Reaktion durfte ich beispielsweise bei Samsung (SSDs) und Nero verzeichnen. Aber auch das macht (unbezahlte) Arbeit. Dies führte schon in seeligen Print-Zeiten dazu, dass ich als Redakteur allzu häufig zu positive Testergebnisse von professionellen Journalisten geliefert bekam – ein Test mit der Note „gut“ verursacht nunmal keine Mehrarbeit.

netzsieger

Darum geht es: Ein „Testportal“.

Journalisten wollen Euch mit einem Vergleichstest umfassend informieren und in meinem Fachgebiet gibt es da eine Besonderheit: Wenn es um Software-Vergleichstests geht, darf auch mindestens eine kostenlose Alternative niemals fehlen. Warum? Ganz einfach: So ein Vergleich soll nicht nur die Frage beantworten, welchem Hersteller Ihr Euer Geld geben sollt, sondern erstmal, ob Ihr überhaupt Geld ausgeben müsst! Und genau an diesem Punkt lässt sich Netzsieger.de später wunderbar entlarven.

Echte Tests produzieren echte Screenshots – und kein Journalist wird Euch diese vorenthalten.

Marketing-Vergleichs“tests“

Moderne Vergleichsportale sind aber häufig ganz offensichtlich Marketing. Es gibt Anzeichen, auf die Ihr achten solltet: Sind die Testkriterien transparent? Ist das Testfeld einigermaßen ausgewogen? Gehören die Testkandidaten wirklich zur gleichen Kategorie? Gibt es vielleicht Partnerschaften mit Anbietern? Gibt es auch ernsthafte Kritik? Haben die Autoren wirklich selbst getestet – oder nur Wertungen anderer Quellen zusammengetragen? (Gute Anzeichen sind zum Beispiel eigene Screenshots oder Produktfotos.) Gibt es vom „Test“-Anbieter eventuell andere Angebote, etwa Online-Shops? Überhaupt: Wer „testet“ da? Ein Verlag? Oder doch nur eine Marketing-Agentur? Ein Alles-mit-Internet-Dienstleister?

Marketing-Leute wollen Euch mit einem Vergleichstest zum Kauf von Produkten verleiten. Allerdings ist es nicht immer ganz einfach, eine klare Abgrenzung zu ziehen – oder zu finden. Schauen wir doch einfach mal auf Netzsieger.de – ein gut gemachtes Beispiel für ein Portal, das sich als journalistisches Produkt präsentiert, letztlich aber ganz andere Ziele verfolgen dürfte.

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Nicht eine einzige Gratis-Software im Testfeld? Nicht sehr journalistisch …

Netzsieger: Das Selbstverständnis

Erst einmal das Selbstverständnis von Netzsieger:

Wir sind eine unabhängige Experten-Redaktion, die Produkte und Dienste verschiedenster Art unter die Lupe nimmt und bewertet. […] Im zweiten Schritt prüfen unsere Experten die Qualität der ausgesuchten Produkte und erstellen detaillierte Vergleichsanalysen. Schließlich verfassen die Netzsieger-Autoren umfassende Testberichte, die Teil- und Endbewertungen enthalten.

Mit einer gesunden Mischung aus glühendem Eifer und kühler Objektivität nimmt das Netzsiegerteam die sorgfältig ausgewählten Produkte bzw. Dienste unter die Lupe und erstellt kompetente Detailanalysen. Neben der eigenen Nutzerfahrung berücksichtigen unsere Experten auch authentische und aussagekräftige Kundenrezensionen, die das Gesamtbild abrunden.

Und gleich hier solltet Ihr ein erstes Mal aufhorchen: „… berücksichtigen unsere Experten auch authentische … Kundenrezensionen …“. Grundsätzlich ist das eine gute Idee. Allerdings sollte man zwei Dinge beachten: Kundenrezensionen beziehen sich in der Regel auf die Frage, ob das Produkt für mich persönlich und für meinen persönlichen Einsatzweck geeignet ist – das ist natürlich OK.

Ein Test hingegen guckt sich das gesamte Produkt an – auch die Funktionen und Einsatzmöglichkeiten, die einen privaten Rezensenten bei Amazon & Co. nicht die Bohne interessieren. Zudem sollte ein professioneller Autor/Tester auch Konkurrenzprodukte kennen und eine gewisse Ausbildung und/oder Erfahrung bezüglich Tests haben. Einordnung ist so ein Punkt, der für viele private Rezensenten zumindest schwierig ist. Vor allem aber strebt solch ein Rezensent keine Objektivität an – er schreibt seine Meinung. Soll er auch! Solche Rezensionen zu berücksichtigen ist aller Ehren wert – Ihr müsst nur darauf achten, dass nicht einfach die Wertung von Amazon oder einem Shop-Vergleichsportal übernommen werden. Das scheint bei Netzsieger übrigens nicht (immer?) der Fall!

Test zu Backup-Software

Der Vergleichstest zu Backup-Software war der Grund für diesen Artikel – hier ist einiges nicht rund, aber vor allem: Der Umgang mit kostenloser Software ist eine Katastrophe. Hier erstmal der Text von Netzsieger:

Ein ähnliches Bild ergibt sich auch für den Windows-Konkurrenten Mac OS X. Hier können Nutzer auf die Backup-Software Time Machine zurückgreifen, welche Dateien sichert und im Notfall auch wiederherstellt. Allerdings müssen sich Anwender bei dieser Software abermals mit dem Vollbackup zufriedengeben. Wird dagegen ein spezielles Sicherungs-Konzept gewünscht, müssen sich Endverbraucher mit der Anschaffung einer kostenpflichtigen Drittsoftware auseinandersetzen.

Die Aussage zu Time Machine ist schlicht unfug, das Teil macht inkrementelle Backups. Und das ist wohl das erste mal, dass ich eine positive Aussage über ein Apple-Produkt mache.

Auch andere Anbieter bieten kostenlose Backup-Software an – analog zu der vorinstallierten Windows-Backup-Software müssen Nutzer bei Backup-Freeware grundsätzlich auf einige zentrale Kernfeatures verzichten:

Meist ist eine Verknüpfung mit einer Cloud-Lösung nicht möglich
Oft nur Vollsicherungen möglich
Nicht alle Speichermedien und Dateiformate werden unterstützt
Support und Hilfemöglichkeiten sind wenig umfangreich

Die Aussage zu den grundsätzlichen Mängeln kostenloser Backup-Software ist ebenso unfug: Verknüpfung mit Cloud ist in der Regel zumindest über einen Freigabeordner möglich und inkrementelle oder gar Delta-Backups sind in etlichen Tools implementiert. Dass eine Backup-Software bestimmte Dateiformate nicht backuppt – unfug. Nicht alle Speichermedien? Das gilt gleichermaßen für Kauf- und Gratis-Software.

Kostenlose Software wird also komplett niedergemacht – IHR MÜSST KAUFEN! Und gerade bei Backup-Software ist diese Aussage völliger Humbug.

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Endlich eine Freeware, sogar als Sieger! Pustekuchen: Die Wertung scheint für die Premium-Version zu gelten.

Produkte, Wertungen, Shopping-Links

Das Kostenlos-Gemetzel ist aber nicht das einzige, was hier nicht stimmt: Schauen wir mal auf Testfeld, Wertungen und Shop-Verknüpfungen.

Im Testfeld findet sich – natürlich – kein kostenloses Tool, dafür werden allerdings Imaging-Programme und reine Datei-Backupper vermischt. Imaging-Tools erstellen komplette Abbilder von Laufwerken, meist als Systembackup. Datei-Backupper sichern Dateien. Natürlich vermischen sich die Kategorien, zumal alle Imager im Feld auch Dateien sichern. Die reinen Datei-Backupper erstellen aber nunmal keine Images – und entsprechend sind die beiden einzigen Kandidaten dieser Kategorie auch die günstigsten. Das ist nicht sonderlich tragisch, dennoch ist ein direkter Vergleich solcher Tools – nun, sagen wir mal schwierig.

Jetzt zu den Immer-Positiv-Wertungen: Die Skala bei Netzsieger geht bis 5 – und bis auf eine Ausnahme, haben alle Tools mindestens 4 Punkte, also 80 Prozent! Der einzige Ausfall: MOBackup – ein Tool, das ausschließlich Backups von Microsoft-Outlook-Daten erstellt. Eine ganz tolle Idee, diesen Spezialisten mit einem mehr als dreimal so teurem Allrounder wie True Image zu vergleichen. Und selbst MOBackup bekommt noch satte 76 Prozent der Punkte! Im direkten Vergleich mit der vermeintlichen Konkurrenz aus dem Testfeld ist das ein Witz. Das Schlimme: Fast alle (Software-) Produkte bei Netzsieger liegen über 80 Prozent – Ausnahme gefällig? Serif PhotoPlus bekommt „nur“ 64 Prozent – mit der Netzsieger-Begründung: „Das Programm wird vom Hersteller nicht mehr weiterentwickelt, der Support ist ebenso eingestellt.“ Und wieder: Super gemacht! Ausgediente Software zu testen ist so richtig fair.

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Wow – E-Zigaretten kommen grundsätzlich auf über 90 Prozent der Punkte. Muss ein tolles Produkt sein …

Die Shop-Verknüpfungen: Ich persönlich finde es immer schwierig, Produkte in Tests mit Affiliate-Links zu verknüpfen – allerdings machen das alle, auch wir. Diesen Kampf habe ich verloren. Mein kleiner Silberstreifen: Wenn Leser sehen, dass es auch echte Verrisse gibt, kommen sie selbst drauf, dass Testergebnisse nicht von kommerziellen Interessen beeinflusst werden.

Das Problem bei Netzsieger: Die meisten, aber längst nicht alle Produkte sind per Affiliate-Link verlinkt, so dass Netzsieger eine Provision bekommt, solltet Ihr kaufen – soweit OK. Nun finden sich in den exemplarisch geprüften Software-Tests (Backup, Bildbearbeitung, Bildverwaltung, Passwortmanager, Videobearbeitung) ausschließlich Testsieger mit Affiliate-Links. Das kann natürlich Zufall sein. Aber wenn insgesamt, einfach mal als Fantasiewert, 80 Prozent der Produkte eines Vergleichsportals ver-Affiliate-linkt, aber 100 Prozent der Testsieger … Nun, es könnte natürlich auch daran liegen, dass Testsieger immer von Premium-Anbietern (hüstel …) kommen, die entsprechend eher bei Affiliate-Programmen zu finden sind. Vielleicht waren es auch Kobolde. Die haben dann bestimmt bei dem oben erwähnten PhotoPlus auch den Affiliate-Link geklaut.

Selbst getestet?

Die bisherigen Kritikpunkte waren ziemlich eindeutig, jetzt wird es etwas vage: Sind die Dinger wirklich selbst getestet worden? Nun, persönlich habe ich da meine Zweifel. Zum Beispiel der Test zu Acronis True Image: Es liest sich eher wie eine Feature-Beschreibung, als wie ein Testprotokoll. Ich habe True Image über Jahre immer wieder für die PC Praxis getestet und es bekam immer gute Ergebnisse, wurde in Vergleichstests (für Imaging-Tools) sogar meistens Testsieger. Aber es gab auch in jedem Test Probleme. Defekte Backups, abgebrochene Imaging-Prozesse, Fehler bei der Wiederherstellung auf anderer Hardware oder kleine Inkonsistenzen in der Benutzeroberfläche (wenn Acronis mal wieder alles neu designen und hipper machen wollte …).

Echte Tests produzieren echte Screenshots – und kein Journalist wird Euch diese vorenthalten.

Bei Netzsieger ist hingegen alles super. Was genau habt Ihr denn getestet? Dateien? Images? Hardware-Umzüge? Was? Das Wort „Problem“ taucht nur einmal auf – bei der Lobpreisung des tollen Services: „Positiv anzumerken ist, dass sich Acronis die Wünsche ihrer Nutzer offenbar zu Herzen nimmt: Über ein eigens eingerichtetes Feedback-Formular können Künden gefundene Probleme oder auch ein Lob unkompliziert kommunizieren.“ Wow! Ein Feedback-Formular! Die müssen mich ja ernst nehmen …

Kein Wort über Dateiformate

Und dass der gesamte Vergleichstest kein Wort über die Speicherformate der Backupper verliert, ist mir persönlich noch ein ganz besonderes Ärgernis. Denn wenn Ihr in einem proprietären, Hersteller-eigenen Format sichert, kommt Ihr auch immer nur mit dem Original-Werkzeug an die Daten. Unter Umständen müsst Ihr sie also in Jahren nochmal kaufen, sei es, weil Ihr die alte Version verloren habt oder sie schlicht nicht mehr auf neueren Betriebssystemen läuft. Und kleinere Hersteller gehen auch gerne mal bankrott. Das ist schon ein Problemchen.

Der Fairness halber: Der Text zum Vergleichstest ist äußerst ausführlich, es werden Bedrohungsszenarien und Backup-Strategien aufgezeigt – er ist nützlich. Nun, er ist auch extrem lang, gemessen am Rest der Seite ziemlich bleiwüstig und es entbehrt merkwürdiger Weise jeglicher Textstellen mit Bezug zu durchgeführten Tests … Ach nein, Blödsinn, ‚tschuldigung, hier sollte ja das Positive herausgestellt werden, kein Content-Marketing-Verdacht geschürt werden. Sorry.

Dennoch finden sich bei Netzsieger durchaus Texte, die tatsächliche Tests vermuten lassen, beispielsweise zum Passwortmanager Bitdefender Wallet.

Diverser Netzsieger-Schmuh

Noch nicht überzeugt? Na gut, hier noch ein paar weitere Punkte, die dafür sprechen, Netzsieger-Ergebnisse zumindest sketpisch zu betrachten:

SSL-Zertifikate-Test: Kostenlose Angebote wir Let’s Encrypt werden gar nicht erwähnt.

Passwortmanager: Der Testsieger wird als kostenlos angepriesen – in der Feature-Liste und im verknüpften Einzeltest ist jedoch von der kostenpflichtigen Premium-Version die Rede. Mit KeePass gibt es eine hervorragende Open-Source-Lösung, die auch höchsten Ansprüchen gerecht wird, für alle Plattformen – wird mit keinem Wort erwähnt.

Bildbearbeitung: Lassen wir Netzsieger doch mal wieder selbst zu Wort kommen:

Allgemein können Verbraucher davon ausgehen, dass kostenfreie Programme einen geringen Funktionsumfang aufweisen. Daher sind sie eine Empfehlung für Anfänger ohne Vorkenntnisse, die die ersten Schritte auf dem Gebiet der Bildbearbeitung wagen wollen. Schließlich bieten die Anwendungen die wichtigsten Basis-Funktionen.

Das ist schlicht und ergreifend falsch. Umgedreht würde schon eher ein Schuh draus: Viele Gratis-Programme, insbesondere Open-Source-Produkte, können extrem viel – haben aber fast ebenso häufig weniger schicke/einfache Oberflächen.

Allerdings fällt die Bedienung von GIMP bei Weitem nicht so intuitiv aus wie bei dem Marktführer auf dem Gebiet Bildbearbeitung. Wer sich für das Programm entscheidet, sollte unbedingt eine längere Einarbeitungszeit einplanen. Mit etwas Geduld und Geschick ist eine professionelle Bildbearbeitung mit der Freeware jedoch durchaus möglich

Erstens: Gimp ist keine Freeware. Ist der Unterschied zwischen Free Software/Open Source Software und (proprietärer) Freeware wirklich so schwer zu verstehen? Als überzeugter FLOSSler könnte ich jedes mal kotzen, wenn ich das von „Profis“ lese. Zweitens: Das mit der Bedienung ist zumindest streitbar, persönlich würde ich sagen, es kommt darauf an, welches Programm man zu erst in der Hand hatte. Ist Photoshop bei der allerersten Berührung mit einem Bildbearbeitungsprogramm wirklich intuitiv? NEIN. Die meisten haben nur die damals nötige Einarbeitung vergessen und stellen dann überrascht fest: „Uhhh, Gimp macht ja gar nicht alles genauso wie Photoshop – wie schlecht ist das denn?“ Aber egal. Immerhin werden die professionellen Fähigkeiten von Gimp gewürdigt.

Videobearbeitung: Auch hier soll Netzsieger wieder den Anfang machen:

So stoßen auch Anfänger schnell an die Grenzen eines kostenfreien Videobearbeitungsprogrammes, denn viel mehr als der Videoschnitt und die Aneinanderreihung von ein paar Bildern ist mit vielen Gratis-Videoschnittprogrammen nicht möglich.

Mit vielen – ja! Aber bei weitem nicht mit allen. Es gibt durchaus leistungsfähige Freeware und insbesondere unter Linux reichlich sehr gute freie Software.

Ein Videobearbeitungsprogramm wie Lightworks Free bietet hingegen einen ordentlichen Umfang was die Videobearbeitung betrifft. Allerdings stehen nur wenige Dateiformate für den Export der Video-Datei zur Auswahl.

Yep, völlig korrekt. Lightworks Free beschränkt sich auf ein Exportformat mit fixer Größe – ist davon abgesehen aber absolut professionell und stellt die meisten 100-Euro-Privatanwender-Programme in den Schatten. Die Pro-Version kostet auch über 330 Euro. Um es klar zu sagen: Lightworks wurde für Filme wie Wolf of Wallstreet verwendet – das ist etwas mehr als „ordentlicher Umfang“.

Und dann der absolute Oberklops: Netzsieger erdreistet sich tatsächlich, eine Gegenüberstellung „Freeware“ und „Kaufprogramm“ einzufügen. Es geht hier nicht um bestimmte Programme! Es ist einfach nur ein Niedermetzeln von Gratis-Alternativen, die keine Affiliate-Kohle bringen.

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Der Gipfel der Dreistigkeit: Freeware ist doof, nääääääääääääääääääääää 🙁

Fazit zu Netzsieger

Fehler wie falsche Wertungen oder die Verwechslung von Freeware und Free Software können passieren, kein Beinbruch. Hier läppern sie sich zwar, aber immer noch kein Beinbruch. Allerdings bleibt festzustellen, dass kostenlose Alternativen systematisch schlecht dargestellt werden. Und Testsieger (und nur die) scheinen durchgehend via Affiliate-Links verknüpft zu sein. Vor allem ist es aber die Abwertung von Gratis-Tools, die Netzsieger komplett disqualifiziert – als redaktionelles Angebot. Als Werbeschleuder ist es bestimmt toll. Ach, habe ich erwähnt, dass es mit Netzshopping.de vom selben Anbieter auch einen Online-Shop gibt?

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Auch hier: Nur Affiliate-Links – aber hier steht es wenigstens dran!

Dieser Online-Shop ist auch nur eine Affiliate-Schleuder, die Euch zu Neckermann oder sonstigen Shops weiterleitet: „Netzshopping.de ist kein Online-Shop und versendet keine Produkte.“ Spätestens jetzt sollte jedem das Geschäftskonzept der Netzsieger klar sein: Provisionen über Affiliate-Links. Das Konzept ist in Ordnung – aber sich dann hinzustellen und einen auf unabhängige Experten-Redaktion zu machen, ist schon kackendreist. Darum findet Ihr übrigens auch keine Links auf Netzsieger – wenn wir Euch schon drängen auf Anzeigen zu klicken, dann doch bitte auf die rund um diesen Text eingeblendete. Tja, auch wirkliche Redaktionen wollen Euer Geld – seht’s uns nach 😉

Abseits der weichen Ware: Übrigens, schaut man mal in Kategorien wie E-Bikes oder Kaffeemaschinen nach, sieht man schnell, dass etliche „Vergleichstests“ komplett ohne Einzeltests auskommen – keine Fotos, kein Text mit Bezug auf einzelne Produkte. Mit anderen Worten: Netzsieger hat die Dinger nie in der Hand gehabt und die Wertungen schlicht und ergreifend irgendwo abgeschrieben. Fallt bitte nicht auf so einen Bullshit rein.

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Hier werden nicht mal mehr Pseudo-Einzeltests nachgeschoben – wenn die Dinger wirklich getestet wurden, steige ich auf Yogi-Tee um.

10 Tipps gegen pseudo-journalistische Angebote

Hier mal in aller Kürze ein paar Fragen, die jedem helfen, nicht auf pseudo-journalistische Werbung hereinzufallen:

  • Sind alle Wertungen sehr positiv?
  • Wer steckt hinter den Tests? Quellenprüfung! Gerade bei Facebook & Co. wichtig.
  • Werden Testkriterien und Produktauswahl erklärt?
  • Speziell bei Software: Werden kostenlose Alternativen genannt?
  • Welche Produkte werden (nicht) per Affiliate-Link verlinkt?
  • Wie sieht das Geschäftsmodell aus?
  • Finden sich im Text Hinweise auf wirklich durchgeführte Tests?
  • Gibt es individuelle Bilder oder nur Material von den Herstellern?
  • Werden Probleme geschildert? Es gibt keine fehlerfreie Software!
  • Gibt es vom selben Anbieter weiter Internetseiten/Angebote?

Im Grunde reicht aber vermutlich der gesunde Menschenverstand.

Netzsieger ist übrigens nur ein Beispiel – es gibt Dutzende, vermutlich Hunderte und Tausende Seiten, die Euch abzocken wollen. Content Marketing und Journalismus sind aber nun mal zwei unterschiedliche Dinge, lernt zu unterscheiden. Ich für meinen Teil bin jedenfalls angepisst – als Kunde, der verscheißert werden soll und mehr noch als Journalist, dessen Arbeitsethos als billiger Werbe-Slogan missbraucht wird: „Wir nehmen den Ehrenkodex unserer Branche sehr ernst“ – ja, am Arsch.

Über den Autor

Mirco Lang

Mirco Lang

Am Anfang war der C-64 des großen Bruders des besten Freundes in der Grundschule ...

Der echte Technikwahn kam dann mit einer Ausbildung bei Saturn - als Computer noch erklärt werden mussten, Soundkarten benötigten, ein gutes Monatsgehalt kosteten und das Internet nur bei Nerds und mit 38 kbp/s lief, bestenfalls.

Ein Studium der Informationswirtschaft und ein paar Jahre als Redakteur bei Data Becker später, sitzt hier ein freier Journalist, der auf Old-School-Computing (cli ftw!), Free Software, Frickelei, Kodi und "Hundedinger" steht - und Grauseligkeiten wie Bild und Heftig.co zutiefst verabscheut.

Und sonst so? Sauerländer, BSI-Mitarbeiter, untalentierter Musikinstrumentebesitzer und seit 24 Jahren Skateboarder, ein ziemlich alter. Und manchmal kommt das abgebrochene Philo-Studium wieder durch ...

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1 Kommentar

  • Jawoll! Googelte eben nach einer Schriftenverwaltung, freute mich über den Vorschlag „Font-Manager Test – Die besten Font-Manager 2017 im Vergleich“ und landete bei Netzsieger. Belangloses und Altbekanntes über Font-Manager im Allgemeinen, das wars. Keine Nennung von Software, geschweige denn ein Vergleich. Stattdessen eine Übersicht: die Top-10-Produkte (Bildbearbeitung): CyberLinks PhotoDirector auf 1 als Testsieger vor Adobe Photoshop, leichte Überraschung. Verglichen wird das Vorhandensein bestimmter Funktionen (gekennzeichnet mit einem Häkchen), aber leider nicht deren Qualität. Wobei die Auswahl der Funktionen verwundert: da finden sich Punkte wie „Reparatur aller Aufnahmen“(?) neben „Hintergrundmusik“ und „Auswahl umkehren“. „Fotos retuschieren“ klingt erstmal sinnvoll, aber dann folgen mit „Zähne bleichen“ oder „Hautunreinheiten beheben“ Unterfunktionen dieser Kategorie. Übrigens, der Testsieger bei Videobearbeitung ist CyberLinks PowerDirector vor Adobe Premiere. Open Office Writer wird wiederholt als kostenloses Programm bezeichnet und dennoch mit einem Kaufpreis von 11,49 versehen. Als KONTRA-Punkt werden die „zahlreichen Features“ genannt (Begründung: User überfordert). Das ist schon fast Satire…

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