Digitale Souveränität ist ein im Mainstream eher neues, fancy Schlagwort für ein altes Problem. Und zeigt vor allem eines: Politiker, die dieses Thema jetzt für sich entdeckt haben, sind peinliche Populisten, die einfach mal hätten zuhören sollen. Zuhören und lernen. Lernen und handeln.
Teil 1 ist nur das Gemecker eines alten mies gelaunten Fatalisten, der sich selbst eine Habe-ich-Euch-doch-gesagt-Teilnehmerurkunde ausstellt - könnt Ihr auch überspringen ;)
Teil 2 geht dann praktisch auf die digitale Souveränität für Otto Normalverbraucher ein.
Teil 1: Rant und Background
Jetzt, da große Teile der Welt endgültig von Bekloppten regiert werden, die keinen Hehl mehr aus ihren Weltherrschaftsambitionen machen und einen Dreck auf Abkommen, Partnerschaften und Frieden geben ... ja jetzt scheint die Politik diesen schönen Begriff für sich entdeckt zu haben.
Eine Nummer kleiner spricht man von Vendor lock-in, sprich Abhängigkeit von einem Hersteller. So wie Ihr aller Wahrscheinlichkeit nach von Google und Microsoft abhängig seid! Nun, oder halt Apple. Wie nutzt Ihr denn Euer Laptop (das Fass der Hardware-Abhängigkeiten mache ich mal lieber gar nicht erst auf ...) ohne macOS oder Windows? Das Telefon ohne iOS oder Android? Meetings ohne FaceTime oder Zoom? Wie schreibt Ihr Briefe ohne Microsofts Office? Mails ohne Google Mail? Und als Amazon angefangen hat für Prime Video eine Extragebühr zu verlangen, um Werbung auszuschließen - habt Ihr da nicht auch gezahlt?
Und dieses Problem ist in Fachkreisen auch kein neues Phänomen. Stellt Euch vor, Microsoft würde die Kosten für Windows- und Office-Lizenzen und -Updates verhundertfachen - was sollen Firmen und Behörden dann machen? Oder sie würden Backdoors und sonstige Sicherheitslücken in ihre Produkte einbauen - wie mitbekommen, wie beheben?
Microsoft, Apple und Google allein könnten vermutlich ganz Europa an den wirtschaftlichen Abgrund führen, wenn sie denn wollten. Oder von einem clownesken Präsidenten mit dem Gemüt eines Kleinkinds gezwungen würden.
Wie wenig neu diese Problem ist, zeigt doch allein schon das LiMux-Projekt von 2003! Schon vor 23 Jahren gab es clevere Menschen, die Münchens Verwaltung aus der proprietären Knechtschaft befreien wollten. Aber nach 14 Jahren haben visionslose Deppen das Projekt wieder gekippt. Na gut, Microsoft sitzt in München. Menschen, die auf der Entscheidungsleiter ganz oben sitzen dürften die technischen Feinheiten kaum verstanden haben. Ein Schelm wer glaubt, es wäre um viel schöne Lobby-Kohle gegangen ...
Ich selbst habe um die 2000 herum angefangen, über die Probleme proprietärer Software zu schreiben. Behörden wie das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) warnen seit ewig und drei Tagen vor Sicherheitsproblemen mit proprietärer Software und Vendor-Lock-ins. Organisationen wie die Open Source Business Alliance versuchen dem großkonzernlichen Lobbyistentum etwas entgegenzusetzen. In den Nullerjahren war das Thema auch in den vielen populären PC-Zeitschriften allgegenwärtig.
Herrgott, es gab sogar mal eine ganze Partei, die sich monothematisch aufgestellt und sich diesem Thema gewidmet hat - ich vermisse die Piratenpartei :( (Also die alte, monothematische Partei, die wusste, wovon sie redet - als sie dann plötzlich meinten, ein allumfassendes Parteiprogramm aufzustellen, kam wohl jedem das Schuster-und-seine-Leiste-Sprichwort in den Sinn ... kann fott.)
Allein: Es hat niemanden gejuckt. Alles nur paranoide Nerds ... Auch vor dem gläsernen Menschen haben wir paranoiden Nerds damals massiv gewarnt, keiner wollte es hören - und heute? Herzlichen Glückwunsch, diesen Krieg haben wir verloren, Google, Amazon, Microsoft, Apple & Co. haben gewonnen. Ernsthaft, Ihr könnt aufhören über Cookies nachzudenken. Oder über Account-Zwänge. Tracking. Es ist vorbei, wir sind gläsern, findet Euch damit ab.
Politik und Verwaltung haben auf dieses Problem im Grunde 2018 mit der DSGVO reagiert - locker 15 Jahre zu spät. Und vielleicht auch nicht unbedingt supertoll. Und Otto? Bemerkt die DSGVO im Alltag vor allem durch Cookie-Banner und will diese eigentlich nur loswerden. Alle wollen Datenschutz, aber die Verantwortlich waren zu träge, zu anfällig für Lobbyismus, zu sehr in ihrer Verwaltungsdenke gefangen und Ottos zu bequem.
Digitale Sourveränität für (große) Unternehmen dürfte vor allem eine Kostenfrage sein - und somit eine Frage des Willens.
Digitale Sourveränität für öffentliche Verwaltung, Staat und Politik ist eine Kosten- und Willensfrage, aber auch eine der Revolutionsfähigkeit: Es gibt ja öffentliche Bemühungen! Zum Beispiel die Nationale Feedback-Komponente! Kling geil, oder? Der Öffentliche Dienst macht Dinge oft zu kompliziert, zu bürokratisch.
Denkt an die Xrechnung: Welche Daten wann wo wie angegeben werden müssen ist etwas sehr sehr Einfaches - und dennoch war es nötig, dass ich kleiner Journalist auf unserem kleinen Blog einen Beitrag veröffentlicht habe, der klarstellt, dass ein bestimmtes Feld Pflicht ist - nachdem etliche Hersteller (!) von Rechnungsprodukten diesen Punkt missverstanden haben. Nun mag es daran gelegen haben, dass die eher Zusammenfassungen als den Standard selbst gelesen haben, oder dass ich derlei Dinge ganz gut verstehe, weil ich früher selbst an Standards gearbeitet habe, aber letztlich ist es typisch Behörde, etwas so Einfaches so kompliziert zu machen, dass selbst die Fachwelt es nicht rafft.
Aber hey, Tutonaut wendet sich ja vornehmlich an Ottos, an normale Menschen mit normaler IT-Nutzung.
Teil 2: Der souveräne Otto
Vorab: Nein, Otto ist nicht negativ gemeint und alle Ottinen sind ebenso ... ach, noch so ein Fass, das ich zu lasse ;) Gemeint sind einfach normale, private Konsumenten, die Cs aus B2C, Bürgerinnen und Bürger, Nicht-Fachleute.
Wichtig: Auch Euch betrifft digitale Souveränität! Nun, als Vorsichtsmaßnahme. Eine im Privaten sicherlich weitestgehend optionale Vorsichtsmaßnahme. Staaten müssen so etwas umsetzen, große Firmen müssen, kleine Firmen sollten, und Konsumenten sollten zumindest mal drüber nachsinnen.
Beispiel: Liegen alle Eure Passwörter bei einem Online-Dienst? Zum Beispiel Google, 1Password oder NordPass? Also in den USA, Panama oder Kanada? Jetzt stellt Euch mal die Frage, wie viele Probleme auf Euch einprasseln würden, wenn diese Passwörter plötzlich nicht mehr erreichbar wären.
Oder Ihr hättet keinen Zugriff mehr auf Eure Mails - schwierig? Keine Updates mehr für Windows - schlecht? Kein Online-Zugang mehr mit Android - unbequem? Wie viel würdet Ihr zahlen, um den Zugriff wieder zu bekommen? Und wie oft? Anders gefragt: Wie sehr wärt Ihr bereit, Euch erpressen zu lassen? Denn genau darauf läuft es bei dem Thema hinaus - wer nicht souverän ist, ist erpressbar.
Die Lösung mag nicht perfekt sein, aber sie lautet immer noch Open Source. Auch dahinter stecken oft Firmen/Geldgeber, aber wenn die unerfreuliche Wege einschlagen, können Dritte eine Abzweigung nehmen.
Zumindest als Notfallplan sollte sich vermutlich jeder mal mit Alternativen beschäftigen und am besten Konten und Software bereit halten. Hier die wichtigsten Punkte:
Daten
Wenn Ihr nur bereit seid, eine einzige Sache für Eure Souveränität zu tun - dann bitte speichert Eure Daten nicht nur bei einem einzigen Online-Anbieter im Ausland. Alles andere ließe sich im Falle eines Falles regeln, aber zu Euren Daten gibt es keine Alternative.
Speichert sie lokal, speichert bei einem der vielen Deutschen Hoster, auf einem NAS bei Freunden oder Verwandten, egal, aber nur Google oder nur Apple ist gaga.
Betriebssystem - PC
Hier ist die Antwort simpel: Ein Linux - in der Regel würde ich Standard-Ubuntu empfehlen, quasi das (man möge mir verzeihen ...) Windows unter den Linux-Distributionen. Ubuntu kann so ziemlich alles, was auch Windows kann, sieht gut aus, ist längst genauso einfach zu bedienen wie Windows und macht im Alltag einfach kaum Probleme.
Betriebssystem - Mobile
Tja, hier kann selbst ich nicht wirklich auf vollwertige Alternativen verweisen, nur auf Notfallalternativen. Die Alternative zu iOS ist natürlich Android, das zumindest teilweise Open Source ist, aber da ist es dann eben ein Google-Lock-in.
Es gibt ent-Google-te, Android-basierte Systeme, aber auch da bleibt die Abhängigkeit von Google. Dennoch: Mit LineageOS oder GrapheneOS seid Ihr aber zumindest nicht von Google-Diensten abhängig.
Office
LibreOffice, ganz einfach. Irgendein Office braucht wohl jeder und LibreOffice ist in jeder Hinsicht besser als der Google-Browser-Krempel und erledigt die mit Abstand meisten Standardaufgaben genau so gut wie Microsoft-Produkte (auch wenn die funktionsmäßig längst davon geeilt sind).
Ihr mögt es nicht glauben, aber es muss nicht immer Gmail sein ;) Es muss gar kein US-Anbieter sein. Auch über große Deutsche Anbieter wie 1&1 kommt man an Adressen. Oder kleine Hoster wie W3W.de. Der Komfort ist der gleiche! Nun, auf das omnipräsente "Anmelden mit Google-Account" muss man dann verzichten.
Browser
Auch hier ist die Standardantwort einfach: Firefox. Früher waren Chrome und Firefox mal große Konkurrenten, dann wurde Firefox immer schlechter, Chrome hat gewonnen - längst ist Firefox aber wieder gut und eine perfekte Alternative ohne Einschränkungen.
Meetings
Zwar sitze ich selbst meist nur in Zoom- oder Google-Meetings, aber wenn ich mal selbst gehostet habe, dann mit Jitsi - funktioniert super, kann man selber betreiben, muss man aber nicht.
Messenger
Es gibt etliche Messenger - und wenn Schulen mal aufhören würden ihren ganzen Krempel über WhatsApp abzuwickeln ... Hier ist es wirklich schwierig mit der Umsteigerei, weil alle anderen mehr oder weniger parallel mitziehen müssten. Ich prophezeie mal: Bevor die private digitale Sourveränität tatsächlich nötig wird, geht hier nicht viel. Aber es schadet nicht, auch noch Konten bei Signal oder Telegram zu haben.
Social Media
Wenn ich mal als Prämisse annehme, dass Social Media überhaupt sein muss ... Es gibt viele Alternativen, der Umstieg von X, Facebook, Instagram ist recht simpel und auch möglich, ohne dass alle anderen sofort mitziehen. Aber gut, hier geht es wieder vor allem um die anderen Menschen - und in der Beziehung ist Mastodon keine ernsthafte Alternative zu X. Gleiches gilt für alle anderen Alternativen zu allen anderen Social-Media-Netzwerken - es sind halt primär Netzwerke und keine Apps.
Entertainment
Ist auch wichtig. Tja, ohne Netflix, Prime Video und Disney+ sähen die Tage bei vielen von Euch trist aus, woll?! Aber dafür gibt es ja wirklich Alternativen, mit Abstrichen, okay. Als da wären beispielsweise RTL+, MagentaTV+, die Mediatheken, Maxdome oder was weiß ich noch alles.
Gaming: Sieht düster aus, wir alle sind doch längst abhängig von Steam, Xbox, Playstation & Co. Nun, immerhin gibt es bei GoG immer noch Spiele zum Download für den Offline-Betrieb.
Youtube? Hm, aus'm Fenster gucken?
Spaß beiseite, Entertainment scheint mir sowieso immer den Weg des geringsten Wiederstands zu gehen und sich Wege zu bahnen. Konzerte wurden mit Walkmans aufgenommen, Kassetten kopiert, DVDs gerippt, Dateien gesharet, heute alles gestreamt. In einer postapokalyptischen Welt gibt es vielleicht kein Excel mehr, aber irgendwer wird Filme auf eine Wand werfen und auf irgendeinem Faxgerät wird Doom laufen.
Entertainment soll entertainen, meine einzige Sorge hier: Irgendwer will BttF 4 drehen ...
Braucht man das?
Die Wahrscheinlichkeit, dass uns jemand "den Saft abdreht", dürfte wohl reichlich klein sein. Alle wollen Geld verdienen, niemand schlachtet die Goldene Gans. Teurer kann alles werden, aber letztlich zahlen wir für die wichtigsten Dinge eh nicht mit Geld - Facebook und Google bekommen ihr Geld ja nicht direkt von uns, sondern über Werbepartner. Ich nehme mal an, daran würden so schnell selbst irgendwelche Zölle oder Steuern nichts ändern.
Trotzdem bleibt die Frage: Wenn Google morgen beschließen würde, ein Google-Konto samt sämtlicher Dienste kostenpflichtig zu machen? Sagen wir erstmal 1 Euro pro Monat - wer würde dafür umsteigen? Sagen wir 10 Euro pro Monat in Jahr 2 - was dann?
Am Ende könnte man eigentlich alles immer austauschen, unangenehm, aber kein Genickbruch. Nur bei Daten jenseits von Worst-Case-Gedankenspielen kann ich wirklich nur allen ragen (verdammter Freud ...) raten: Seid souverän! Das gilt für Speicherorte und Dateiformate.
Also, braucht man das? Wir Endverbraucher dürften auf der sicheren Seite sein, so lange unsere Daten nicht von einem Unternehmen oder Land abhängen - man kann immer noch auf Linux umsteigen, wenn es soweit ist.
Firmen und Staat sollten jedoch dringend nach Souveränität streben - das Tagesgeschäft muss weitergehen. Zumal es da nicht nur um simple Anwendungen wie oben geht, sondern um Komponenten der Infrastruktur, auch innerbetrieblich. Große Umstellungen beginnen jedoch ebenso gerne beim Desktop: Schleswig-Holstein treibt die Unabhängigkeit voran und begann mit LibreOffice.
Ich bin mal gespannt, ob das Stichwort "Digitale Souveränität" mehr als nur einen kurzen Hype widerspiegelt. Es ist schon traurig genug, dass erst ein irres Regime mit irren Vorstellungen auf den Plan treten muss, um dem Thema ein wenig Aufmerksamkeit zu verschaffen. Aber gut, ist jetzt auch nicht der erste traurige Anlass für diese Debatte und fromme Lippenbekenntnisse.
Na, wo haben wir denn die Spitzen für das Stichwort "Open Source"?

- 2003: Alles in der IT-Welt ist neu und aufregend ;)
- 2009: Finanzkrise
- 2014: Annexion der Krim
- 2021: Corona
Vielleicht Zufall, vielleicht rufen Krisen Interesse an Open Source hervor - der Kurve nach aber immer weniger :(
Und Ihr so, schon souverän?






