Wer sich selbst als Alternative zu Windows und macOS vorschlägt, muss schon vorlegen: elementary OS macht vieles richtig, aber es fehlt eine Kleinigkeit …

Mal schauen, elementary OS könnte es schwer haben: „Die schnelle, freie und datenschutzfreundliche Alternative zu Windows und macOS“, auf der Homepage auf einem macbookig aussehenden Laptop visualisiert, mit Dock statt Taskleiste und Ubuntu-Standard-Hintergrund. Noch dazu muss man beim Download explizit 0 Euro angeben – ich hasse Hürden, selbst kleinste. Aber Ihr kennt ja das mit den Büchern und Umschlägen …

Über Linux-Distri-Impressionen

Ausführliche Infos: Quartett-Artikel und Distri-Impressionen-Übersicht. Hier nur ganz kurz zur Einordnung: Die Distri-Impressionen sind für das Quartett quasi „nebenher“ entstanden und sind keine tiefschürfen oder technischen Analysen. Es geht hier um das, was mir bei Installation, Einrichtung und Herumspielerei mit Desktop, Einstellungen und Tools aufgefallen ist. Was mich langweilt, was mich begeistert.

elementary os

Immerhin ein eigener Desktop – ob der aber punktet? Mmmh …

elementary OS mit Pantheon

Nein. Nein, nein, nein, nein, nein. Das ist nicht mein. Schon der Umschlag gefiel mir nicht und beim Reinlesen bleibt’s dabei. Das fängt schon mit dem ollen Dock an. Ich mag keine Docks. Docks sind Klickibunti-Taskleisten mit weniger Platz und weniger Funktionen. Ich sehe da vor allem Appleanbiederei. Jaja, unfair, schon klar. Doch siehe da – es gibt zusätzlich ein Startmenü/App-Finder, der Apps per Suche, Raster oder Kategorien verfügbar macht – Chapeau!

Die Fenstergestaltung: Fenster-schließen-X ist links, Fenster-maximieren-Icon rechts, minimieren geht nur über Kontextmenü. Reicht mir schon zum Deinstallieren. Und warum das Standard-Hintergrundbild? Desktophintergründe werden meiner Meinung nach hemmungslos überschätzt. Aber: Menschen lieben das, es ist ihnen wichtig. Und ja, es ist das wohl deutlichste Signal dafür, welches Betriebssystem man denn nun gerade nutzt. Ein Blick auf irgendein Windows, macOS oder Ubuntu genügt, um selbst die Version zu kennen. Andererseits erfreut sich das Theme samt Icons großer Beliebtheit.

Neben der Optik bestimmen vor allem eigene Tools und Tool-Auswahl eine Distri. Beispielsweise hat elementary OS einen eigenen Texteditor für Code – besser als ganz rudimentäre Texteditoren wie Leafpad, schlechter als vorhandene komplexere Alternativen. Warum also? Auch ein nicht ganz übliches Mail-Programm ist dabei – spannend! Doch leider: Man bekommt nur den Assistenten zu Gesicht. Gibt man dort nicht im ersten Dialog ein Konto an, kann man sich das Hauptprogramm nicht anschauen. Super Idee. Ganz toll. Bevor ich meine Mail-Daten eintippe möchte ich doch gerne erst einen Blick auf das Hauptfenster werfen.

elementary os

Ein doofes Dock und nichtmal ein eigenes Hintergrundbild – schade.

Und überhaupt: Warum muss das Mail-Programm Mail heißen? Der Editor Code? Das Screenshot-Tool Bildschirmfoto? Das Blöde daran: Ich habe keine Ahnung, um welche Tools es sich handelt. Es gibt auch keinen typischen Über-Dialog, vielleicht weil es keine Dateileiste gibt … Klar kann man die Namen irgendwie herausfinden, klar machen das auch andere Distris so, aber es bleibt kacke. Ohne den Namen des Tools zu kennen, kann man nämlich nicht mal eben die Dokumentation nachschlagen, Anleitungen suchen oder Ersatz installieren. Um es mal laut und deutlich für alle zu sagen, auch für die Deppen von Google Play: Eigennamen übersetzt man nicht. Oder arbeitet hier irgendwer mit Kleinweich Fenster? Oder zockt irgendwer Raketenliga?

Was das soll ist schon klar: Der geneigte DAU will mailen, also klickt er auf „mail“. Wen interessiert schon, was er da nutzt …

Was der DAU noch will: Doppelt auf Dateien und Ordner klicken, DEB-Dateien per Klick installieren – beides geht nicht. Elementary setzt auf das althergebrachte 1-Klick-Öffnen. Das ist mehr als nur ungewohnt für Umsteiger. Datei markieren? Nur mit gedrückter STRG-Taste möglich. DEB installieren? Muss erst ein Intaller für her … So viel zum Thema Einsteiger.

Am Ende fehlt mir nicht nur eine Kleinigkeit. Mir will einfach kein guter Grund einfallen, ausgerechnet elementaryOS zu nutzen. Das System hat ein paar nette Aspekte auf Projektebene, aber das alles gilt auch für viele andere Distributionen. Pantheon als Desktop mag ein Alleinstellungsmerkmal sein. Und der ist auch ganz hübsch hier und da. Aber ein paar Dinge unter der Haube nerven dann doch ganz enorm, insbesondere die anvisierte Zielgruppe. Ziemlich enttäuschend das alles.

Über den Autor

Mirco Lang

Mirco Lang

Freier Journalist, Exil-Sauerländer, (ziemlich alter) Skateboarder, Dipl.-Inf.-Wirt, Einzelhandelskaufmann, Open-Source-Nerd, Stichwortschreiber. Ex-Saturn'ler, Ex-Data-Becker'ler, Ex-BSI'ler.

Computer-Erstkontakt: ca. 1982 - der C64 des großen Bruders eines Freunds.

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