Der um sich greifende App-Irrsinn treibt inzwischen bizarre Blüten. Bei Haushaltsgeräten schlägt „smartes“ Design auf Nutzen, Qualität und Komfort.

Wir schreiben bald das Jahr 2018. Wenn mich jemand als Kind in den 1980ern gefragt hätte, was dieses Überübermorgenland ausmachen würde, hätte ich ihm einiges zu berichten gewusst. Von fliegenden Autos, interstellarer Raumfahrt, Unterwasserstädten und Roboterfreunden hätte ich wohl erzählt. Mein Kopf wäre voll von atomgetriebenen Flugzeugen, Cyberspace und intelligenten Supercomputern gewesen. Immerhin: Der Cyberspace heißt Facebook und ist eher so naja. Autos fliegen nicht, sondern gehen ständig kaputt. Roboterfreunde und der intelligente Supercomputer lassen auch auf sich warten. Dafür gibt es in unserer gelebten Zukunftsvision „smarte“ Geräte mit Apps. Die sind nützlich wie lenkbare Bratkartoffeln.

Früher war eine Zahnbürste eine Zahnbürste

Es ist ja schön und gut, dass die Technik immer mehr Einzug ins tägliche Leben hält. Das sichert mir meinen Lebensunterhalt und Euch vielfältige Möglichkeiten, Geld, Freizeit und Hirnschmalz sinnlos zu verblasen. Rausgehen? Sowas von 1995. Damals gab es allerdings auch noch keine smarten Geräte. Meine erste Zahnbürste zum Beispiel, die hatte eine Rassel drin. Das muss so 1980 gewesen sein und ich fand es klasse, wie das halt so ist bei Einjährigen. Heute ist meine Putzrassel eine moderne elektrische Zahnbürste. Die hat eine Bluetooth-Verbindung samt App. Ich schwöre Euch, ich hätte mir so ein Teil niemals gekauft, sondern habe es geschenkt bekommen. Und die besitzt genau das: Bluetooth. Und eine App. Da kann man tolle Sachen einstellen, etwa: Schnelleres Zähneputzen. Oder langsameres Zähneputzen. Oder normales Zähneputzen. Und damit das alles Sinn macht, gibt es natürlich ein Putztagebuch und ein Bewertungssystem in der App, für ganz Doofe. Was für ein Unsinn. Zu meiner Zeit war eine Zahnbürste eine Zahnbürste und ich brauchte keine Sternchen, um zu putzen.

Manche Sachen sind einfach perfekt. Da braucht es keine App.

Manche Sachen sind einfach perfekt. Da braucht es keine App.

Der ganz und gar unsmarte App-Irrsinn

Diese blöde Zahnbürstenapp habe ich genau einmal verwendet. Aus guten Gründen: Bluetooth am Smartphone anschalten, erhöhten Akkuverbrauch beim Smartphone in Kauf nehmen. Smartphone in die Spritzwasserzone legen. Losputzen und dabei nicht das Smartphone einsauen. Sternchen kriegen. Bluetooth wieder ausschalten, weil ja der Akku. Und der ganze Aufwand wofür? Genau: Datensätze, die sonstwer verwenden kann. Denn wie bei jeder App gibt es natürlich auch bei meiner Zahnbürste eine ellenlange AGB, die natürlich niemand liest. Dabei weiß doch jeder, was passiert, wenn man AGBs nicht liest. Und natürlich geht die App auch nur, wenn man vorher ein Benutzerkonto anlegt. So richtig „smart“ ist das nicht.

DAS passiert, wenn man die AGBs nicht liest!

DAS passiert, wenn man die AGBs nicht liest!

Wenn es nur die Zahnbürste wäre

Dummerweise ist es nicht nur die Zahnbürstenindustrie, die mit dümmlicher Bluetooth-App-Funktionalität doofe Kunden ködert, nein: Die gesamte Haushaltsgeräteindustrie hat ein Auge auf dieses moderne Zeugs geworfen – und packt Bluetooth- und App-Anbindung in alles rein, was so im Haushalt kocht, wäscht, spült, erhitzt, pumpt, saugt und mixt. Und zwar nicht UM, sondern ANSTATT Geräte herzustellen, die EINFACH FUNKTIONIEREN.

So war das früher. Heute gibt es Apps.

So war das früher. Heute gibt es Apps.

Die Geschichte mit der Wasserpumpe

Ein Freund erzählte mir kürzlich von einer Brauchwasserpumpe in seiner Wohnung: Insgesamt fünfmal musste der Installateur kommen, bis das – natürlich – per App und Bluetooth einstellbare Dingsda endlich ordentlich funktionierte. Dank des deutschen Akademisierungswahns war der kurz vor der Berentung stehende Installateur sichtlich überfordert, als er mit seinem Android-Tablet an der Pumpe herumstellen musste, stellte eine falsche Android-Version fest, zog los, um sich ein neues Tablet zu besorgen, vergaß, dass dort die App nicht mehr richtig lief und so weiter. Sein deutlich jüngerer Stift mochte auch nicht so recht verstehen, wie das alles klappt. Kein Wunder, der vom Jeder-soll-Abitur-haben-Wahn induzierte Fachkräftemangel ist inzwischen so weit fortgeschritten, dass Handwerksbetriebe jeden nehmen müssen, solange er nur selbstständig eine Banane schälen kann.

Alle Geräteklassen sind betroffen

Aber die Pumpe ist nur ein Beispiel. Es gibt inzwischen App-gesteuerte Staubsauger, App-gesteuerte Kühlschränke, App-gesteuerte Waschmaschinen, sogar App-gesteuerte Toaster. Traditionshersteller wie Bosch und Miele brüsten sich sogar mit einem vollständigen App-Ökosystem für alle möglichen Haushaltsgeräte. Und dann ist da natürlich des Deutschen liebster Küchenhelfer, der Thermomix.

Demnächst in Eurer Küche: Der smarte Löffel mit App!

Demnächst in Eurer Küche: Der smarte Löffel mit App!

Nur für die Show?

Nehmen wir zum Beispiel den Toaster: Da wird eine lustige Toastmuster-Funktion eingebaut, die per App gesteuert werden kann. Das ist genau dreimal amüsant, danach wird der Toaster wahrscheinlich für alle Ewigkeit das gleiche Bild toasten, weil es den Benutzern schlicht zu blöd ist. Die Toaster-Technik, die die Knusperbilder erzeugt, ist offensichtlich ein Array aus heißen „Pixeln“, die nach Bedarf in die Toastscheibe gedrückt werden. Die perfekte Mechanik, um schon nach wenigen fehlgeleiteten Toastkrümeln den Geist aufzugeben. Und das für teuer Geld, damit man all seinen Freunden ein Staunen entlocken kann. Danach wird das Gerät als Gerät benutzt, ohne App. Sofern das überhaupt noch geht. Ich will die Mutti sehen, die erst umständlich eine App samt Benutzerkonto einrichtet, um die täglich anfallende Maschine zu waschen. Ich warte noch auf den Geschirrspüler mit App-Anbindung. Ach fuck: Den gibt’s auch schon. Was ist nur los mit Euch, Leute? Gebt es zu: Es geht Euch nur um den Show-Effekt.

Toasteroid – DAFUQ?!

Toasteroid – DAFUQ?!

Was ist nur aus KISS und YAGNI geworden?

Was mich am meisten an dem App-Irrsinn nervt, ist die Tatsache, dass dafür von den Herstellern fast sämtliche Designprinzipien für gutes Industriedesign nach Dieter Rams hemmungslos über Bord geworfen werden. Genau wie die aus der Software-Entwicklung bekannten KISS- und YAGNI-Prinzipien. Doch was sagt eigentlich Dieter Rams dazu?

Gutes Design ist innovativ.
Gutes Design macht ein Produkt brauchbar.
Gutes Design ist ästhetisch.
Gutes Design macht ein Produkt verständlich.
Gutes Design ist unaufdringlich.
Gutes Design ist ehrlich.
Gutes Design ist langlebig.
Gutes Design ist konsequent bis ins letzte Detail.
Gutes Design ist umweltfreundlich.
Gutes Design ist so wenig Design wie möglich.
— Designthesen nach Dieter Rams

Gut, der App-Quatsch mag innovativ sein. Das war es dann aber auch schon.
Brauchbarkeit? Fehlanzeige.
Ästhetik? Nichts ist schön, wenn man dafür ein Smartphone halten muss.
Verständlichkeit? Da lacht der Bosch-Ingenieur und vertieft sich wieder in seine App-Basteleien.
Unaufdringlichkeit? Eine App mit Benutzerkonto ist das Gegenteil davon.
Ehrlichkeit? Nein: „Smarte“ Geräte versprechen mehr Komfort, sorgen aber für weniger.
Langlebigkeit? Hart begrenzt durch geplante Obsoleszenz via App-Nichtupdates.
Konsequenz? Nein: Die Apps sind nicht selten nicht mehr als sperrige Zusätze.
Umweltfreundlichkeit? Siehe Langlebigkeit.
So wenig Design wie möglich? Fällt schwer, wenn gleiche mehrere Interaktionsflächen in einem Gerät stattfinden.

Einfachheit ist Perfektion – Apps sind das Gegenteil

Kurzum: Der App-Irrsinn ist nicht nur eine Umweltsauerei, sondern macht Bedienung unnötig kompliziert und Geräte unnötig kurzlebig. Muss das sein? Ich möchte Euch von meinem Wasserkocher erzählen: Der ist von Bosch und seit nunmehr 16 Jahren jeden Tag mindestens fünfmal im Einsatz. Er hat genau einen Schalter und eine LED, denn er ist ein Wasserkocher. Und was soll ich sagen? Das Teil läuft. Ich bin mir sicher: Wenn das Ding anno 2001 mit einer App gekommen wäre – auch wenn damals niemand wusste, was das ist – könnte ich heute exakt nichts mehr mit dem Gerät anfangen. Damals übliche Handy-Typen sind längst ausgestorben, damals hochmoderne Betriebssysteme und Schnittstellen (etwa Windows XP und Infrarot) kann man bestenfalls im Technikmuseum oder auf Mircos PC bestaunen. Gutes Design ist der Grund für die Haltbarkeit dieses Geräts. Und er wird noch viele Jahre überdauern, ganz im Gegensatz zu all den App-Gerätschaften.

Kauft Geräte ohne App-Extras!

Ich verrate Euch was: Genau das mit der Obsoleszenz wird Euch in wenigen Jahren mit Euren Ach-so-smarten Geräten auch passieren. Der Hersteller pflegt die App nicht mehr, die Schnittstelle wird ausgemustert oder das System vom Hersteller eingestampft. Dann könnt Ihr den smarten Kram bestenfalls wieder normal benutzen, sofern es dafür überhaupt noch App-freie Bedienfelder gibt. Andernfalls müsst Ihr Eure teuren Vorzeigegeräte nämlich einfach eines Tages wegschmeißen, obwohl sie noch tadellos funktionieren. Sie landen auf dem Müllhaufen der Geschichte, genau wie atomgetriebene Flugzeuge und Unterwasserstädte. Ein Schicksal, dass ich meiner App-Zahnbürste auch demnächst angedeihen lasse. Durch die nicht dauerhaft deaktivierbare Bluetooth-Technik hält der Akku nämlich nur halb so lange wie bei einem Schwestermodell ohne Firlefanz.

Über den Autor

Christian Rentrop

Technikjournalist und Schreiberling aus Überzeugung. Schon als Zweitklässler 1986 mit dem Amstrad CPC angefixt, habe ich mich immer für Computer und Technik interessiert und finde: Computer sind nichts, wovor man Angst haben sollte.

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