Wo kommt der ganze Elektro-Kram her? Und was braucht man davon wirklich? Ich wage mehr Minimalismus und will Elektronik ausmisten. Das ist nicht einfach.

Kürzlich habe ich mir einen neuen Boden in der Wohnung verlegen lassen. Weil dafür alles freigeräumt werden musste, habe ich dann auch gleich ausgemistet: Ich fuhr zwei ganze Kombi-Ladungen Möbel und Sperrmüll zur Kippe, weitere drei Umzugskartons an Büchern landeten im Altpapier. Müll, den keiner braucht. Bei der Gelegenheit stieß ich auch auf zahllose „verlassene“ Elektronik-Spielsachen. Und habe mich geärgert, dass ich die so lange behalten habe, dass sie bei Ebay nichts mehr bringen. Die Frage war nur: Wieso hatte ich sie überhaupt gekauft? Sie waren teilweise völlig unbenutzt. Das brachte mich zum Neujahresvorsatz, ab sofort ein wenig Technik-Hygiene walten zu lassen.

Was man braucht – und was nicht

Da sind diese Schubladen und Regalbretter voll altem, staubigen Zeug. Sie enthalten typische Dinge dieser Art sind USB-Sticks, Speicherkarten, diverses USB-Zubehör, iPad-Keyboards, alte Adapter, Kabel, Lautsprecher-Systeme mit Dock-Anschluss, dazu passende Uralt-iPods mit defektem Akku. Olle Laptops, zahllose Tastaturen und sogar eine Apple Time Capsule, die ich längst gegen eine WD MyCloud ersetzt hatte. Diverse Bluetooth-Boxen aus Giveaways, Rabatt-Aktionen und Testbemusterungen. Dazu ein Windows-Tablet, das ich mir mit dem Vorsatz angeschafft hatte, es für die Arbeit zu verwenden. Das ist nie passiert, vom Tutonaut-Test abgesehen. Das Apple-TV 3, das ich bereits vor geraumer Zeit durch einen FireTV-Stick ersetzt habe. Dazu gleich zwei Spiegelreflex mit Objektiven, die ich zum Teil seit Jahren nicht benutzt habe. Insgesamt lauter Scheiß, der für sich genommen gut, brauchbar und zumeist nicht defekt ist, den ich aber nicht (mehr) benutze, weil es bessere Sachen gibt. Oder weil sie technisch überholt sind. Gemeinsam haben sie nur eines: Zum Wegschmeißen oder Verschenken sind die Sachen zu schade, auch weil ich ständig denke, ich könnte den Kram ja doch irgendwann nochmal brauchen. Und weil ich aus Verschenk-Erfahrung weiß, dass der Kram dann nur anderswo gehortet wird. Ein waschechtes Erste-Welt-Problem, für das ich mich auch ein wenig schäme – und das Ihr vermutlich auch alle habt.

Weg mit dem Elektroschrott! (Quelle: Volker Thies, Wikimedia)

Weg mit dem Elektroschrott! (Quelle: Volker Thies, CC-BY)

Die Versuchungen der Elektronikindustrie

Ich könnte jetzt Ellenlang über die Möglichkeiten des Zeugs nachdenken: Natürlich könnte ich in jedes Zimmer eine der Bluetooth-Boxen stellen und Musik hören. Natürlich könnte ich die Time Capsule als WLAN-Hub benutzen und wieder zum Leben erwecken. Und natürlich könnte ich auf dem Windows-Tablet surfen oder mailen oder einfach um des Frickelns willen frickeln. Hinzu kommen ständig neue Versuchungen der Elektronikindustrie: Warum nicht eine „richtige“ NAS kaufen, warum nicht die Bude mit Smart-Home-Spielereien aufrüsten? Warum nicht noch ein Ersatz-Smartphone anschaffen, weil das Hauptgerät ja kaputt gehen könnte? Das Ding ist: Ich mache es nicht und ich brauche es nicht. Falls was kaputt geht, kann man es auch einfach wegschmeißen und ersetzen. Wenn man sich vornimmt, zum Beispiel mehr zu fotografieren, muss man nicht gleich eine riesige Kamera-Ausrüstung anschaffen, man kann auch ganz klein mit dem Smartphone anfangen. Dabei wächst der Berg an Zeug ständig und ich weiß ehrlich gesagt nicht wirklich, warum. Es fängt vermutlich schon damit an, dass Mann aus Langeweile zum Mediamarkt fährt und irgendein „Teil“ mitbringt, das dann nach einmal ausprobieren irgendwo herumliegt. Da sind wir Jungs nicht anders als die Mädels, die aus Langeweile Klamotten kaufen, die sie nie anziehen. Oder Kinder, die sich tolle Spielsachen wünschen, die dann nach wenigen Tagen in der Ecke landen. Leider.

Suchbild-Elektro

Suchbild: Was ist davon noch zu gebrauchen? Und es ist schon meine „brauch-ich-regelmäßig“-Schublade.

Was brauche ich wirklich?

All das hat in mir den Impuls geweckt, mal zu überprüfen, was ich von meinem ganzen Technik-Rödel überhaupt benutze. Das Ergebnis ist ernüchternd: Viel Zeit verbringe ich mit meinem Macbook, meinem iPhone, meinem iPad und meinem TV-Gerät samt FireTV-Stick. Windows- und Android-Hardware brauche ich nicht, dafür gibt es VirtualBox. Dazu das Zubehör, das man eben braucht, ohne sie konkret zu benutzen: Router, Backup-Festplatten, Stereoanlage. Diese Sachen sind also nicht diskutabel. Dann gibt es die Dinge, die ich gerne habe, aber selten benutze, darunter die Spiegelreflex samt Objektivpark, eine Bildschirm-Kalibrierspinne oder der Raspberry Pi. Der Rest ist entweder Zubehör (Das iPad hat ein eigenes Keyboard. Das iPhone zusätzliche Kopfhörer. Das Macbook pro braucht einen externen Monitor, eine Maus und eine Tastatur.) oder schlicht überflüssig. Hier kann man frei nach Artikel 6 des kölschen Grundgesetzes verfahren: „Bruche mer nit – fott domet!“

Bodensatz

Eine sehr große Schublade mit… Kabeln. Kabeln aus den letzten drei Dekaden. Die füllt sich quasi von alleine.

Was tun mit alle dem Kram?

Damit ist schon einmal klar, was zu tun ist: Künftig schaffe ich Dinge nach dem Prinzip eins rein, eins raus an: Wenn ich eine neue Kamera kaufe, fliegt die alte raus. Neuer Rechner? Der alte geht zu Wirkaufens.de oder einem der zahlreichen anderen Anbieter. Elektronikmärkte besuche ich nur noch, wenn ich ein konkretes Angebot erwerben will. Was bleibt, ist der Kram, den ich bereits rumfliegen habe.

Elektronik ausmisten fällt schwer

Hier ist genau das Zeug das Problem, das man nie benutzt, aber mit irgendeiner Intention angeschafft hat. Etwa das Kamera-Set, weil man ja mehr fotografieren will. Das war in der Anschaffung teuer, der Verkauf bringt einen ordentlichen Verlust und falls man sich anschließend doch wieder umentscheidet, wird es wieder teuer. Das ist dann auch der Grund, warum ich – und Ihr wahrscheinlich auch – lieber horte, statt auszumisten. Glaubt mir: Es macht keinen Sinn, zu horten. Spätestens, wenn Ihr mal Eueren Schrank ausräumen müsst, weil wie bei mir eine Bodensanierung ansteht oder Ihr umziehen müsst, werdet Ihr an der Dicke der Staubschicht merken, was Ihr benutzt habt, und was nicht. Und trotzdem ist da dieser Widerwille, die ganzen überflüssigen Kram wegzugeben. Das hat sicherlich auch einen evolutionären Hintergrund: Menschen sind eben primär Sammler und keine Jäger und bis vor nicht all zu langer Zeit konnte jedes Stückchen aufgehobener Draht lebensentscheidend sein. Gut sieht man das auch an der Eltern- und Großelterngeneration, die noch Zeiten des Mangels erlebt haben: Die Zahl derer, die jeden noch so defekten Elektronikschrott, ja sogar alte Schrauben und defektes Werkzeug, sammelt, ist bei den Alten exorbitant hoch. Aber auch wir aus Generation X, Y und Z, Menschen also, die nie Not erlebt haben, müssen sich wirklich am Riemen reißen, um inneren Sammler-Schweinehund zu überwinden.

Tipps zum besseren Ausmisten

Deshalb hier einige Tipps, wie Ihr effektiv Kram los werden könnt. Mit Ebay, Kleinanzeigen und den Ankaufsplattformen gibt es genug Möglichkeiten, das überflüssige Zeug schnell und im Idealfall gegen Geld los zu werden. Doch was genau ist eigentlich überflüssig? Das hier:

  • Dinge, die Ihr seit mehr als 3, 6, 12 Monaten nicht benutzt habt.
  • Alles, was mit einer dicken Staubschicht im Regal liegt.
  • Alles, was technisch völlig überholt oder längst durch etwas anderes ersetzt worden ist.
  • Kabel und Geräte aus längst vergangenen Zeitaltern.
  • Alles, was defekt ist und mit der Ansage „repariere ich noch“ vor sich hin korrodiert.
  • Alles, was man sich im guten Vorsatz angeschafft hat, um es dann doch nicht zu benutzen.
  • Überflüssiges und veraltetes Zubehör wie Objektive, Adapter, USB-Anbauteile…

Macht zwei Stapel, sortiert den Kram nach „Brauchbar“ und „Defekt“ und stellt das brauchbare Zeug irgendwo ein. Den Rest packt Ihr in einen Umzugskarton, den Ihr am besten sofort zu macht und ins Auto ladet, um ihn zur Kippe zu fahren. Sonst fangt Ihr in einem nostalgischen Moment noch an, den Schrott wieder auszupacken. Mache ich auch, deshalb die Sache mit dem Auto.
In den meisten Gemeinden könnt Ihr Elektroschrott an den Sammelstellen kostenlos oder gegen kleines Geld abgegeben.

Und jetzt: Den Versuchungen widerstehen!

Wenn Ihr den Kram einmal los seid, heißt es, Geräte-Hygiene walten zu lassen. Ich für meinen Teil miste gerade aus und bin davon schon (fast) überfordert. Noch schlimmer ist allerdings freies Geld in Kombination mit Langeweile – davon werdet Ihr viel haben, wenn Ihr den alten Rödel verkauft habt. Jetzt heißt es, Vorsichtig sein: Ein langeweiseinduzierter Besuch beim Apple Store – „nur mal gucken“ – kann tödlich sein. Bloß nichts neu anschaffen, solange Ihr nicht sicher seid, ob Ihr das braucht! Ich für meinen Teil versuche, mich dran zu halten, auch wenn das schwer ist. Aber wenn wir ehrlich sind, kann man guten Gewissens ausmisten – schließlich leben wir in gesegneten Zeiten: Man braucht heutzutage eigentlich nicht mehr als ein Notebook, ein Smartphone, ein TV-Gerät und einen Satz vernünftige Lautsprecher, um so ziemlich alles zu ersetzen, was man früher so an Technik gebraucht hat. Von professionellen Spezialanwendungen, die höherwertiges Equipment wie Spiegelreflex und Videokamera verlangen, vielleicht einmal abgesehen. Das lässt dann mittelfristig auch hoffen, dass sich der Kabel- und Geräte-Irrsinn von allein erledigt.

Now, after 30 years, you can carry all of this in your pocket…

Über den Autor

Christian Rentrop

Technikjournalist und Schreiberling aus Überzeugung. Schon als Zweitklässler 1986 mit dem Amstrad CPC angefixt, habe ich mich immer für Computer und Technik interessiert und finde: Computer sind nichts, wovor man Angst haben sollte.

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1 Kommentar

  • Erfrischender Kommentar, danke Christian! Ich miste schon was länger zu Hause aus und schaffe es tatsächlich mehr Dinge aus der Wohnung zu bekommen, als neu dazu kommen! Vorsatz für 2017, weniger kaufen nehme ich gerne an.

    Bei mir ist outdoor Equipment der heiße Kram. In den letzten Jahren immer gern gekauft, jedoch nur selten genutzt. Behalten habe ich jetzt meinen guten Gas Brenner sowie Töpfe dafür sowie eine (!) Camping Ausrüstung. Es waren mal 5.