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30 Jahre Gameboy: Der Blindmacher

Der Gameboy wird 30. (Bild: Dimhou/Pixabay)

Nintendos Gameboy wird 30 und war die Konsole meiner Kindheit. Lest hier, welche Erinnerungen ich mit dem Gerät verbinde.

30 Jahre wird er dieser Tage alt, der Nintendo Gameboy. Und jedes Medium schreibt einen nostalgischen Nachruf auf die kleine Kiste. Da wollen wir natürlich nicht nachstehen: Der Gameboy war schon super, aber er war gleichzeitig eine Katastrophe. Eine persönliche Erinnerung.

Das absolute Must-Have 1990

Es muss 1990 gewesen sein, als der Gameboy bei mir einzog. Ich war ein Sechstklässler und mit dem Gameboy waren ich und andere Gameboy-Besitzer natürlich der Star auf dem Pausenhof. Allerdings auch in der letzten Reihe im Unterricht – und so lief das Gerät aufgrund seines Suchtpotentials immer Gefahr, vom Lehrer eingesackt zu werden. Die piepsige Daddelkiste mit ihrem Mini-LCD-Bildschirm, ihrem mordsmäßigen Batterieverbrauch und ihrem gerade nicht mehr hosentaschentauglichen Formfaktor war empfindlich. Deshalb wurde der Gameboy von mir sorgfältig in einer Bauchtasche transportiert, wie sie heute nur noch die Damen an der Reeperbahn und die halbseidene Jogginghosen-Fraktion an den Kölner Ringen tragen. Der negative Style-Bonus war nötig: Enorme 159 Mark kostete ein Gameboy-Starterset mit Tetris, vier Batterien und schrottigem Kopfhörer. Zusätzliche Spiele kosteten um die 50 Mark, weshalb ich damals schnell lernte, sorgfältig mit meinen Geräten umzugehen. Der Gameboy wollte es so.

Der Gameboy war das Must-Have meiner Kindheit. (Bild: ptra/Pixabay)
Der Gameboy war das Must-Have meiner Kindheit. (Bild: ptra/Pixabay)

Gut war er nie

Denn gut war der Gameboy nie: Selbst für damalige Verhältnisse war die Technik lausig. Das unbeleuchtete, grünliche Display mit 2,6 Zoll, 160 × 144 Pixeln und 4 Graustufen war so etwas wie der Gegenentwurf zur heutigen HiDPI-Farbenpracht. Das Gerät an sich war robust und steckte auch mal einen Sturz aus kindlicher Höhe weg; doch der mit billigem Plastik abgedeckte Bildschirm zerkratzte schon, wenn man ihn nur schräg anguckte. Diverses Zubehör – mein Favorit war die beleuchtete Lupe mit zusätzlichen Batterien – sorgte dafür, dass ich in der Bauchtasche neben dem Gameboy und diversen Spielen auch noch Megawatt-Leistungen in Form von AA-Batterien mit mir herumschleppte. Aber das war es wert, der Gameboy machte Spaß: Schon der Start mit dem satten „Ping“ und dem folgenden Nintendo-Symbol verhieß stundenlange Freude in einer Zeit, in der es fünf Sender gab, von denen zwei rund um die Uhr nackte Brüste und antike Serien sendeten. So weit war ich damals aber noch nicht. Brüste gab es auf dem Gameboy nicht.

Der Gameboy war ein Blindmacher

Wenn ich mich an meinen Gameboy erinnere, erinnere ich mich auch an lange Toskana-Urlaubsfahrten. Komischerweise wurde mir vom Gamen im verrauchten Passat nie schlecht. Ich zockte an den Hotspots Italiens und der Schweiz: Am Gotthard-Pass vergnügte ich mich mit Tetris, vor dem schiefen Turm von Pisa spielte ich Kid Icarus, vor den Uffizien trank ich Cola und amüsierte mich mit meinem Bruder mit RC-Pro-Am mit Link-Kabel – bis heute eines meiner Lieblingsspiele. In Pompeji briet ich in der Sonne und spielte Metroid, auf Fahrten durch das toskanische Hinterland war Mario das Spiel der Wahl.

Typisches Urlaubsbild der frühen 90er: Mein Bruder (r.) und ich mit Gameboy beim Kultur-Sightseeing.
Typisches Urlaubsbild der frühen 90er: Mein Bruder (r.) und ich mit Gameboy beim Kultur-Sightseeing.

Bis heute weiß ich nur von Bildern, wie große Teile der Toskana aussehen.
Unsere Eltern stellten uns meckernd irgendwo ab und machten auf Kultur, wir glotzten in der prallen Sonne auf das spiegelnde, verschwommene Winz-Display der kleinen Konsole und verdarben uns die Augen. Vermutlich gibt es Etliche aus meiner Generation, die allein vom Gameboy mehrere Dioptrin eingebüßt haben. Ich kam mit einem Astigmatismus, der sich bis heute kaum verschlechtert hat, glimpflich davon. Der Gameboy war eben auch ein Blindmacher.

Dann kam der Game Gear…

Komischerweise habe ich den Gameboy gefühlt nicht lange gehabt: 1992 wurde Segas Game Gear bezahlbar, und der hatte ein für die Zeit brillantes, beleuchtetes Farbdisplay. Allerdings genehmigte der sich auch alle vier bis sechs Stunden 6 AA-Batterien. Das war nichts für Umweltfreunde. Aber das war damals egal und ich wollte das Ding, weshalb ich meinen Gameboy auf einem Flohmarkt verkaufte. Schade, denn in der Rückschau war der Gameboy durch die qualitativ so viel besseren Nintendo-Spiele einfach die bessere Wahl. Leider war er dann weg – und ich musste mit dem Game Gear meine Zeit verbringen, was aber auch schön war.

Epilog: 1997 schaffte ich nochmal einen an

Als ich 18 wurde, kam der Gameboy Pocket auf den Markt – und machte Schluss mit drei der größten klassischen Gameboy-Mängel: Das Display war deutlich kontrastreicher, er hatte endlich wirklich Hosentaschenformat – und er brauchte nur noch zwei AAA-Batterien für stundenlangen Spielspaß. Genutzt hat mir das nichts: Ich kaufte tatsächlich nur das Spiel „Qix“, und das war im Vergleich zu dem, was es damals auf dem PC gab, doch eher jämmerlich. Mobiles Gaming war nichts mehr für mich und sollte es, – von einigen Angry-Birds-Eskapaden abgesehen – auch nie wieder werden. Denn den reizenden, ruppigen Charme des Ur-Gameboys sollte kein Gerät mehr erreichen. Zumal Tetris nirgendwo jemals wieder so viel Spaß gemacht hat.

Christian Rentrop

Christian Rentrop

Freier Journalist, Baujahr 1979. Erste Gehversuche 1986 am Schneider CPC. 1997 ging es online. Seither als Blogger und Journalist in Totholzwäldern, auf digitalen Highways und mit der Vespa GTS 300 oder meinem Hund in der echten Welt unterwegs.
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