Windows ist besser als Linux? Linux ist besser als Windows? Beide Aussagen sind Schwachsinn, es werden Äpfel mit Obstbäumen verglichen …

Immer wieder wird Windows mit Linux verglichen und immer wieder kommt dann das Clown-Argument, dass bei Linux alles so uneinheitlich ist. Bei dem einen Linux wird auf diese Art gearbeitet, bei dem anderen auf jene Art. Desktops sehen anders aus. Standard-Tools ebenso und so weiter. Dabei ist der Vergleich bescheuert: Windows meint Versionen, Linux meint Distributionen – hier werden Äpfel mit Obstbäumen verglichen.

Version vs. Distribution

Windows 3.1 ist ein Windows. Windows 95 ist ein Windows. XP ist eines, Vista, 7, 8.1, 10 – alles Windows, nur eben jeweils neuere Versionen. Aber es ist immer ein und dasselbe Betriebssystem, gemacht von denselben Leuten, für dieselbe Kundschaft und mit denselben wirtschaftlichen Zielen.

Ubuntu ist ein Linux. Debian ist ein Linux. Arch ist ein Linux. Und Puppy auch. Und jedes dieser Systeme funktioniert in vielen Punkten anders als die anderen – was Windows-Verfechter immer wieder hassen (und macOS’ler lustigerweise auch). Aber der Vergleich stinkt: Ubuntu, Debian, Puppy & Co. sind eben keine Versionen eines Betriebssystems, sondern jeweils eigenständige Betriebssysteme! Von anderen Teams und mit jeweils eigenem Fokus. Zwar bauen alle auf demselben Kern auf, weshalb alle unter den Obergebriff Linux fallen, aber es sind eben Distribution, nicht bloß Versionen.

Der passende Vergleich: Ubuntu vs. Windows – da wird ein Schuh draus. Was für Windows 3.1, 95, XP, Vista, 7, 8.1 und 10 ist, ist für Ubuntu 1, …, 16, 17, 18 – eben die Versionshistorie.

Man kann es auch andersrum erklären: Das Gegenstück zu Linux wäre – aber auch nur zu Erklärzwecken – gewissermaßen Microsoft-Betriebssystem. Und da gäbe es dann einmal Windows und einmal DOS. Und ach, da könnte man doch auch meinen, dass diese beiden ein klein wenig unterschiedlich sind …

Windows vs. Ubuntu

Wer also Windows mit Linux vergleicht, treibt von vorneherein groben Unfug. Und das hat nichts mit Pedanterie à la „Es heißt nicht Linux, sondern GNU/Linux“ zu tun. Man kann Windows mit einem Linux vergleichen. Zum Beispiel mit Ubuntu. Und dann ziehen plötzlich viele Argumente nicht mehr: Ubuntu lässt sich genauso einfach bedienen wie Windows, unterstützt so ziemlich alle gängige Hardware, kommt standardmäßig mit proprietären Grafiktreibern und Multimedia-Codecs, ist komplett einheitlich zu bedienen, perfekt dokumentiert und dürfte nicht einen Otto Normalwindowsnutzer in irgendeiner Art überfordern. Von Frickelei keine Spur.

Ubuntu Gnome vs. Ubuntu LXDE

Fairerweise muss man sagen, dass Linuxe im Gegensatz zu Windows generell einen großen Vorteil haben: Die Desktopumgebung kann man austauschen. Desktop meint hier, vereinfacht gesagt, einerseits die grafische Oberfläche und andererseits die Standard-Tools. Und ein Ubuntu mit Standard-Desktop bedient sich durchaus merklich anders als ein Ubuntu mit LXDE-Desktop. Herrgottnochmal, mit Lubuntu gibt es sogar ein eigenständiges Betriebssystem, das Ubuntu mit LXDE als Standard-Desktop ausliefert. Aber der Austausch des Desktops ist auch nicht unbedingt das, was ein Einsteiger als erstes tut. Und wenn man statt von Linux vs. Windows im Sinne der Fairness von Ubuntu vs. Windows spricht, darf man natürlich getrost die Standardversion von Ubuntu meinen. Und falls das einem Winler nicht passt: Man kann Windows in die Kommandozeile booten – was ist dann mit der einheitlichen Windows-Oberfläche?

Windows 10 vs. Ubuntu 18

Ein wirklich fairer Vergleich sollte so aussehen, dass ein Linux-Betriebssystem in aktueller Version mit einem Microsoft-Betriebssystem in aktueller Version verglichen wird, also beispielsweise das Microsoft-OS Windows in Version 10 mit dem Linux-OS Ubuntu in Version 18. Dann, und nur dann, kann man zu einem vernünftigen Ergebnis kommen. Wie das dann ausfällt ist eine ganz andere Frage.

Ich persönlich beispielsweise bleibe dabei, dass Windows bezüglich der Konfiguration deutlich besser aufgestellt ist. Geschätzte 98 Prozent der Dinge, die Otto Normalverbraucher einstellen will, sind unter Ubuntu genauso einfach wie unter Windows. Aber Windows bietet in der Systemsteuerung grafische Tools für fast jede erdenkliche Kleinigkeit, beispielsweise zum Anpassen von IPv4-Einstellungen für einzelne Netzwerkadapter. In dieser Tiefe verlangt Ubuntu dann doch irgendwann nach der Bearbeitung von Textdateien. Mööp – das Beispiel funktioniert nicht, gibt’s in Ubuntu auch. Dennoch gibt es Dinge, die nach wie vor über „manuell“ über Config-Dateien geregelt werden – zumindest standardmäßig. Aber braucht ein normaler User derlei Dinge? In der Regel eher nicht.

Normale User werden sich im Gegenteil eher über Ubuntus Ausstattung mit Anwendungsprogrammen freuen: Bildbearbeitung, Office, Mail, alles sofort startbereit. Softwareinstallationen? Aus einer Hand über das Paketmanagement. Sicherheit? Gegeben. Monatliche Neustarts für Updates? Nö. Nach-Hause-Funk? Auch nicht.

Normale Windows-geeichte User werden sich natürlich dennoch darüber aufregen, dass nicht alles so aussieht wie bei Windows und es folglich für schlechter und komplizierter halten. Das kommt dann davon, wenn produktindoktrinierte, nicht zur Objektivität fähige Konsumenten Aktivisten Urteile fällen.

Unvoreingenommene User, die noch nie an einem Rechner gesessen haben, werden mit Ubuntu ähnlich gut zurecht kommen wie mit Windows. Manche Dinge sind hier besser, andere dort. So lange es noch keine eingefahrenen Verhaltensmuster und angewöhnte Produkte (MS Office, Photoshop, etc.) gibt, ist das alles halb so wild.

Was dabei heraus kommt ist aber auch gar nicht so wichtig. Wichtig ist zunächst nur eines: Vergleicht bitte Äpfel mit Äpfeln, oder Birnen, und nicht Äpfel mit Obstbäumen. Wenn Betriebssysteme Äpfel sind, sind Microsoft und Linux Obstbäume. Nur dass Microsoft dann nur eine Sorte Apfelbaum ist (nun gut, es gibt noch hinten im Garten den alten verlotterten DOS-Apfelbaum, der reformhaustaugliche Ugly-Äpfel hervorbringt …). Linux hingegen ist eine komplette Streuobstwiese mit diversen Sorten von Apfelbäumen (Ubuntu, Debian, Mint, etc.), aber auch Birnbäumen (Suse Linux), Kirschbäumen (Arch Linux) und so weiter. Aber am Ende im Supermarkt müsst Ihr Entscheiden: Boskopp-Apfel oder Nashi-Birne, Windows 10 oder Ubuntu 18.

Hier haben wir noch mehr zu Linux und vielleicht ganz konkret interessant: 10 Desktops für Ubuntu und wie man sie installiert. Oder doch lieber was zu Windows?

Über den Autor

Mirco Lang

Mirco Lang

Freier Journalist, Exil-Sauerländer, (ziemlich alter) Skateboarder, Dipl.-Inf.-Wirt, Einzelhandelskaufmann, Open-Source-Nerd, Stichwortschreiber. Ex-Saturn'ler, Ex-Data-Becker'ler, Ex-BSI'ler.

Computer-Erstkontakt: ca. 1982 - der C64 des großen Bruders eines Freunds.

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Kommentare

  • „beispielsweise zum Anpassen von IPv4-Einstellungen für einzelne Netzwerkadapter. In dieser Tiefe verlangt Ubuntu dann doch irgendwann nach der Bearbeitung von Textdateien. Aber braucht ein normaler User das? Eher nicht.“

    Geht doch viel einfacher über das grafische Interface in Ubuntu? Einfach oben rechts auf die Verbindung klicken -> „Edit Connections“ -> Verbindung auswählen -> IPv4 Settings -> Manual -> Add -> Eingeben, Speichern, fertig.

  • Ja, der Vergleich Windows-Linux hinkt total!

    Ich habe vor einiger Zeit einer älteren Dame auf einem gebrauchten Laptop Mint installiert und damit ist sie happy.
    Warum?
    Weil sie nichts anderes kennt…

    Aus DOS-Zeiten kommend und dann über Win 3.11 weitergewandert, bin ich irgendwann Anfang der 90er einfach die Bedienung von Win gewohnt. Damals kaufte ich mir eine der ersten SuSe-Distris und der erste Gedanke bei der Installation war:
    Was ein Mist!

    Das kam aber durch die Gewöhnung daran, daß das Betriebssystem mir alles abnimmt (Win) und ich kaum eingreifen muss,bzw. grafisch geführt werde.

    Das damalige SuSe verlangte plötzlich Entscheidungen bei der Installation:
    – welche Partition und wie formatieren
    – welche Hardware benutze ich
    usw.

    Ich war damit total überfordert, weil ich die Basics meines Systems so noch nicht kannte und es mir egal war, wie mein Drucker funktioniert und welche Treiber er braucht.

    Aber Linux ist über die Jahre schuld daran, daß ich viel gelernt habe, wie Systeme funktionieren, welche Hardware ich benutze und wie ich mein System selbst anpassen kann.

    So ist heute eben ein Linux meine Homebase und Win 10 läuft in der virtuellen Umgebung.

    Ansonsten sind wir 2018 schon mitten in der Linux/Unixwelt, siehe OSX oder Android.

    Daher hat mich der Anblick eines Geldautomaten vor kurzem irritiert:
    Das Display war eingefroren und der Automat nicht benutzbar; im Display stand fett:
    Windows 7…..
    :-)

  • ich habe zum glück „linux“ als Unix kennen gelernt, später dann mit X11 oberfläche.
    DANN kam Apple mit dem ersten plastik-würfel in der anmutung und optik eines e-schweiss-gerätes.

    da lief der anstoß der diskussion noch unter MS-Dos.

    so bekam auch linux die start-philosophie von Unix, : alles im laufenden system ist ein FILE.
    so ist unix und damit in der folge auch linux mit einer gewissen logik entstanden.
    und jedes einzelne teilsystem ist als solches auch zu verwalten.
    es gibt keine Registry, die alles zentral verwalten möchte und dies zu dem moloch macht, der sie heute ist.
    nicht ohne grund hat sich auch APPLE für dieses klar strukturierte konzept von Unix entschieden.

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