Tutobizarr

Ich habe 1,3 Millionen Euro gewonnen – Ihr könnt das auch!

"€1.340.220.00 EUROS" Gewinn in einer ominösen spanischen Weihnachtsförderungslotterie? Die nehme ich natürlich mit!

Manchmal muss man einfach Glück haben im Leben! Jetzt schreibt mir doch eine spanische Anwaltskanzlei aus Madrid per E-Mail, dass ich 1.340.220,00 Euro gewonnen hätte. Bei einer Lotterie, bei der ich nie mitgespielt habe! Mensch, da habe ich mich aber gefreut, alle Sorgen vorbei, endlich für ein paar Jahre in Ruhe machen, was ich will, und dann noch den ersehnten VW-Bus kaufen und durch Europa tingeln… Faul ist da sicher nichts – oder?

Der Herr Anwalt Antonio Paco schreibt, dass das Preisgeld von “€1.340.220.00 EUROS” folgendermaßen zustande kam: Eigentlich sei der Gewinn nur “€1.250.000, 00 EUROS” gewesen, aber man habe ihn “für nun mehr als zwei Jahre,Gewinnbringend angelegt, daher die aufstockung auf die oben bennante Gesammtsumme”. Dank der vertrauenserweckenden Rechtschreibung mache ich mir natürlich keinerlei Sorgen um die Seriosität dieser Benachrichtigung.

Ich spiele zwar manchmal Lotto, denn eine kleine Chance ist immerhin eine Chance. Doch in einer spanische Lotterie habe ich, soweit ich weiß, nie mitgespielt. Was für eine Lotterie das sein soll? Nun, auch das erklärt “ANTONIO PACO, ANWALT” auf seine ruhige, seriöse und grammatikalisch korrekte Art:

Entsprechend dem Büros des nicht Beanspruchten Preisgeldes, wurde dieses Geld als nicht beanspruchten Gewinn einer Lotteriefirma bei ihnen zum verwalten niedergelegt und in ihrem namen versichert. Nach Ansicht der Lotteriefirma wurde ihnen das Geld nach einer Weihnachtsförderunglotterie zugesprochen.

ANTONIO PACO, ANWALT

Wer kennt sie nicht, die Weihnachtsförderungslotterie?

Eine “Weihnachtsförderungslotterie” also. Was soll das sein? Fördere ich damit Weihnachten? Wird mein Weihnachten gefördert? Und wieso fördert die Lotteriegesellschaft nicht ein paar Waisen, Obdachlose oder Flüchtlinge, die es wirklich nötig hätten, mit 1,3 Millionen Euro ein paar hübsche Geschenke zu kaufen? Oder werden die durch die Lotterie trotz des Gewinns gefördert? Wie kommt es überhaupt zu diesem tollen Gewinn in einer Lotterie, in der ich nie mitgemacht habe? Fragen über Fragen. An diesem Punkt bin ich jetzt schon ein wenig skeptisch.

Liebevoll gestalteter ANLAGEN BRIEF

Doch ANTONIO PACO, ANWALT beruhigt mich: Man habe einfach in Spanien, nein Europa, nein: WELTWEIT sämtliche Regeln des Datenschutzes über den Haufen geworfen und mal eben 100.000 Adressen von Unternehmen in einer nicht weiter erklärten spanischen “Lotterie” eingespeist. Ungefragt.

Alle Teilnehmer wurden nach dem Zufallsprinzip von der World Wide Website ausgewählt, indem ihre Namen und E-Mail- Adressen mithilfe eines Computersystems von mehr als 100.000 Unternehmen auf der Website der Welt extrahiert wurden.

ANTONIO PACO, ANWALT

Ich habe Fragen, ANTONIO PACO

Woraus sich bei mir eine neue Frage ergibt: Was zum Teufel ist diese ominöse “World Wide Website”? Kann ich mir die anschauen? Warum steht da meine Adresse? Aber gut, bei der Summe muss man ja gar nicht lange nachdenken. Das Geld läge sicher, aber aufgrund einer fehlenden Rückmeldung meinerseits bei einer Investmentgesellschaft. Und dort werde es auch liegen bleiben: Ausgezahlt werde nur, wenn ich mich bis zum 15.12. melde:

Wir möchten sie darauf hinweisen, dass die Lotterie Gesellschaft überprüfen und bestätigen wird ob ihre Identität übereinstimmt bevor ihnen ihr Geld ausbezahlt wird. Wir werden sie beraten wie sie ihren Anspruch geltend machen. Bitte setztzen sie sich dafuer mit unserer Deutsch Sprachigen Rechtsanwaeltin in Verbindung ANTONIO PACO (TEL: 34-XXX, FAX: 34- XXX) EMAIL:- Abogado.antoniopaco@XXXXXXXXX.com ist zustaendig für Auszahlungen ins Ausland und wird ihnen in dieser sache zur seite stehen. Der Anspruch sollte vor den 15.12.2022 geltend gemacht werden,da sonst dass Geld wieder angelegt werden wuerde.Wir freuen uns, von Ihnen zu hören, während wir Ihnen unsere Rechtshilfe Versichern.

ANTONIO PACO, RECHTSANWAELTIN

Anwaltender Genderswap

Jetzt ist Antonio also eine Rechtsanwältin, was in diesen Zeiten natürlich völlig OK ist. Jeder, wie er will, das sagt ja auch das neue Selbstbestimmungsgesetz und wenn jemand*in halt innerhalb einer E-Mail mehrmals das Geschlecht wechseln will, ist mir das nur recht, denn jeder soll wie ein Einhorn unter dem Regenbogen tanzen dürfen und sich fühlen, wie er will. Mir ist das völlig egal. Immerhin geht es um 1.340.220,00 Euro – und die will ich natürlich haben, egal, welches Geschlecht diese*in Rechtsanwaltende hat. WAS MUSS ICH ALSO TUN, ANTONIO*A?

(BITTE ÖFFNEN SIE DEN ANLAGEN BRIEF)

ANTONIO*A PACO, ANWALTENDE*X

Der ANLAGEN BRIEF ist ein liebevoll gestaltetes PDF, das letztlich das Gleiche erklärt wie die die lange E-Mail. Ich soll hier meine persönlichen Daten ausfüllen. Nichts Wichtiges: Vorname, Name, Telefon, Handynummer, Bankdaten, E-Mail, Geburtsdatum… nichts, was Phisher gebrauchen könnten, um eine falsche Identität zu schaffen, um mich oder andere über den Tisch…

Moment mal…

… könnte es vielleicht sein, dass ANTONIO*A PACO, ANWALTENDE mich hier betuppen will? Dass es die unfreiwillige spanische Weihnachtsförderungslotterie gar nicht gibt? Und dass die €1.340.220.00 EUROS gar nicht existieren? Dass ich eventuell fast auf einen Phishing-Versuch hereingefallen wäre? Unmöglich! Tja, Sorry, ANTONIO*A PACO, ANWALTENDE, aber so doch bitte nicht. Da bin ich dem Betrugsmonster ja gerade noch von der Kralle gesprungen. Uff.

Allerdings stellt sich mir dann doch die Frage, wieso diese*r ominösende ANTONIO*A PACO, ANWALTENDE*X mir eine solche Mail schickt. Ich bin sicherlich nicht der einzige “Kunde” in seinem Adressbestand. Und ich frage mich wirklich, ob die anderen “Gewinner” möglicherweise auf diese Nachricht reagieren, in bester Gier-frisst-Hirn-Manier?

Denn eins weiß ich gewiss: Auch bei Betrugsversuchen gibt es so etwas wie Evolution: Erfolgreiche Maschen setzen sich durch, nicht erfolgreiche sterben aus. Und das bedeutet im Umkehrschluss, dass diese unfassbar blöde Masche ganz offensichtlich noch viel blödere Menschen findet, die ANTONIO*A antworten und sie/ihn mit nicht ganz so unwichtigen persönlichen Daten versorgen.

Ich finde das besorgniserregend, auch im Hinblick auf die Menschheit als Ganzes.

Aber ich bin froh, dass ich diesmal nicht drauf reingefallen bin. Da warte ich lieber auf das Geld, das mir der afrikanische Prinz demnächst überweisen wird…

Christian Rentrop

Diplom-Journalist, Baujahr 1979. Erste Gehversuche 1986 am Schneider CPC. 1997 ging es online. Seither als Schreiberling in Totholzwäldern und auf digitalen Highways unterwegs. Öfter auch auf der Vespa oder mit dem Wohnwagen unterwegs. Seit 2020 Tochtervater, dementsprechend immer sehr froh über eine kleine Kaffeespende.

6 Kommentare

  1. Selbst schuld wenn man seine Million nicht abholt.
    Ich hab natürlich direkt geantwortet und habe seit 10 Minuten nur die Pushmitteilungen meiner Bank im Auge.

  2. Nach dem Lesen der Überschrift im Newsletter hatte ich – ganz kurz nur :-) – den Eindruck, Tutonaut hätte das Lager gewechselt und wäre zu den Phishern übergelaufen. Der Beitrag hat mir dann doch ein Lächeln ins Gesicht gezaubert. Wird aber denen, die auf solche Maschen liebend gern hereinfallen, nicht wirklich helfen: Schließlich geht es ja um Millionen….

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