Letztes Jahr habe ich mir eine neue Kamera gegönnt. Und dafür vorher viel Youtube geschaut. Hier tummeln sich jede Menge Fotografen, die von banalem Einsteiger-Wissen über Tests bis hin zu Profi-Meinungen alles anbieten. Entschieden habe ich mich für die Sony Alpha 7 IV*, ein Tamron-Zoom – und mehr braucht man eigentlich auch nicht. Lest hier, warum.
Wenn man den Youtubern glaubt, braucht man für alles eine extrem hochwertige, lichtstarke Brennweite. Ein teures 100mm für Makros. Ein teures 85mm für Porträts. Ein teures 50mm für allgemeine Fotografie. Ein teures 35mm für Street. Und natürlich ein 24mm für Reportagen. Plus ein möglichst noch weitwinkligeres Weitwinkel für Natur und Reise. Das muss natürlich alles in die Fototasche.
Bullshit, sage ich: Es reicht ein gutes Zoom für 99% der Fälle.
Früher war nicht alles bessser, aber für mich schon
Meine erste so halbwegs professionelle Digitalkamera war vor 20 Jahren eine Konica-Minolta A200. Die hatte aus heutiger Sicht lausige Technik: Einen 8 Megapixel auflösenden 2/3"-Sensor, CF-Karten und einem Video-Modus, der kaum an eine Webcam heranreichte. Was sie aber auch hatte, war ein dreh-schwenkbares Klappdisplay. Damals hatte ich, das muss man auch sagen, keine Ahnung von Fotografie. Und trotzdem kamen da gute Bilder raus, etwa als ich 2006 in Indien war. Und ja: Das hat AUCH gereicht.



Vor allem hatte sie aber ein tolles Objektiv: 28-200mm Brennweite – und das mit einer Anfangslichtstärke von damals guten F2,8 bei 28mm und ganz miesen f/9.1 im voll ausgefahrenen Tele. Das war in Kombination mit dem kleinen Sensor und der lausigen ISO von maximal 800 ein Garant für Rausch-Arien, sobald die Sonne weg war. Aber Gott, was habe ich das Teil geliebt: Kompakt, für damalige Verhältnisse flott, und jeder Situation gewachsen.
Irgendwann war das Teil aber hoffnungslos veraltet. Sony hat 2006 die Reste von Konica-Minolta übernommen und so tragen Bridgekameras wie die neue, grandiose, aber auch sauteure RX10 V A200-DNS. einen echten Nachfolger gab es aber lange nicht, auch wenn die neue Sony-Kamera der A200 sehr ähnlich ist: Großer Zoom, gutes Handling – aber wenig Lichtstärke und ein kleiner Sensor, eben die Konica in modern. Grundsätzlich eine gute, wenn auch teure Idee.
Einzig: Ich wollte nach Jahren mit der Fuji X10 und X100F eine Systemkamera mit Wechseloptik und großem Sensor, und da blieb außer der A7 IV nicht viel, wenn es Vollformat mit ein wenig Profi-Anspruch zum guten Preis sein sollte. Sony liefert einen Großteil aller Sensoren in Smartphones und Kameras – warum also nicht direkt von der Quelle kaufen? Und ja: Mit der Sony bin ich sehr zufrieden.
Gelebtes G.A.S (Gear Acquisition Syndrome)
Das Problem von Systemkameras ist allerdings, dass man schnell auf die Youtuber und andere Foto-Fans hört und – wie die Youtuber empfehlen – anfängt, ständig Objektive für jeden Zweck zu kaufen. Natürlich Festbrennweiten, sogenannte Primes. Nun ist es bei mir aber so, dass ich zwar gerne ohne zusätzliche Beleuchtung oder Blitz fotografiere, aber keine Lichtstärke F1.8 oder kleiner brauche: Die sind mir oft zu teuer und in vielen Fällen sehr, sehr groß.
Zum Glück gibt es im Lichtstärken-Bereich F2.8 inzwischen einige hervorragende Festbrennweiten, die nicht so teuer sind: Zum ollen Sony 28-70-Kit und dem gar nicht so guten Sony FE 50mm F1.8, die ich mit der Kamera bestellt hatte, kaufte ich also erst einmal ein Tamron 35mm F2.8 und ein Tamron 24mm F2.8: Beide sind praktische und kompakte Festbrennweiten mit Makro-Funktion. Das 35er finde ich deutlich besser als das 24er, weil universeller, empfehlenswert sind aber beide.
Damit hatte ich dann vier Objektive: Die Kit-Linse, die... OK ist, aber halt nichts für schlechtes Licht. Die 50mm für schlechtes Licht, aber die ist furchtbar lahm und hat eine Naheinstellgrenze von 45 Zentimetern. Und die beiden Tamrons.
... und dann noch ein 20mm...
Irgendwo griff ich noch ein Viltrox 20mm f2.8 FE im Supersonderangebot für meine Lost-Place-Ausflüge auf und dann waren es insgesamt fünf Objektive. Ich hatte meine Fototasche jetzt erst einmal komplett, und die war jetzt schwer und unhandlich, vor allem verglichen den beiden Fujifilms.
Und so stieß ich auf das Problem, das wohl viele Fotografen haben: Die Fototasche ist schwer und man will nicht ständig Objektive wechseln. Und in der Folge natürlich: Wenn ich nur eine Linse mitnehme – welche soll das sein?
Am Ende des Tages ließ ich als besten Kompromiss für die meisten Situationen fast immer das 35mm-Objektiv an der Kamera. Das ist für seinen Preis auch absolut super – ich empfehle es hier jedem, der eine günstige 35mm-Festbrennweite sucht.
Aber so richtig glücklich war ich dann nicht damit. Genau deshalb hatte ich die X100F ja aufgegeben, weil ich flexibler sein wollte. Denn es gehen einem mit Festbrennweite schon einige Motive durch die Lappen: Das Vögelchen auf dem Baum, das enge Zimmer bei der Besichtigung einer alten Burg und so weiter. Wer ein Weitwinkel drauf hat, verpasst schöne Tele-Motive – und umgekehrt.
Festbrennweiten nerven!
Der Punkt ist aus meiner Sicht der: Festbrennweiten sind für bestimmte Einsätze oder im Studio wegen der besseren Bildqualität die bessere Wahl. Und auch, wenn man sich bewusst einschränken möchte, besonders viel Lichtstärke braucht oder exotische Brennweiten nutzen will.
Doch in der Praxis nerven Festbrennweiten massiv. Man hat nämlich dann doch immer die falsche Linse drauf oder dabei! Ich wollte aber den Komfort meiner A200 wiederhaben: Eine für alles, keine Kompromisse. Zum Glück gibt es viele preiswerte und gute Zoom-Objektive. Und so viel schlechter sind moderne Zooms halt dann auch nicht als günstige Festbrennweiten. Zumindest, wenn man kein Pixel-Peeper ist.
Also musste ein Zoom her, das einen möglichst praktischen Brennweitenbereich abdeckt. Und das sollte nicht zu teuer und zu groß sein. Ich habe in der Vergangenheit für koeln.de auf Presseterminen fotografiert, und wer bei solchen Terminen die Kollegen Pressefotografen beobachtet, weiß: Die nutzen alle nur ein Objektiv, und zwar ein 24-70mm F2.8.
Das gibt es nicht umsonst von allen Kamera-Herstellern, sowohl für Vollformat, als auch in der Crop-Version, dann meist mit 16-50mm. Und wer doch noch ein zusätzliches Tele brauchte, hatte eine zweite Kamera umgeschnallt, die dann eben ein 70 bis X abdeckte. Wer viel Megapixel hat, kann aber auch einfach mit 70mm fotografieren und dann beschneiden.
Das 24-70mm-Problem: Teuer und groß
Tatsächlich ist ein 24-70mm-Objektiv aus meiner Sicht ideal: Weitwinklig genug, um auch in engen Umgebungen noch spektakuläre Fotos schießen zu können. Und 70mm am Ende, um entfernte Motive nah heran zu holen und per Crop noch mehr herausholen, was bei den modernen Kameras mit ihren hohen Auflösungen kein Problem ist. Das 24-70 ist ideal für jede Art von Reportage-Fotografie – und damit auch ideal für Otto-Normalnutzer, die im Alltag oder Urlaub für jede Situation gerüstet sein wollen.
Dummerweise haben die meisten 24-70-Objektive mit hoher Lichtstärke – es gibt sie für Canon, Nikon, Panasonic, Sony und alle anderen Vollformat-Kamerasysteme – einen Nachteil: Weil sie sich an Profi-Fotografen richten, sind sie extrem leistungsfähig – und damit extrem teuer und oft schwer. Sony ruft für das aktuelle SEL2470GM2 sportliche 2.400 Euro auf. Das Vorgängermodell ist einen Tacken günstiger, aber immer noch sportlich eingepreist. Zudem sind beide Objektive mit fast 700 Gramm (GM2) beziehungsweise 886 Gramm (GM1) auch schwer und sperrig.
Glücklich mit einem Reportagezoom
Was also tun? Ich entschied mich für das Tamron 28-75mm F/2.8 Di III VXD G2 – und das kann eigentlich alles, was ich brauche, wiegt aber deutlich weniger. Meins hat als Kundenretoure mit irgendeiner Tamron-Aktion deutlich unter 500 Euro gekostet und bietet hervorragende Bildqualität. Ja, ich mag eigentlich den 24mm-Look und muss mit dieser Linse natürlich darauf verzichten. Aber für meine Zwecke reicht sie tatsächlich in 99 Prozent der Fälle völlig aus. Hier ein paar Schnappschüsse vom letzten Urlaub auf Fuerteventura:








Tatsächlich hat so ein kompaktes Tele an der Vollformat-Kamera gewisse Vorteile: Die 28mm sind weitwinklig genug, um Landschaftsaufnahmen zu gestalten, ohne zu stark zu verzerren.
Und die 75mm reichen aus, um Motive wie das Hörnchen nah heranzuholen und schön freizustellen. Damit eignet sich die Linse auch wunderbar als Porträt-Objektiv. Obenfrein ist sie flott und sehr scharf. Und sogar ein bisschen Makro (1:2,7) ist bei einem Mindestabstand von 18 Zentimetern bei 28mm drin: Für mich ein absoluter Pluspunkt.

Es gibt natürlich zahlreiche günstige Alternativen
Pixelpeeper werden jetzt schreien: "ABER DAS BOKEH!", "ABER DIE SONNENSTERNE!", "ZWIEBELRINGE!", "MATSCHIG!", "ABER EINE FESTBRENNWEITE IST TROTZDEM BESSER!". Und ja, das stimmt: Technisch gesehen sind teure Festbrennweiten (oder auch sehr hochwertige Zooms!) einem 500-Euro-Tamron haushoch in jeder Hinsicht überlegen. Und ja, dafür gibt es sehr spezifische Einsatzzwecke.
Aber praktisch ist eben das Zoom die bessere Wahl. Aber für den Alltag und den Urlaub, wenn es vor allem darum geht, jederzeit die passende Linse zur Hand zu haben, ist mein Tamron 28-75 für mich unschlagbar.
Damit will ich den teuren Linsen nicht ihre Existenz absprechen: Wer hauptsächlich Wildlife macht, braucht natürlich ein möglichst langes Tele. Wer Makro fotografiert, tut gut daran, sich eine echte Makrolinse anzuschaffen. Und Porträtfotografen sind natürlich mit einer lichtstarken 85mm-Optik besser aufgestellt als mit dem Zoom. Aber: Mein Tamron kann das alles auch, nur eben nicht ganz so gut – und ist, anders als die passende Festbrennweite, immer an der Kamera.

Vielleicht wechsele ich nochmal?
Natürlich ist das letzte Wort noch nicht gesprochen: Derzeit kommen immer wieder lichtstarke Zooms auf den Markt, die durchaus das Potential haben, noch besser zu werden. Zuvorderst wäre da das Schneider-Kreuznach-Samyang 24-60 f/2.8 zu nennen: Das kam Ende 2025 heraus und ehrlich: Ich finde es grandios. Mir persönlich fehlt aber die "Makro"-Option, und ich setze das bewusst in Anführungszeichen, weil mein Tamron ja auch kein Makroobjektiv ist. Allerdings wird das Samyang als Retoure oft für deutlich unter 500 Euro angeboten, und hätte ich nicht schon das Tamron, ich würde wohl das kaufen.
Vielleicht ein Reisezoom mit ordentlich Tele?
Dann wäre da das nagelneue Tamron 25-200 Reisezoom mit einer Anfangslichtstärke von F2.8 bei 25mm. Das wäre als Reisezoom für mich eine besonders naheliegende Option, zumal es im Weitwinkel ordentlich Makro kann (1:1,9!). Ein absoluter Allrounder und praktisch gesehen eigentlich der perfekte Ersatz für die Linse an meiner alten A200. Aus meiner Sicht aber etwas sperrig, außerdem nimmt mir die Lichtstärke zu früh ab.
Sigma hat mit dem Contemporary 28-70mm F2.8 DG DN ebenfalls ein F2.8-Objektiv für Vollformat im Programm, das den Alltags-Brennweitenbereich abdeckt. Und anders als viele andere Hersteller ist Sigma bei Crop-Kameras mit APS-C-Sensor mit dem hervorragenden Contemporary 18-50mm F2.8 DC DN sehr gut aufgestellt. Alle Kamera-Marken haben zudem natürlich eigene, aber vergleichsweise teure Lösungen im Angebot.
Was tun, wenn man doch mehr braucht?
Mit diesen Linsen – die Liste hat jetzt keinen Anspruch auf Vollständigkeit – seid Ihr aus meiner Sicht für die meisten Fälle gut aufgestellt. Und darauf kommt es aus meiner Sicht auch an: Nichts ist ärgerlicher, als ein verpasstes Motiv, weil man gerade die falsche Linse drauf hatte. Ob das Foto dann ein schönes Bokeh hat, ist in den allermeisten Fällen schlicht egal, wenn es nur interessant genug ist.
Doch was, wenn man letztlich doch mehr braucht? Mehr Tele, mehr Weitwinkel? Für solche Fälle bin ich nach wie vor gerüstet – und habe das Viltrox 20mm einfach mit in der Fototasche. Das ist winzig, stört nicht – und bietet mir bei der Architektur-Fotografie oder in Lost-Places die Möglichkeit, bei Bedarf auf eine deutlich weitwinkligere Brennweite zu gehen.
Und ja, dann muss ich natürlich wechseln – aber bewusst und ohne Stress. Denn ob das Bild am Ende technisch total perfekt ist, ist mir schlicht und ergreifend egal.
Was meint Ihr? Reicht ein Zoom für alles oder seid Ihr Team Pixelpeeper?











