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Meinung

Kingsman-Zensur bei Pro 7 – Warum hassen TV-Planer Fernsehen?

Die Programmplanung im Fernsehen ist meist ein echtes Armutszeugnis - nicht nur wegen der Kingsman-Zensur.

Sorry, aber heute muss ich mich mal über Fernsehmacher auskotzen. Weil ich Fernsehen mag. Gerade im TV auf Pro Fucking 7: Kingsman. Länger nicht mehr gesehen, netter Film, großartige Kirchenszene. Oder auch nicht. Wer auch immer bei Pro 7 für die Programmplanung zuständig ist, muss Fernsehen einfach hassen. So unfähig kann niemand sein. Unmöglich. Glaube ich nicht. Er hasst Fernsehen. Oder Sie. Das ist nicht traurig, das grenzt an …

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Darum geht’s

Die Kirchenszene: Harry und eine komplette Kirche werden gehirnmanipuliert und metzeln sich gegenseitig nieder – bis, natürlich, nur noch Profi Harry steht. Der Beta-Test für den Plan des Schurken. Die Szene ist nicht nur großartig gefilmt, sondern auch wichtig für die Handlung. Und was macht Pro 7? Sie schneiden die komplette Szene raus – rund 4 Minuten! Harry guckt grimmig und kommt dann blutverschmiert aus der Kirche. Dank weiterer Schnitte liegt er kurz darauf auf dem Boden rum. Ist wohl müde.

Ist die Szene brutal? Aber Hallo! Ist das ein Grund sie rauszuschneiden? Nein. Es gibt nur einen Grund dafür: Geld. Egal, ob Pro 7 zur Primetime derartige Szenen nicht zeigen will oder nicht zeigen darf, die Lösung ist doch ganz simpel: Man zeigt den Film später. Aber Primetime heißt nicht umsonst Primetime: Ein bekannter und erfolgreicher Film zur Primetime bringt bessere Werbeerlöse als ein unbekannter Kunstfilm eines koreanischen Filmstudenten.

Und da Pro 7 vorher nicht verkündet, dass sie Filme dermaßen zusammenschneiden (oder zusammengeschnittene Versionen zeigen), dass sie nicht mehr nachvollziehbar sind, geht es letztlich nur um den Namen. Irgendein Schlagwort zum Vermarkten. Mehr wird in Kingsman bei den dortigen Programmplanern niemand sehen.

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Kein Einzelfall

Natürlich wird bei Filmen geschnitten, wenn sie im TV laufen. Und wenn einfach literweise Blutfontänen auf zwei Spritzer reduziert werden, versaut das auch nicht den Film (außer, freilich, es handelt sich um einen Splatter-Film oder Ähnliches). Aber nochmal ein problematisches Beispiel: The Last Boy Scout mit Bruce Willis, Pool-Szene. Willis wird von zwei Waffenschergen bewacht, einer ärgert ihn. Willis sagt ihm er solle das nicht nochmal tun – und dann gibt’s zwei Varianten: Scherge tut es nochmal, Willis tötet ihn mit einem Hieb in bester Shatterhand-ab-18-Manier. Zweiter Schurke ringt nach Fassung, Willis setzt sich und raucht. Oder: Bösewicht kommt rein und begrüßt Willis, ärgernder Scherge liegt irgendwo rum.

Die ganze Szene ergibt in der TV-Fassung überhaupt keinen Sinn. Obwohl: Vermutlich war auch dieser Schurke einfach müde. Müdigkeit könnte überhaupt bei vielen TV-Ausstrahlungen etwaige Ungereimtheiten erklären. Achtet mal drauf, wie oft in Filmen irgendwelche Charaktere plötzlich gestorben oder einfach weg sind oder eben in der Gegend herumliegen. Und auch hier, liebe Kabel-1-Banausen, die diesen Halbstreifen (glaube ich) zeigen (oder ist schon RTL 2 an der Reihe?), der Hinweis: Dann zeigt den Mist doch einfach später.

Oder gar nicht, Ihr Pussies – guckt mal, was sich die Kollegen bei Arte trauen! Da gibt’s mit dem Hinweis auf Kunst auch waschechte Pornografie und Gewalt in aller Ausführlichkeit. Schon interessant, dass es offenbar Menschen gibt, die die Macht haben zu entscheiden, welcher Blow Job jugendgefährdend/nicht-tv-tauglich und welcher scheinbar künstlerisch wertvoll/tv-tauglich ist … Ich zitiere mal Hallo München zur Programmbeschreibung bei Arte:

Doch am Mittwochabend war tatsächlich alles zu sehen: ein Mann, der sich mit dem Mund selbst befriedigt. Schwuler Oralsex. Eine Paar-Therapeutin, die in der Hoffnung auf einen Orgasmus mit ihrem Mann in verschiedenen Stellungen Sex hat, wobei die Genitalien klar zu sehen sind. Masturbation. Eine Sex-Orgie, bei der es zwischen vielen nackten Menschen zur Sache geht. Und, und, und. Dabei mangelte es nicht an erigierten Penissen und klaren Ansichten von Geschlechtsverkehr.

Und ja, bei der Arte-Programmplanung verdient man sich immer wieder mal ein Schmunzeln.

TV-Planer hassen TV

Ich bin ein großer TV-Fan. Die Technik ist einfach und zuverlässig, es laufen fast immer irgendwo brauchbare Dinge, es ist super Hintergrundberieselung und Werbepausen erleichtern die Nahrungsaufnahme und -abgabe. Aber TV-Planer sind garantiert privat reine Streaming-Nutzer. Es ist nicht nur diese Pseudozensur von eben. Teil 3 einer Trilogie um 20:15 Uhr und danach dann Teil 1? Und Teil 2 am nächsten Wochenende? Klar, Teil 3 ist neuer, muss also zur Primetime laufen …

Oder bezüglich Serien: Die meisten Serien laufen in Staffeln und Episoden. Und jetzt ein mathematisches Wunder: Beide werden von 0 bis Unendlich einfach durchgezählt. So mit 1 und 2 und 3 und 5 … oh, oh, da sieht man schon, wie schwer das ist. Wer, wenn nicht ein Fernsehasser, zeigt Folgen in einer offenbar ausgewürfelten Reihenfolge? Bei manchen inhaltlich schwachsinnigen Entscheidungen kann ich den Grund zumindest nachvollziehen – Geld. Aber das Zusammenwürfeln von Folgen und Staffeln und Sendeplätzen? Nun, inhaltliche Zusammenstellungen, etwa Weihnachtsfolgen vor Weihnachten, einverstanden. Aber selbst das nimmt ja ab …

Im Grunde gibt es nur zwei augenfällige Ausnahmen: Comedy Central versteht zwar diese komischen Zahlen an Folgen und Staffeln offenbar überhaupt nicht, aber man hat mit den beiden Cs einen Mainzelmännchen-mäßigen Pausenfüller und stellt immer wieder mal thematisch sinnvoll zusammen, also zum Beispiel Louise-Folgen aus Bob’s Burgers oder Butters-South-Park-Folgen. Vor allem ist es aber die ehemalige Resterampe Tele 5, die es offenbar schaffen, ihr Produkt noch zu mögen.

Zwei Beispiele dazu: Das SchleFaZ-Universum ist großartig. Aus kurzen schlechten Filmen werden abendfüllende Spaßveranstaltungen für den schlechten Geschmack – selbst die Werbung ist teils dem Programm angepasst und tatsächlich lustig! Oder wie wäre es damit: Der Kultfilm Bang Boom Bang läuft nicht nur seit Jahrzehnten jede Woche im Kino, sondern auch jeden Freitagabend auf Tele 5. Seit Monaten. Tele 5 hat sicherlich nicht den größten Filmlizenzpott im Business, aber sie vermitteln mehr Freude am Fernsehen als sonstwer.

Uh, der Fairness halber: 3Sat hat zumindest ab und an Lichtblicke in der Programmplanung, die über dieses halbgare Arte-Themenabendkonzept hinaus gehen. Andererseits: An Feiertagen 24 Stunden Konzerte zu zeigen war im Grunde nur eine einzige gute Idee, die seit Jahren wiederholt wird. Und sie macht auch noch traurig, denn man denkt an 90er-Jahre-MTV. Kinners, das M stand mal für Musik. Vermutlich stirbt der Rest der Fernsehens irgendwann genauso wie Musikfernsehen. Und die Schuld gebe ich zu 90 Prozent den Programmplanern – denn Inhalte sind ja durchaus vorhanden.

Beispiel Nachmittagsprogramm bei ZDF Neo: Hier spiegelt man im Grunde einfach das Programm: Von 09:40 bis 14:55 Uhr läuft dasselbe wie von 14:55 bis 20:15 Uhr, nur umgekehrt – wohlgemerkt als Wiederholungen:

  • Bares für Rares
  • Bares für Rares
  • Dinner Date
  • Monk
  • Monk
  • Psych
  • Psych
  • Monk
  • Monk
  • Psych
  • Psych
  • Bares für Rares
  • Dinner Date
  • Bares für Rares

Oh, entschuldigung – ich übersah die überborstende Kreativität der Verantwortlichen, die beiden Trödelmärkte abends durch Dinner Date zu entzweien, statt sie nacheinander zu zeigen …

Ein letztes Beispiel für geistige Armut? Feiertage. An den großen Feiertagen wie Ostern und Weihnachten gibt es durchaus entsprechendes Programm – aber auch in Dauerschleife. Möchte jemand mit mir wetten, ob dieses Jahr Weihnachten Stirb Langsam läuft? Oder Tödliche Weihnachten? Oder Kevin Allein zu Haus? Aber hey, es passt zum Anlass und es gibt eben nur begrenzt Weihnachtsfilme. Doch schon an Halloween bleiben mittlerweile fast alle Sender unbeteiligte Dritte. An den nicht bundesweiten Feiertagen im Mai wird vermutlich gar nichts am Standardprogramm geändert.

Betrug? Bitte …

Och bitte,jetzt nicht so – oder? Mmmh, doch. Nur mal als Gedanke: Der Deal mit dem Free-TV ist doch, dass der Zuschauer Inhalte kostenlos sehen darf, dafür aber Werbeblöcke geschaltet werden. Nun nötigt mir Pro 7 also weit über eine Stunde meines Lebens ab und jubelt mir derweil zwei mindestens sieben Minuten lange Werbespots unter, nur um mir dann durch sinnentstellenden Schnitt den Film komplett zu versauen. Ich habe meinen Teil gehalten und brav Werbung geschaut, beziehungsweise laufen lassen. Aber Pro 7 hat mir den Film nicht gezeigt. Sondern nur einen Teil davon – einen kaum verständlichen Teil (wenn man den ganzen Film nicht schon kannte).

Gut, das ist jetzt eher patzig meinerseits als Betrug bei Pro 7, aber ich bin gerade etwas angepisst. Ich hasse es, wenn Menschen ihre Jobs scheinbar absichtlich schlecht machen, weil sie ihr Produkt hassen. Geld allein erklärt nicht alles, und so unfähig kann eigentlich niemand sein. Obwohl, wenn ich dann an meinen liebsten Hassberuf denke, Verpackungsdesigner … Ich meine, wer hasst schon Verpackungen? Naja, vielleicht hassen sie nur Menschen im allgemeinen. Oder welches Arschloch verpackt Scheren so, dass man sie nicht ohne Schere aus der Verpackung bekommt? ;)

Fernsehen mag ein Produkt am Ende seines Wirtschaftszyklus sein, aber was Ihr, liebe Programmplaner, da macht, ist aktives Zugrunderichten. Tele 5 zeigt, dass man auch mit mediocren und richtig schlechten Inhalten noch engagiert Fernsehen gestalten kann. Und Pro 7 zeigt seit vermutlich über einem Jahrzehnt, wie man jeden Nachmittag mit ein und derselben Dauerschleife abhandelt. Und das ist das eigentliche Problem – lieblose Dauerschleifen. Schlimmer als all die oben aufgeführten Eskapaden.

P.S.: Und nicht, dass mir jemand mit Lizenzen und dergleichen kommt. Natürlich werden die nicht alles erlauben – aber irgendwer hat den Mist ja unterschrieben. Ihr dürft Euch gerne unter die großzügige Definition von „Programmplaner“ gesellen ;). Wie alle, die letztlich für schwachsinnige Sendeplätz, halbe Staffeln, zufällige Reihenfolgen und jegliche Kreativlosigkeit verantwortlich sind.

Mirco Lang

Freier Journalist, Exil-Sauerländer, (ziemlich alter) Skateboarder, Dipl.-Inf.-Wirt, Einzelhandelskaufmann, Open-Source-Nerd, Checkmk-Handbuchschreiber. Ex-Saturn'ler, Ex-Data-Becker'ler, Ex-BSI'ler. Computer-Erstkontakt: ca. 1982 - der C64 des großen Bruders eines Freunds. Wenn Ihr hier mehr über Open Source, Linux und Bastelkram lesen und Tutonaut unterstützen möchtet: Über Kaffeesponsoring via Paypal.freue ich mich immer. Schon mal im Voraus: Danke! Nicht verpassen: cli.help

Ein Kommentar

  1. Tja, das gute, alte Fernsehen. Das Fast Food unter den Möglichkeiten, Medien zu konsumieren. Kann man machen, jederzeit, billig, schnell und zum Teil auch echt gut. Nur allzu viel erwarten sollte man halt nicht.

    Als Fan durchaus derberer FIlm- und Serienkost bin ich ja schon seit seligen VHS-Tagen auf Skepsis ob des gesehenen Inhalts programmiert, genauer gesagt, seit ich weiß, dass die wohl bekannteste Szene aus Peter Jacksons „Brain Dead“ (a.k.a „Dead Alive) die längste Zeit in Deutschland faktisch nirgends zu sehen war. Und während die DVD- und Blu-ray-Zensur zuletzt gefühlt etwas besser geworden ist, grassiert die Schnittseuche im TV wohl nach wie vor.

    Ein Blick auf die TV-Schnittberichte bei Schnittberichte.com verrät, dass sogar Kinderfilme wie die Harry-Potter-Reihe teils derbe gekürzt laufen – selbst solche mit FSK 6 oder FSK 12, wofür es spätestens um 20:15h wirklich überhaupt keinen Kürzungs-Anlass gibt. Bei Dr. House (eine der letzten Serien, die ich noch so richtig „aktiv“ im TV verfolgt habe) hat RTL in der Abend-Ausstrahlung teils Plot-relevante, aber halt eklige medizinische Detailaufnahmen entfernt.

    Und sobald sich ein Film oder eine Serie auch nur in der Nähe eines „FSK 16/18“-Logo bewegt, isses im Fernsehen ohnehin vorbei. Auch das habe ich recht früh gemerkt, genau genommen bei der (ebenfalls auf Pro Sieben ausgestrahlten) TV-Premiere von „From Dusk till Dawn“, irgendwann in den 90ern.

    Die habe ich nach ca. 25 Minuten ausgemacht. Nicht etwa ,weil irgendeine blutspratzende Vampir-Metzelszene fehlte. Nein, sondern weil die Filmfigur von Quentin Tarantino die von Juliette Lewis ohne jeglichen Kontext fragte „Hast du das da vorhin ernst gemeint?“. Ergibt in der TV-Fassung Null Sinn und kommt aus dem Nichts.

    Was war passiert? Ein übereifriger Cutter hat hier die (eingebildete) Szene entfernt, in der die Geisel fragt, ob er ihr vielleicht die M….. lecken möchte. Einfach so. Ein Satz, nichts explizit gezeigtes, etwas, was man vermutlich in jeder der damals üblichen Nachmittagstagshows oder auch bei jeder Fahrt mit den Kölner Verkehrsbetrieben in ähnlicher oder schlimmerer Form aufschnappen konnte. Wohlgemerkt lief der Film damals um 23 Uhr oder so. Generell greifen die Sender scheinbar auch zu „erlaubten“ Zeiten gerne zur Cut-Fassung.

    Aber dieser Schnitt in Kombination mit der nicht rausgeschnittenen, aber jeglichen Sinn beraubten Reaktion hat einfach nur gezeigt, für wie dumm die Zensoren die potenziellen Zuschauer halten. Viva la Uncut-DVD!

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