PCLinuxOS will „so cool sein, dass Eiswürfel neidisch sind“ – große Worte, große Ernüchterung. Fast hätte ich es aufgegben …

Nach Mageia und CentOS kommt nun eine dritte Distribution auf Basis von Red-Hat ins Quartett: PCLinuxOS kommt als Live-CD und will explizit ein einfach zu nutzendes System auch für den Standardanwender sein. Die Tagline Radically simple muss man sich aber auch verdienen. Als Standard-Desktop dient KDE – klingt schon mal gut! Und nach den positiven Erfahrungen mit Mageia freue ich mich durchaus auf den letzten Red-Hat-Abkömmling.

Über Linux-Distri-Impressionen

Ausführliche Infos: Quartett-Artikel und Distri-Impressionen-Übersicht. Hier nur ganz kurz zur Einordnung: Die Distri-Impressionen sind für das Quartett quasi „nebenher“ entstanden und sind keine tiefschürfen oder technischen Analysen. Es geht hier um das, was mir bei Installation, Einrichtung und Herumspielerei mit Desktop, Einstellungen und Tools aufgefallen ist. Was mich langweilt, was mich begeistert.

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Das eigene System als Live-CD abspeichern ist schon sehr cool.

PCLinuxOS mit Plasma

PCLinuxOS hat keinerlei Startoptionen, es startet die Live-CD – die Installation läuft dann über einen Installer direkt auf dem Desktop. Das ist zwar nur Kleinkram, aber für völlig unerfahrene Nutzer ist das so tendenziell hübscher, als in einem Boot-Menü eine Option auswählen zu müssen. Dass dann irgendwann nur englischsprachige Optionen zum Bootloader angeboten werden, ist suboptimal, solche Installer gibt es auch in durchübersetzt. Selten: Logins und Nutzer werden erst beim ersten Start eingerichtet, nicht schon bei der Installation. Weiter geht’s mit Lustigkeiten: Logout, Neustart & Co. funktionieren aus dem Startmenü heraus nicht. Über den Terminal geht es klaglos.

Die Ausstattung ist OK, es gibt ein tolles Kontrollzentrum für die Systemeinstellungen, das Startmenü bietet eine Baumstruktur, ermöglicht aber auch direkt Sucheingaben, KDE-Plasma eben. Aber schon nervt es weiter: Fährt die Maus über einen Eintrag in den Systemeinstellungen, wird die Schrift schwarz unterlegt. Wäre kein Problem, würde die Schrift dann eine andere Farbe annehmen – aber sie ist und bleibt auch schwarz. Schwarze Schrift auf schwarzem Grund. Ganz tolle Idee. Juchee.

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KDE eben … Aber der Desktop-Hintergrund ist schon geil gewagt.

Natürlich läuft PCLinuxOS wieder virtuell in VirtualBox. Und es müssen noch die Gast-Erweiterungen installiert werden – was auch flüssig durchläuft, immerhin. Und beim nächsten Booten: Xserver-Konfiguration hinüber, bye bye Desktop. Und ganz ehrlich, ich habe absolut keine Lust mich da jetzt um Fehlerbehebung zu kümmern. Ich installier es nochmal, um die verdammte Boot-Zeit zu nehmen und dann weg mit dem Mistding. Auch für das Nichtfunktionieren des Reboots über das Startmenü sind die Gast-Erweiterungen verantwortlich, wie sich später noch zeigen sollte.

Es mag furchbar ungerecht sein, an der VM liegen oder irgendwelchen Spezialeinstellungen, die mir nicht bekannt sind. Aber das ist mir alles ziemlich egal – schließlich schaffen es nahezu alle Systeme ohne derlei Unfug in den Betrieb. Mich überzeugt PCLinuxOS nicht. Egal, was es sonst noch richtig machen mag. Die Auswahl an runder laufenden Systemen ist einfach zu groß.

Nun gut, eine Sache mag ich sehr: Über das Skript mylivecd könnt Ihr ein einmal eingerichtetes System als Live-CD-ISO abspeichern. Und so eine personalisierte Live-CD ist schon schick. Mal gucken ob’s auch funktioniert, derzeit sagt das Skript, dass es noch knapp 100 Minuten dauert.

Es geht doch noch …

Ich konnt’s nicht lassen. Es genügte schon, die Datei /etc/X11/xorg.conf zu löschen, schon läuft die VM auch im Vollbild. Wenn ich mal beiseite lasse, dass ich von der Einrichtung doch schwer genervt war, ist PCLinuxOS schon in Ordnung. Mir fehlt auch hier wieder der Grund, warum ich ausgerechnet zu diesem OS greifen sollte. Als Endnutzer-System gefällt mir Mageia deutlich besser. Es gibt leichtgewichtigere Systeme, besser ausgestattete, aufpoliertere, zugänglichere …

P.S.: Tja, und dann dass: Da wollte ich nachträglich mal schauen, wer PCLinuxOS so macht, etwas Personality rein bringen. Die Distri wird von einer kleinen Entwicklergemeinde gebaut, im Wesentlichen von ihrem Schöpfer Bill Reynolds – daher steckt hinter PCLinuxOS sogar eine Adresse, ein typisch amerikanisches Häuschen mit Truck und verbastelter Veranda. Das ist freilich symphatisch, doch generell versprechen größere, verteiltere Projekte eher Langlebigkeit. Und leider grätscht an der Stelle die Realität mit gestrecktem Bein und offener Sohle rein: Mitte letzten Jahres hat sich Reynolds im PCLinuxOS-Forum von der Community verabschiedet – und auch vom Rest der Welt, Krebs … Sofern Du noch da bist: Viel Glück!

Über den Autor

Mirco Lang

Mirco Lang

Freier Journalist, Exil-Sauerländer, (ziemlich alter) Skateboarder, Dipl.-Inf.-Wirt, Einzelhandelskaufmann, Open-Source-Nerd, Stichwortschreiber. Ex-Saturn'ler, Ex-Data-Becker'ler, Ex-BSI'ler.

Computer-Erstkontakt: ca. 1982 - der C64 des großen Bruders eines Freunds.

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