Meinung

Windows‘ nativen Screenrecorder nutzen – ein Windows-Store-Rant

Die gute Nachricht: Windows hat 'nen eigenes Tool für Bildschirmaufnahmen. Die Schlechte: Windows' Tool für Bildschirmaufnahmen ...

Wusstet Ihr schon, dass Windows 10 einen eigenen Screenrecorder hat? Starten, im Fenster arbeiten, stoppen, fertig – in guter Qualität! Nun, als Gamer werdet Ihr es in der Tat kennen. Für alle anderen: Das geht mir der Xbox Game Bar, einem multifunktionalen Tool vor allem für Spiele gedacht. Leider ist das Ding nicht nur ein ordentlicher Recorder, sondern auch eine Ansammlung von Bockmist.

Die Xbox Game Bar

Die Game Bar ist ein Overlay, sprich ein Programm, dass halbtransparent über andern Programmen eingeblendet wird – insbesondere eben auch über im Vollbild laufenden Apps wie Spielen. Man kann die Game Bar also direkt aus einem Spiel heraus per Hotkey starten, ohne das Spiel zu verlassen. Klar, schließlich soll es Spielern während des Spielens helfen.

Mit der Game Bar könnt Ihr zum Beispiel chatten, Spotify nutzen, Widgets vom Hersteller des laufenden Spiels verwenden, Systemressourcen im Auge behalten, ebenso laufende Programme und deren Ressourcenverbrauch, Screenshots erstellen, Aufnahmen anschauen und eben Screenvideos aufnehmen. Und Ihr könnt noch weitere Apps über den Widget Store installieren: Etwa Taschenrechner, Razer-Kram, eine Stoppuhr und noch ein wenig Kleinkram. Besonders interessant: Ein Browser. Nicht jede Vollbildanwendung verträgt es, zwischenzeitlich minimiert zu werden. Manche stürzen ab, Spiele würden in der Regel aber zumindest pausieren. Da ist es schon praktisch, mal eben über das Game Bar-Overlay zu browsen. Zu guter letzt lässt sich sogar noch die Lautstärke einzelner Apps und Audiogeräte kontrollieren, wieder ein Grund weniger, minimieren zu müssen.

Ihr bekommt also einen Haufen Widgets, die sich immerhin frei anordnen lassen – im Bild:

xbox game bar widgets unter windows 10.
Ein Haufen Widgets als Overlay.

Und dann natürlich der Screenrecorder: Einfach mit WIN+G die Game Bar aufrufen oder die Aufnahme mit WIN+ALT+R direkt starten. Es erscheint eine kleine Leiste mit rotem Indikator für die Aufnahme und einem Stopp-Button, gespeichert wird unter C:\Users\%USERNAME%\Videos\Captures. Klingt das nicht super? Jein.

Der Bockmist

So, nun mal weg von der Lobhudelei: Versucht einfach mal, ob WIN+G die Game Bar öffnet. Falls ja, gut. Falls nicht: Sucht „Game Bar“ über das Startmenü und startet sie. Nun seht sofort das Widget Aufzeichnen mit dem klassischen runden Punkt zum Starten einer Aufnahme. Und nun stehen zwei Nervereien zur Auswahl: Der Punkt ist ausgegraut? Dann liegt der aktuelle Fokus wahrscheinlich auf einem Explorer-Fenster oder dem Desktop (der auch nichts anderes ist). Denn: Die Game Bar kann keine Explorer-Videos aufnehmen. Na klar, warum auch nicht. Browser, okay. Quasi-beliebige Anwendung, okay. Aber Explorer und Desktop? Auf gar keinen Fall. Pustekuchen. Wäre ja Quatsch.

ausgegrautes record-icon.
Explorer im Fokus? Dann gibt’s für Euch auch keinen Button.

Aber hey, vielleicht ist es ja nicht ausgegraut – dann kommt Nervvariante 2: WIN+G hat ja nicht funktioniert und Ihr habt die Game Bar manuell aufgerufen. Das geht zwar, aber Windows scheint diese Windows-eigene Möglichkeit nicht zu mögen – denn Ihr bekommt eine hübsche Fehlermeldung Aufzeichnung nicht möglich. Ihr müsst die Game Bar erst unter Einstellungen/Spielen/Xbox Game Bar aktivieren. Nützliche Fehlermeldungen? Pah, wen jucken schon Usability-Standards? Schon die Fehlerbeschreibung von Nervvariante 1 gibt es nur, wenn man auf den ausgegrauten Button klickt – was aber wohl kaum einer tut, ist ja ausgegraut …

game-bar-fehlermeldung.
Wenn die Game Bar läuft, aber nicht aktiviert wurde …

Egal! Die Game Bar ist aktiviert, Aufnahmen lassen sich starten: Aktiviert zum Beispiel Office und den Taschenrechner und startet dann bei fokussiertem Taschenrechner mit WIN+ALT+R die Aufnahme. Wechselt dann zu Office, nehmt weiterhin auf, spielt kurz rum, beendet die Aufnahme. Das Ergebnis: Eine Videodatei, die sogar den Namen Rechner DATUM.mp4 trägt. Und genau das seht Ihr: Den Rechner. Nur den Taschenrechner! Denn die Game Bar nimmt nur und ausschließlich das eine zuerst angewählte Fenster auf. Zugegeben, für Spiele ist das ausreichend. Aber warum zum Geier beschränkt man ein derart nützliches Tool dermaßen? Und warum pusht man es nur in den Gaming-Kontext? Ich persönlich halte das für behämmert, aber das ist jetzt subjektiv. Es soll Menschen geben, die jegliche Art von Auswahlmöglichkeit als Folter empfinden. Ich persönlich fühle mich eher durch den Xbox-Quatsch belästigt – ICH HABE KEINE XBOX.

Nun wieder zu objektivem Stuss: Das Browser-Widget ist durchaus interessant, da man so zum Beispiel mal eben nach Cheats und Walkthroughs gucken oder sich um Kommunikation oder den Fahrplan kümmern kann. Nötige Berechtigung: Der Browser kann meinen gesamten Internetverkehr sehen – ist auch logisch, irgendwie, woll?! Klar, das erlaube ich auch Chrome, Firefox oder Edge. Allein … Das Ding da im Widget Store stammt nicht von Google, Microsoft oder Mozilla, sondern von Lars Krämer – ein Name, der mir ein weeeeeeeeeeenig weniger sagt. Und ist das ein ganzer Browser? Oder wird ein Browser einfach in ein Widget-Gerüst gepackt? Und wenn ja – welcher? Mein Standardbrowser? Oder doch Microsofts Edge?

game-bar-browser in aktion.
Der Gamebar Browser – tut was er soll, ist aber arg blackboxig.

Natülich gibt es auf der Store-Website zumindest ein paar mehr Infos zum Gamebar Browser. Äh, nein, doch nicht. Aber wenn man auf Herunterladen klickt und sich die Seite im Windows Store anzeigen lässt, dann, ja dann … dann sieht man zumindest, wie groß die Datei ist. Aber hey, man findet einen Link zur Hersteller-Homepage. Und da gibt es einen Projektbereich und dort gibt es den Gamebar Browser und dort … nein, auch da gibt es nicht mehr zu lesen.

Ich wüsste schon gerne, was genau ich mir da installiere. Und ich wüsste mehr als nur gerne, was das Ding für eine Lizenz hat. Genauer gesagt: Ich installiere mal gar nichts, von dem ich nicht vorher die Lizenz einsehen kann. Es trifft jetzt den Browser, weil besonders prominent, aber es gilt vermutlich für alle Widgets. Der Windows Store ist bislang generell Mist, und dass sich das ändert, glaube ich erst wenn ich es sehe. Jedenfalls ist der Widget Store noch schlimmer. Tja, andererseits fühlen sich die oben angesprochenen Menschen vermutlich auch bei zu vielen Informationen gefoltert …

Der Gamebar Browser

Und nur um das klarzustellen: Gamebar Browser stammt von dem erwähnten Lars Krämer, einem jungen Entwickler aus Solingen, also dem Bergischen Land direkt in der Nachbarschaft. Er arbeitet bei einem Mittelständler in Wuppertal, scheinbar recht bodenständig, auch wenn dort im letzten Jahr 1.812,47 Euro Verlust gemacht wurden :O Entwickler Krämer hat eine Website mit ordentlichem Impressum, eine Xing-Präsenz, LinkedIn, das ganze Programm. Er schreibt sogar für einen Tech-Blog und hat auch glatt eine bessere Empfehlung für einen Screenrecorder ;) Was sich jetzt so in einer Viertelstunden herausfinden ließ suggeriert mir: Kann ich riskieren …

… und siehe da: Es funktioniert wie erwartet, ein schlichter Browser ohne Brimborium, genau wie man es sich wünscht. Insofern: Schönen Gruße nach Solingen, Danke für das Widget – es ist nützlich! Nun, klickt man im Widget-Browser auf einen Link, so wird er im externen Standardbrowser geöffnet, was nicht so toll ist, aber wer weiß, was in Game-Bar-Widgets überhaupt möglich ist. Schade ist aber weiterhin: Null Info zum Widget. Nichts. Es gibt einen Punkt Über die App im Browser, zeigt aber nichts. Zumindest scheint es schlicht und ergreifend eine abgespeckte Edge-Instanz zu sein.

Aber Entwickler sind eigentlich zuverlässigt: Ein Blick in die GitHub-Projekte zeigt auch Gamebar Browser – ein Open-Source-Projekt unter der MIT-Lizenz. Wundervoll. Das Problem liegt also weniger am Entwickler, auch wenn ein (prominenter) Link auf die GitHub-Seite echt hilfreich wäre. Sowas recherchiert ja nicht jeder und ohne das Wissen sollte es niemand (auf einem Produktivsystem) installieren. Übrigens: Ganz genaue Beobachter hätten den Hinweis auf Open Source und GitHub tatsächlich auf der Windows-Store-Seite entdecken können – in einem der Screenshots.

Aber es gibt etliche Einträge im Windows Store, die schlicht null Lizenzfinfos bieten, Open-Source-Apps, die von Dritten ohne Zusatznutzen verkauft werden … es ist ein Trauerspiel und der Game-Bar-Widget-Store nur eine Träne im Kübel. Beim deutlich besseren Windows-Paketmanager, aka App Store, Chocolatey hat man als Entwickler gar keine Chance etwas zu veröffentlichen, dem wichtige Infos fehlen. Microsoft scheint das eher zu provozieren.

Sorry, nun ist die Bildschirmaufnahme samt Game Bar glatt zum Nebenthema geworden. Naja, am Ende ist die Game Bar für Spiele gedacht und da hat sie durchaus ihren Nutzen. Aber die Mischung aus verschenktem Potenzial, diversen Bugs und diesem unsäglichen Windows Store ist schon traurig.

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Bildmaterial im Teaser-Bild: (c) copyright 2008, Blender Foundation / www.bigbuckbunny.org

Mirco Lang

Freier Journalist, Exil-Sauerländer, (ziemlich alter) Skateboarder, Dipl.-Inf.-Wirt, Einzelhandelskaufmann, Open-Source-Nerd, Checkmk-Handbuchschreiber. Ex-Saturn'ler, Ex-Data-Becker'ler, Ex-BSI'ler. Computer-Erstkontakt: ca. 1982 - der C64 des großen Bruders eines Freunds. Wenn Ihr hier mehr über Open Source, Linux und Bastelkram lesen und Tutonaut unterstützen möchtet: Über Kaffeesponsoring via Paypal.freue ich mich immer. Schon mal im Voraus: Danke! Nicht verpassen: cli.help

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