Bilder teilen, 1950s Style – ohne Kabel, Netz, NFC

Pieep. Pieeeeep-pieeep. Eine kleine Zeitreise: 50er-Jahre-Bildübertragung auf dem Smartphone

Manchmal ist es schwer, Begeisterung in Textform ordentlich rüberzubringen - also nehmt einfach mein Wort: Das hier macht Spaß ;) Nun, vermutlich müsst Ihr dafür Nerd oder Techie sein. Oder TV-Junkie. Oder Weltraum-Fan. Ach, bleibt einfach dran. Pieep-rötzel-pieeeeeeeep ...

Was passiert hier?

Bevor hier irgendwas erklärt wird, zunächst mal, was überhaupt passiert: Aus einem Lautsprecher kommen verrückte Piep-Töne und auf dem Smartphone entwickelt sich langsam aber sicher, Zeile für Zeile ein ziemlich mies aussehendes Bild - und alle so: "Waaaaas?!"

Den alten Säcken unter uns - sowie Menschen in der Verwaltung ... - dürfte das Gepiepe bekannt vorkommen und Erinnerungen an Fax-Geräte hervorrufen. Und das ist gar nicht mal verkehrt, hier geht es um Schmalband-Fernsehen, beziehungsweise Amateurfunk-Fax oder Slow Scan Television (SSTV) im Englischen.

Das Konzept stammt aus den 1950ern und bereits damals wurde per SSTV ein erstes Bild der Rückseite des Monds zur Erde übertragen. Lange - im Sinne von "OMG, fuck ist das lange her." - vor Insta konnten also schon Bilder geteilt werden.

Was da passiert ist im Grunde recht simpel: Ein Bild wird zeilenweise abgetastet und jeder Punkt, beziehungsweise dessen Helligkeit, wird dann im Frequenzbereich von 1.500 bis 2.300 Hz kodiert übertragen und auf dem Empfänger entsprechend Schritt für Schritt dekodiert, also quasi "ausgedruckt". Hinzu kommen wie üblich noch ein paar Header, hier etwa um den Übertragungsmodus zu signalisieren.

Dieses zeilenweise Empfangen von Bildern könnt Ihr auf Fax-Geräten bis heute bewundern. Ich persönlich bin seit 1996 online und damals kamen Bilder selbst auf dem PC in dieser Art an! Also nicht über obskure Töne, die waren nach der Aushandlung der Verbindung durch das Modem vorbei, aber Zeile für Zeile - bisweilen über Minuten! Wenn Ihr Euch also mal so richtig alt oder nerdig fühlen wollt: Probiert es aus! Für ein Selfie braucht Ihr tendenziell nur ein, zwei Minuten ...

sstv workflow.
SSTV-Bildübertragung mit SSTV Tools und Robot36

Bilder per SSTV übertragen

Was also braucht Ihr? Zunächst mal natürlich ein Bild im Bitmap-Format und in einer Größe von 320 x 256 Pixeln. Daraus müsst Ihr eine Audiodatei erzeugen - das geht mit den SSTV Tools. Die Audiodatei könnt Ihr dann abspielen und auf dem Smartphone dekodieren - mit der Open-Source-App Robot36, die Ihr beim Open-Source-App-Anbieter F-Droid findet. Ja gut, oder halt auf Google Play.

Wer es schnell und langweilig mag: Ihr könnt auch einfach nur Robot36 installieren und dann die Beispieldatei von der Wikipedia-Seite abspielen, ganz ohne weitere Geräte oder Programme. Oder spielt einfach das hier ab:

Installiert also zunächst die SSTV Tools und öffnet das Programm SSTV Signal Generator. Hier wählt Ihr schlicht Euer vorbereitetes Bild, wählt einen Speicherort für die zu erstellende WAV-Datei und klickt auf Generate. Als Format wählt am besten Martin 1, das ist der Quasi-Standard.

sstv tools.
SSTV Tools: Signal-Betrachter und -Generator

Das Tool bietet allerlei weitere Einstellungen, für den kurzfristigen Spaß braucht man die nicht. Die englische Wikipedia-Seite bietet aber sehr viele Infos rund um SSTV.

Auf dem Smartphone müsst Ihr lediglich Robot36 installieren und aufrufen: Sobald die App läuft, seht Ihr unten schon eine durchlaufende Visualisierung des Audiosignals und darüber breiten sich bunte Punkte aus - das dekodierte Bild. Wenn Ihr nun zum Beispiel Zischlaute macht, bekommt Ihr ziemlich deutliche weiß-rosa Streifen, das optische Äquivalent zum Rauschen. Im Bild seht Ihr das unten in der Mitte.

Wenn Ihr nun die generierte WAV-Datei auf dem Rechner (oder sonstwo) abspielt, fängt Robot36 sofort an, das Bild aufzubauen - yeah, magic, woll?!

robot36 screenshots mit bildern.
Die Robot36-App beim Dekodieren

Und damit wäre ich wieder am Anfang: Manchmal ist es schwer, Begeisterung in Textform rüberzubringen - wenn Ihr jetzt nur dieses wunderbar dämliche, antike Piepen hören und den ultra langsamen Aufbau eines völlig verrauschten Bilds bewundern könntet ... hach ist das schön :)

So, nun stellt sich aber niemand die Frage, was man damit Sinnvolles anstellen kann, oder? Ihr könntet natürlich geheime Bilder in Audiodateien konvertieren, um sie an neugierigen Blicken vorbei zu schmuggeln, aber Kryptographie und Steganographie (!) haben da doch mehr zu bieten ...

(* = Affiliate-Link / Bildquelle: Amazon-Partnerprogramm)

Mirco Lang

Freier Journalist, Exil-Sauerländer, (ziemlich alter) Skateboarder, Dipl.-Inf.-Wirt, Einzelhandelskaufmann, Open-Source-Nerd, Checkmk-Handbuchschreiber. Ex-Saturn'ler, Ex-Data-Becker'ler, Ex-BSI'ler. Computer-Erstkontakt: ca. 1982 - der C64 des großen Bruders eines Freunds. Wenn Ihr hier mehr über Open Source, Linux und Bastelkram lesen und Tutonaut unterstützen möchtet: Über Kaffeesponsoring via Paypal.freue ich mich immer. Schon mal im Voraus: Danke! Nicht verpassen: cli.help und VoltAmpereWatt.de. Neu: Mastodon

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