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Der verzweifelte Versuch, ein Design-Sofa zu kaufen

Vielleicht ist der Rollkragenpulli nur zu eng, aber irgendwas läuft bei Designern falsch.

Selten war ich von einer Branche dermaßen angewidert wie von den Herstellern hochwertiger Möbel – sie wollen mein Geld offenbar nicht. Möbel designen können sie gerade noch, aber diese ordentlich beschreiben oder verkaufen? Da scheint der Rolli nicht mehr genug Blut ins Hirn zu lassen … Ihr merkt schon, ich bin angepisst. Und warum? Weil ich es nicht schaffe 4.000+ Euro auszugeben. Nicht bei meiner ersten Wahl. Nicht bei meiner zweiten. Nicht bei meiner dritten. Dann vielleicht doch wieder Ikea, die können wenigstens Handel.

Liebe Möbel-Designer

Nach 10 Jahren 300-Euro-Ikea-Kunstledercouch sollte es endlich mal was Schönes werden, also habe ich mich durchgerungen, ein Budget von bis zu 5.000 Euro für ein Sofa zu reservieren. Genauer gesagt für eine Récamiere oder Liege mit Lehnen. Vorzugsweise Made in Germany und der Haltbarkeit halber aus Leder. Und wenn Ihr Euch jetzt auf tolle Möbelbilder und Einkaufstipps freut: Nein, vergesst es. Ich werden keine der genannten Firmen auch nur verlinken – Unternehmen, die dermaßen kundenunfreundlich auftreten, will ich nicht auch noch mit Traffic versorgen. Außerdem dient dieser Artikel vor allem einer Sache: Frustabbau. Wenn einer von den Möbelknödeln mitliest und sich vielleicht mal den einen oder anderen Punkt zu Herzen nimmt, umso besser.

Bei den großen bekannten Nobelmarken wie Rolf Benz wurde ich nicht fündig, zu langweilig und Récamieren und Liegen kaum vorhanden. 60er-Jahre-Möbel von De Sede – da würde ich fündig, aber das sprengt das Budget schnell mal ums Doppelte.

Erster Kandidat: Tommy M Buster – eine sehr schöne Récamiere. Tommy M selbst beschränkt sich weitgehend auf hübsche Bilder, lediglich Maße für Varianten sind noch zu finden. Bauweise? Nichts dazu. Herstellung? Nope. Preise? Iwo, wer Preise verrät ist schon Trödelmarkt … oder was auch immer bei solchen Leuten im Kopf vorgehen mag. Schlimmer: Das Ding ist schwierig zu kaufen. In großen Möbelhäusern gibt es solche Hersteller nahezu nie, lokale Design-Möbel-Händler sind selten und meist winzig und haben daher auch in der Regel nicht die gewünschten Produkte zur Ansicht vor Ort – und zur Zeit haben sie ja eh zu. Online-Handel? Tja, einen Händler habe ich gefunden, der zumindest mal einen Grundpreis angegeben hat, aber keinen einzigen, der einen echten Online-Shop mit echten Preisen und echten bestellbaren und konfigurierbaren Produkten betreibt. Keinen! Wie also soll ich das Ding kaufen? Selbst wenn ich bereit wäre, so ein Ding ohne vorherige Ansicht zu erwerben: Ich müsste erst um Preise betteln, statt einfach bestellen zu können … Dann nicht.

Die eigentliche Frage bleibt aber: Warum verkauft Ihr Euren Kram nicht selbst? Die Möbel werden nach Kundenwunsch gebaut – wozu braucht Ihr da Händler? Die kann man ja auch bedienen, aber nur? Völlig behämmert. Und dann die eigene Seite auch noch „Shop“ nennen …

Nächster Kandidat: Bullfrog Iwan – eine sehr ausgefallene Liege, in Kombination mit frei stellbaren Rückenkissen ein echtes Highlight. Nur leider: Alle Probleme wie bei Tommy M. Allerdings treibt Bullfrog es noch weiter: Die geben auf der Webseite noch nicht mal Händler an! Nein, man soll Kontakt aufnehmen, um Händler zu erfragen. Und dann darf man bei den Händlern wieder um Preise betteln … Nochmal: Wenn Ihr was verkaufen wollt, schreibt Preise dran – Eure Produkte werden dadurch nicht künstlerisch unwertvoller, sondern einfach nur verkaufbar. Das elende Iwan-Ding ist quasi unkaufbar.

Dritter Kandidat: BoConcept Amsterdam – Liege mit Lehnen. Die sollte es dann aber werden! BoConcept hat einen Online-Shop und vertreibt selbst! Punkt für Euch. Der Shop zeigt jede Stoffvariante nicht als Muster, sondern als ganzes Sofa – ein richtig guter Konfigurator, noch ein Punkt! Und meine Herren, es stehen sogar Preise dran, juchee. Für diese Selbstverständlichkeit gibt es aber keinen Punkt. Ebenso: BoConcept gibt an, wie so ein Sofa aufgebaut ist, welche Federung, welche Polsterung, wie viele Scheuerturen die Stoffe vertragen – selbstverständlich für jeden guten Händler/Hersteller, in der Möbelbranche eine Ausnahme! Auch wenn es nur dritte Wahl war: Scheiss drauf, lange genug mit Sofas beschäftigt, ab in den Warenkorb. Gut, es gibt keine Anzahlungsmöglichkeit, was bei 4.000-Euro-Artikeln mit 6+ Wochen Lieferzeit eigentlich zu erwarten wäre, aber egal. Es gibt auch nur eine einzige Zahlungsmöglichkeit, Kreditkarte – idiotische Beschränkung, aber mein Gott. Also alle Daten eingegeben, Kreditkarten-ID mit der S-ID-App bestätigt – und zack, der Prozess bei BoConcept schmiert ab, bitte nochmal versuchen …

Zwei Versuche an zwei Tagen später – nix erreicht. Also BoConcept angeschrieben: Ich will Euch Geld geben, sagt mir doch bitte bitte wie! Und schon wieder sind wir beim Betteln angelangt … Antwort? Nö.

Ikea. Amazon.

Das alles war jetzt wirklich eine Kurzversion der Odyssee, es gab mehr Hersteller, mehr Probleme, mehr ergebnislose Recherche … Es gibt Dutzende Möbel-Magazine, die einfach nur Hersteller-Fotos und -PR-Texte abdrucken, kleine Möbelläden, die auch nicht mehr tun und vor Ort kaum mehr als Stoffmuster zu bieten haben und so ziemlich jeder größere Möbelhändler hat „eigene“ Produkte im Angebot, die einfach nur chinesische Massenwaren sind, die mit irgendwelchen Pseudo-Produktnamen und Pseudo-Herstellernamen versehen werden. Aber das ist ein anderes Thema, diese Möbelbranchenvertreter designen schließlich nicht, verstehen Handel aber etwas besser – wenn auch nur im Sinne von Raubtierkapitalismus. Also wieder zurück zu den hochwertigen Herstellern:

Als ausgebildeter Kaufmann im Einzelhandel sage ich: Hausaufgaben nicht gemacht, nochmal zurück in die Lehre – der Kunde ist das Zentrum Eures Geschäftsmodells und kein fucking Bittsteller!

Als Informationswirt sage ich: Habt gefälligst Eure Prozesse im Griff – und zwar die ganz Kette vom Design über Einkauf und Produktion bis hin zu einem funktionierenden Bezahlsystem (Bezahlsysteme müssen heute nicht mehr manuell gebaut werden – man bindet einfach Standard-Bibliotheken oder -Plugins ein).

Als (Verbraucher-)Journalist sage ich: Seid transparenter – das schafft mehr Vertrauen als Bilder von Klischee-Designern und Standard-PR-Texte, die jedes heuchlerische Möbel- oder Design-„Magazin“ 1:1 übernimmt.

Und als Kunde sage ich: Mööp, bin kein Kunde – nicht bei Euch. Weder Ikea noch Amazon bieten, was ich suche – und das ist verdammt traurig. Denn auch wenn grade über Amazon immer viel gemeckert wird, eines muss man ihnen lassen, sie verstehen ihr Geschäft. Möbel-Designern scheint es einfach zu gut zu gehen, vielleicht gibt es genügend Schickimickikunden, die sich in der düsseldorfer Innenstadt bei einem Prosecco in einem komplett weiß gehaltenen Möbelladen, verzeihung Atelier …, bespaßen lassen wollen und dort kaufen. Möglich. Wenn Ihr, Tommy M, Bullfrog und BoConcept also keine normalsterblichen Kunden haben wollt, wenn Ihr schon genügend Umsätze macht und auch nicht wachsen wollt – tja, dann muss ich mich bei Euch entschuldigen, herzlichen Glückwunsch, Ihr macht alles richtig. Ihr steht zwar da wie möchtegernelitäre Flitzpiepen, aber so lange das Geld für schwarze Klischeeklamotten reicht ist ja alles gut.

Nur mal ganz ketzerisch: Wenn Ihr doch mehr Umsätze machen wollt, beschreibt Eure Produkte ordentlich (Material, Herstellung, technische Daten) und sorgt dafür, dass sie irgendwo vernünftig gekauft werden können – wenn Ihr sie schon nicht selbst vertickt, dann etabliert doch wenigstens ein paar Händler, die Euer komplettes Programm anbieten, nicht immer nur zwei, drei Bestseller! Und um Himmels Willen, hört endlich mit dieser Preisverschweigerei auf. Jaaaaa, Otto Normalmanager wird jetzt was faseln von wegen mit Kunden in Kontakt kommen und so … Das war schon immer Schwachsinn. Klar, vielleicht melden sich 50 Leute und zack, habt Ihr sie am Wickel, oder was auch immer Ihr Euch davon versprecht. Aber die 500 Leute, die sich gleich wieder von Eurer Webseite verpissen, weil sie sich nicht für Produkte interessieren, deren Preise den Anbietern scheinbar selbst peinlich sind, werdet Ihr nie tracken. Wer Produkte verkaufen will und keine Preise dafür angibt hat von Handel und Wirtschaft keine Ahnung – gar keine. Nun, wenn wir von 100.000-Euro-Einzelstücken reden würden …

Und die Moral von der Geschicht: Ich gebe BoConcept noch ein, zwei Tage für eine Antwort, danach werde ich der Design-Möbel-Branche den Rücken kehren und das Sofa entweder selbst bauen oder etwas beim einzigen Lichtblick in 1,5 Jahren Möbelbeschäftigung kaufen, selbst wenn sie kein Produkt haben, das mir wirklich passt: Holzpiloten im Süden von Köln und online. Gut, Ihr, liebe Nachbarn, macht auch vieles falsch, vor allem fehlen etliche Infos zu den Möbeln – selbst die Angabe des Herstellers … Warum? Nach einiger Suche habe ich den Hersteller selbst gefunden, Design aus den Niederlanden, Produktion in (ich meine) Ungarn, massive Bauweise – das kann man doch kommunizieren, oder nicht? Aber egal, mein Besuch war erfreulich: Statt Schickimickiatelier an der Kö gibt es eine Lagerhalle im Industriegebiet, statt Etepetete ein „Was kann ich für Dich tun?“ und statt Prosecco ein Schreckenskammer-Kölsch – und das noch bevor man mich gefragt hat, wer ich überhaupt bin ;)

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Mirco Lang

Freier Journalist, Exil-Sauerländer, (ziemlich alter) Skateboarder, Dipl.-Inf.-Wirt, Einzelhandelskaufmann, Open-Source-Nerd, Checkmk-Handbuchschreiber. Ex-Saturn'ler, Ex-Data-Becker'ler, Ex-BSI'ler. Computer-Erstkontakt: ca. 1982 - der C64 des großen Bruders eines Freunds. Wenn Ihr hier mehr über Open Source, Linux und Bastelkram lesen und Tutonaut unterstützen möchtet: Über Kaffeesponsoring via Paypal.freue ich mich immer. Schon mal im Voraus: Danke! Nicht verpassen: cli.help

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Ein Kommentar

  1. Au man, das muss deprimierend sein, zumal mittlerweile auch Möbel gerne mal aus China oder sonst wo herkommen. Bin ich froh, vor vielen Jahren ein Ledersofa (made in Germany) gekauft zu haben, teuer aber immer noch TOP! Bleibt noch die Frage, ob es so-was heute überhaupt noch gibt?

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