Die Entwicklung der Digitalfotografie hat einige seltsame Probleme hervorgebracht. Denn nur, weil jeder fotografieren kann, kann längst nicht jeder fotografieren!

Fotografieren war eine Zeitlang die Pest: Jeder hatte immer irgendeine Digitalkamera dabei und nervte damit bei jeder Gelegenheit alle Anwesenden. Lacht mal hier, grinst mal da, stellt Euch mal zusammen, all dieses Zeug. Irgendwann wurden die Leute dann skeptisch, hatten keine Lust mehr auf diese ewig gleichen überblitzten Partyfotos. Dann kamen die Smartphones. Und Facebook und Instagram mit all ihren Nebenwirkungen. Und plötzlich scheint niemand mehr Lust auf Fotos zu haben. Irgendwie schade.

Erst war die Digicam eine Neuheit…

Ich bin ein Fotograf der Digitalgeneration. Analog fotografierte ich nur, weil man das eben machte, damals in den 80ern und 90ern. Meine fotografische „Erweckung“ erfolgte tatsächlich erst spät: Anno 2002 zählte ich aber immerhin zu den Ersten, die eine dieser neumodischen Digitalkameras ihr Eigen nannten. Meine Konica KD-400z zählte damals zu den Top-Geräten der Kompaktklasse: Unglaubliche 4 Megapixel, 3-fach-Zoom und ein doppelter Speicherkartenslot mit SD-Card und Memory-Stick machten sie damals zu einem Knüller. Und das zurecht: Wenn ich heute die Bilder anschaue, die ich vor fast 15 Jahren schoss, muss ich sagen, dass sie besser aussehen als so manches aktuelle Machwerk von Smartphone-Kameras. Damals machte ich so viele Fotos, wie auf 128-Megabyte-Speicherkarten für 80 Euro eben möglich waren. Und die Leute fanden es klasse, sich direkt im Bild zu sehen. Man fotografierte, und weil man oft der einzige Gast mit einer Digitalkamera war, auch erfolgreich und zum Spaß aller Beteiligten. Dann kam dummerweise der Umbruch.

Erstes-Digitalbild

Eines meiner ersten Digitalbilder. Hier ist alles falsch. Ich hatte ja keine Ahnung…

… dann ein Nervfaktor…

Denn plötzlich hatten alle Digitalkameras. Auf dem Zenith meiner studentischen Twen-Aktivitäten, es muss so 2005 gewesen sein, gab es keine Party mehr, auf der NICHT jeder Gast eine Digitalkamera dabeigehabt hätte. Professionelle Fotoscout rannten durch Bars und Clubs und veröffentlichten die Fotos der Fotografierten. Die BILD erfand den Leserreporter, um Geld zu sparen. Es wurde auf Teufel komm raus geknipst, jeder wurde wohl tausendfach von irgendwem abgelichtet, erschien online oder nicht, die Fotos wurden ausgetauscht oder versackten auf der Festplatte und irgendwann war es dann plötzlich zu viel.

Katzenbild

Unkenntnis sorgt für manch unterhaltsame Stilblüte. Trotzdem ist das definitiv kein gutes Foto.

… und plötzlich hatten alle eine!

Dann überschlugen sich die Ereignisse: Plötzlich hatte jedes Handy eine (schrottige) Kamera eingebaut und Facebook, Twitter und Instagram kamen auf. Gleichzeitig meinte jeder Hobby-Fotograf, sich eine teure Spiegelreflex zulegen zu müssen. Studenten rannten als unterbezahlte Fotofritzen durchs Nachtleben, Stadtportale schossen zu jedem noch so nichtigen Anlass Kneipen- und Biergartenbildergalerien mit Dutzenden von Fotos. Plötzlich waren das stümperhafte Geknipse, die Allgegenwart scheußlicher Bilder und die mangelnde Kontrolle darüber, wo sie landen, unangenehm. Die Leute begannen sich über das Recht am eigenen Bild. Selbst entspannte Zeitgenossen bekamen beim Anblick eines Schnappschützen Schnappatmung und griffen zur wohl deutschesten aller Drohungen, der „Anzeige“, wenn der Fotograf nicht direkt vor ihren Augen gleich die ganze Speicherkarte ausradierte. Das ging so weit, dass inzwischen selbst privates Fotografieren mit sperrigem Gerät in vielen Kneipen den Wirt auf den Plan ruft, der nicht selten kurzen Prozess macht.

U-Bahn

Nur weil man kann, muss man ja nicht…

Das Smartphone hat’s ruiniert

Ungefähr mit dem Release des iPhone 4 trat dann eine neue Entwicklung auf den Plan: Plötzlich waren Smartphone-Kameras so gut, dass sie „normale“ Cams ersetzen konnten. Die sozialen Netzwerke wurden mit Alltagsfotos schlimmster Art geflutet: Verwackelte Partybilder bei miesem Licht, Sushi-Teller, das vierhunderttausendste hochgehaltene Kölschglas, Banalitäten aus dem Alltag. Obwohl die Technik eigentlich noch nicht so weit war, schoben viele ihre „echten“ Kameras auf’s Altenteil und fluteten die sozialen Netzwerke mit all dem aus ihrer Sicht unterhaltsamen Unsinn, der einem eben so tagtäglich über den Weg läuft. Auch ich kann mich davon nicht freisprechen, der plötzliche Immer-Dabei-Faktor einer brauchbaren Kamera provoziert förmlich sinnlose Fotos. Allerdings tauchten immer weniger Personen auf den Bildern auf. Auf Partys oder Ausflügen wurde plötzlich gar nicht mehr geknipst, und das ist dann ja auch irgendwie schade. Man distinguierte sich in gepflegten Runden von den lästigen Smartphone-Allesknipsern – und hatte plötzlich gar keine Erinnerungsfotos mehr.

Hipsta-gedoens

Insta-Hipsta-Gedöns-Filter machen es auch einfach nicht besser…

Bierfoto

… und sind nichts als Provokation für fotografischen Abfall.

Das Foto gewinnt wieder an Wert

Wenn ich heute in meine Fotos-Mediathek schaue, finde ich da vor allem zwei Dinge: Bilder vom Hund – und banale Landschaftsfotos. Bilder mit mir, von mir, mit Menschen, die ich mag, sind selten. Ganz anders, wenn ich die Dekade davor anschaue: Neben den Foto-Pflichtterminen wie Weihnachten gibt es kaum Bilder von Freunden und Familie. Warum das so ist? Nun: Das Fotografieren ist lästig geworden – und die Menschen legen Wert auf Qualität. Im Bekanntenkreis gehen einige, trotz eigener Spiegelreflex-Ausrüstung, wieder zum Fotografen. Andere knipsen neuerdings wieder analog und Sofortbilder mit Systemen wie der Fujifilm Instax oder verteilt Bilder lieber als Abzug denn als Digitaldatei. Gleichzeitig scheinen verrauschte, fisselige Smartphone-Bilder bestenfalls noch als Instagram-Futter herzuhalten. Und der Rest? Der nimmt sich Zeit mit der D-SLR oder einer anderen hochwertigen Kamera. Das Foto wird wieder wertvoller, was grundsätzlich gut ist.

Moment

Gelungene Shots müssen nicht unbedingt perfekt sein.

Lernt fotografieren, Leute!

Dummerweise bleibt dabei ein Problem bestehen, das sich über den gesamten Zeitraum erstreckt: Nur, weil heutzutage jeder fotografieren kann, heißt es noch lange nicht, dass er es, nunja: kann. Da sind die Social-Network-Vögel, die alles durch 22 Filter jagen, um einem Schrittbild einen Style-Faktor zu verpassen. Da sind die, die sich für tausende von Euro eine Profi-Kameraausrüstung anschaffen und nicht den blassesten Schimmer von Blende, Tiefenschärfe und Bildkomposition haben. Und natürlich die Flitzpiepen, die ihre Fotografie rein dokumentarisch einsetzen und technische Perfektion über jeden gestalterischen Anspruch setzen und sich dabei voll auf die Automatik verlassen. Gemeinsam haben sie, dass sie keine Ahnung vom Fotografieren haben. Sicher: Ich bin auch kein Profi, aber gewisse Grundregeln sollte wirklich jeder kennen, der mit welchem-Gerät-auch-immer Fotos aufnimmt. Das Denn für gute Bilder braucht man nicht zwangsläufig Top-Hardware: Denn auch mit simplen Kameras können, richtig eingesetzt, durchaus attraktive Bilder schießen – natürlich immer vorausgesetzt, der Fotograf weiß, was er tut. Es wäre also an der Zeit, sich mit der Fotografie an sich zu befassen, statt einfach nur draufzuhalten und zu Knipsen. Das würde die Bilder nämlich wieder attraktiv machen – und vielleicht dafür sorgen, dass sich Menschen wieder gerne fotografieren lassen.

Indien

Dieses Bild entstand eher zufällig 2006. Es erfüllt sicher keinen Profi-Anspruch, gibt die Stimmung aber wieder. Warum? Weil ich mich mit der Bildkomposition befasst hatte.

Und wie seht Ihr das?

Natürlich gibt dieser Text nur meine ganz persönliche Meinung und meine Erfahrungen wieder. Vielleicht seht Ihr das ja ganz anders. Erzählt uns Eure Fotografie-Geschichte in den Kommentaren – wir freuen uns über Euer Feedback!

Über den Autor

Christian Rentrop

Technikjournalist und Schreiberling aus Überzeugung. Schon als Zweitklässler 1986 mit dem Amstrad CPC angefixt, habe ich mich immer für Computer und Technik interessiert und finde: Computer sind nichts, wovor man Angst haben sollte.

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