Ich habe mir das Macbook Air 2018 gekauft. Im Praxistest zeigte es sich jedoch als ausgesprochen durchwachsenes Mac-Modell. Lest hier, warum ich es höchstwahrscheinlich zurückgeben werden.

Ay Caramba! Das ist wohl das erste Mal, dass ich in meinem Leben einen neuen Mac aus aktuellster Baureihe direkt nach dem Release ekauft habe. Ja, gekauft, denn das ist ja hier keine Gefälligkeitsveranstaltung für Apple. Das MacBook Air 2018 in der spacegrauen Basisversion (i5, 8GB, 128GB) ging am Black Friday dank Ebay-Gutschein neu für 1.111 Euro über den Tisch – das ist immer noch sehr teuer, aber deutlich angemessener als die von Apple veranschlagten 1.349 Euro. Allerdings ist es sein Geld nicht wirklich wert.

Lieblings-Macbook

Vorab: Das alte MacBook Air war eigentlich schon immer mein Lieblings-Macbook. Weil es genau das bot, was man von einem Macbook erwartet: Hohe Mobilität, akzeptabler Preis, lange Akkulaufzeit und ausreichend Leistung für den Alltag. Dazu ein aus meiner Sicht gegenüber den Pro-Modellen überlegener Formfaktor mit dem vorne flach abfallenden Gehäuse.
Alles, was bis dato immer fehlte, war das Retina-Display: Die altbackenen TN-Bildschirme, die Apple bis heute im noch angebotenen „alten“ Air verbaut, sind im Grunde eine Frechheit. Mit dem 2018er Macbook Air hat Apple das ganze Konzept überarbeitet und der Air-Serie auch endlich ein Retina-Display verpasst. Und Spacegrau. Und Thunderbolt-3. Genau damit hat Cupertino mich dann auch gekriegt – und ich habe mir das Air in Basisausstattung bestellt. Als Down-Sidegrade für mein klopsiges 2013er Macbook Pro 15″, da ich dessen Leistung aufgrund des iMacs nicht mehr brauche.

Praktisch und kompakt: Das MacBook Air 2018 (Bild: Tutonaut)

Praktisch und kompakt: Das MacBook Air 2018 (Bild: Tutonaut)

Parfümierte Perfektion

Wenige Tage später war es da, hübsch geliefert in der versiegelten Originalverpackung. Nach dem Öffnen strömte mir ein zuckrig-blumiger Gerucht entgegen. Das Gerät riecht nicht wie neue Macs sonst riechen, sondern irgendwie lecker; wie eine Blumenwiesen-Süßigkeit, allerdings ganz dezent. Und weil ich den Geruch nach dem Auspacken auch an den Fingern hatte, gehe ich davon aus, dass Apple tatsächlich die Packung parfümiert. Das ist kurios, aber eine schöne Idee. Ansonsten ist die Packung appletypisch minimalistisch, neben 30-Watt-Netzteil und USB-C-Kabel gibt es noch ein Päckchen Handbücher mit Apple-Stickern in der Gerätefarbe.

Zwei Thunderbolt-3-Buchsen sorgen für maximale Konnektivität und USB-C-Ladestrom. (Bild: Tutonaut)

Zwei Thunderbolt-3-Buchsen sorgen für maximale Konnektivität und USB-C-Ladestrom. (Bild: Tutonaut)

Touchpad toll, Tastatur mehr so bäh

Aber es soll hier ja nicht um die Verpackung gehen. Ich riss also in der üblich vorsichtigen Weise die diversen Schutzfolien herunter – man weiß ja bei Apple vorher nie, ob man das Ding wirklich behalten will. Ein Blick auf das spacegraue Alugehäuse sei erlaubt: Es wirkt deutlich hochwertiger als das des Vorgängers, vor allem die neue Tastatur und das große Force-Touch-Touchpad machen einen guten Eindruck. Das riesige Touchpad ist auch in der Tat ein echter Gewinn, das Schubsen des Cursors geht deutlich effizienter als beim Vorgängermodell oder beim alten Pro.
Das Keyboard hingegen ist leider nur hübsch anzusehen: Die Tasten sind relativ laut, außerdem empfand ich das Schreibgefühl – ich bin Magic Keyboard und die alte Macbook-Pro-Tastatur gewohnt – zunächst als kurios. Das ging schnell vorbei, der Geräuschpegel jedoch nicht: Die Tastatur ist schlicht laut, auch im Direktvergleich zu meinem 2013er Pro, bei dem die Tasten leise und sanft anschlagen. Ärgerlich.

Tastatur und Trackpad des Macbook Air 2018: Trackpad top, Keyboard flop! (Bild: Tutonaut)

Tastatur und Trackpad des Macbook Air 2018: Trackpad top, Keyboard flop! (Bild: Tutonaut)

Apple trickst beim Booten

Aber gut, eine nicht ganz so tolle Tastatur mag man aufgrund des „günstigen“ Preises verzeihen. Ich nahm das Macbook Air 2018 also das erste Mal in Betrieb. Beim Aufklappen startet es automatisch, der ehemalige Einschaltknopf ist einem Knopf mit Fingerabdrucksensor (Touch-ID) gewichen. Im Direktvergleich mit meinem alten Pro trickst Apple anscheinend beim Booten: Zwar ist der Anmeldebildschirm binnen weniger Sekunden da – doch nach dem Anmelden wird noch recht lange geladen. Damit ist der Bootvorgang effektiv langsamer als beim fünf Jahre alten Pro. Grund dafür dürfte die SSD mit ihrer relativ geringen Schreibgeschwindigkeit sein.

Praktisch: Der Touch-ID-Startknopf. (Bild: Tutonaut)

Praktisch: Der Touch-ID-Startknopf. (Bild: Tutonaut)

Prozessor ist schnell ausgelastet

Nach der üblichen Einrichtung der erste Schreck bei der Bedienung: Alles war irgendwie lahm. Der Blick in die Aktivitätsanzeige zeigte: Der i5-Dualcore mit Hyperthreading besitzt zwar vier virtuelle Kerne – aber alle waren auf voller Last! Die Systemoberfläche ruckelte sich wie auf einem Uralt-Gerät. Woran das lag? Nun: Das Macbook Air musste diversen Cloud-Kram indexieren, beim ersten Einrichten rödeln dann auch noch Spotlight, Mail und allerlei andere Hintergrundprozesse. Leider war das ein erster Hinweis auf die doch recht schwache Hardware: So bringen schon im Normbetrieb einfache Rechenaufgaben den Prozessor extrem auf Touren und lasten ihn recht früh aus.

Der Prozessor ist schwachbrüstig und kommt schon bei Hintergrund-Aufgaben ans Limit. (Bild: Tutonaut)

Der Prozessor ist schwachbrüstig und kommt schon bei Hintergrund-Aufgaben ans Limit. (Bild: Tutonaut)

Dank der effektiven Verwaltung der Rechenleistung durch MacOS bricht das System dadurch aber nicht zusammen. Den Strandball des Todes, den ich auf iMac und Macbook Pro schon wirklich lange nicht mehr gesehen habe, liefert am Air sein Comeback.
Positiv: Trotz der Rechnerei springt der Lüfter nur an, wenn das Air wirklich heiß wird, sonst bleibt er aus. Der stromsparende Prozessor Core i5-8210Y leistet hier seine ganze, wenn auch schwachbrüstige Arbeit: Ich habe das Air selbst unter massiver Last bis jetzt nur kurz ans Lüften bekommen. Und selbst dann bleibt der Ventilator flüsterleise. Allerdings habe ich auch keine Spiele getestet, denn für die ist die doch recht einfache Intel-UHD-617-Grafik definitiv nicht geeignet.

Schön: Der Lüfter springt nur an, wenn das Air unter Dauerlast wirklich warm wird. Und auch dann bleibt er flüsterleise.

Schön: Der Lüfter springt nur an, wenn das Air unter Dauerlast wirklich warm wird. Und auch dann bleibt er flüsterleise.

Ladekabel: Das geht besser, Apple

Aber Lüfter hin oder her, das Air musste erst einmal rödeln. Erfahrungsgemäß ist damit nach dem Abgleich der iCloud-Daten, der Indexierung durch Spotlight und dem Herunterladen aller E-Mails ja Schluss. Damit es dazu kommt, muss das Gerät natürlich an den Strom. Das USB-C-Netzteil ist schnell zusammengesetzt, die 30 Watt laden das Air auch unter Last ausreichend schnell auf, allerdings könnte das Netzteil ruhig ein wenig stärker sein. Das weiße USB-C-Kabel mag allerdings so gar nicht zum hochwertigen Eindruck des Airs passen: Zum einen sieht das weiße, klobige Kabel am spacegrauen Air nicht schön aus, zum anderen ist das Kabel extrem dick und unflexibel. Selbst manche China-Hersteller können das besser.
Und dann sitzt das Ding auch noch wie angelötet im USB-C-Anschluss. Vorbei die guten, alten Magsafe-Zeiten, in denen man mit dem Hund am Schreibtisch spielen konnte: Zieht Köterle am Kabel, fliegt das Air vom Tisch. Trotz nur 1,25 Kilo Gewicht dürfte das ein ziemlich harter Aufprall werden. Es wäre schön, wenn Apple hier eine Art USB-C-Magsafe herausbringen würde, denn diese Konstruktion ist, nett gesagt, totaler Mist.

Dunkles Display und schwacher Prozessor ruinieren Akkulaufzeit

Ebenfalls nicht so toll ist das sehnlich erwartete und bei Apple wie immer spiegelnde Retina-Display. Klar: Es kann sRGB-Farbraum, aber von DCI-P3 oder gar TrueTone keine Spur. Es ist ein „billiges“ Display, so wie die Displays im alten Air billig waren. Zwar ist es ausgesprochen gleichmäßig ausgeleuchtet und hat keine Lichthöfe oder ähnliches. Doch die laut Hersteller rund 300 Nits (Candela pro Quadratmeter) sind in der Praxis doch recht schwach bei einem 13,3″-Notebook. Das bedeutet, dass man das Air intuitiv schon bei normalheller Innenraumbeleuchtung auf volle Kraft stellt. Das wiederum nagt am Akku, wodurch die angegebenen 12 Stunden Akkulaufzeit in weiter Ferne liegen.

Gnädig: Beim Air ist der Klinkenstecker noch nicht obsolet. (Bild: Tutonaut)

Gnädig: Beim Air ist der Klinkenstecker noch nicht obsolet. (Bild: Tutonaut)

Akkulaufzeit ist utopisch

Falls man aufwändigere Arbeiten durchführt und dabei das Display auf voller Leistung fährt, kann man sich freuen, wenn es fünf bis sechs Stunden durchhält. Das Problem dabei: „Aufwändige“ Arbeiten sind schon Surfausflüge mit einem Dutzend offenen Tabs und zwei, drei anderen Anwendungen wie Pages-Textverarbeitung und Mail. Einfach, weil der Prozessor so schwach „energiesparend“ ist. Kleine Randnotiz: Ich erwarte natürlich keinen iMac Pro im Mini-Gehäuse, aber die Rechengeschwindigkeit des Air ist schon vergleichsweise erbärmlich. Vor allem dann, wenn es besonders prozessorlastige Arbeiten zu erledigen gibt, etwa das Kleinrechnen von Bildern mit ImageOptim.

Gut gelöst: T2-Chip und Fingerabdruck-Sensor

Immerhin: Nach rund zwei Stunden war das System mit seinen Vorarbeiten fertig und um Betrieb wieder flott. Hierbei hilft auch der T2-Chip: Der unterstützt nicht nur die Verschlüsselung mit FileVault, sondern auch bei manchen Multimedia-Anwendungen wie etwa Videobearbeitung. Eine schöne Sache. Allerdings wäre es wünschenswert, wenn er als vollwertiger ARM-Coprozessor das System in jeder Lebenslage unterstützen würde. Noch besser wäre allerdings ein Air, das mit den starken ARM-Prozessoren des iPad Pro ausgestattet ist – aber mit MacOS läuft. Aber das dürfe wohl noch einige Jahre dauern.
Dafür ist der Fingerabdrucksensor eine echte Erleichterung: Statt Passworteingabe einfach den Finger auflegen, ist nicht nur praktisch, sondern geht beim Air nahezu ohne Verzögerung. So, wie ich es von meinem iPad Pro gewohnt bin.

Toller Sound und miese Webcam

Schön sind auch die verbauten Lautsprecher: Beim Abspielen verschiedener Songs aus meiner iTunes-Mediathek boten sie jedes Mal erstaunlich satten Sound, der noch dazu recht laut gedreht werden kann, ohne zu verzerren. Sicher nichts für die Party-Beschallung, doch ausreichend für eine Tanzeinlage im Arbeitszimmer. Hier hat Apple ganze Arbeit geleistet – und verdirbt den guten Eindruck direkt wieder mit einer anderen Komponente: Die Webcam soll angeblich eine 720p-Auflösung bringen, das Bild sieht aber aus, als hätte jemand die Handy-Kamera eines 18 Jahre alten Sony-Ericsson ins Air-Gehäuse gepackt. Die Bildqualität ist nicht nur bescheiden, sondern einfach grandios schlecht. Nicht, dass ich die Webcam ständig nutzen würde. Aber bei einem Premium-Ultrabook zum Apple-Preis erwarte ich einfach gute Komponenten – auch an solchen Nebenkriegschauplätzen. Angeblich soll das nur ein Software-Fehler sein; für mich ist es aber ein Grund, das Gerät möglicherweise demnächst wegen eines erheblichen Mangels retour gehen zu lassen.

Ja, die Qualität der Webcam ist wirklich so mies. Das Licht war nicht toll, aber das geht gar nicht. (Bild: Tutonaut)

Ja, die Qualität der Webcam ist wirklich so mies. Das Licht war nicht toll, aber das geht gar nicht. (Bild: Tutonaut)

Für wen soll das Air eigentlich sein?

Zuguterletzt stellt sich mir die Frage, wer eigentlich ein Macbook Air 2018 kaufen soll, wenn das Macbook Pro in kleinster Ausstattung nur 150 Euro teurer ist – aber eben ein deutlich besseres Display und einen wesentlich schnelleren Prozessor hat. Der Abstand zum wesentlich billigeren (und inzwischen völlig überteuerten) Air 2017 ist zu klein. Und Altgeräte wie mein Macbook Pro 2013, die gebraucht deutlich billiger über den Tisch gehen, sind noch deutlich schneller, heller und funktionaler sind als ein aktuelles Air. Und dann gibt es ja noch das „alte“ Air, das deutlich preiswerter ist und eben Magsafe, einen SD-Kartenslot und vor allem die gute, alte Tastatur an Bord hat.

Die Fanboy-Presse liebt es – die Frage ist nur: Für wen ist es gemacht? (Bild: Apple)

Die Fanboy-Presse liebt es – die Frage ist nur: Für wen ist es gemacht? (Bild: Apple)

Optimales Zweitgerät? Leider nicht

Klar: Ich habe das Air 2018 gekauft. Weil ich dachte, dass es das optimale Zweitgerät ist, wenn man bereits einen starken Rechner wie den iMac besitzt. Als iPad-Pro-Alternative für Anwender wie mich, die gerne und viel schreiben und das eben nicht am iPad können. Leider stellte sich das als Fehlannahme heraus: Das Air könnte gut sein – aber eben nicht mit dieser Leistung zu diesem einfach frechen Preis. 1.349 Euro unverbindliche Preisempfehlung sind viel, selbst mein Vorzugspreis von 1.111 Euro ist zuviel für dieses Gerät. Ein runder Tausender wäre, Apple-Steuer inklusive, vielleicht angebracht.

Einfach viel zu teuer für die gebotene Leistung. (Bild: Screenshot Apple)

Einfach viel zu teuer für die gebotene Leistung. (Bild: Screenshot Apple)

Fazit: Apple muss hier dringend nachbessern

Unter dem Strich hinterließ das Macbook Air 2018 bei mir einen sehr durchwachsenen Eindruck. Wie sooft bei A-Revisionen von Apple-Hardware wurde auch bei der Air-Neuauflage von den Ingenieuren in Cupertino tüchtig geschlampt. Alles, was toll ist – Gehäuseverarbeitung, Retina-Display, USB-C, Akkulaufzeit, Quasi-Lüfterfreiheit – wird von irgendetwas anderem zunichte gemacht. Der Prozessor ist zu lahm, das Display zu duster, die Akkulaufzeit nur dann auf dem versprochenen Niveau, wenn man mit runtergedrehter Bildschirmhelligkeit mit nur einem Programm arbeitet. Die Tastatur ist laut. Das USB-C-Kabel ist im Vergleich zu Magsafe Mumpitz. Und die katastrophale Webcam setzt dem ganzen die Krone auf. Schade, dass nach so langer Wartezeit auf das neue Modell so viel Potential verschenkt wurde. Zumal ich jetzt wahrscheinlich bis zur nächsten Auflage erstmal auf ein Lieblings-Macbook verzichten muss.

Über den Autor

Christian Rentrop

Christian Rentrop

Freier Journalist, Baujahr 1979. Erste Gehversuche 1986 am Schneider CPC. 1997 ging es online. Seither als Blogger und Journalist in Totholzwäldern, auf digitalen Highways und manchmal in der echten Welt unterwegs.
Spendier‘ mir einen Kaffee.

Kommentieren:

Ich akzeptiere

Kommentare

Konnten wir Dir helfen?

Dann freuen wir uns, wenn Du uns hilfst. Erzähle Deinen Freunden in den sozialen Netzwerken, dass Du diesen interessanten Artikel gefunden hast. Er hilft ihnen sicher auch weiter.

Vielen Dank!

Das Tutonaut.de-Team