Das iPad Pro soll laut Werbung Kreativität fördern und sich als Arbeitsgerät eignen. Ich sage nach über einem Jahr Praxis: Vergesst es.

Seit über einem Jahr habe ich jetzt das iPad Pro mit 10,5″-Bildschirm. Und obwohl es dank seines nachgerüsteten Smart-Keyboards inzwischen mein Alltags-Gerät ist, bleiben meine Hauptkritikpunkte nach wie vor aktuell: Kreativ werden fällt schwer mit dem Ding, was vor allem an der inkonsistenten Bedienung und iOS liegt.

iOS bleibt iOS – leider

Mein Hauptproblem mit dem iPad Pro ist nach wie vor das iOS-Betriebssystem. Ich hatte wirklich gehofft – und auch zunächst geglaubt – dass iOS 11 ENDLICH die Lösung aller iPad-Probleme ist. Zuversichtlich hatte ich zwischendurch auch versucht, auf ein 12,9″-Gerät umzusteigen. Und ja: iOS 11 hat vieles besser gemacht. Momentan läuft die iOS-12-Beta auf dem Gerät und ja: Es ist noch einmal eine deutliche Verbesserung. Vor allem die Wischgesten des iPhone X, die mit iOS 12 auf dem iPad nachgerüstet werden, beschleunigen die Arbeit deutlich. Und auch die tiefe iCloud-Integration macht einiges besser. Und trotzdem bleibt iOS iOS: Ein für das Smartphone beschnittenes System, das jetzt wieder Arbeitswerkzeug werden soll.

iPad Pro 10,5" mit Smart Keyboard: Gut – aber immer noch doof.

iPad Pro 10,5″ mit Smart Keyboard: Gut – aber immer noch doof.

Mit dem richtigen Zubehör tatsächlich praktisch

Trotzdem: iOS bleibt iOS – und die fehlende Maus ist nach wie vor mein Hauptkritikpunkt. Nichts geht „mal eben schnell“, wenn es nicht von den zahlreichen Keyboard-Shortcuts abgedeckt ist. Die, und das ist richtig ärgerlich, natürlich mangels CMD- und Option-Taste auch nicht auf der Bildschirmtastatur funktionieren. Immerhin: Das (teure) Smart Keyboard hilft, das iPad effektiver zu verwenden und ist jeder Bluetooth- oder Hüllen-Lösung überlegen. Im Zusammenspiel mit dem genialen SwitchEasy CoverBuddy hat das Gerät sogar (fast) alles an Bord, ohne aufzutragen. Denn der Pencil muss ja auch irgendwo hin, denn sonst suche ich ihn ständig. Und er ist garantiert nicht betriebsbereit und zur Hand, wenn ich ihn gerade brauche. Praktisch ist die Kombi auf jeden Fall – einzig: Ich kann mit dem iPad nach wie vor nicht gut arbeiten, obwohl es inzwischen auch wirklich gute Apps gibt.

Alter weißer Mann aus dem Windows-95-Zeitalter

Das hat viele Gründe: Das Aufrufen des Split-View-Modus ist ein unfassbares Wisch-Geraffel und eigentlich nicht praktikabel – das war sogar unter iOS 10 deutlich besser. Auch das präzise Setzen des Cursors in Schreibprogrammen ist mit stumpfen Fingern nach wie vor katastrophal. Vielschreibern wie mir wird dabei jedes Mal das fehlende Trackpad bewusst. Der kleinere Formfaktor des ansonsten genialen Smart-Keyboards ist nichts für lange Texte, weil ich, ans normalgroße iMac-Keyboard gewöhnt, ständig neben die Tasten haue. Der Switch fällt mir schwer. Denn Arbeiten mit dem iPad ist ein wenig, als würde man sich absichtlich die Finger abhacken, um sie durch Holzprothesen zu ersetzen. Vielleicht bin ich auch nur ein alter weißer Mann aus dem Windows-95-Zeitalter und geistig zu unflexibel, mich an die inkonsistente Bedienung aus Wischgesten, Keyboard, Bildschirmkeyboard und Pencil zu gewöhnen. Zu meiner Zeit gab es eben nur Tastatur und Maus – und die reichten eben auch. Weshalb ich auch diesen Text (wieder einmal) lieber am Mac schreibe, als am iPad. Denn der hat die gute, alte Windows-95-Bedienung.

Mal versucht, den Cursor ordentlich zu setzen? Nervig.

Mal versucht, den Cursor ordentlich zu setzen? Nervig.

Kreativ geworden? Nope…

Unter dem Strich bleibt meine Beziehung zum iPad Pro zwiegespalten: Das Gerät ist ein toller Alltagsbegleiter, solange man nicht wirklich viel Schreiben oder anderweitig arbeiten muss. Grafiker und Zeichner dürften das anders sehen, für ihre Arbeit ist das iPad mit Pencil toll – aber eben für alle anderen Arbeiten nicht. Und gerade mir als Schreiberling, der viel mit Dateien, Bildern, PDFs und mehr arbeiten muss, geht das Gewische und Gefummel auf dem Teil tagtäglich auf den Zeiger. Für kleinere Arbeiten wie das schnelle Hinrotzen eines Kurztextes oder das Redigieren von Artikeln im PDF-Format ist das Gerät gut geeignet, doch sobald der Text nicht nur mit dem Pencil redigiert, sondern mit der Tastatur korrigiert werden muss, kommen buchstäblich Schmerzen auf. Denn ergonomisch gesehen ist das 10,5″-iPad mit Smart Keyboard schlicht eine Katastrophe – ich bekomme beim Schreiben fast sofort einen lästigen Smartphone-Nacken. Das gezielte Schreiben längere Texte ist dadurch nach wie vor eine Qual, jedes Rödel-Notebook mit Linux und normaler Tastatur ist dafür besser geeignet. Kreativität wird so nicht gefördert, sondern behindert.

Der Größenunterschied zur iMac-Tastatur macht mich wahnsinnig.

Der Größenunterschied zur iMac-Tastatur macht mich wahnsinnig.

Inkonsistenzen machen mich wahnsinnig

Diese Inkonsistenz bei der Bedienung sorgt dafür, dass ich am iPad Pro heute zumeist das Gleiche mache wie mit dem Ur-iPad vor 8 Jahren: Feeds lesen, im Web surfen und Spiele spielen. Und dafür hätte definitiv auch das deutlich günstigere 9,7″-Einstiegsmodell gereicht. Oder ich hätte mein gutes, altes iPad Air 2 behalten können. Genau das ist auch der Grund, warum ich mir kein iPad mehr kaufen werde – Zumindest, bis das Apple-Marketing es schafft, mir wieder eins anzudrehen. Aber eins sage ich Euch: Das muss dann ein Trackpad haben und mindestens 11 Zoll – denn dann ist es vielleicht endlich ein echter Notebook-Ersatz und ich kann möglicherweise endlich über die Designprobleme von iOS hinwegsehen.

Über den Autor

Christian Rentrop

Christian Rentrop

Freier Journalist, Baujahr 1979. Erste Gehversuche 1986 am Schneider CPC. 1997 ging es online. Seither als Blogger und Journalist in Totholzwäldern, auf digitalen Highways und manchmal in der echten Welt unterwegs.
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