Das iPad eignet sich eben doch als praktisches Werkzeug für Autoren und Schriftsteller. Wir zeigen, Ihr das Apple-Tablet als Schreibmaschine nutzt.

Mein Verhältnis zum iPad ist seit jeher gespalten. Einerseits kritisiere ich die mangelnde Flexibilität des Geräts, andererseits schleppe ich es eigentlich immer mit mir herum, insbesondere seit es in der handschmeichelnden Kavaj-Hülle steckt. Nun möchte ich es nochmal versuchen: Dank iOS 9, einigen Apps und ein wenig Zubehör kann das Gerät doch noch eine praktische Schreibmaschine für Autoren und Schriftsteller werden.

Das iPad kann ein nützliches Werkzeug für Autoren sein – das richtige Zubehör vorausgesetzt.

Die Technik-Blockade lösen

Vor dem kreativen Schreiben am iPad steht die Rückbesinnung auf das Wesentliche: Als ich vor rund 20 Jahren als Teenager meine ersten Texte verfasste, gab es weder Tablets, noch Trackpads, Touch-Displays, USB-Sticks, das Internet oder gar Cloud-Dienste oder anderen mobilen Firlefanz. Ich hatte einen 486er-Rechner, laut, riesengroß und mit einem 15″-Röhrenmonitor von Philips ausgestattet, der maximal 1024×768 Pixel auflöste. Darauf ließ sich vortrefflich schreiben, und zwar mit dem aus heutiger Sicht grottigen Microsoft Works – ich habe immer noch Dokumente aus der Zeit, die ich nicht mehr öffnen kann. Unter dem Strich war schreiben damals kein Problem, ebensowenig wie noch früher: Douglas Adams schrieb am Original-Macintosh, Isaac Asimov mit einer mechanischen Schreibmaschine und Goethe einfach mit der Hand.

Früher ging das so. Und das war auch kein Problem.

Back to the Roots: Das iPad als Schreibmaschine

Meine 140-seitige Diplomarbeit entstand mit allen Fußnoten und Zitaten inklusive Formatierung 2006 an einem 12″-iBook mit der Textverareitung Mellel, auch mein altes Blog (derzeit deaktiviert) pflegte ich jahrelang mit dem Gerät. Auch das hatte einen mickrigen 1024×768-Pixel-Bildschirm, war ergonomisch aus heutiger Sicht eine Katastrophe und obendrein noch langsam, als einziges Zubehör verwendete ich einen USB-Stick für die Steuerung, einen Microsoft-Trackball und natürlich einen Drucker. Das ging gut – obwohl ich heute im Anbetracht dieser Steinzeittechnik und vor einem 29″-Zoll-Monitor sitzend kaum glauben kann, dass das damals möglich war. Warum sollte also ein iPad nicht auch ausreichen? Die ganze Bloggerei mit Riesen-Bildschirm hat einen dann doch irgendwie verdorben – man braucht eigentlich keine 1000 offenen Fenster, sie sind sogar eher kontraproduktiv.

Das iPad bietet etwas, das PCs und Macs nicht mehr bieten: Schreiben ohne Ablenkung.

Das iPad alleine nützt nichts

Genau deshalb habe ich mich jetzt noch einmal eingehend mit den Möglichkeiten meines iPad Air 2 befasst, zumal es in jeder Hinsicht besser ist als die seinerzeit von mir verwendeten Computer: Es hat mehr Power und einen besseren Bildschirm als iBook und 486er, es bietet dank WLAN und Cloud deutlich bessere Möglichkeiten, Texte zu sichern. Und durch 10 Stunden Akkulaufzeit und sein geringes Gewicht ist es natürlich auch viel mobiler als alle Rechner zuvor. Im Grunde wäre es also dämlich, das Gerät nicht zum Schreiben zu verwenden. Allerdings nutzt das iPad in seiner puristischen Version wenig – man braucht schon ein wenig Zubehör und die ein oder andere App, dafür ist anschließend störungsfreies kreatives Arbeiten möglich – und das ist in den Zeiten des ewigen Facebooktwittermailyoutube-Grundrauschens Gold wert.

Das iPad ist ohne Zubehör leider kaum als Schreibwerkzeug zu gebrauchen.

Eine Aufstell-Hülle anschaffen

Das wohl wichtigste Zubehör ist ein iPad-Case mit Aufstellfunktion. Gute Erfahrungen habe ich, neben dem aktuellen KAvaj-Ledercase, mit den Produkten von Ozaki gemacht: Der Y-Fold erlaubt das Hochkant-Aufstellen des iPads, wodurch im Tastaturbetrieb mehr Text sichtbar ist. Grundsätzlich tut es aber jede Hülle, die es erlaubt, das iPad erhöht hinzulegen – diese erlauben meist auch das Aufstellen des Geräts. Die Kosten für eine solche Hülle liegen bei unter 15 Euro für ein günstiges Produkt von EasyAcc, hochwertigere Produkte kosten je nach Ausführung bis zu 80 Euro. Ist eine solche Hülle angebaut, lässt sich mit der Bildschirmtastatur des iPads bereits angenehm arbeiten, etwa im Bett oder ganz normal am Schreibtisch. Ergonomisch ist das natürlich Käse und macht einen steifen Nacken.

Die richtige Hülle allein reicht oft schon, die Bildschirmtastatur ist aber wenig ergonomisch.

Bluetooth-Keyboard statt Tastaturhülle

Daher ist es sinnvoll, ein Bluetooth-Keyboard anzuschaffen. Leider sind Keyboard-Cases für die kleineren iPad-Modelle Mini und Air nicht sonderlich gut für Vielschreiber geeignet. Cases wie das Zaggfolio sind hier nicht optimal: Sie schränken das iPad funktional ein und besitzen ein sehr reduziertes Keyboard-Layout, weshalb ich externe Lösungen bevorzuge. Das kann Apples Magic Keyboard (Amazon-Link) sein oder eben eine Dritthersteller-Lösung. Ich empfehle hier immer das iPad-Keyboard von Hama (Amazon-Link): Das ist solide, leicht, kleiner und günstiger als die Mac-Tastatur, erlaubt aber anders als Keyboard-Cases ein angenehmes Tippen. Und die beiden AAA-Batterien halten ewig und sind schnell ersetzbar. Denn erfahrungsgemäß sind fest eingebaute Akkus immer dann leer, wenn gerade kein Ladekabel zur Hand ist. Die Tastatur wird mit dem Tablet gekoppelt, die Aufstellhülle erlaubt den Betrieb wie bei einem Bildschirm, womit sich das iPad in einen Mini-iMac verwandelt.

Mit der richtigen Bluetooth- Tastatur fällt das Schreiben leicht. Und auch der Transport ist kein Problem.

Welche Apps eignen sich für Autoren

Der letzte Schritt ist der Kauf einer praktischen App für Autoren. Noch vor wenigen Monaten hätte ich gesagt, dass hier Byword erste Wahl ist: Die App ist auf dem Mac auch nach wie vor mein Favorit für kleine Schreibarbeiten. Auf dem iPad allerdings hat der Entwickler es bis heute nicht geschafft, einen praktischen Typewriter- oder Focus-Mode in die iOS-Version der App einzubauen, weshalb man immer am unteren Rand des Bildschirms schreiben muss – mich persönlich nervt das, auch wenn es bei Nutzung der integrierten Bildschirmtastatur nicht ganz so schlimm ist. Daher ziehe ich auf dem iPad inzwischen iA-Writer vor: Die Markdown-App erlaubt in der neuen Version 3 nahezu ungestörtes Tippvergnügen und der Focus-Mode ist schlicht Gold wert, hebt er doch immer den Satz hervor, an dem man gerade arbeitet. Sowohl Byword, als auch iA Writer unterstützen Markdown, wodurch auch Formatierungen ein Kinderspiel sind und dafür nicht auf dem Bildschirm herumgewischt werden muss. Als dritte App im Bunde ist natürlich auch Apples Pages zu empfehlen: Die vollwertige Textverarbeitung unterstützt zwar kein Markdown, ist dafür aber eine vollumfänglich Office-kompatibele Textverarbeitung für alle, die sich mit Markdown nicht anfreunden können. Leider bietet auch Pages keinen Focus- oder Typewriter-Modus auf dem iPad. Alle drei Apps synchronisieren sich brav per iCloud oder anderen Cloud-Diensten mit der Desktop-Version, was eine spätere Nachbearbeitung und Sortierung der Daten in einem „großen“ Schreibprogramm am Mac oder PC zu einem Kinderspiel macht. Hier sind übrigens Scrivener, Ulysses, Write oder eben Pages zu empfehlen.

Apps wie Byword und iA Writer unterstützen Markdown und einige Sondertasten auf der Bildschirmtastatur. Sie sind dabei einfach genug, um das Schreiben auf dem iPad leicht zu machen.

Schreibmaschinen-Upgrade für rund 60 Euro

Mit App, Hülle und Tastatur liegt man mit dem „Schreibmaschinen-Upgrade“ für das iPad preislich deutlich unter der Anschaffung eines zusätzlichen Note- oder Netbooks, das iPad bleibt dank der Hama-Tastatur auch als Tablet verwendbar. Durch die automatische iCloud- oder Dropbox-Sicherung der Daten braucht man keinen USB-Stick, sondern nur eine funktionierende Internetverbindung. Und der „Mini-iMac“ ist nicht nur hochflexibel und schnell aufgebaut, sondern verschwindet bei Bedarf auch schnell wieder in der Tasche. Wenn mir jetzt noch die ultimative Roman-Idee in den Kopf schießt, werde ich dieses Setup auf jeden Fall für die Produktion verwenden – auch wenn man für den finalen Schliff noch immer besser einen „echten“ Rechner mit großem Bildschirm verwenden sollte.

Über den Autor

Christian Rentrop

Technikjournalist und Schreiberling aus Überzeugung. Schon als Zweitklässler 1986 mit dem Amstrad CPC angefixt, habe ich mich immer für Computer und Technik interessiert und finde: Computer sind nichts, wovor man Angst haben sollte.

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1 Kommentar

  • Hallo Christian,
    Dein Artikel hat mich inspiriert eine Tastatur für mein iPad zu kaufen! Wichtig waren für mich Tasten mit ß, Ä, Ö & Ü und Propellertaste. Ich habe recherchiert und Preise verglichen, offenbar wird diese Tastatur unter diversen Namen vermarktet, ist aber immer die gleiche! Man findet sie z.B. beim „Strom in Südamerika“ und auch in einer „Meeresbucht“ zum Preis von z.Zt. etwa 15€. Heute habe ich eine erhalten und bin damit voll zufrieden. Die Tasten sind etwas klappriger als bei der edlen Apple Tastatur, aber für 12€ + Porto kann ich nicht meckern. Sie erfüllt gut ihren Zweck für gelegentliche längere Schreibarbeiten und sie funktioniert auch am Mac mini.