Das Chuwi Hi10 ist ein Hybrid-Tablet: Sowohl Windows 10, als auch Android sind auf dem Gerät per Dualboot-Funktion nutzbar. Wir haben uns das Tablet einmal genauer angeschaut und für Euch auf Herz und Nieren getestet.

Windows-Tablets gibt es inzwischen wie Sand am Meer, darunter sogar tolle Convertibles wie Microsofts Surface Book. Aber es gibt nur sehr wenige, die gleichzeitig ein Android-Tablet sind. Ja, Ihr habt richtig gelesen: Das Chuwi Hi10 ist ein Dualboot-System mit einem vollwertigen Windows 10 und einem echten Android, auf einem Tablet. Und das ist unfassbar praktisch. Wir haben das Teil mal genauer unter die Lupe genommen.

Zwei Tablets in einem für unter 200 US-Dollar

Das Chuwi Hi10 ist ein Tablet-Rechner, der zunächst an die Standardkost der Windows-OEM-Hersteller erinnert: Im Kern erinnert es optisch an ein Surface 1 oder eines der günstigeren Windows-Convertibles, die derzeit auf dem Markt sind. Es rechnet mit einem Intel Atom Z8300-Prozessor mit vier auf 1,44 GHz taktenden Kernen, der von vier Gigabyte RAM unterstützt wird. Das hochauflösende 10,1″-IPS-Display mit 1920 x 1200 Pixeln bietet Retina-Qualität. Zudem gibt es zwei vollwertige USB-Anschlüsse, einen mit USB 3.0, einen mit USB 2.0 und einen Micro-SD-Slot. Geladen wird das Tablet per Micro-SD und auch eine klassische Audio-Klinke darf natürlich auch nicht fehlen WLAN und Bluetooth sind natürlich an Bord, ebenso wie ein proprietäres Chuwi-Dockingsystem für Tastaturen, die das System in ein Netbook verwandeln. Damit bietet das Hi10 auf seinen 474 Gramm schon vom Start weg mehr Leistung als die meisten Netbooks dieser Preisklasse. Der wirkliche Clou ist allerdings das Dualboot-System: Strikt voneinander getrennt sind Windows 10 und Android 5.1 auf dem Tablet vorinstalliert, womit das Tablet nicht nur ein wunderbar handliches Gerät ist – sondern auch zwei Tablets in einem. Und das zu einem unschlagbaren Preis: Gearbest vertreibt das Gerät für 169,89 US-Dollar, beim Kauf kommen allerdings noch Zoll und Steuern obendrauf, womit es in Deutschland zwischen 200 und 250 Euro verkauft wird.

Das Chuwi Hi10 ist ein typisches China-Tablet und bootet Windows und Android.

Dualboot mit Windows und Android

Wer sich beim Kauf eines Tablets – vom iPad mal abgesehen – nicht zwischen Windows und Android entscheiden kann oder wer wie ich einfach öfter mal beide Systeme braucht, findet in dem aus einfachem Notebook-Plastik gefertigten Chuwi Hi10 einen ausgesprochen praktischen Begleiter: Beim Einschalten könnt Ihr zwischen Windows und Android wählen, solltet Ihr später wechseln wollen, bieten beide Betriebssysteme eine passende Möglichkeit, per Neustart ins jeweils andere System umzuschalten: Android bietet im Ausschaltmenü einen Punkt „Boot to Windows“ an, Windows hingegen ist mit einer entsprechenden Verknüpfung voreingerichtet. Beide Betriebsysteme sind fertig vorinstalliert und einsatzbereit, allerdings erst einmal auf Englisch: Während sich Android recht einfach umstellen lässt, ist die Sprachumstellung bei Windows 10 ein wenig komplexer, stellt aber in der Praxis kein Problem dar.

Beim Systemstart fragt das Tablet, welches System es booten soll.

Beim Ausschalten fragt Android, ob Ihr in Windows rebooten wollt…

… während Ihr unter Windows über das „Switch to Android“-Icon gehen müsst.

Schönes Display

Auffällig am Chuwi Hi10 ist das hervorragende Display: Mit seiner Auflösung von 1920 x 1200 Pixeln sind keine Pixel sichtbar. Und weil das Display IPS-Technik hat, ist es auch aus jedem Blickwinkel hübsch anzuschauen. Mit dem Display trennt sich normalweise die Billig-Spreu vom Premium-Weizen, viele Netbooks dieser Preisklasse setzen zum Beispiel nach wie vor auf die deutlich schlechteren TN-Panels – noch dazu mit niedrigerer Auflösung. Es ist erstaunlich, welche Qualität das Chuwi hier an den Tag legt und wie gut die Farbdarstellung des kleinen Bildschirms ist: Der Bildschirm des Geräts ist durchaus mit einem iPad Air 2 vergleichbar. Auch die Touch-Eingabe auf Tastatur und Bildschirm ist zuverlässig und flüssig. Einzig die Tatsache, dass das Display relativ stark spiegelt, stört den ansonsten positiven Gesamteindruck. Trotzdem kann man es auch im prallen Sonnenlicht verwenden – wenn auch mit Einschränkungen.

1920 x 1200 Pixel sehen gut aus auf 10,1″.

Lahmer Prozessor, aber ausreichend für Alltagsaufgaben

Der erste Boot führt in ein vollwertiges Windows 10. Die vorinstallierte Version ist fertig aktiviert, der Hersteller hat sich die Freiheit genommen, schon einen passwortfreien Admin-Account anzulegen, den man mit wenigen Klicks ändern oder mit dem Microsoft-Konto verknüpfen kann. Dank des 64-Bit Quadcore-Atom-Prozessors und den vier Gigabyte RAM ist es im Betrieb flott unterwegs, allerdings ist die Rechenleistung eher schwach: Bei Geekbench erzielt das Chuwi Hi10 im 64-Bit-Benchmark gerade einmal 739 Punkte im Single-Core-Benchmark und 2080 Punkte im Multicore-Test. Das entspricht leistungsmäßig einem frühen Macbook Air – und ist damit deutlich schneller als zum Beispiel ein iPad 4. Für ein Gerät mit diesem Prozessormodell ist es aber eher schwachbrüstig.

Das Chuwi Hi10 ist deutlich schneller als ein iPad 4, aber langsamer als viele andere Rechner mit dieser Hardware-Plattform.

Allerdings sagt man ja, dass der „Spec dead“ ist, Geschwindigkeits-Spezifikationen bei Rechnern heutzutage also im Grunde egal sind, weil alle Systeme grundsätzlich ausreichend für Standardaufgaben sind. Beim Chuwi Hi10 trifft das durchaus zu: Tägliche Office- und Surf-Arbeiten gehen dank der reichen RAM-Ausstattung zügig von der Hand. Dazu passt auch, dass es sich im Betrieb nur wenig erhitzt. Der Akku schafft unter Windows rund 6 Stunden im Dauerbetrieb und Full-HD-Videos laufen flüssig.
Dummerweise legt das Gerät im Betrieb immer wieder ausgiebige „Bedenksekunden“ ein. Warum, verrät das HDD-Benchmark Aja System Test:

Das langsame Systemlaufwerk bremst das System unnötig aus.

Hier erzielt das System auf der integrierten 64-Gigabyte-eMMC, von der Windows 48 Gigabyte belegt, mit nur 75 Megabyte pro Sekunde Schreibraten, die deutlich unterhalb (!) klassischer 2,5″-Festplatten liegen. Beim Lesen ist das Gerät mit rund 154 Megabyte pro Sekunde zwar deutlich schneller, allerdings werden trotz Festspeicher noch lange keine SSD-artigen Leseraten erreicht: Das Gerät liegt hier eher im Bereich einer schnellen 3,5″-Festplatte. Genau das ist dann auch die Ursache für die Wartezeiten, denn wenn wie bei modernen Betriebssystemen üblich viele parallele Lese- und Schreibvorgänge durchgeführt werden, kommt das Systemlaufwerk an seine Grenzen. Guter SSD-Speicher ist leider teuer – und der Systemspeicher eine gute Möglichkeit, zu sparen. Zum Vergleich: Das sind die Performance-Werte der SSD in meinem Macbook Pro 15″ Late 2013:

Zum Vergleich die Werte der SSD eines drei Jahre alten Macbook Pro. Normale Nachrüst-SSDs erreichen rund 300 bis 500 MB/s, reguläre 2,5″-Festplatten liegen bei rund 100 MB/s bei Lesen und Schreiben.

Hier bremst der Speicher das Gesamtsystem also unnötig aus, womit es sich nicht wirklich für Spiele oder komplexe Aufgaben eignet. Allerdings schafft das Tablet durchaus auch Retrogaming mit Emulatoren wie RetroArch/Libretto, was aufgrund der beiden USB-Anschlüsse natürlich nett ist: Mit den passenden Gamepads kann man sich so schnell eine coole Retro-Konsole bauen.

Dank zahlreicher Anschlüsse lässt sich das Chuwi flexibel einsetzen.

Leistungsstarkes Android-Tablet

Um in den Android-Betrieb zu wechseln, könnt Ihr unter Windows auf das „Switch to Android“-Icon klicken. Daraufhin startet das Tablet neu und bootet direkt in die nicht mehr ganz taufrische Android 5.1-Oberfläche. Ähnlich wie unter Windows muss zunächst die Sprache auf Deutsch umgestellt werden, was unter Android jedoch im Handumdrehen gemacht ist. Anschließend könnt Ihr das Tablet wie jedes andere Android-Gerät verwenden. Praktisch: Anders als andere Hersteller verzichtet Chuwi auf ein irgendwie geartetes Product-Placement mit eigenen Apps oder anderem Firlefanz: Ihr erhaltet ein „nacktes“ Android, das Ihr nach Euren Wünschen anpassen könnt. Unter dem Mobilsystem arbeitet das Tablet trotz der eMMC erwartungsgemäß flüssig – vermutlich auch, weil man hier nicht so viele Hintergrundprozesse benötigt, die ständig Daten auf der Platte hin und her schreiben. Und weil Android auf diesen Speicher optimiert ist. Das hochauflösende Display zeigt auch unter Android, was es kann: Die Darstellung ist brillant, die Bedienung absolut flüssig. Insofern ist das Gerät ein gutes Android-Tablet, allerdings durch den Windows-Anteil natürlich teurer als vergleichbare Geräte.
Zu Android an sich ist eigentlich alles gesagt. Dem Chuwi Hi10 fehlt bislang ein Update auf die aktuelle Version 6.0. Android darf sich 16 Gigabyte der insgesamt 64 Gigabyte großen Systemplatte genehmigen. Beide Systeme können über den Micro-SD-Kartenslot nicht nur erweitert werden, sondern auch Daten austauschen. Die Akkulaufzeit unter Android beträgt auf einem „nackten“ System übrigens deutlich über 12 Stunden.

Android 5.1 kommt nackt…

… und ohne herstellerspezifische Apps. Was gut ist.

Allerdings ist der Speicher unter Android knapp. Eine Micro-SD ist also Pflicht.

Leider nicht ohne Mängel

Insgesamt gibt sich das Chuwi Hi10 als sehr solides, gut verarbeitetes China-Tablet mit hervorragendem Display. Die Leistungsdaten sind im Mittelfeld, ärgerlich ist allerdings die lausig langsame eMMC, die als Systemspeicher für Android ausreichend flott ist, unter Windows jedoch regelmäßig für Bedenksekunden sorgt. Ebenfalls nicht so schön ist die Tatsache, dass der Bootmanager beim Start nicht so recht zu funktionieren scheint, zumal er kein Feedback gibt: Zwar kann man Windows oder Android antippen und danach OK wählen – ob das richtige System danach auch wirklich startet, gleicht jedoch einem Glücksspiel. Zudem verliert man beim Start jedes Mal 10 Sekunden, da sich der Bootmanager nicht umgehen lässt. Ebenfalls ein dauerhaftes Ärgernis ist der Einschaltknopf, der nicht immer sauber funktioniert. So muss man ihn manchmal mehrfach drücken, bis sich Android meldet. Unter Windows 10 hat zusätzlich irgendein System-Update zudem dafür gesorgt, dass das Tablet nach Einsetzen des tiefen Standbys von Zeit zu Zeit nicht mehr durch Druck auf den Knopf aufwacht – hier hilft dann nur der Neustart. Das ist insofern ärgerlich, weil es sich offensichtlich um einen Bug in Windows 10 selbst handelt – der hoffentlich mit einem der kommenden Updates behoben wird. Leider gibt auch Hersteller Chuwi hier keinen sinnvollen Support: Treiber und Updates werden nur im unübersichtlichen Forum und weitestgehend unübersichtlich bereitgestellt – insofern herrscht hier Verbesserungsbedarf. Auch die Lautsprecher sind nicht besonders, von den zwei Zwei-Megapixel-Kameras ganz zu schweigen – im Alltag dürfte das jedoch kaum stören.

Das Display ist tadellos und die Verarbeitung gut – leider lässt das Tablet speicherseitig Leistung vermissen.

Fazit: Ein gutes Android-Tablet mit Windows-10-Option

Doch trotz dieser Mängel bewährt sich das Chuwi Hi10 im Praxiseinsatz als durchaus brauchbares Alltags-Tablet. Mit seiner für den Preis erstaunlich guten Verarbeitung, seinem hervorragenden Bildschirm, seinen zahlreichen Anschlüssen und seinem niedrigen Gewicht von rund 550 Gramm dürfte es viele Freunde finden – zumal es sich ja im Grunde um zwei Tablets in einem Gehäuse handelt. Leider ist die Performance unter Windows 10 durch die lahme eMMC nur bedingt für komplexe Aufgaben geeignet, einfache Office- und Surf-Aufgaben sowie einfache Spiele bewältigt das Tablet aber auch unter Windows ohne größere Probleme. Unter Android ist das Gerät hingegen flott.
Uns konnte das China-Tablet Chuwi Hi10 aber aufgrund seines niedrigen Preises, seines hervorragenden Bildschirms und seiner Funktionalität durchaus überzeugen: Wer primär Android verwenden möchte, ab und zu jedoch unterwegs ein „vollwertiges“ Windows-Betriebssystem benötigt, findet in dem zwischen 199 und 250 Euro angebotenen Tablet den passenden Begleiter für alle Lebenslagen. Insbesondere für Reisende, Blogger oder Business-User dürfte das Gerät eine gute Wahl sein. Wer hingegen leistungsmäßig aufwändige Software unter Windows benötigt, sollte besser auf höherpreisige Geräte wie Microsofts Surface oder Samsungs Galaxy-Tablets setzen.

Mit einem einfachen Keyboard-Case wird das Chuwi zum Notebook-Ersatz und ist ein praktischer Reisebegleiter.

Übrigens: Chuwi bietet auch ein passendes Tastaturdock für das Hi10 an, wodurch das Gerät zu einem vollwertigen Convertible wird, entsprechende Docking-Anschlüsse sind vorhanden. Leider gibt es dieses Keyboard aber nur mit englischem Layout, weshalb wir es nicht mitgetestet haben. Stattdessen haben wir das Tablet für den Alltagsbetrieb mit einer günstigen universellen Keyboardhülle, dem CoastCloud Keyboard Case, betrieben. Hier fiel auf: Bluetooth-Keyboards müssen beim Switch zwischen Android und Windows jedes Mal neu gekoppelt werden – sehr lästig.

Disclaimer: Das Produkt wurde uns zu Testzwecken vom Hersteller zur Verfügung gestellt. Der Hersteller hat keinen Einfluss auf den Inhalt dieses Tests genommen.

Über den Autor

Christian Rentrop

Technikjournalist und Schreiberling aus Überzeugung. Schon als Zweitklässler 1986 mit dem Amstrad CPC angefixt, habe ich mich immer für Computer und Technik interessiert und finde: Computer sind nichts, wovor man Angst haben sollte.

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Kommentare

  • Eurem Artikel und dem Urteil kann ich nur zustimmen. Mich stoert beim Chuwi eigentlich auch nur die wirklich langsame intere ‚Festplatte‘, da ich das Tablet ausschliesslich mit Windows 10 betreibe. Ansonsten aber ein wirklich gutes und preiswertes Geraet und zu diesem Preis empfehlenswert. Im Forum gibt es uebrigens auch eine ANleitung, wie man Android entfernt und damit mehr Speicher fuer WIndows bekommt … wuerde aber sich auch anders herum funktionieren 🙂