Wer hat sich als Kind nicht mal ein Teleskop gewünscht? Universe2go bietet Augmented Reality für’s Smartphone – der perfekte Ersatz für Hobbyastronomen?

Wer hat sich als Kind nicht mal ein Teleskop gewünscht? Zur Weihnachtszeit sind die Kataloge voll von billigen Sternenguckern – aber so reizvoll eine Nahaufnahme von Mond & Co. auch wirken mag, mit den typischen 150-Euro-Vergrößerern sieht man letztlich auch nur einen Haufen Leuchtpunkte, nur etwas größer. Heutzutage gibt es Alternativen: Augmented Reality mit dem Smartphone. Mit Universe2go schaut Ihr in die Sterne und bekommt sie auch gleich erklärt – mit 99 Euro passt das virtuelle Planetarium recht gut ins Teleskop-als-Geschenk-Raster. Aber wie gut funktioniert das? Und vor allem wie?

Universe2go ist nicht gerade ein selbsterklärendes Produkt: Augmented Reality, virtuelles Planetarium, „Astronomie Gadget“, „persönliche Sternwarte“ – alles klar? Das Taschenplanetarium besteht aus einer App und einer Augmented-Reality-Brille. Schaut Euch einfach die Bilder an – durch die Brille geknipst, gibt das schon einen guten Eindruck. Das Prinzip: Das Smartphone wird in die Brille eingelegt und über einen simplen Spiegel wird der Bildschirm transparent über die reale Aussenwelt geblendet. Man schaut also beispielsweise auf das Sternbild „Großer Wagen“ und sieht dann über den echten Sternen dieselben Sterne aus der App – im Gegensatz zur Realität, kann die App aber eben auch die Linien darstellen, die das Sternbild ergeben. Solltet Ihr also schon immer gedacht haben: „Großer Wagen? Wo? Sehe ich nicht!“, dann schafft Universe2Go hier Abhilfe. Zudem erzählt Euch die App noch allerhand zum Sternbild. Alternativ lässt sich Universe2go auch als Sternenkarte ohne Brille nutzen, aber das lassen wir hier mal aussen vor, denn hier geht es nun einmal um Augmented Reality. So weit das grobe Konzept.

Mit dem Nexus 6p durch die Brille geschossen – es fehlen nur noch die echten Sterne.

Die Hardware

Beim Auspacken waren auch die anderen Tutonauten zugegen und Kollege Rentrop fragte sofort nach irgendwelchen Buchsen für Kopfhörer – Pech für ihn, denn die Brille ist nichts groß Technisches, sondern schlicht und ergreifend ein Kunststoff-Halter für das Smartphone, der den Bildschirm transparent über die echte Welt legen kann. Die Haptik ist gut, sowohl Materialoberfläche als auch Griff überzeugen – bei einem solchen Plastikbomber darf man natürlich nicht zuviel erwarten. Und für die vielen Plastikphobiker: Es riecht nicht! Mit dabei sind ein Band zum Umhängen der Brille und ein weicher Stoffbeutel. Zudem ein paar Klebestücke: Die Aufnahme für das Smartphone genügt für ein recht großes 5-Zoll-Gerät wie das Wiko Rainbow, kleinere Geräte können mit eben jenen Klebestücken fixiert werden. Beim Rainbow geht allerdings die Klappe nicht mehr ganz zu, das Nexus 4 mit seinem 4,7 Zoll-Display ist hingegen gut verschlossen. Ansonsten gibt es zur Hardware nicht viel zu sagen, außer vielleicht noch zwei Wünschen: Ein Gurt, um das Teil am Kopf festzuschnallen wäre schön, um freihändig sternengucken zu können und vor allem eine Kabeldurchführung für Kopfhörer, um nicht den Rest der Menschheit mit dem Erzähler zu behelligen.

Brille samt Beutel.

Die App: Konfiguration und Steuerung

Die Steuerung der Universe2go-App (gibt es für Android und das iPhone) ist schon faszinierend: Man steuert mit Kopfbewegungen. Schaut man auf den Boden, erscheint das Menü, mit Kopf hoch/runter scrollt man durch Menüpunkte und mit Kopf links/rechts neigen, verneint/bejaht man diese Punkte. Das ist gewöhnungsbedürftig und nicht allzu präzise, aber es funktioniert letztlich tadellos. Einziges Manko: Liegt man, ist das Konzept überfordert. Die Einrichtung der App beschränkt sich initial auf zwei Aspekte: Zunächst muss die App kalibriert werden, indem der Kopf so austariert wird, dass ein angezeigter Kreis mittig ist – das ist recht simpel, kann später wiederholt werden und sorgt dafür, dass die 3D-Ansicht linkes und rechtes Auge mit passenden unterschiedlichen Bildern versorgt. Außerdem muss noch das Lieblingsauge festgelegt werden, auf dem dann das Menü angezeigt wird. Nach ein, zwei Minuten Eingewöhnung und Kalibrierung ist Universe2Go einsatzbereit.

Screenshot: Das Menü bedient Ihr durch Kopfbewegungen – gezeigt wird es auf dem festgelegten Lieblingsauge.

Die App: In Aktion – die Modi

Zunächst einmal die grundsätzliche Nutzung: Man schaut sich um und sieht oben, unten, links und rechts genau das, was man auch sehen würde, wenn man einfach in die Welt hinaus blickt – sofern es dunkel ist, sternenklar und Wände, Häuser, Böden und Decken transparent wären … Je nach App-Modus geht es dann unterschiedlich weiter: Im Erkundungsmodus zentriert man das Fadenkreuz auf ein Objekt, etwa den Mond, und wenn man etwas verharrt, poppt ein kurzer Infotext neben dem Objekt auf und der Erzähler beginnt zu erzählen – und genau dieses Audiomaterial ist ein echter Pluspunkt, da für die drei Stunden Material tatsächlich ein professioneller Sprecher engagiert wurde, dessen Stimmlage hervorragend ins Planetarium passt. Die Modi im Überblick: Im Starter-Modus werden schlicht und ergreifend Sternenbilder erkannt und erklärt, Im Entdecker-Modus können Himmelsobjekte einzeln angepeilt und erkundet werden, der Mythologie-Modus gibt Informationen über alte Griechendenke preis, im Modus Deep Sky lassen sich Objekte erforschen, die am Himmel für das bloße Auge nicht erkennbar sind (etwa weit entfernte Nebel), im 3D-Modus wird, natürlich, dreidimensional dargestellt, Quiz- und Such-Modus erklären sich ebenfalls selbst und letztlich können im Experten-Modus eigene Verknüpfungen von Objekten und Informationen vorgenommen werden.
Inhalt: Drei Stunden Audiomaterial, 88 Sternbilder, ca. 120.000 Sterne, diverse Kometen, Satelliten und Deep-Sky-Objekte in Bildform. Das Audiomaterial deckt Sternbilder, 120 Deep-Sky-Objekte und 30 Sterne ab.

Ihr müsst Objekte nur zwei Sekunden anvisieren und schon kommen Infos und Erzähler.

Und? Wie ist es nun?

Ich persönlich habe mir als Kind zu Weihnachten immer wieder mal diese Billigteleskope aus dem Vedes-Katalog gewünscht und nie eines bekommen – Gott sei Dank, denn es hätte wohl nach dem zweiten Weihnachtstag bereits nur noch in der Ecke gestanden. Nein, ich interessiere mich auch sonst nicht für Sterne. Universe2go macht aber tatsächlich Spaß: Technik-Freaks werden ein paar Stunden Spaß an dem Gadget haben, wer sich ernsthaft für Astronomie und Sternenbilder interessiert, dürfte locker 50 Stunden beschäftigt sein, echte Enthusiasten könnten vermutlich auch 100 und mehr Stunden damit verbringen, durch die Sterne zu stöbern – das ist aber letztlich schwer einschätzbar, wenn man selbst nur in die Gruppe der Technik-Freaks gehört. Tatsache ist: Universe2go begeistert sofort, alles weitere ist wirklich vom Interesse des Nutzers abhängig – App und Hardware bieten aber eine solide Grundlage für eine intensive Nutzung. Es ist allerdings recht schwierig, die Nutzungserfahrung mit Screenshots und Text zu vermitteln, weil es doch ein recht neues Konzept ist und die meisten Nutzer noch nie Augmented Reality erfahren haben dürften, was den Vergleich schwierig macht. Es ist auf jedenfall ein sehr schönes Erlebnis, sich komplett dreidimensional umschauen zu können – zumal Universe2go auch hervorragend ohne „Reality“ auskommt: Ein dunkler Raum genügt für Himmelsreisen, die Überlappung mit dem echten Himmel mag das Hauptanliegen sein, aber Blickverhinderer wie Wolken, Gebäude oder die verdammte Erde erlauben eh nur einen kleinen Ausschnitt – die App zeigt auch Objekte auf „der anderen Seite“ der Erdkugel.

Die sternenkarte funktioniert auch ohne Brille.

Ein gutes Weihnachtsgeschenk? Wer darüber nachdenkt, jemanden ein günstiges Teleskop zu schenken, sollte lieber zu Universe2go greifen – die Faszination ist größer, die Infos werden gleich mitgeliefert, es funktioniert immer (Kinder mit geschenktem Teleskop bei Wolkenhimmel = unglückliche Kinder …) und bei ernsthaftem Interesse kann man später immer noch mit einem guten Teleskop nachlegen; und selbst dann ist Universe2go noch nützlich, während das Billigteleskop schlicht in den Müll wandern würde. Insofern ist Universe2go generell auch für jeden Astronomie-Fan ein gutes Weihnachtsgeschenk – ein paar Stunden Spaß hat damit wie erwähnt jeder, alles weitere steht in den Sternen.

Sterne? Nicht im Dezember in Köln …

Kompatibilität und Mankos

Das erwähnte Wiko Rainbow funktionierte im Test nicht – angeblich wurde der Gyro-Sensor nicht gefunden. Dann aber wieder doch, für Sekunden. Dann wieder nicht. Das dürfte aber eher am Wiko-Billigheimer liegen. Generell funtionieren Geräte mit Sensoren für GPS, Gyroskop, Beschleunigung und Kompass von einer Größe von 3,5 bis 5 Zoll und mit Android oder iOS – Winphones sind raus. Eine Liste der „wichtigsten“ (laut Hersteller) unterstützten Smartphones findet Ihr hier. Das Nexus 4 funktioniert im Test problemlos und lässt sich auch in der Brille gut verschließen, bei Geräten in Rainbow-Größe muss gegebenenfalls die Klapp mit der Hand zugehalten werden – ist aber kein größeres Problem, da die Finger bei normaler Haltung sowieso oben auf der Handy-Klappe liegen. Ein Aber: Auf dem LG Nexus 4 ruckelt die App teils ein wenig, in der 3D-Ansicht so sehr, dass es absolut nicht mehr nutzbar ist – da das Nexus 4 nicht in der Liste der kompatiblen Geräte aufgeführt ist, ist das aber natürlich akzeptabel. Aber achtet ebenen darauf, dass die Anwendung einigermaßen Hardware-hungrig ist. Mit einem Nexus 5 lief im Test alles wunderbar flüssig.

Das Nexus 4 passt problemlos, das 6p gerade eben nicht mehr.

Wirklich zu meckern gibt es beim Universe2go sehr wenig: Die Steuerung ist gewöhnungsbedürftig, was aber nur daran liegt, dass Kopfsteuerung nicht ganz trivial ist, die Smartphone-Halterung hält kein Handy perfekt, dafür aber jedes gut genug, die initiale Konfiguration kann etwas verwirrend sein, lässt sich aber nachträglich wiederholen. Eigentlich gibt es nur einen Punkt, über den man nachdenken muss: Wie lange hält das Interesse am Sternenhimmel an? Ist es dem Nutzer 99 Euro wert? Bei 30 Stunden Audiomaterial plus etlichen Textinfos und Bildern, dürften selbst mäßig interessierte Sternengucker problemlos 20 Stunden entertaint werden und jeder ernsthafte Hobby-Astronom sollte locker bei 50 Stunden liegen – rechnet man das auf eine Stundenbasis hoch, liegt man mit 5€/h bis 2€/h in einem Bereich, den man durchaus günstig nennen kann. Das Billig-Vedes-Teleskop-Dasein, bei dem das Gerät binnen zwei Tagen im Fokus des kindlichen Enthusiasmus verbrennt, ist natürlich nicht auszuschließen.

Mein persönliches Fazit: Für Plastik eine sehr gute Haptik, Hardware, die tut, was sie soll, Software mit interessanter Steuerung, gute Texte und Bilder, hervorragendes Audiomaterial und ein wirklich stimmiges Gesamtkonzept – auch wenn es mir persönlich die 99 Euro nicht wert wäre, weil mich Sternbilder einfach nicht interessieren, aber da kann Universe2go herzlich wenig zu tun.

Am richtigen Ort eine sehr entspannte Tätigkeit …

Ein Wort zur Wertung

Preis/Leistung lässt sich hier nicht pauschal sagen, es hängt rein von der Nutzungsdauer ab. Was wir nicht vernünftig testen konnten, war, wie genau virtuelle mit realer Realität übereinstimmt – die Mischung aus Großstadt und Dezember hat uns einen freien Himmel über Wochen versagt. Ihr solltet kein Präzisionsinstrument erwarten, aber der Mond war, wo er hin sollte – zum Erkennen von Sternenbildern dürfte es allemal genügen. Eventuell liefern wir aber noch ein Update.

Screenshot: Die 3D-Ansicht spendiert jedem Auge ein leicht anderes Bild.

Info-Homepage von Universe2go

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Über den Autor

Mirco Lang

Mirco Lang

Am Anfang war der C-64 des großen Bruders des besten Freundes in der Grundschule ...

Der echte Technikwahn kam dann mit einer Ausbildung bei Saturn - als Computer noch erklärt werden mussten, Soundkarten benötigten, ein gutes Monatsgehalt kosteten und das Internet nur bei Nerds und mit 38 kbp/s lief, bestenfalls.

Ein Studium der Informationswirtschaft und ein paar Jahre als Redakteur bei Data Becker später, sitzt hier ein freier Journalist, der auf Old-School-Computing (cli ftw!), Free Software, Frickelei, Kodi und "Hundedinger" steht - und Grauseligkeiten wie Bild und Heftig.co zutiefst verabscheut.

Und sonst so? Sauerländer, BSI-Mitarbeiter, untalentierter Musikinstrumentebesitzer und seit 24 Jahren Skateboarder, ein ziemlich alter. Und manchmal kommt das abgebrochene Philo-Studium wieder durch ...

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