Ein Blick in die Schublade: Zahllose Flash-Speicher warten auf ihren Einsatz. Wir zeigen, wie Ihr alte USB-Sticks auch im Cloud-Zeitalter weiternutzen könnt.

Neulich habe ich einen Blick in meine Kabel-Kram-muss-griffbereit-sein-Schublade geworfen. Da fällt alles rein, was ich irgendwann mal schnell zur Hand haben zu müssen glaube. Was für ein Satz. Jedenfalls habe ich die Schublade ausgekippt und zahllose alte USB-Sticks gefunden. USB-Sticks aus Werbegeschenken. USB-Sticks aus Pressemappen. USB-Sticks aus einer Zeit vor der Wolke, als USB-Sticks noch nützlich waren. Wegschmeißen will ich die nicht, also habe ich mich gefragt, wofür ich alte USB-Sticks wohl noch verwenden könnte. Mir kamen ein paar praktische Ideen.

1. Alte USB-Sticks am Router als Austauschlaufwerk einsetzen

Router-USB-Ports sind lahm, WLAN-Verbindungen zum Router auch meistens. Gleichzeitig haben die meisten modernen Router aber meist einen USB-Anschluss, an dem man Laufwerke betreiben kann. Hierfür eignen sich USB-Sticks natürlich optimal, und zwar auch ältere. Wofür? Nun: Wenn ich meiner Freundin von meinem Rechner schnell ein paar Fotos schicke, packe ich sie auf die Fritz!NAS mit USB-Drive. Und sie kann sie da runterladen. Und umgekehrt. Und das beste daran: Meist reicht schon ein 4-Gigabyte-Stick für sowas – und man kann sich damit die lästigen Netzwerkfreigaben oder den Kauf einer NAS sparen. Ach ja: Die Fritzbox unterstützt sogar USB-Hubs und mehrere USB-Speicher – falls Ihr’s drauf ankommen lassen wollt.

Die FritzBox ist eine vollumfängliche NAS – sobald ein USB-Stick dransteckt.

Die FritzBox ist eine vollumfängliche NAS – sobald ein USB-Stick dransteckt.

2. Kuschelrock-Sampler für die Liebste basteln

Mein erster Klammerblues war 1991 in der sechsten Klasse auf „Eternal Flame“ – die Originalversion von den Bangles, versteht sich, nicht den Blödsinn von Atomic Kitten. Danach habe ich bis zum Durchbruch der MP3s viel Lebenszeit in Mixtapes investiert, das war der pubertäre Romanticide-Modus. Ich war ein Mixtape-Meister. Aber ich musste die Dinger noch herstellen, als ich selbst technisch längst weiter war. Mädchen hatten damals nur so komische Tape-Decks, selbst als schon CDs gebrannt wurden.
Heute geht das schneller, mit ollen USB-Sticks. Auch wenn die nicht ganz so schön sind wie die guten, alten 90-Minuten-Maxells.

Mixtapes waren früher echt beliebt. Heute tut's ein USB-Stick.

Mixtapes waren früher echt beliebt. Heute tut's ein USB-Stick.

3. Digitale Zeitkapsel zusammenstellen

Anders als magnetische Datenträger halten USB-Sticks ihre Daten ausgesprochen lange. Die Dinger sind robust. Und der USB-Anschluss dürfte so schnell nicht obsolet werden: Seit über 20 Jahren gibt es den USB-Typ-A-Anschluss, er wurde billionenfach verbaut. Allein deswegen dürfte es auch im 50 Jahren per Adapter kein Problem sein, so etwas an einen Rechner anzuschließen. Als FAT32 oder exFAT formatiert, ist der Kram dann auch wahrscheinlich noch in vielen Dekaden lesbar, genau wie JPEG-Bilder und PDF-Dokumente. Also: Packt ein paar JPEGs und PDFs mit Infos über Euch oder Eure Wohnung auf einen Stick, steckt ihn mit einem netten Brief in eine wasserdichte und korrosionsfeste Dose und versteckt ihn irgendwo in Eurem Haus oder im Garten. Wer immer diese digitale Zeitkapsel eines Tages findet, wird sich auf jeden Fall freuen.

Ein alter USB-Stick kann in ferner Zeit ein echter Schatz sein.

Ein alter USB-Stick kann in ferner Zeit ein echter Schatz sein.

4. USB-Stick als Auto-Mixtape

In Grunde das Gleiche wie das Mixtape für die Holde: Ein Mixtape für Euch selbst. Direkt im Auto angeschlossen, denn inzwischen können ja die meisten Neuwagen USB und MP3/AAC. Das geht freilich nur, wenn Ihr nicht so doofe Musikstreaming-Nutzer seid. Aber mal ehrlich: Eine eigene Musiksammlung ist schon besser, oder? Und wenn sie dann noch Urlaubsstimmung verbreitet, ist das richtig gut. Das beste an ollen USB-Sticks ist allerdings, dass es dann auch völlig egal ist, wenn sie mal verloren gehen.

Eine schöne Urlaubs-Playlist ohne Sorge um's Smartphone oder den iPod. /Photo by Jakob Owens on Unsplash

Eine schöne Urlaubs-Playlist ohne Sorge um’s Smartphone oder den iPod. /Photo by Jakob Owens on Unsplash

5. USB-Sticks spenden um Kim Jong-un zu ärgern oder Menschen zu helfen

Der dicke, böse Mann aus Nordkorea schmeißt mit Raketen um sich, während sein Volk verhungert. Das ist ein Unding, doch um Nordkorea zu befreien, müssen die Nordkoreaner selbst aktiv werden. Dafür brauchen sie vor allem eines: Informationen – und die bekommen sie in ihrer gegen das Internet massiv abgeschotteten Heimat vor allem mit USB-Sticks. Die Website Flashdrivesforfreedom sammelt deshalb alte USB-Sticks ein, bespielt sie mit Informationen und schmuggelt sie mithilfe von Überläufern ins Land. Dort können die Informationen dann ihre kleine, aber stete Wirkung auf die Kräfte entfalten, die das Regime eines Tages zum Teufel jagen werden. Eine tolle Möglichkeit, alten USB-Sticks noch zu einem Sinn zu verhelfen.

Eure USB-Sticks können helfen, Nordkorea zu befreien.

Eure USB-Sticks können helfen, Nordkorea zu befreien.

Übrigens: Es gibt noch andere Spendenmöglichkeiten für USB-Sticks: RecycleUSB bespielt die Sticks zum Beispiel mit einem Lern-Betriebssystem und verteilt diese.

6. Mehrere kleine USB-Sticks zu einem großen zusammenfummeln

Wisst Ihr was? Ihr könnt Eure alten USB-Sticks auch zu einer kleinen SSD zusammenbasteln. Mit SD-Karten geht das mittels eines kleinen Adapters ganz wunderbar. Doch auch USB-Sticks können zu einem großen Laufwerk oder sogar RAID zusammengefasst werden. Unter MacOS (und damit vermutlich auch Linux) geht das mithilfe eines simplen USB-Hubs – und kann sogar erstaunlich schnell sein.

USB-Stick-RAID (Quelle: <a href="https://fstoppers.com">fstoppers.com</a>)

USB-Stick-RAID (Quelle: fstoppers.com)

7. Portables Windows bauen

Oder hier: Baut Euch doch einfach ein tragbares Windows-System. Ideal als Rettungskapsel- und System für Euren PC. Etwa, wenn der rumspinnt oder die Festplatte ausfällt – oder Ihr einfach ein Windows-Testsystem benötigt. Der Stick sollte dafür allerdings ausreichend schnell sein.

Portables Windows auf einem Stick? Kein Problem!

Portables Windows auf einem Stick? Kein Problem!

8. Einen Linux-Bootstick erstellen

Natürlich geht das auch mit Linux: Ein Linux-Bootstick ist unter Windows oder MacOS schnell erstellt, wenn man die richtigen Tools zur Hand hat. Und kann als supersicheres System für Darknet-Aktivitäten verwendet werden. Oder als Rettungssystem. Oder zum Ausprobieren – oder einfach, um einen langweiligen Nachmittag mit einer Aufgabe zu füllen.

Linux auf dem Stick? Kein Problem! (Photo by Brina Blum on Unsplash)

Linux auf dem Stick? Kein Problem! (Photo by Brina Blum on Unsplash)

9. Ein verschlüsseltes Datenarchiv bauen

Manche Daten sind so wichtig, dass ihr sie mobil braucht – aber sie nicht in der Cloud lagern wollt. Da hilft ein verschlüsselter USB-Stick: Ihr könnt hier Eure wichtigsten Daten – Dokumente, Fotos, Arbeitsmaterial – ablegen und sicher bei einem Freund oder Verwandten lagern. Oder Ihr könnt TAN-Listen, Kreditkartennummern und Kopien Eures Personalausweises speichern und am Körper oder in Eurem Gepäck aufbewahren, wenn Ihr auf Reisen seid. Falls Ihr bestohlen werdet. Die Möglichkeiten sind gigantisch. Das klappt übrigens auch am Mac. Allerdings solltet Ihr darauf achten, dass dabei Standards gewahrt werden.

Verschlüsseltes Datenarchiv? Check!

Verschlüsseltes Datenarchiv? Check!

10. Digitale Fotokiste anlegen

Im Grunde die digitale Zeitkapsel in den eigenen vier Wänden: Archiviert Eure digitalen Fotos unbearbeitet und ungefiltert auf alten Sticks und schmeißt diese in Eure Fotokiste. Beschriftet oder nicht: In ein paar Jahren freut Ihr Euch – oder Eure Kinder und Kindeskinder – über das Bildmaterial, das vermutlich sonst längst bei einem Festplatten-Crash oder dem Ausmisten der Wohnung (oder Fotosammlung) verloren gegangen ist. Natürlich könnt Ihr diese Foto-Sticks auch einfach verschenken, etwa als Erinnerung an einen schönen Urlaub mit Freunden. Oder Ihr packt hier nur Scans Eurer Schulzeit drauf und verteilt die Sticks beim nächsten Klassentreffen.

Früher waren es Fotos in einer Box, heute sind es Bilder auf einem Stick.

Früher waren es Fotos in einer Box, heute sind es Bilder auf einem Stick.

11. Kunst machen

Natürlich sind USB-Sticks nicht zwangsläufig für einen sinnvollen Nutzen zu gebrauchen. Vielleicht macht Ihr einfach Kunst, so wie es die Dead Drops vormachen, die in vielen Städten eingemauert wurden: Ein anonymes Hardware-Peer-to-Peer, mit dem Ihr Daten verteilen könnt. Eine schöne, wenn auch nicht ganz neue Idee. Ihr könnt natürlich auch andere „künstlerische“ Aktionen durchführen: Legt einen USB-Stick mit ein paar freien eBooks in eine der Bücherboxen, die es in vielen Städten gibt. Oder entfernt das Gehäuse des Sticks und baut die Elektronik in etwas Neues ein, um ein hübsches Geschenk weiterzugeben. Die Möglichkeiten sind vielfältig – man muss nur erst einmal darauf kommen. So oder so ist es Upcycling in Reinkultur.

Ein "Deaddrop" in einer Wand (Bild: Deaddrop.com)

Ein „Deaddrop“ in einer Wand (Bild: Deaddrop.com)

Und wie nutzt Ihr Eure alten USB-Sticks? Wir freuen uns über Eure Kommentare.

Über den Autor

Christian Rentrop

Technikjournalist und Schreiberling aus Überzeugung. Schon als Zweitklässler 1986 mit dem Amstrad CPC angefixt, habe ich mich immer für Computer und Technik interessiert und finde: Computer sind nichts, wovor man Angst haben sollte.

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