Wofür sind eigentlich RAW-Dateien gut? Ganz einfach: Sie erlauben die Erstellung deutlich besserer JPEG-Bilder, als sie die Kamera selbst liefert. Der Workflow ist denkbar einfach.

Bislang habe ich die RAW-Funktion meiner Fuji X100F ja geflissentlich ignoriert. Ich bin so ein Schnappschütze und in 90 Prozent aller Fälle reicht mir tatsächlich das JPEG, das die Kamera nach Durchlaufen all ihrer internen Bildbearbeitungsroutinen liefert, völlig aus. Allerdings bin ich inzwischen unter die Lost-Places-Fotografen gegangen. In den verotteten Locations ist jedoch in aller Regel mit schlechtem Licht zu rechnen, weshalb ich diesmal vorsorglich die RAW-Funktion aktiviert habe. Und was soll ich sagen? Mit ein wenig Nachbearbeitung konnte ich aus Schnappschüssen kleine Kunstwerke zaubern.

Warum ich die RAW-Dateien immer mit aufnehme

Jaja, ich weiß: RAW muss man immer, digitales Negativ, super Bildqualität und blabla. Sehe ich nicht so. Zwar sind die digitalen Negative oft wichtig, aber in aller Regel das zugehörige Bild nicht wert. Zudem sind sie üble Speicherfresser. Und weil ich Macs benutze und bei Apple SSD-Speicher in angenehmer Größe durchaus mal einige Monatsmieten kosten kann, muss ich hier sparsam sein. Klar: Man kann die RAWs auch separat auf externen Datenträgern lagern, aber das ist mir zu lästig.

Trotzdem nehme ich inzwischen immer die RAW-Dateien mit auf. Ich will RAW haben, wenn ich es brauche, und sonst will ich damit nichts zu tun haben, weshalb ich RAWs auch oft vor dem Import wieder verwerfe, sie also nicht archiviere. Also: RAW anschalten ist immer sinnvoll, dann hat man sie nachher, um einzelne Fotos zu optimieren. Den Rest, etwa wenn das JPEG gelungen ist, könnt Ihr dann löschen.

Das Teaserbild: Links, wie es als JPEG aus der Kamera kam. Rechts nach der RAW-Bearbeitung.

Das Teaserbild: Links, wie es als JPEG aus der Kamera kam. Rechts nach der RAW-Bearbeitung.

Fujifilm Compressed RAW und Apple Fotos geht nicht

Aber gut: Die X100F hat, wie die meisten modernen Kameras, die Option, Rohdaten-Dateien parallel zum JPEG aufzunehmen. Dankbarerweise hat Fujifilm auch ein komprimiertes RAW-Format, das Speicher spart, ohne Qualität zu verlieren. Das habe ich dann auch eingeschaltet. Nach der Fotositzung habe ich die Bilder einfach in Apple Fotos geworfen. Dummerweise kann Apple Fotos nichts mit diesen komprimierten RAW-Dateien anfangen, was aber egal ist: Man kann die Doppel-Kombi über Ablage -> Exportieren -> Unbearbeitetes Original exportieren jederzeit aus Fotos heraus holen und in einem ernsthaften RAW-Bearbeitungsprogramm entwickeln. Denn Fotos dient bei mir hauptsächlich als Archiv.

Mit dem richtigen RAW-Workflow holt Ihr viel aus scheinbar misslungenen Fotos heraus.

Mit dem richtigen RAW-Workflow holt Ihr viel aus scheinbar misslungenen Fotos heraus.

RAW-Dateien bearbeiten: Die Tools

Welches seriöse RAW-Bearbeitungstool Ihr verwendet, steht Euch natürlich frei. Es gibt neben den Klassikern wie Adobe Photoshop und Adobe Lightroom auch Gratis-Tools wie RAW Therapee (Win, Mac, Linux). Vermutlich bietet auch Euer Kamerahersteller ein solches Tool an, was jedoch in der Regel sehr einfach ist. Ich verwende auf dem Mac Affinity Photo, das es auch für Windows gibt. Dort muss die RAW-Datei dann hinein.

Ihr könnt die RAW-Dateien bequem aus Fotos exportieren.

RAW-Dateien entwickeln und das beste aus einem Bild herausholen

Wie bei einem echten Negativ muss die RAW-Datei (= digitales Negativ) in der Software entwickelt werden. Das Resultat könnt Ihr anschließend wieder als JPEG (= digitalen Abzug) exportieren, ganz einfach. Vorher könnt Ihr mit einem guten RAW-Konverter allerdings vieles verbessern, was der interne JPEG-Prozessor der Kamera meist nicht mehr schafft. So könnt Ihr zum Beispiel die Belichtung anpassen, Schatten aufhellen und Lichter verringern. Affinity-Photo hat dafür eine ganze Reihe von Reglern für allerlei Bildeigenschaften. Speziell bei den Lost-Places hat sich folgende Vorgehensweise bewährt:

  1. Zunächst bringe ich das Bild in die richtige Position. Der RAW-Konverter hat in aller Regel Möglichkeiten, vom Objektiv verursachte Krümmungen oder stürzende Linien zu korrigieren.
  2. Anschließend nehme ich die ebenfalls vom Objektiv stammende Rand-Vignettierung heraus.
  3. Als nächstes wende ich mich den „Schatten & Lichter“-Einstellungen zu: Ich erhöhe die Belichtung der Schatten und senke die der Lichter, so werden starke Helligkeitskontraste deutlich abgemildert.
  4. Gegebenenfalls reduziere ich vorher die Belichtung des Bildes ein wenig. Wenn Licht und Schatten stimmen, kann man sie wieder hoch ziehen.
  5. Speziell bei den Lost-Places bewährt sich der Regler „Klarheit“: Er holt Details aus dem Bild heraus, was bei detailreichen Bildern mit Flecken auf der Tapete und ähnlichen „schmutzigen“ Kleinigkeiten durchaus interessante Effekte hat.
  6. Zuguterletzt spiele ich an den Reglern für Helligkeit und Kontrast, um ein harmonisches Bild zu erzeugen.
  7. Falls nötig, setze ich Rauschentfernung ein oder füge sogar Rauschen hinzu, was sich, ebenfalls im RAW-Konverter möglich, für Schwarz-Weiß-Bilder anbietet.
  8. Ganz am Ende haue ich auf „Entwickeln“ und fummele gegebenenfalls noch am JPEG rum. Ja, ich weiß, liebe Foto-Profis: Das ist ganz und gar stümperhaft – aber für meine Zwecke funktioniert’s ^^
Erst durch die RAW-Bearbeitung könnt Ihr die Bildatmosphäre des Original-Schauplatzes wiederherstellen.

Erst durch die RAW-Bearbeitung könnt Ihr die Bildatmosphäre des Original-Schauplatzes wiederherstellen.

RAW-Bild als JPEG entwickeln

Das war es im Grunde auch schon. Das Resultat seht Ihr im RAW-Tool sofort, je nach Rechenleistung Eures PCs oder Macs kann das aber sehr aufwändig sein und ein paar Sekunden dauern. Die Ergebnisse sind dafür um so beeindruckender: Je nach Motiv wird aus aus Bildern, die die kameraeigene JPEG-Engine völlig verdorben hat, via RAW-Entwicklung Schritt für Schritt ein kleines Meisterwerk. Sicher: Völlig verschossene Fotos kann auch die RAW-Datei nicht retten, doch gerade, wenn Ihr Eure Kamera beherrscht und von den gelieferten JPEGs enttäuscht seid, könnt Ihr mit RAW-Dateien einiges retten.

Über den Autor

Christian Rentrop

Christian Rentrop

Freier Journalist, Baujahr 1979. Erste Gehversuche 1986 am Schneider CPC. 1997 ging es online. Seither als Blogger und Journalist in Totholzwäldern, auf digitalen Highways und mit der Vespa GTS 300 oder meinem Hund in der echten Welt unterwegs.
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1 Kommentar

  • Interessanter Beitrag.
    Als Tip für den speicherschonenden Workflow auf dem Mac: Graphic Converter (deutsche SW …) einsetzen. Zuerst die JPEG und die RAWs in jeweils einen Unterordner packen (Menüfunktion). Dann die JPEGs durchgehen, bewerten und überflüssige löschen. Dann alle RAWs löschen, zu denen es kein JPEG mehr gibt (Menufunktion !).
    Das Programm hat eine Vielzahl weiterer Funktionen wie Katalog, einfache Bildbearbeitung und -entwicklung und eignet sich damit ideal als Vorstufe für Affinity Photo.
    Als Freeware ohne Funktionseinschränkung zu testen, dann für um die 35€ die Startverzögerung abschalten. Ersetzt mir auf dem Mac das Lightroom-Abo.