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Dissonanzen bei Audacity: Übernahme durch Muse

Der Hype um Audacity und was dahinter steckt - ohne Weltuntergangskapriolen

Derzeit findet Ihr auf vielen Seiten im Netz Artikel rund um Audacity, gerne auch mit reißerischen Schlagworten wie Spyware oder der der Ankündigung vom Ende des Editors. Dahinter steckt eine Übernahme des Open-Source-Projects durch die Muse Group, bekannt für Ultimate Guitar. Und da hat es in der Community drei harte Einschläge hintereinander gegeben: Telemetrie, CLA und die Privacy Policy. Aber auch wenn es einen Aufschreib gab – das Ende von Audacity muss das noch nicht sein.

Die Übernahme

Audacity ist ein Open-Source-Projekt und wurde bislang von der Community betreut, mit einigen wenigen Hauptentwicklern und unter unterschiedlichen Leitungen. Nun hat die Muse Group die eingetragene Marke Audacity übernommen und wird das Programm ab sofort federführend weiterentwickeln. Als Ziele wurden vor allem die Modernisierung der Oberfläche und neue Features ausgegeben – Dinge, die, so Muse, bei einer Community von Freiwilligen eben oft auf der Strecke bleiben. Nun werden auch Muse-eigene Entwickler beruflich am Code arbeiten.

Den Beginn der Geschichte könnt Ihr im Ankündigungsvideo des neuen „Projektleiters“ anschauen.

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Zwar hat Muse sofort verkündet, dass Audacity für immer Open Source bleiben wird – aber dennoch war der Ärger schnell da. Noch vor konkreten Anliegen gab es Bedenken ob der Redlichkeit von Muse, schließlich ist Muse ein gewinnorientiertes Unternehmen. Zudem hat Muse schon in der Vergangenheit ein Open-Source-Projekt übernommen und monetarisiert, nämlich MuseScore. Und das mögen viele Open-Source-Enthusiasten so gar nicht. Aber gegen so etwas sollen ja eigentlich Open-Source-Lizenzen helfen. Könnte man meinen. Aber dazu später. Den ersten Ärger gab es wegen der Datensammelei.

Telemetrie-Daten

In einem GitHub-Ticket von Muse wurde öffentlich, dass Audacity Telemetrie-Daten sammeln und mit unter anderem Google-Diensten verarbeiten sollte – was sehr viel Gegenwind hervor rief. Nach einiger Diskussion hat Muse die Pläne dann abgeschwächt, Daten sollten dann von Muse selbst verarbeitet werden, vor allem aber wird das Senden von Daten nur optional geschehen. Inhaltlich geht es hier um Update-Checks und Fehlerberichte.

Contributor License Agreement

Der größere Brocken kam dann in Form eines CLAs, dem alle Entwickler zustimmen müssen – ansonsten würde deren Code aus dem Repository entfernt und müsste neu geschrieben oder ausgelassen werden. In diesem CLA stand, in aller Kürrze und Vereinfachung, dass Muse den Code zusätzlich zur Open-Source-Lizenz auch unter proprietären Lizenzen anbieten darf. Vordergründig wurde als Grund zum Beispiel angegeben, dies sei Voraussetzung, um im Apple Store anbieten zu dürfen – was sich aber auch anders regeln ließe. Oder man könnte Audacity kostenpflichtig und unter proprietärer Lizenz als Webdienst im Browser anbieten.

Und das heißt zweierlei: Zum einen könnte Muse den Code der Community im Grunde schlicht verkaufen – was freilich nicht jeder Freiwillige so gerne sieht. Zum anderen macht es das Copyleft-Prinzip der GPL zu nichte: Dass freier Code frei bleibt und damit zusammengeführter Code frei wird.

Auch hier gab es vor allem auf GitHub, wo Muse auch offiziell kommuniziert, einen Aufschrei. Allgemeiner Tenor: Muse verstünde Open-Source-Communities nicht und würde lediglich Geld aus einem freien Projekt schlagen wollen. Muse hingegen beteuerte, Audacity bleibe frei und proprietäre Lizenzen wären allenfalls für zum Beispiel kostenpflichtige Add-ons und Dienste relevant. Vor allem aber wies man darauf hin, dass bereits 90 Prozent der Beitragenden unterschrieben hätten – inklusive sämtlicher Kernentwickler. Nun, mit Ausnahmen. So hat beispielsweise der Hauptübersetzer der portugiesischen Version angekündigt, seine Beiträge nicht unter einer anderen Lizenz zur Verfügung zu stellen. Die Übersetzung müsste dann neu gemacht werden.

Privacy Policy

Und wieder einige Tage später kam dann die Privacy Policy, wieder mit dem wütenden Mob im Schlepptau: Daten wie Betriebssystem und IP sollten gesammelt werden dürfen und mit eigentlich so ziemlich jedem geteilt werden dürfen, den Mitarbeitern, potenziellen Käufern oder der Zentrale in Russland. Allerdings soll dies laut Muse nicht für die Offline-Nutzung gelten. Was genau das heißen soll, wird nicht klar!

Zudem hat Muse ganz massiv argumentiert, dass es sich bei der Policy um juristische Sprache handle, die nun mal genau so zu nutzen und für Juristen völlig verständlich und eindeutig sei. Gleichzeitig wurde zugegeben, dass die Sprache für normale Menschen missverständlich sei und die Situation verzwickt. Freakig: Audacity soll nicht mehr von unter 13-Jährigen genutzt werden – das Sammeln von Informationen bei dieser Altersgruppe wäre gegen die europäische Datenschutzrichtline.

Einschätzung

Und dann folgten die Artikel mit den reißerischen Titeln, von wegen Spyware und so. Und dann noch viel mehr als Antwort darauf. Noch ist Audacity aber weder totgesagt noch Spyware. Wichtig ist zunächst mal zu vermerken, dass sich die Entwickler-Gemeinde gar nicht so sehr bei den Protesten wiederfindet, die mit der Unterschrift auf dem CLA ein neues Audacity überhaupt erst möglich gemacht hat.

Es sind die Audacity-Nutzer, die insbesondere von der Privacy Policy wenig begeistert sein dürften, und jeglicher Datensammelei. Insofern geht es weniger um Audacity-Entwickler gegen Muse, sondern um Nutzer gegen Audacity. Und auch da muss man wohl einschränken: Es ist nicht so, als hätten sich Hunderttausende Nutzer gemeldet – eher ein paar Dutzend, vielleicht auch wenige Hundert, zusammengenommen. Und da dürften viele Fachleute, Entwickler und echte Open-Source-Freaks bei gewesen sein – denn welcher normale Nutzer kann schon ein CLA und dessen Auswirkungen auf die GPL einschätzen?

Insofern darf man den Protest selbst nicht gleich als Audacitys Abschiedsveranstaltung missverstehen.

Aber mal rein inhaltlich betrachtet: Dass Muse gewisse Interessen und juristische Pflichten hat ist klar – und ähnliche Vereinbarungen finden sich bei vielen Projekten, auch im Open-Source-Bereich. Und so lange die Datenerfassung optional ist und proprietäre Lizenzierung nur für Extras und Online-Dienste, also zusätzlich, kommt, ist das alles noch im Bereich des Üblichen und vielleicht auch noch Aktzeptablen. Nun, wenn man es aus Sicht normaler Endnutzer sieht! Wenn Euch der Unterschied zwischen Free Software/Open Source Software und Freeware nicht klar oder scheissegal ist, dann ist der ganze Audacity-Hype nur heiße Luft.

Aber aus Sicht eines Free-Software-Enthusiasten sieht das schon wieder ganz anders aus: Quelloffene Software ist eben mehr als nur kostenlos, und dieses Mehr ignoriert Muse recht souverän – Muse hat schließlich andere Interessen, nämlich Umsätze und Gewinne. Zunächst fühlt sich die Community völlig übergangen, da es ständig Ankündigungen gibt, die offenbar vorher nirgends diskutiert wurden. Dann ist das Sammeln von Daten in der ganzen Szene äußerst verpönt – man kann kaum von freier Nutzung sprechen, wenn man derlei Dingen zustimmen müsste. Vor allem aber ist es schon ein wenig unsauber, freundlich gesagt, was Muse mit der GPL veranstaltet. Das Copyleft-Prinzip der Lizenz wird durch das CLA im Grunde ausgehebelt und die Beschränkung auf Nutzer älter als 13 Jahre ist ebenfalls nicht im Sinne der Erfinder.

Bestenfalls wird Muse die Entwicklung wirklich voran treiben und es mit Datensammelei und anderen Lizenzierungen nicht übertreiben – dann könnte Audacity insgesamt durchaus gewinnen. Schlimmstenfalls beschäftigt sich Muse nicht weiter mit dem freien Code, sondern baut darauf lediglich proprietäre Produkte auf, die dann unter Umständen gar nichts mehr mit freier Software zu tun haben – dann wäre der quelloffene Audioeditor namens Audacity endgültig tot.

Die Variante aus der Mitte: Nicht ganz unüblich oder überraschend wäre, wenn Muse den freien Code durchaus (mehr oder weniger) weiterentwickelt, proprietäre Extras in Form von Plugins oder Diensten anbietet und versucht, der Open-Source-Community nicht zu sehr auf die Nerven zu gehen – denn wenn die alle zu einem Fork überlaufen … Das gilt insbesondere für Kontributoren, aber auch für normale Nutzer, die ein Programm schließlich populär machen. Vielleicht schwebt Muse ja wie bei MuseScore ein kostenpflichtiger Pro-Account vor, der dann weitere Features oder vielleicht auch Inhalte bietet – und auch für dieses Geschäftsmodell braucht man freilich erstmal die Bestandsnutzer.

Ein Problem könnte allerdings die Verfügbarkeit unter Linux sein, denn in der geplanten Form wird es sicherlich aus einigen Repositories fliegen. Allein das könnte schon reichlich Schaden anrichten.

Forks?

Yep, es gibt Audacity-Forks auf GitHub, über 1.400 Stück – aber eben (noch) keine ernsthafte Alternative. Viele Forks existieren sowieso nur, damit man Änderungen via Pull-Requests einreichen kann. Und so lange die Kernentwickler bei Audacity bleiben, wird das auch kaum passieren. Es kann nicht immer laufen wie bei Oracles Übernahme von OpenOffice.org – dessen Fork LibreOffice heute die vorherschende Variante ist. Man wird abwarten müssen, Versuche der Abspaltung gibt es bereits.

Zum Schluss noch eine Anmerkung: Das ganze Thema ist hier natürlich einigermaßen verkürzt und vereinfacht dargestellt – und es passiert gerade viel bei Audacity. Insofern, schaut einfach auf Audacitys GitHub-Seiten im Diskussionsbereich vorbei, da gibt es alles bis ins Detail und bestes Gemotze ;)

P.S.: Es hat zwar nichts mit dem aktuellen Thema zu tun, aber man kann es nicht oft genug sagen: Die Webseite audacity.de ist keine offizielle Seite und die Downloads sind verseucht – Audacity versucht dagegen vorzugehen.

Mirco Lang

Freier Journalist, Exil-Sauerländer, (ziemlich alter) Skateboarder, Dipl.-Inf.-Wirt, Einzelhandelskaufmann, Open-Source-Nerd, Checkmk-Handbuchschreiber. Ex-Saturn'ler, Ex-Data-Becker'ler, Ex-BSI'ler. Computer-Erstkontakt: ca. 1982 - der C64 des großen Bruders eines Freunds. Wenn Ihr hier mehr über Open Source, Linux und Bastelkram lesen und Tutonaut unterstützen möchtet: Über Kaffeesponsoring via Paypal.freue ich mich immer. Schon mal im Voraus: Danke! Nicht verpassen: cli.help

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