Eine GTX 1050 für 50 Euro – wer da nicht zuschlägt … Aber ganz so einfach ist es nicht. Verbraucherschutz fängt beim Denken an, vertraut nicht auf Amazon!

Zum offenen Beschiss gehören immer zwei Parteien: Ein gieriger Armleuchter und ein gieriger Idiot. Bei Amazon bekommt Ihr extrem günstige Grafikkarten: Eine GTX 1050 für gut 50 Euro? Das ist nicht nur ein Schnäppchen, das ist der Wahnsinn – wer die nicht kauft, ist ein Idiot. Könnte man meinen. Ist aber umgekehrt. Doch mal von vorn:

GTX 1050 für 50 Euro

Wie ich überhaupt darauf komme? Neulich habe ich einen Artikel über ruckelnde Spiele und Gegenmaßnahmen geschrieben. Dabei habe ich auch den Kauf günstiger, gebrauchter Grafikkarten empfohlen – bei seriösen Händlern wohlgemerkt. Und da ist mir bei Amazon doch tatsächlich eine „GTX 1050“ für gut 50 Euro über den Weg gelaufen, und zwar neu! Nun gut, das Ding kommt auch China und der Hersteller Mengonee ist vermutlich absolut niemandem bekannt, vermutlich nicht wirklich existent, vielleicht eine Katze. Aber was soll’s? Bei dem Preis?

Der Anbieter Xiaoma1 bietet auch weitere GTX-Grafikkarten an, 960er kosten auch rund 50 Euro. Und der Versand ist sogar kostenlos. Expertentipp: Durchnummerierte Namen deuten auf extrem seriöse Händler hin … Andererseits lautet der komplette Anbietername: Chengduzhongtounanziqiyeguanliyouxiangongsi, ansässig in wuhouquyihuanlunanerduan1hao1dong7ceng19hao. Und die Konkurrenz? Fängt erst bei rund 130 Euro an. Also KAUFEN KAUFEN KAUFEN!

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Für ein paar Sekunden sieht das nach einem tollen Angebot aus.

Denken für Anfänger

So lange Amazon noch keine Hirnimplantate anbietet, die bei Begehren automatisch Bestellprozesse auslösen, müsst Ihr leider noch selbst auf den Bestell-Button drücken. Also habt Ihr durchaus ein paar Millisekunden Zeit, bevor der Trieb einen Vertrag schließt. Und zumindest zwei Gedanken sollten es schaffen erhört zu werden:

Gedanke 1 verlangt Netzhäute und, zugegeben, minimales Technikwissen: Die Bilder der Mengonee-Karte zeigen zwei Anschlüsse. Einer ist eindeutig DVI, was OK ist. Der andere ist klein und knubbelig – ganz offensichtlich VGA. VGA? 2018? Bei einer GTX 1050? Nööööööööööööööööööööööööööööööööööööööö. Zudem kann das Ding nur 2K, was natürlich ebenso Unfug ist, da eine echte Nvidia-GTX-1050-Karte 8K unterstützt.

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VGA? 2K? Deutliche Anzeichen für groben Unfug.

Gedanke 2 verlangt wirklich nur Minimalhirn: Wenn etwas zu gut scheint, ist es Beschiss. Günstige Karten fangen wie gesagt bei rund 130 Euro an. Wenn Ihr eine für 100 Euro findet, wer weiß, vielleicht ein irres Schnäppchen, ein Lockangebot, ein Altwarenverkauf. Aber 50 Euro? Wer da zuschlägt, muss wohl folgenden inneren Dialog geführt haben:

Gier: Ey Hirn, guck mal, supergeile Graka fast für lau!
Hirn: [gähhhhn] Ist das koscher?
Gier: Alter, 50 Euro! Schnell kaufen bevor die merken, dass sie den falschen Preis dran haben.
Hirn: Äh, was hast Du gesagt? Sorry, studiere gerade Visual Statements bei Facebook.
Gier: KAUFEN, KAUFEN, KAUFEN!
Hirn: Mmmh, sollten wir erstmal nachschlagen, oder?
Gier: Fick Dich, ich schlag Dich tot, klick sofort auf Kaufen, ich mach Dich platt, ich schwöre!
Hirn: Ach leck mich, ich tik-toke mich jetzt aus dem Leben, mach doch was Du willst. Hey Finger, Gier übernimmt.
Gier: KAUFEN, KAUFEN, KAUFEN! Finger GO

Wenn Dinge so weit weg vom Marktüblichen sind, sind sie stuss. Oder es gibt einen Haken. Das gilt auch für Dinge wie ach so tolle Investmentangebote. Wenn der Markt üblicherweise 1 Prozent Rendite ohne Risiko verspricht, ist der Anbieter, der Euch 5 Prozent verspricht nicht der fucking Heiland. Entweder er will Euch direkt bescheißen oder das Risiko ist schlicht und ergreifend entsprechend höher. Risikoreiches Zocken ist natürlich völlig in Ordnung, aber dann darf man sich nicht beschweren, wenn das Geld am Ende weg ist.

Und wer für 50 Euro eine 130-Euro-Grafikkarte kauft – und dabei verkehrte Anschlüsse, fehlende Nutzerwertungen, chinesische Texte und jegliche Hirnhinweise ignoriert -, muss sich an die eigene Stirn fassen. Ach Quark, am besten mal mit ’nem Brett drauf hauen, vielleicht kommen dann ein paar kalte Lötstellen wieder auf Kontakt.

Vorsicht: Kein Beschiss!

Dass Verkäufer wie Käufer von Gier beherrscht werden, darf man wohl festhalten. Die Dummheit des Käufers kann man dem Verkäufer jedoch nicht unterstellen: Denn das Ganze ist tendenziell kein Beschiss! Xiaoma1 beziehungsweise Mengonee schreiben nirgends, dass es sich um eine Nvidia-Karte handelt. Und weder GTX noch 1050 sind geschützte Bezeichnungen. Vermutlich könnte ich problemlos das Roggenbrot GTX 1050 anbieten, für 30 Euro – Schnapper!

Genau genommen schreibt Xiaoma1 überhaupt nichts über die verbaute GPU – wo also ist der Beschiss? Na gut, Käufer werden hier ziemlich eindeutig in die Irre geführt und die deutsche Rechtssprechung sieht sowas gar nicht gerne. Und offensichtlich ist Xiaoma1 auch nicht soooo dumm: Sie bieten zum Beispiel auch eine GTX 780 für 56 Euro an – ein günstiger, aber plausibler Preis. Und just bei dieser Karte zeigen sie auch gleich einen Screenshot von CPU-Z, auf dem die Karte korrekt als Nvidia GTX 780 erkannt wird. Das kann natürlich immer noch schlicht gelogen sein, aber die eigentliche Frage ist: Warum dann nicht so ein Screenshot bei der GTX 1050? Xiaoma1 könnte vermutlich Unmengen an echten Nvidia-GTX-1050-Karten für 50 Euro verticken.

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So ein Screenshot ist eine gute Idee – aber warum muss man die Echtheit überhaupt „beweisen“?

Oh, oh – ebay …

Nachdem klar war, dass hier Unfug läuft, erinnerte sich Christian daran, dass die Kollegen von heise kürzlich dem Grafikkarten-Beschiss auf ebay etwas genauer nachgegangen sind – ein lohnenswerter Artikel, der auch gleich zeigt, wie schwierig es ist, sein Geld zurück und sein Recht zu bekommen. Der Käuferschutz hat dort doch allerlei Tücken.

Wie es bei Amazon aussieht? Keine Ahnung … Ich vermute, es würde besser laufen. Stellt sich die Frage, ob sich wirklich jeder meldet. Denn die Denkmangelvorwürfe (Ist Deutsch nicht eine tolle Sprache?) dürften sich viele Käufer selbst machen, nachdem ihnen klar geworden ist, auf was für einen billigen Mist sie da hereingefallen sind. Oder glaubt Ihr Teilnehmer von Kaffeefahrten, die stundenlang ohne Essen und Trinken und Klo in Provinzsälen zum Heizdeckenkauf genötigt wurden, wären stolz auf ihr Verhalten?

Nein, Stolz wäre in der Tat die falsche Empfindung. Man kann es runterschlucken und das Geld abschreiben, hat man halt für 50 Euro etwas gelernt. Man kann aber auch zum eigenen Fehler stehen und ihn mit Humor nehmen, wer verzapft nicht mal irgendeinen Bockmist? Vor allem aber solltet Ihr solche Fälle melden, um anderen den Beschiss zu ersparen. Ihr könnt auch gerne Eure Fälle, auch anonym, hier in den Kommentaren schildern. Wenn ein paar zusammenkommen, können wir das dann mal versuchen über die Presseabteilung von Amazon zu verwerten.

Und hier gibt’s mehr zu Grafikkarten, zu Hardware allgemein und zum Beschiss der Pseudo-Vergleichstestportale.

Über den Autor

Mirco Lang

Mirco Lang

Freier Journalist, Exil-Sauerländer, (ziemlich alter) Skateboarder, Dipl.-Inf.-Wirt, Einzelhandelskaufmann, Open-Source-Nerd, Stichwortschreiber. Ex-Saturn'ler, Ex-Data-Becker'ler, Ex-BSI'ler.

Computer-Erstkontakt: ca. 1982 - der C64 des großen Bruders eines Freunds.

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