Woran sollte man beim Kauf eines Headsets achten? Wie „misst“ man Sound- und Mikrofonqualität ohne Studio-Equipment? Wir helfen mit Hausmitteln

Eine Grafikkarte zu testen ist einfach: Einstecken, Benchmark ablesen, fertig. Aber ein Headset? Wer hat daheim schon Audiomessgerätschaft? Außerdem will man ja nicht immer eine Wissenschaft draus machen … Aber Ihr könnt direkt am Rechner Lautsprecher und Mikrofon testen, kostenlos und einfach.

Headset-Features und Ergonomie

Die Ergonomie ist im Grunde ganz einfach zu testen: Aufsetzen – bequem? Gut! Naja, fast. Tut Euch den Gefallen und lasst das Headset mal eine halbe Stunde auf. Viele Geräte sind kurzfristig durchaus bequem, drücken aber irgenwdann auf den Kopf. Oder man schwitzt wie verrückt. Schaut Euch auch die Polster an. Dünne Polster sind anfangs auch bequem, schlechte Materialien können aber schnell nachlassen. Wie ist der Bügel verarbeitet? Metall, oder doch nur Plastik? Die Spannung wird mit der Zeit abnehmen, wählt also kein Headset, das von vorne herein fast schon zu weit ist. Die Beweglichkeit des Mikrofonarms müsst Ihr hingegen nicht überbewerten, die Sprachqualität hängt wesentlich mehr vom Mikrofon selbst ab. Auch das Kabel kann Komfort verhindern: Ist es lang genug? Ist es an beiden Seiten angebracht oder nur an einer? Wenn Ihr diese Punkte im Auge habt, merkt Ihr schnell, ob das Teil für Euch ergonomisch OK ist oder nicht.

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Creative Sound Blaster H5: Viel Metall, guter Klang und bequem – so soll es sein.

Bei den Features gibt es einige Aspekte, die man bedenken kann: Was kann die Kabelfernbedienung? Sind Bedienelemente an den Ohrmuscheln auch wirklich blind zu bedienen? Auch noch in hitzigen Gefechten? Sind die Anschlusskabel austauschbar? Kann das Mikrofon entfernt werden? (Prakisch, um es einfach als Kopfhörer zu nutzen.) Und natürlich: Specs!

Die wichtigsten Specs sehr grob und einfach:

  1. Impedanz in Ohm: Je mehr, desto höher kann das Signal aufgelöst werden (Effekt ist aber nicht riesig).
  2. Sensivity in dB: Je höher, desto lauter; kleine Unterschiede bereits groß.
  3. Frequenz in Hertz: 20 Hertz – 20 Kilohertz sind ungefähr Standard – je mehr nach oben/unten, desto besser.
  4. Treiber in Milimeter: 40 mm bis 50 mm sind Standard – mehr ist besser. Treiber sind die eigentlichen Lautsprecher in den Muscheln.

Headset-Lautsprecher testen: Youtube

Die Lautsprecher sind sicherlich der wichtigste Part des Headsets und hier würden wir Euch zwei Testwerkzeuge empfehlen: Ein Youtube-Video zur Analyse von Kopfhörern und ein Euch gut bekanntes Stück Musik. Das Youtube-Video bietet mehrere Tests. Ihr könnt das ganze Video durchexerzieren, wir beschränken uns auf ein paar Empfehlungen: Test auf Höhen, Test auf Tiefen, Test auf Bass-Gerappel und Test auf Synchronität der Treiber.

Das Video startet jeweils an der korrekten Stelle.

Bass-Test: Der Ton im Video geht einfach immer tiefer und Ihr seht die aktuelle Frequenz. Je später der Kopfhörer aussteigt, desto besser.

Höhen-Test: Auch wenn das Piepen nervig ist, Ihr solltet den Kopfhörer einigermaßen laut stellen – aber lasst die Hand am Regler, als kleine Lehre aus der Praxis 😉 Das Vorgehen ist das selbe wie beim Bass-Test. Moment, wie alt seid Ihr? Die Fähigkeit, hohe Frequenzen wahrzunehmen, nimmt mit dem Alter ab. 20 Kilohertz hören oft nur unter 20-Jährige, 35-Jährige müssen sich häufig schon bei 15 Kilohertz verabschieden. Es muss also nicht am Kopfhörer liegen. Allerdings geschieht das langsam; wenn der Ton abrupt abbricht, könnte doch die Technik Schuld haben.

Bass-Gerappel-Test: Wichtig: Lautstärke hoch! Bei diesem Test wird mit extrem tiefen Bässen getestet, ob Treiber oder Gehäuse anfangen zu rappeln. Und billiger China-Rödel rappelt da ganz gewaltig.

Synchronität: Bei diesem Test werden linker und rechter Lautsprecher mit jeweis exakt derselben Frequenz versorgt, so dass sich das Stereosignal anhören sollte, als wäre es direkt in der Mitte des Kopfs. Wenn die Treiber nicht synchron sind, was auf mäßig Verarbeitungsqualität schließen lässt, „wandert“ der Ton. Ihr hört schon, was gemeint ist.

Im späteren Teil des Videos folgen noch allerhand weitere Tests, etwa zum Thema Fading, dann mit richtiger Musik. Aber es sind gerade diese synthetischen Tests, die das Video so nützlich machen. Es zeigt einfach sehr praktisch die Auswirkungen von Frequenzen für das persönliche Hören.

Headset-Lautsprecher testen: Musik

Und jetzt etwas mehr Praxis: Auch wenn es sich um ein Gaming-Headset handeln sollte, testet mit Musik. Am besten nehmt Ihr ein Stück, das Ihr in- und auswendig kennt – und zwar möglichst nicht Helene Fischer, Anton aus Tirol oder sonst etwas Triviales. Es sollte Musik sein, bei der Höhen, Mitten und Bässe gleichzeitig vorkommen, von unterschiedlichen Instrumenten, einzeln hörbar. Mit anderen Worten: Es braucht eine gewisse Dynamik. Und ein guter Kopfhörer kann hier eben ein differenziertes Klangbild erzeugen. Am besten nehmt Ihr eine nicht komprimierte Datei oder zumindest MP3 oder AAC oder was auch immer in höchster Qualität. Sucht Euch dann eine Stelle aus und hört sie nach Möglichkeit mit gutem Equipment – vielleicht kann ja ein Freund mit einem 1.000-Euro-High-End-Kopfhörer vorbeikommen … (Da kostet allein das Anschlusskabel 100 Euro 😉 )

Aber auf jeden Fall benötigt Ihr ein, zwei Vergleichsgeräte, am besten solche, die Ihr gut kennt. Und dann hört Euch den Part wieder und wieder mit wechselnden Geräten an. Achtet mal besonders auf Höhen, mal auf Mitten, mal auf Bässe. Versucht die einzelnen Instrumente herauszuhören. Bei Gaming-Headsets werdet Ihr mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit feststellen, dass es ein wenig an Dynamik fehlt, es ein wenig dumpf klingt und die Bässe dominanter werden, je billiger das Teil ist. Bei einem kürzlichen Vergleichstest konnte sich hier nicht mal das 160-Euro-Sennheiser-Headset Game One mit einem günstigeren Bose-Hifi-Kopfhörer messen. (Nebenbei: Wenn man keinen allzu breiten Kopf hat und ein offenes Headset sucht, ist das warm klingende, mit Samt beschlagene Game One wirklich ein Traum!)

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Sennheiser Game One: Perfekter Sitz für schmale Köpfe, warmer Sound und Samt-Ohrmuscheln. Aber nicht gerade billig.

Nun mögt Ihr sagen: Das Ding ist ja auch für’s Gaming – warum Musik? Ganz einfach: Erstens gibt es auch in Spielen Musik und zweitens klingen natürlich auch Spiele besser, wenn der Kopfhörer besser abgestimmt ist – man kann es nur nicht so einfach, klar und schnell identifizieren! Mal ganz abgesehen davon, benutzt man so ein Ding ja auch zum Musikhören …

Mikrofon testen

Möglichkeit 1: Ruft jemanden an und fragt nach der Tonqualität. Aber wer weiß, ob das Signal nicht auf dem Weg leidet oder das Gegenüber nur Schrott-Hardware hat.

(Bessere) Möglichkeit 2: Nutzt Audacity. Mit dem Open-Source-Mehrspur-Editor könnt Ihr einfach aufnehmen und bei Bedarf auch ganz tief in die Frequenzen zoomen, um beispielsweise Artefakte ausfindig zu machen. Testet zunächst Rauschen: Absolute Stille im Raum und dann sprecht einfach direkt ins Mikro, mal laut, mal leise und horcht dann, ob es rauscht. Wichtig: In den Sound-Einstellungen von Windows darf natürlich keine künstliche Lautstärkeerhöhung aktiviert sein! Selbst bei guten Headsets kann das dazu führen, dass Ihr auf dem Kopfhörer hört, was Ihr ins Mikro sprecht (Creative hat das regelrecht perfektioniert).

Testet zudem das Noice Cancelling: Stellt einfach den Fernseher im Hintergrund an, ladet ein paar Leute ein, die vor sich hin plappern oder lasst Alexa die Geräuschkulisse einer Kneipe abspielen – egal, irgendein Hintergrundgeräusch. Nehmt dann wieder laut und leise auf und kontrolliert, ob die Hintergrundgeräusche vernünftige herausgefiltert wurden.

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Audacity genügt für Praxistests. Links seht Ihr auch gut, dass es hier offenbar kein Noice Cancelling gab.

Sonstiges und Empfehlungen

Mit dem obigen Testkonzept kommt Ihr schon recht weit, ohne dass es gleich kompliziert wird. Aber es gibt natürlich noch weitere Kriterien, die Euch beim Kauf interessieren könnten: Garantie, Surround-Sound, Beleuchtung (ehrlich?), Ersatzteile, austauschbare Ohrmuscheln, Transportfähigkeit (hier sind abklappbare Muscheln super), Frustwurf-Toleranz und so weiter.

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Logitech G435: Große bequeme Muscheln und Alternativ-Muscheln gleich mit dabei. Top!

Wenn Ihr ein Beispiel für ein gutes, bezahlbares Headset sucht: Das Creative Sound Blaster H5 Tournament Edition liegt meist zwischen 60 und 70 Euro, ist extrem bequem, mit viel Metall stabil gefertigt, Kabel und Mikrofon sind abnehmbar, das Mikrofon ist ziemlich gut und der Sound ist – für ein Gaming-Headset – ausgesprochen ausgeglichen. Bei Headsets in der scheinbar sehr beliebten Preisklasse um 30 Euro herum, müsst Ihr Euch generell auf mäßigen Sound und meist richtig schlechte Mikrofone einstellen. Die Unterschiede zwischen den ebenfalls reichlich zu findenden Geräten um 70 Euro und doppelt so teuren Konkurrenten sind jedoch häufig nicht so gigantisch.

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Creative Sound Blaster H5: Viel Metall, guter Klang und bequem – so soll es sein.

Wenn Euch das Mikrofon nicht allzu wichtig ist, kauft einfach einen guten Hifi-Kopfhörer.

Über den Autor

Mirco Lang

Mirco Lang

Freier Journalist, Exil-Sauerländer, (ziemlich alter) Skateboarder, Dipl.-Inf.-Wirt, Einzelhandelskaufmann, Open-Source-Nerd, Stichwortschreiber. Ex-Saturn'ler, Ex-Data-Becker'ler, Ex-BSI'ler.

Computer-Erstkontakt: ca. 1982 - der C64 des großen Bruders eines Freunds.

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