Meinung

Data Becker, 00er, PC Pr@xis: Budget für Vollversionen (?)

Vollversionen in Hülle und Fülle, Programme im Gegenwert von 1.111 Euro, Exklusives hier, Neues da ... puh

Data Becker war keine kleine Klitsche, sondern einer der ältesten IT-Verlage in Deutschland, in guten Zeiten mit über 200 Mitarbeitern. Kein Zeitschriftenregal ohne PC Praxis, Windows Intern & Co., keine Buchhandlung ohne Data-Wälzer, kein Saturn ohne Goldene Serie. Und eigentlich war das Unternehmens-Credo: Microsoft, Data, und dann lange nichts ... Apropos nichts ;)

Zur Kolumne "Data Becker, 00er, PC Pr@xis".

Viele Hefte wurden vermutlich gar nicht erst gelesen, gekauft wurde wegen der Vollversion WinOptimizer, der exklusiven Photoshop-Special-Edition oder der kommerziellen Software im Gegenwert von XXX Euro. Vielleicht auch wegen der 3-Gigabyte-Linux-Distribution - Downloads in der Größenordnung waren vor 20 Jahren schließlich noch sehr sehr langwierig und teuer!

Nun könnte man meinen, an eine kostenlose Vollversion für Leser käme man auf folgende Art: Hallo Anbieter, hier sind 2.000 Euro, gebt uns eine (ältere) Vollversion von Produkt XY, vielleicht noch einen Gutschein für günstigere Updates auf die aktuelle Version und alle sind glücklich. Und ja, es gab Verlage, bei denen das so lief.

Kleines Problemchen bei Data: Das Budget lag bei ziemlich genau 0 Euro.

Tauschgeschäfte - Werbung

Wie also kommt man an die begehrten Vollversionen, wenn man sie nicht kaufen kann? Beste Option: Werbung im Heft als Gegenwert. Nun könnte man meinen, das sei doch fast dasselbe wie Budget. Ist aber nicht so.

Zum einen hatten viele Anbieter gar kein großes Interesse bei uns zu werben. Zum anderen müssten die Anbieter auch in der Lage sein, intern kostenlose Werbeschaltungen irgendwie als eine Art Profit zu verbuchen. In der Praxis hat das aber alles kaum eine Rolle gespielt: Werbeseiten durften wir nur in absoluten Ausnahmefällen anbieten - die Werbeseiten gehörten ja auch quasi den Marketing-Leuten, nicht der Redaktion! Also bei wirklich spektakulärer Software und einem eh nicht ausgebuchten Heft.

Ich erinnere: "Microsoft, Data, dann lange nichts." Dieses Credo wurde leider auch in schlechteren Zeiten ausgelebt, so dass der Wert einer Webeseite im Heft gerne mal mit (ich meine in etwa) 6.000 Euro bemessen wurde. Egal, ob man das Heft nun ausgebucht bekommen hat oder dieselbe Reichweite bei anderen Unternehmen die Hälfte gekostet hätte. Und das kann man ja nicht mal eben als Gegenwert nur für eine blöde Software anbieten ...

Tauschgeschäfte - Inhalt

Was ich immer anbieten konnte: Content. Ein wirklich typisches Tauschgeschäft sah so aus: Anbieter bringt in naher Zukunft eine neue Version eines Programm heraus, sagen wir Foobar 5.0. Was wünscht sich ein Anbieter? Coverage/Berichterstattung.

Also haben wir fürs Heft dann zum Beispiel Foobar 3.0 als kostenlose Vollversion bekommen und dafür gab es dann im Heft einen mehrseitigen Artikel zu Foobar 3.0 und darin einen Kasten mit der Ankündigung von Foobar 5.0. Und gerne auch einen Rabatt-Code dazu.

Für mich persönlich nach wie vor eine der besten Arten von Geschäft, weil wirklich alle profitieren. Aufmacher für uns, Gratis-Bezahlsoftware für die Leser, Aufmerksamkeit für den Anbieter.

Sicherlich haben so auch einige Menschen Foobar 5.0 nicht gekauft, weil sie mit Foobar 3.0 zufrieden waren, aber es dürften genug Leser dabei gewesen sein, die Foobar vorher gar nicht kannten ...

Übrigens: Das alles darf man nicht mit einem Advertorial verwechseln! Das sind Produkte vom Marketing, nicht der Redaktion - auch wenn diese die umsetzt. Beim Advertorial bucht ein Anbieter schlicht ein paar Seiten Werbung im Heft, die aber aussehen, wie ein normaler Artikel - natürlich gekennzeichnet als Werbung.

Advertorials sind im Grunde das Geschäftskonzept der meisten Influencer - als "redaktionelle" Inhalte getarnte Werbung. Advertorials können durchaus gut für alle sein. Der Anbieter bekommt Werbung, der Verlag Geld und da für den Inhalt primär die Redaktion verantwortlich ist, bekommen Leser bisweilen gute Artikel zu nischiegen Themen. Aber wie gesagt, es sind Produkte des Marketings, also haben die auch das letzte Wort.

Lite, Light, Special, Limited

Und dann gab es noch die vielen Spezialversionen, die direkt als Covermount konzipiert waren. Etliche Anbieter hatten sowas wie Foobar 3.0 Lite oder Foobar Limited Edition im Angebot - wohlgemerkt ausschließlich für Zeitschriften-Cover!

Diese Dinger wurden dann abwechselnd den großen PC-Zeitschriften zur Verfügung gestellt - so konnte immer sowas wie Exklusiv auf dem Cover stehen. Fun Fact: Auf Magazinen wollte man immer die Wörter Neu oder Exklusiv oder Kostenlos unterbringen. Damals lagen in Regalen meist sechs, sieben Zeitschriften nebeneinander, alle mit ähnlichen Themen, ähnlicher Aufmachung, ähnlichen Vollversionen - und die Kaufentscheidung viel dann letztlich binnen Bruchteilen von Sekunden, rein intuitiv. So zumindest die (tendenziell unbewiesene) allgemeine Theorie zum Pressevertrieb.

Solche Spezialversionen waren meist mehr als eine Trial oder reine Shareware, aber auch mehr Augenwischerei als sonstwas.

Charme :)

Letztlich haben Verlage und Software-Anbieter natürlich in einer gewissen Symbiose co-existiert. Das Internet war noch nicht das große Ding, ohne Inhalte in Zeitschriften war wohl keine größere Anwendersoftware denkbar. Wir als Redaktion wiederum waren auf Testversionen, Statements, Interviews und dergleichen angewiesen.

Mit anderen Worten: Viele Pressesprecher habe ich einfach in wunderbarer Regelmäßigkeit getroffen, wir alle wussten, wie das Spiel läuft und dann gab es eben auch mal Vollversionen, weil man sich einfach gut verstand.

Dennoch werde ich den unangenehmen Part auch nie ganz vergessen:

  • Ich: Wir hätten gerne Foobar 4.0 für die Heft-DVD.
  • Anbieter: Was bekomme ich dafür?
  • Ich: Nichts.
  • Anbieter: ...

Meine Favoriten: Profis!

In der Regel waren Vollversionen Verhandlungssache. Aber es gab auch schon immer Firmen, die das Spiel um Covermounts sehr sehr gut verstanden haben. Da war ganz klar: Ja, wir haben allerlei Produkte für Heft-DVDs. Da konnte man einfach Bescheid sagen und wenn die Software für den Monat nicht schon vergeben war, gab es dann einfach einen Download-Link und fertig.

Apropos, fast vergessen, noch so ein Tauschgeschäft: Bisweilen hatten wir auf der DVD auch nur einen Download-Link zur Vollversion - wo sich Leser dann mittels Code und persönlichen Daten (!) registrieren mussten. Registrierte Nutzer, die man mit Werbung vollkleistern kann, waren auch damals schon ein echter Wert.

Und niemand hat das alles so gut verstanden wie Ashampoo - aber der Softwarehersteller aus Norddeutschland bekommt eine eigene Episode.

Hollywood!

Und dann fingen Zeitschriften an, Filme auf die DVDs zu packen. Und auf den Zug wollten wir auch aufspringen - und sind wohl eher dagegen gesprungen.

Wir hatten keine Beziehungen zu den Rechteanbietern, die Jugendschutzangelegenheiten liefen anders, ganz ohne Geld ging es nicht, es gab massiv Verwaltungs-Overhead, statt Blockbustern waren für uns eher Direct-to-Video-Produktionen oder Uralt-Klassiker drin ... Halt Dinge, die heute um 23:00 Uhr bei Tele 5 laufen.

Kurz: Es war eine kurze Episode, mehr als zwei, drei mal haben wir das glaube ich gar nicht gemacht. Da hätte Data einfach mal investieren sollen, um einen halbwegs aktuellen Klassiker zu bekommen - "Basic Instinct" auf DVD hätte bestimmt funktioniert. Aber diese Jugendfreigabe ...

Betteln

Tja, auch das darf man nicht ganz außen vor lassen - im Grunde saßen wir nicht selten mit großen traurigen Hundeaugen am Tisch, haben unser Elend geklagt, vage Zusagen für die Zukunft gemacht und auf die DVD gepackt, was eben so abfiel.

Das Besorgen von echten Vollversionen ohne Budget hat wirklich keinen Spaß gemacht, der mit Abstand unangenehmste Teil des Jobs. Aber es musste ja sein, sonst hätte ja niemand Software im Gegenwert von 1.111 Euro aufs Cover schreiben können, woll?! Mehr dazu in der nächsten Folge.

Hier übrigens mal ein Beispiel - Covermounts gibt es immer noch! - für ein durchaus ordentliches Angebot mit einem recht aktuellen Spiel (Steam-Preis just in diesem Augenblick: 2,99 Euro ;) ) auf einer Heft-DVD:

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Produktpreise und -verfügbarkeit sind zum angegebenen Datum / Uhrzeit korrekt und können sich ändern. Alle Preis- und Verfügbarkeitsinformationen auf https://www.amazon.de/ zum Zeitpunkt des Kaufs gelten für den Kauf dieses Produkts.

Könnt Ihr Euch noch erinnern, Hefte mal nur wegen der Covermounts gekauft zu haben? Wegen eines Spiels, Films oder Tools?

Mirco Lang

Freier Journalist, Exil-Sauerländer, (ziemlich alter) Skateboarder, Dipl.-Inf.-Wirt, Einzelhandelskaufmann, Open-Source-Nerd, Checkmk-Handbuchschreiber. Ex-Saturn'ler, Ex-Data-Becker'ler, Ex-BSI'ler. Computer-Erstkontakt: ca. 1982 - der C64 des großen Bruders eines Freunds. Wenn Ihr hier mehr über Open Source, Linux und Bastelkram lesen und Tutonaut unterstützen möchtet: Über Kaffeesponsoring via Paypal.freue ich mich immer. Schon mal im Voraus: Danke! Nicht verpassen: cli.help und VoltAmpereWatt.de. Neu: Mastodon

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