Mit Jasper und einem Raspberry Pi könnt Ihr Geräte wie Amazon Echo samt Alexa nachbauen – nun, könntet, würde es die Dokumentation nicht versauen …

Sprachsteuerung ist das Ding der Stunde – allen voran Amazons Echo und Dot mit Alexa, aber auch OK GOOGLE und SIRI spielen mit. Leider sind die Möglichkeiten beschränkt und die Anbieter hören zu. Wie wäre es mit einer schönen Open-Source-Alternative auf Raspberry-Pi-Basis? Mit Jasper lassen sich beliebige eigene Funktionen einbauen, beispielsweise um ein Mediacenter wie Kodi zu steuern. Leider ist Jasper ein Paradebeispiel für elende Kellerkinder …

35 Stunden für’n Arsch

Ich lieben Open Source und Freie Software, ich frickel gerne und kann bisweilen auch einiges an Geduld aufbringen – aber die Jasper-Pfeiffen haben es tatsächlich geschafft, dass ich aufgebe, nach ca 35 Stunden. Open-Source- und Entwicklerstudien zeigen immer wieder, dass die Dokumentation eines der größten Probleme von Open-Source-Projekten ist. Und Jasper ist das perfekte Beispiel, wie eine versaute Dokumentation ein ganzes Projekt zerstören kann. Warum, werde ich nie verstehen: Es ist soooo viel Arbeit, ein Projekt wie Jasper zu programmieren, da muss doch Zeit sein, um sich jemanden zu suchen, der das Keller-Nerd-Gequatsche in Oberwelt-Normalo-Menschen-Sprache übersetzt …

jasper

Sieht einfach aus, oder? Abwarten!

Die Installation

Im Grunde sollte es ganz einfach sein: Man spielt ein vorbereitetes Image auf eine SD-Karte, lässt ein Konfigurationsskript laufen und legt dann direkt mit den ersten, eingebauten Interaktionen los: „Jasper – Beep – What’s the time? – Beep – It’s 14:30 p.m.“. Soweit die Theorie. Aber was genau befindet sich auf dem vorkompilierten Image? Keine Angabe. Nach dem Imaging soll man Jasper klonen und Python-Abhänigkeiten installieren, wie es in der Installations-Doku beschrieben wird, und dann direkt zur Konfiguration überspringen.

In der Konfigurationsanleitung wird man dann wieder zurückverwiesen an die Installation diverser Tools und Abhängigkeiten – müssen die nun tatsächlich installiert werden oder gilt das nur für die manuelle Installation ohne „fertiges“ Image? Keine Angaben. Da allerlei kompiliert werden muss, dauert der Vorgang dann rund 9 Stunden – nur um dann vor dem letzten kleinen Schritt zu sagen, dass nicht genügend Speicher vorhanden ist …

Also das Ganze Prozedere nochmal auf einer größeren SD-Karte – wieder 9 Stunden später: Kein Platz! Nun gut, Raspi-typisch muss das Dateisystem vorher über raspi-config erweitert werden – dazu keine Angabe. Wäre es zuviel verlangt, das mal zu erwähnen? Also erweitert, letzten Schritt ausgeführt und schon kann’s losgehen – oder auch nicht, es kommen nur Fehlermeldungen.

Erfreulicherweise lässt sich auf Github ein Installationsskript für ein normales Raspbian finden – wieder gut 9 Stunden später: Installation erfolgreich durchgelaufen! Jasper gestartet und siehe da: Neue Fehlermeldungen …

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Die Konfiguration per Skript ist einfach – die Installation ein riesen Aufwand.

Die Auflösung

In den offiziell verlinkten Support-Foren findet sich dann eine mögliche Lösung: Die Dokumentation sei völlig veraltet, wird nicht mehr gepflegt und offenbar waren die „Hersteller“ nicht gewillt, daran irgendwas zu ändern – wie zumindest ein aktiver User mitteilt, der hier allerlei Ersatz-Doku schreibt. Zudem bietet er ein eigenes Image, mit wirklich vorinstalliertem Jasper – geil! Leider funktioniert der Download nicht …

Nach weiterer Sucherei findet sich auch hierzu eine Lösung: Der werte User ist gerade mit Privatdingen beschäftigt und kommt nicht zu seinem neuen Image – das alte ist leider nicht verlinkt. Stattdessen soll künftig ein grafischer Installer folgen – man muss wohl hoffen. Auch auf die Doku darf man vielleicht hoffen: Vor ein paar Monaten ist zumindest an den Installationsteil doch nochmal Hand angelegt worden, einige Installationsquellen wurden beispielsweise aktualisiert – aber auch egal, denn funktionieren tut es dennoch nicht.

Pfeiffen …

Im Endeffekt habe ich nun rund 35 Stunden Zeit investiert, davon rund 27 Stunden warten auf das Kompilieren – und nichts läuft. Jasper hätte das Potenzial ein wirklich großes Ding zu werden – zumal als Spracherkennung neben Offline-Diensten sogar Google genutzt werden könnte! Offline-Betrieb, kein lauschender Anbieter, relativ simples Anlegen eigener Befehle/Interaktionen, Spotify-Integration und etliche Features mehr, würden wohl den einen oder anderen Nutzer und Entwickler interessieren. Und doch werden die Tausenden Stunden Programmierarbeit durch die beschissene Dokumentation völlig zu nichte gemacht – oder habt Ihr schonmal von Jasper gehört? Oder im Zusammenhang mit der Alexa-Berichterstattung davon gelesen? Nein? Eben!

Dass Programmierer Probleme mit der Außenwelt-API haben, ist nicht neu – und liebe Coder, dafür gibt es ja Menschen wie mich, die Frickelsoftware einrichten und dann normalen Menschen erklären, wie das geht. Im Fall von Jasper ist die Dokumentation nicht geradlinig (drei Wege und Rückverweise), nicht vollständig (Image-Inhalte, Raspi-Konfiguration), nicht völlig korrekt (einige Verzeichniswechseln in den Installations-Code-Schnippseln funtionieren nicht) und vermutlich in Teilen veraltet – von Umsetzbarkeit für Otto Normalverbraucher muss man sowieso nicht reden.

Otto will auch spielen!

Warum gibt es für diesen Otto kein fix und fertiges Image? Hier wird ein System mit einer Standardkonfiguration für ein ganz bestimmtes Stück Hardware, hier den Raspberry Pi Modell B+, aufgesetzt – da wäre Plug&Play nun wirklich kein Problem. Klar, bestimmt lässt sich Jasper irgendwie zum Laufen bringen. Es gibt auch eine Anleitung zum komplett manuellen Installieren – geschätzte Zeit: 11 Stunden – und da habe selbst ich jetzt keinen Bock mehr drauf.

Schade Jasper-Entwicker, Ihr versaut etwas wirklich Tolles durch ein eigentlich völlig läppisches Problem – so wird Jasper vermutlich auf ewig ein Spielzeug für sehr, sehr wenige Nerds und vermutlich ein paar professionelle Anwender bleiben. Entschuldigt das einleitende „Pfeiffen“, aber es nervt einfach, immer wieder über die immer wieder selben Dinge zu stolpern. Man hat das Gefühl, Ihr lauft erfolgreich einen Ultra-Marathon und bleibt dann vor der Ziellinie stehen, weil Ihr nicht wisst, wie Ihr durch das Band kommt – das muss Euch doch selber ärgern, oder?

Nun, vielleicht habe ich irgendwann die Muße, es nochmal zu probieren, so ist es irgendwie unbefriedigend …

Über den Autor

Mirco Lang

Mirco Lang

Am Anfang war der C-64 des großen Bruders des besten Freundes in der Grundschule …

Der echte Technikwahn kam dann mit einer Ausbildung bei Saturn – als Computer noch erklärt werden mussten, Soundkarten benötigten, ein gutes Monatsgehalt kosteten und das Internet nur bei Nerds und mit 38 kbp/s lief, bestenfalls.

Ein Studium der Informationswirtschaft und ein paar Jahre als Redakteur bei Data Becker später, sitzt hier ein freier Journalist, der auf Old-School-Computing (cli ftw!), Free Software, Frickelei, Kodi und „Hundedinger“ steht – und Grauseligkeiten wie Bild und Heftig.co zutiefst verabscheut.

Und sonst so? Sauerländer, Ex-BSI’ler, untalentierter Musikinstrumentebesitzer und seit 26 Jahren Skateboarder, ein ziemlich alter. Und manchmal kommt das abgebrochene Philo-Studium wieder durch …

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Kommentare

  • Hm… Erklärversuch: Neues Coden ist viel geiler als (langweilige) Doku zu schreiben – über etwas, das sich ein anderer ausgedacht hat. OpenSource, oft freiwillig, da fehlt die „leitende Hand“ bzw. hierarchische Struktur von oben. Bei allen Vorteilen von OS hier ein Nachteil ggü. Anwendungen, die von einem Unternehmen (für Geld) bereitgestellt werden.
    Kritik an die Jasper-Entwickler schicken halte ich für eine große, richtige und wichtige Geste [oder lesen die hier mit?], denn wie sollen sie’s erfahren. Sicher geht’s anderen „Ottos“ – wie ich auch einer bin 😉 – ähnlich.