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Schlechter Journalismus: Lidl-Löffel in Kölner Stadt-Anzeiger und BZ

Ein verspotteter Marketing-Gag, ein Lehrstück für schlechte Artikel und ein paar Tipps zum Thema Medienkompetenz.

Der Lidl-Löffel wurde in den sozialen Medien mit Hohn und Spott überschüttet, und auch wir waren ganz vorne mit dabei. Beim Kölner Stadt-Anzeiger wurde das Teil aber plötzlich zum Liebling der Massen, zum vergriffenen Verkaufshit. Der KSTA-Artikel taugt dabei lediglich als Anschauungsmaterial, wie „Journalismus“ nicht aussehen sollte. 18.000 Zeichen zu einem Artikel mit sechs Sätzen ;)

Inhalt

Weil der Artikel so lang ist (sorry für den Redeschwall, aber es ist Sonntag, es regnet, dank Kirmes komme ich aus der Garage direkt in den Stau …), hier ein Inhaltsverzeichnis:

Warum die Aufregung? – Wo liegt eigentlich das große Problem?
Worum geht es überhaupt? – Was steht eigentlich im KSTA-Artikel?
Nur ein Löffelchen? – Nicht der Löffelchen-Artikel ist das eigentliche Problem.
Medienkompetenz! Tipps! – Kritischer Umgang mit Medien und Meinungen.
Keine Wissenschaft – Im Alltag alles halb so wild.

Warum die Aufregung?

Gute Frage, schließlich geht es nur um eine kurze Meldung zu einem völlig bescheuerten Marketing-Gag, nicht um die große Weltpolitik. Aber bei Journalismus und Redaktionen geht es um Vertrauen – das mit solchem Mist nachhaltig zerstört wird, auch bezüglich wichtigerer Themen. Zudem ist das Beispiel hier dermaßen plakativ, dass sich grundsätzliche Probleme wunderbar veranschaulichen lassen.

Vor einiger Zeit habe ich mich mit einem guten Freund unterhalten, für dessen Intelligenz ich meine Hand ins Feuer legen würde, der ein überdurchschnittliches Bildungsniveau vorweisen kann und durchaus extrem kritisch ist. Und irgendwann kam die Empfehlung, statt der Mainstream-Medien doch auch mal „Ken FM“ anzugucken … Den Namen fast vergessen machte es kurze Zeit später KLICK, der Name Ken Jebsen kam aus den Tiefen der Verdrängung und ich dachte nur noch „Meine Fresse …“. Warum legt mir ein intelligenter Mensch einen Verschwörungskaspar wie diesen Plagegeist nahe?

Die Antwort ist im Grunde simpel: Der kritische Umgang mit Inhalten und vor allem die Überprüfung von Quellen ist für Otto Normalverbraucher offenbar nicht so selbstverständlich wie ich gedacht oder zumindest gehofft hätte. Ist aber auch nicht immer einfach! Bevor ich dazu noch ein paar Worte zum Besten gebe, erstmal wieder zurück zum KSTA-Lidl-Löffel-Eklat:

Eine Redaktion, eine journalistische Quelle, eine Zeitung, eine Website hat die Aufgabe, Themen zu filtern, zu bewerten, zu beschreiben, einzuordnen und zu überprüfen. Da wird sehr viel Arbeit in eine Heft- oder Online-Seite komprimiert. Für das Wissen einer einzelnen Zeitung kommen Hunderte Mannstunden zusammen – das könnte ein einzelner Leser für sich selbst gar nicht leisten. Man muss/kann nicht jeden Mist sorgfältig recherchieren, Originalquellen lesen, Beteiligte befragen oder gar vor Ort nachschauen. Stattdessen sucht man sich eine Redaktion des Vertrauens, die das stellvertretend erledigt. Natürlich kann und sollte man immer noch skeptisch bleiben und sporadisch mal Dinge überprüfen, die einem komisch vorkommen. Fehler kommen vor, sei es durch Unaufmerksamkeit, Zeitdruck, Versehen, Kommunikationsfehler, Fehler in Quellen – das ist einfach menschlich. Und nicht jede Redaktion hat einen Haufen Kontrollinstanzen. Online-Seiten wie wir oft überhaupt keine. Aber wir schreiben auch nicht über das Weltgeschehen ;)

Und der KSTA zerstört das Vertrauen mit so einer – Verzeihung – Scheisse.

Worum geht es überhaupt?

Der KSTA titelt hier wie folgt:

„Lidl-Löffel“ ist Verkaufs-Hit im Internet

Im Text kommt unterstützend hinzu: „Seit dem 24. Oktober erhalten Lidl-Kunden ab einem Einkaufswert von 25 Euro den Lidl-Löffel kostenlos an der Kasse, solange der Vorrat reicht.“ Und der Artikel endet mit: „Online war er zudem für einen Aktionspreis von einem Cent zu kaufen, ist derzeit aber restlos vergriffen.“

Wie kommt man hier auf Verkaufshit? Dass der Löffel nicht mehr verfügbar ist, könnte auch schlicht daran liegen, dass Lidl nur 10 Stück hatte – war ja schließlich mehr Marketing-Gag als ernstgemeintes Produkt. Schlimmer: Der Löffel war nicht ab dem 24., sondern am 24. eine Dreingabe beim Einkauf vor Ort, so zumindest die Pressemitteilung von Lidl. Falsche Fakten, falsche Schlussfolgerungen.

Noch ein Auszug: „In den sozialen Netzwerken kam die Idee gut an.“ Öhmm, nein? Das dämliche Ding wurde mit Hohn und Spott überschüttet!

Und noch einer: „Im Rahmen dieser Kampagne brachte Lidl auch den „Lidl-Löffel“ heraus, einen handelsüblichen Löffel mit Einkerbung in der Mitte, der dafür sorgt, dass auf dem Löffel 20 Prozent weniger Zucker als auf einem herkömmlichen Esslöffel landen.“ Gott, wo fange ich an … Es handelt sich eben um einen nicht handelsüblichen Löffel, es handelt sich nicht um eine Einkerbung und seit wann übernimmt man bitte Werbeaussaagen 1:1? Jeder Praktikant lernt eigentlich am ersten Tag, dass man Pressemitteilungen in den Konjunktiv schreibt – ein simples „soll“ am Ende des Satzes hätte schon gereicht.

Reicht noch nicht? Als Autor ist lediglich „red“ angegeben – WOW! Wie hilfreich ist das denn? Aber gut, unter so einen Mist hätte ich meinen Otto auch nicht gesetzt. Redaktion ist hier übrigens nicht gleich KSTA muss man wohl dazusagen, da man den Artikel auch bei der Berliner Zeitung lesen darf …

Jeder macht Fehler, und das ist auch in Ordnung. Aber dieses Machwerk ist einfach nur peinlich schlecht – handwerklich unterirdisch und ohne jeglichen Informations- oder Unterhaltungswert. Und ich habe nichtmal erwähnt, dass im Artikel von Ess- statt von Teelöffeln die Rede ist. Es sind einfach zu viele Fehler für sechs Sätze. Sechs, setzen.

Nur ein Löffelchen?

Ganz ehrlich, so ein Larifari-Beitrag über einen Marketing-Löffel muss eigentlich keine Sau interessieren. Aber es zerstört das Vertrauen in die Redaktion. Am selben Tag, im selben Ressort (Verbraucher) gab es folgenden Beitrag: „37 Tote durch E-Zigaretten US-Gesundheitsbehörde spricht von der „Spitze des Eisbergs““ – das ist schon kein Larifari mehr, woll?! Aber ich werde den Artikel nicht lesen. Beim Lidl-Löffel war ich zufällig im Thema und konnte auf den ersten Blick sagen, dass so ziemlich alles, was da steht Bockmist ist. Das Thema E-Zigaretten habe ich bislang aber noch nie verfolgt, hier müsste ich dem KSTA vertrauen – was ich aber nach der Löffelchenerfahrung nicht tue.

Gut, das ist jetzt vielleicht etwas überzogen, vielleicht ist der KSTA normalerweise seriös und der Lidl-Beitrag vielleicht von einem ganz frischen Volontär und vielleicht war der betreuende Redakteur gerade verhindert oder was auch immer. Bevor man sein KSTA-Abo kündigt sollte man sicherlich weitere Artikel überprüfen. Wenn man wüsste, von wem der Artikel stammt, könnte man auch einfach diesen Autoren ignorieren – aber nein, es steht ja nur „red“ dran …

Mindestens eine direkte, finanzielle Auswirkung hat der Artikel aber schon jetzt: Mein Werbeblocker ist auf KSTA nun wieder eingeschaltet – für den Fall, dass ich zufällig nochmal dort lande. Habt Ihr Euch selbst zuzuschreiben, liebe Kollegen.

Medienkompetenz! Tipps!

Zum Thema Medienkompetenz habe ich mich schon mal ausgelassen – damals war die ganze Presselandschaft voll mit Stumpfsinn bezüglich der Zeitumstellung. Und auch heute muss ich wieder für den kritischen Umgang mit Medien werben – insbesondere mit den heute leider so oft gepriesenen alternativen Medien, die angeblich die vermeintliche Zensur oder die Merkelgleichschaltung oder die Linksgrünversiffung oder Industriedurchfärbung oder Auf-dem-rechten-Auge-Blindheit oder sonstige Panikattacken im Gegensatz zu etablierten Redaktionen umschiffen.

Wer schreibt da? Das Impressum ist immer ein sehr guter Startpunkt: Wer steckt hinter den Inhalten? Wenn das Impressum fehlt oder dort nur anonyme Angaben zu finden sind, könnt Ihr auch gleich wieder gehen. Das Impressum ist Pflicht und Grundpfeiler jeglicher Seriösität (vor allem seit Whois-Abfragen quasi tot sind). Und wenn der Autor – wie häufig zu sehen – meint, die Anonymität müsse sein, weil er ja in Deutschland sonst seine Meinung nicht sagen dürfe, zensiert oder als Nazi/Ökoterrorist/Kommunist verunglimpft würde, dann verschwindet erst recht. Solche Schutzbehauptungen sind nichts weiter als pauschale Rechtfertigungen für jegliche Art von Propaganda (oder Anzeichen verschärfter Paranoia). Und wenn ein Name auftaucht: Schlagt mal kurz bei Google nach. Neulich hat ein Leser hier in den Kommentaren beispielsweise mehrfach auf eine von diesen Seiten mit der ultimativen Wahrheit hingewiesen – dessen Macher aber leider aktiv einen bekannten Sexisten und Minderheitenhetzer unterstützt. Zack, schon ist die Seite raus. Die Inhalte um die es ging waren gar nicht mal so schlecht – niemand sagt, Paranoiker hätten keine Ahnung von Verschlüsselung -, aber das Vertrauen ist hinüber. Nicht jeder Autor ist Journalist, viele sind eher Aktivisten.

Wer finanziert das? Man kann nicht jede Redaktion dazu verpflichten, bis ins kleinste Detail aufzuführen, woher die Gelder kommen. Aber grundsätzlich sollte man das in Erfahrung bringen. Auf Tutonaut.de ist das einfach: Google AdSense und Amazon-Affiliate-Links und ein paar Tassen Kaffee über Paypal-Spenden. Bei klassischen journalistischen Produkten ist es meist auch klar: Verkäufe und Anzeigen. Klar kann populistisches Verhalten die Verkäufe steigern (siehe Bild) und eine Konzentration auf wenige Anzeigenkunden birgt auch die Gefahr einer Abhängigkeit – doch das sind durchschaubare Konzepte. Wenn hingegen Leute wie Jebsen einfach nur davon sprechen, von Spenden finanziert zu werden, ohne die Struktur der Spender offenzulegen, dann sollte die Skepsis enorm wachsen.

Gäste können auch ein super Indiz sein. Als mir der Jebsen-Output empfohlen wurde konnte ich natürlich ganz fix dafür sorgen, dass diese Quelle bei meinem Gesprächspartner sofort aus der Welt der relevanten Dinge entfernt wurde – weil mir diesbezüglich genügend Vertrauen entgegengebracht wurde, mir die Einschätzung Jebsens als anerkannten Verschwörungsspacko abzunehmen. Aber man konnte es auch einfach selbst in 10 Minuten herausfinden: In seinen Gesprächsrunden mit meist vier, fünf Gästen waren alle Gäste immer einer Meinung, Jebsen stellte ständig Suggestivfragen und wiederholte ständig dieselben Standpunkte – die er und die angeblich ach so unterschiedliche Gruppen vertretenden Gesprächspartner gemeinsam einnahmen. Auswahl von Gästen und Fragetechniken sind bei entsprechenden Formaten immer ein guter Aspekt.

Wissenschaftlicher Konsenz ist ebenfalls ein super Indiz: Ja, viele „alternative Quellen“ erklären Dinge total super, klingen logisch, einleuchtend, einfach – und zitieren unter Umständen sogar echte Wissenschaftler. Wenn aber ein hoher Grad an wissenschaftlichem Konsens herrscht, sagen wir 90 Prozent, muss man sich dennoch fragen, was wohl plausibler ist: Dass sich 90 Prozent der Wissenschaftler auf dieselben falschen Thesen „geeinigt“ haben, sei es nun bewusst oder unbewusst, und nur ein paar einzelne Wissenschaftler die „Wahrheit“ gepachtet haben (zumal die hier angenommen 10 Prozent Dissenz sich kaum auf ein und dieselbe These einigen werden). Oder, dass diese Einzelmeinungen doch eher von anderen Motiven herrühren: Aufmerksamkeit, Lobbyismus/Aktivismus, persönliche Bereicherung. Bereits bestehenden Konsens zu unterstützen lässt sich schwierig in Einkommen oder Zuhörer umsetzen. Eine „alternative Wahrheit“, eine Minderheits- oder gar Einzelmeinung zu pushen hingegen schon – die Konkurrenz ist geringer und (zahlendes) Publikum gibt es genug. Wer seinen Euro-1-Diesel behalten will hört vielleicht lieber, dass die Menschheit mit dem Klimawandel eigentlich gar nichts zu tun hat als den wissenschaftlichen Konsens – um es mal auf Stammtischniveau herunterzubrechen. Wissenschaftlichen Konsens darf man natürlich nichtsdestoweniger hinterfragen, das ist nicht zwangsläufig ein Synonym für Wahrheit!

Pedanterie im Umgang mit Fakten ist ebenfalls ein guter Punkt. Journalistische Produkte sind keine wissenschaftlichen Produkte, es soll und muss vereinfacht und zwangsläufig auch zusammengefasst werden. Aber allzuschnell schleifen sich Fehlerchen durch, die überall übernommen werden. Ein Beispiel aus jüngster Zeit: Die Forschungsergebnisse von Dr. Frank Madeo von der Uni Graz bezüglich Autophagie und Intervallfasten. Fast überall findet sich ein Wert von 14 Stunden Fastenzeit pro Tag – kommt Madeo selbst zu Wort, spricht er von „Um sicher zu gehen, sollten es aber mindestens 15 Stunden sein, besser 16“. Ob es daran liegt, dass für 14 Stunden eher Leser zu finden sind? 14 Stunden sind schon grenzwertig für viele Normalesser, zwei Stunden mehr sind da keine Kleinigkeit. Aber das ist natürlich nur bösartige Spekulation. Wo genau die Grenze ist, muss jeder ein wenig für sich schauen. In einem Deutschlandfunk-Beitrag zum Thema wurde mal darüber diskutiert, dass es in einem journalistischen Beitrag nicht heißen dürfe „… in diesem Moment dachte Herr Meier …“, sondern „… in diesem Moment, sagte Herr Meier, dachte er …“. Ansonsten müsste man dem Autor schließlich die Fähigkeit des Gedankenlesens einräumen. Man mag das als übertrieben empfinden, ich persönlich begrüße aber Redaktionen, in denen derartige Details diskutiert werden.

Überschriften sind keine Zusammenfassungen – auch eine wichtige Lektion. Es gibt selbst in Redaktionen, die nicht die weltbewegenden Themen abhandeln immer wieder Diskussionen, wie weit sich eine Überschrift aus dem Fenster lehnen darf. Persönlich bin ich da eher für nüchterne beschreibende Headlines, auch wenn ich mir ab und an Dinge wie Katzenmissbrauch gönne. Aber auch bei Data Becker in der PC-Praxis-Redaktion kamen letztlich Überschriften heraus wie: „50 Verbotene Tools“, „Software im Wert von 1.111 Euro auf der Heft-DVD“, „Das schnellste Windows aller Zeiten“ und so weiter – nur allzu selten (aka nie) konnte ich hier korrigierend eingreifen. Titel sollen und dürfen auch einfach neugierig machen und provozieren. Im Grunde folgend sie dem guten alten AIDA-Prinzip aus der Werbung: Attention: Katzenmissbrauch? Der Blick bleibt hängen, Aufmerksamkeit ist generiert. Interest: Weiterer Titel-Teil war: „… und warum ich ihn praktiziere“ – jetzt sollte das Interesse geweckt sein, ist schließlich schlimm, das mit den Katzen … Desire: In der Artikelzusammenfassung, wie sie etwa auf den Trefferseiten von Google oder Verlinkungen in sozialen Medien auftaucht, folgt dann noch eine schwurbelige, unbefriedigende Andeutung – was den konkreten Wunsch wecken sollte, das Geheimnis hinter dem Katzenmissbrauch zu erkunden. Und die Action ist dann der Aufruf des Artikels. Bei einem Zeitschriften-Cover im Kiosk lässt sich das noch besser mappen: Das Auge bleibt am Cover-Bild hängen (Attention), ließt ein paar Stichwörter (Interest), das Hirn verspricht tolle Erkenntnisse/Tipps/Diäten/Gratisdinge (Desire) und das alles führt dann optimalerweise zum Kauf (Action). Dieses Konzept ist für Werbung und Verkauf genauso essenziell wie EVA für die IT. Kennt und begreift man solche (simplen!) Prinzipien, kann man schon deutlich bewusster durch die Welt gehen.

Keine Wissenschaft

Ihr müsst keine Wissenschaft aus dem Lesen einer Zeitung machen. Ein gesundes Maß an Skepsis sollte freilich immer aktiv sein, aber Ihr müsst und könnt nicht ständig alle Quellen und Fakten überprüfen. Sucht Euch eine Redaktion Eures Vertrauens und vertraut ihr (bis zu einem gewissen Grad …), und zwar auch dann, wenn Euch ein Artikel mal gegen den Strich geht. Ihr müsst sowas dann weder kritiklos aktzeptieren noch Eure Meinung ändern, aber Ihr solltet es als einen ernstzunehmenden Beitrag hinnehmen und drüber nachdenken. Nach dem Motto: Vielleicht ist ja was dran. Artikel und auch Diskussionen sollten eigentlich dabei helfen, sich eine Meinung zu bilden – und nicht bloß Bestätigung für das eigene Bauchgefühl sein. Eine gute Diskussion ist eine spielerische Auseinandersetzung mit einem Thema, kein argumentativer Kampf auf Leben und Tod (siehe auch hier). Eigentlich sollte man um des Verständnis willens und spaßeshalber auch mal den entgegengesetzten Standpunkt einnehmen. Versucht doch mal, bei Eurem nächsten Antifa-Treffen pro Rechtskonservatismus zu argumentieren. Oder auf Eurem AfD-Treffen pro Einwanderung. Oder beim nächsten Emacs-Stammtisch pro vi! Auf eigene Gefahr, versteht sich ;)

Auch die Alltagsrealität dürft Ihr nicht ganz außen vor lassen. Meine Klagen über den KSTA-Artikel kommentierte ein Kollege mit „Die Zahlen 8 Cent pro Artikel oder so. Was erwartest Du? 🤣“ (die 8 Cent bitte als die Übertreibung verstehen, als die sie gedacht war … (dass man das echt dazusagen muss ;) )). Und ja, vermutlich herrscht in einer Redaktion des Tagesjournalismus wie dem KSTA auch ein gewisser Druck bezüglich der Frequenz an Artikeln. Und ja, das bedeutet oft auch Beiträge ohne jeglichen Tiefgang – haben wir auch (selten) mal, etwa dieses Armutszeugnis aus den Anfangstagen. Und nochmal ja, manch ein Kleinkram wird auch von Nebenjobbern, Praktikanten, Volontären oder schlicht Berufseinsteigern verfasst. Das ist wie die oft im September unsagbar langsame Supermarktkasse: Im August fangen die Auszubildenden an und nach einer theoretischen Einarbeitung landen sie dann oft im September in den Märkten. Schnelles, fehlerfreies Kassieren ist eine Frage der Erfahrung, also seid in dieser Zeit doch bitte nett, auch wenn es mal länger dauert und häufiger ein „Frau Schmidt, ich bräuchte mal ein Storno“ zu hören ist. Die ersten Tage im Einzelhandel sind nicht leicht, wie ich aus eigener Erfahrung weiß – meine „Einarbeitung“ bei Saturn ’96: „Hier ist Deine Weste (!), stell Dich einfach mal in die Abteilung und guck Dich um, musst ja am ersten Tag noch nicht jemanden ansprechen.“ Wer hätte da von mir Fehlerfreiheit erwarten können?

Ich würde ja sagen, ich schweife ab, aber dieser ganze Beitrag ist ein einziger Abschweifer, ne?! Ich will ja auch nur sagen: Mit ein wenig Medienkompetenz im Hinterkopf könnt Ihr unseriöse von seriösen Quellen relativ einfach unterscheiden, Graubereiche als solche erkennen und hier und da Toleranz gegenüber Kleinigkeiten entwicklen. Um nochmal auf den KSTA-Beitrag zu kommen: Die Hauptaussage ist, dass Lidls Aktion sehr erfolgreich sei – und in Anbetracht der vielen Fehler in und um diesen Artikel, bis hin zum Verzicht auf eine Namensnennung des Autors, bleibt, wie man es heute so schön schwäbisch formuliert, ein Geschmäckle. Aber hey, der Artikel besteht aus 6 Sätzen und drum herum gibt es 11 Anzeigen – vermutlich bin ich der Idiot.

screenshot kölner stadt-anzeiger
Für den Fall, dass der Artikel irgendwann mal nicht mehr online ist, hier ein Screenshot.

Titelbild: brotiN biswaS from Pexels

Mirco Lang

Mirco Lang

Freier Journalist, Exil-Sauerländer, (ziemlich alter) Skateboarder, Dipl.-Inf.-Wirt, Einzelhandelskaufmann, Open-Source-Nerd, Checkmk-Handbuchschreiber. Ex-Saturn'ler, Ex-Data-Becker'ler, Ex-BSI'ler.

Computer-Erstkontakt: ca. 1982 - der C64 des großen Bruders eines Freunds.

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