Ach Werbung, Du hast uns viel Gutes getan. Nicht das Coole-Kids-rauchen-Image, nicht die halbnackten Kunstkörper, aber ein Internet der Gratis-Kultur!

Ja, im Grunde ist es so einfach: Überall im Netz findet Ihr Webseiten, die Euch genau diese Möglichkeit bieten. Ihr klickt auf eine Werbung und bekommt Geld. Nun, ein ganzer Euro wird es nicht unbedingt sein, genauer vielleicht eher 70 Cent, oder auch nur 20 Cent. Und noch genauer: Ihr könnt das Geld nicht wirklich ausgeben – denn Ihr habt es schon ausgegeben … Ein kleines Onliner-Lamento aus einem verregneten Urlaubstag heraus.

Kostenlos gibt’s nicht

Ich hätte auch titeln können: Stirbt die Gratis-Kultur im Internet? Soziale Medien, Videos, Mail, Nachrichten, Dokumentationen, Anleitungen, Einkaufsberatung – alles vermeintlich kostenlos. Ihr zahlt, keine Sorge, aber Ihr gebt kein Geld aus. Und das alles soll verschwinden? Nun, dieses Thema spukt zumindest bei Bloggern, Podcastern, Zeitschriften und sonstigen Medienschaffenden immer wieder herum und kommt immer wieder auf, sobald Google oder Mozilla neue (vermeintliche) Maßnahmen gegen Werbung ankündigen. Und bald kostet dann ein Abruf der Temperatur bei Wetter.de 1,50 Euro, oder was?!

Ja, das klingt alles fragwürdig. Und ja, Ihr dürft in diesem Artikel durchaus ein gewisses Maß an Eigeninteresse vermuten. (Spoiler: Ihr vermutet richtig ;) ) Tatsache ist, und darum geht es hier, Werbung ist eine Währung wie der Euro auch. Und wieder eine Präzisierung: Das Anklicken/Ansehen von Werbung ist eine Währung. So ziemlich alles, was Ihr im Internet nutzt, von Webmail, über Google-Dienste, Facebook, Twitter & Co., bis hin zu Wissens- und Entertainment-Seiten wie auch Tutonaut.de, wird in dieser Währung finanziert. Ihr klickt auf eine Anzeige, der Webseiten- oder Dienstanbieter bekommt einen Gegenwert in Euro und kann Euch weiterhin mit Inhalten/Diensten versorgen. Nun bekommt Ihr freilich auch ohne Bezahlung/Werbeklick Zugang zu Artikeln oder einem sozialen Netzwerk – weil die Werbeanklicker für Euch „mitbezahlen“.

Ihr bekommt also Inhalte, ohne Geld dafür hinlegen zu müssen, der Inhalteanbieter bekommt Geld – und der Werbeanbieter? Nun, im Grunde ist der derjenige, der das eigentliche Risiko eingeht: Er spekuliert darauf, Euch als Kunden für was auch immer zu gewinnen – kann klappen, muss aber nicht. Aber letztlich lohnt es sich in der Regel, ansonsten wäre die Branche schon vor Jahrzehnten gestorben. Im Grunde läuft der ganze Online-Werbekram auf ein simples Spiel hinaus: Der Werbeanbieter bezahlt für jeden Kunden, den er indirekt über ein Webangebot ansprechen darf – natürlich stark vereinfacht.

Nutzer spart Geld, Dienstanbieter bekommt Geld, Werbeanbieter erhält Chance auf Verkauf gegen Geld. Aber auch Nutzer und Dienstanbieter zahlen einen Preis: Ihr als Kunden/Leser/Besucher/Konsumenten werdet mit Werbung traktiert, mal dezent, mal mit nervigen automatisch ablaufenden Videos. Wir als Dienstanbieter müssen uns um die Technik kümmern, eine Verlangsamung der Website in Kauf nehmen und damit rechnen, dass mehr und mehr Nutzer Adblocker einschalten (oder künftig vielleicht: nicht ausschalten).

Umsonst ist jedenfalls fast nichts, nur zahlt man eben nicht mit Geld. Also, doch, manchmal …

Alternativen?

Natürlich gibt es kosten- und werbefreie Dinge im Netz, beispielsweise den ganzen Open-Source- und Open-Content-Kram – aber das ist nicht der Stoff für die Massen. Mit Ausnahmen: Wikipedia beispielsweise ist kostenlos, wird aber durch Spenden finanziert. Viele populäre Podcasts ebenfalls, werden dann aber häufig über Abo-/Spenden-Dienste wie Patreon unterstützt. Angebote vom Bund werden indirekt durch Steuern finanziert. Angebote des ÖRR durch die GEZ. Alles wird irgendwie mit Geld versorgt.

Es gab auch mal Ansätze, Anbieter mit Rechenleistung zu bezahlen: Während Ihr auf der Website seid, erlaubt Ihr dem Betreiber, einen Teil Eurer CPU-Leistung für eigene Zwecke abzuzweigen. Es lief wohl darauf hinaus, Cryptominer legal einzusetzen. Cryptominer produzieren im Grunde ganz direkt Geld, zum Beispiel Bitcoin, und zeigen abermals, dass Geld à la Euro nicht die einzige denkbare Währung ist.

Und klar, es gibt ihn noch, den rein altruistischen Content von echten Enthusiasten. Aber seid Euch sicher: Nur damit würde das Netz wieder, was es bis in die späten 90er war: Ein Ort von, für und mit Nerds jeglicher Coleur, Wissenschaftlern, Techies und noch ein paar Randgruppen – für den Mainstream würde es schnell an Bedeutung verlieren. (Oh, fast vergessen: Oller Populisten-Content würde auch weiter existieren – aber da ist nichts Altruistisches dran, denn auch Wählerstimmen sind eine Währung.)

Finanzierung des Gratis-Webs

Aber wie finanziert sich nun künftig das Quasi-Gratis-Netz? Sollte Werbung tatsächlich irgendwann nur noch ein Nebenschauplatz sein, könnte es schwierig werden. Rechenleistung in Form von Cryptominern & Co. wird man aus vielfältigen Gründen auf absehbare Zeit vergessen können. Spenden funktionieren vor allem für Bereiche wie Entertainment, Politik oder Personality, eben Seiten, die man immer wieder besucht, ohne etwas Bestimmtes zu suchen. Webseiten, wo es ums Lesen an sich geht. Oder schlicht um die symphatische Person dahinter.

Für Webangebote, die sich hingegen um Problemlösungen kümmern, wie Gute-Frage.net oder Tutonaut.de, kommt das kaum in Frage. Hier auf Tutonaut landen 95 Prozent der Besucher, weil sie ein Problem haben, die Lösung googleten und Google uns in den Suchergebnissen halbwegs weit oben vorgeschlagen hat. Aber ganz ehrlich, es gibt nicht viele Gründe täglich auf Tutonaut.de vorbeizuschauen – warum neue Lösungen zu Problemen anschauen, die Ihr offenbar gar nicht habt? (Klar haben wir auch „Lesespaß-Artikel“ – hier oder hier, aber das ist nicht das Kerngeschäft. Und dennoch: Auch wir haben eine Patreon-Seite – feel free!)

Und auch die vielen Produkte von größeren Unternehmen dürften es mit Patreon, Spenden & Co. schwer haben. Für einen Verein wie den hinter der Wikipedia zu spenden ist eine Sache, einen einzelnen Podcaster oder Blogger per Patreon zu sponsorn eine sehr ähnliche. Aber wer „spendet“ schon für den Spiegel-Verlag, damit es weiterhin SPON gibt? Da läuft es dann doch irgendwie eher auf das herkömmliche „kaufen“ hinaus, nicht?!

Gezahlt werden muss aber weiterhin und wenn Spenden und Werbung wegfallen, bleibt eigentlich nur das normale Verkaufen, im Netz also Paywalls. Und das ist ein Szenario, das niemand will. Oder hättet Ihr Lust, für jeden Artikel, den Ihr im Netz lest, tatsächlich mit harter Münze zu bezahlen? Überlegt mal, wie viele Artikel Ihr zum Beispiel bei Computer-Problemen oder bezüglich Kaufberatungen lest, bevor der „richtige“ endlich die gewünschten Infos liefert!

Plädoyer für Werbung

Mir persönlich fallen nicht viele weitere Alternativen ein. Welche Ressourcen hat Otto Normalverbraucher, die er über das Internet schnell abgeben kann? Kaufkraft (-> Werbung), IT-Ressourcen (Speicher, Rechenleistung). Klar, Zeit: Nutzer könnten aufgefordert werden, 20 CAPTCHAS am Stück zu lösen, um eine KI zu trainieren … Moment, Zeit gegen Gutschrift? Das klingt doch fast nach (unterbezahlter) Arbeit ;)

Ich finde mäßig aufdringliche Werbung mittlerweile super. Schaut Euch allein das Privatfernsehen an: Dutzende Sender mit eigenen Formaten und eingekauften Produktionen aus aller Welt – bezahlt durch Werbung allein. Oder mal aktuellere Beispiele: Joyn, Watchbox, Youtube. Für mich würde sich kaum ein Dienst gegen Geld zu abonnieren lohnen, da ich zwar viel konsumiere, aber kaum einen bestimmten Kanal wirklich regelmäßig. Dank Werbung kann ich zwischen all diesen Diensten springen, punktuell gucken, was ich will.

Natürlich habe ich den Großteil meines Lebens Werbung überall herausgefiltert, man ist als Verbraucher ja eher selten weit- und umsichtig und agiert eher auf animalischem Level: „Uh, Werbung, Werbung böse, Werbung wegmachen, ugh-ugh!“. Mittlerweile betreibe ich massiv Whitelisting. Umstieg auf Blacklisting folgt, geht aber nicht mit dem jetzigen Plugin. Sollte sich ein Anbeiter aber anmaßen, ungefragt Videos (mit Ton) abzuspielen oder gar mit Pop-ups zu hantieren, blocke ich ohne schlechtes Gewissen alles, was nicht niet- und nagelfest ist. Es gibt Grenzen. Erfreulicherweise lässt ja zum Beispiel Adblock Plus selbst auf blockierten Seiten akzeptable Werbung zu, die nicht nerven sollte – unerfreulicherweise nur bei zahlenden Partnerunternehmen.

Und darum muss ich mich heute doch tatsächlich für Werbung aussprechen. Nicht nervende, nicht Malware verbreitende Werbung, aber „normale“ Werbung. Ach kommt schon, weil die Zeiten es einem so schön andienen, wie wäre es mit einem kleinen Schlag auf den Hinterkopf mit der Moralkeule?

Werbung grundsätzlich zu blocken ist asozial – und das geht vor allem in Eure Richtung, liebe Hardcore-Gutmenschen, Missionierungsveganer, „Wir kaufen uns ja alle zwei Jahre das neueste Tesla-Modell für die Umwelt, ne.“-Influencer, Nachhaltigkeitsjunkies, „Deutsche Christen sind die Besten“-Konservativen, Lügenpressler und sogar Euch „Ach wir sind ja so heimatverbunden es lebe der Deutsche Wald“-Mininazis. Ihr alle erhebt Anspruch auf die ultimative moralische Reinheit. Und tendenziell sind nicht wenige von Euch der Meinung, Werbung sei böser, böser Unfug, mit der der militärisch-industrielle Komplex/die Regierung/Linksgrün/Nazis/Merkel oder „die da oben“ den kleinen Mann klein halten wollen. Mit der Dauerblockade von Werbung nehmt Ihr Menschen die Butter vom Brot. Oder um es mit South Park zu sagen:

Aber moralinsaurer Spaß beiseite: Blockt um Himmelswillen was Ihr wollt! Ich persönlich wäre nur froh, wenn alle, die Werbung blocken, das wirklich bewusst tun. Ja, Werbung nervt, aber ich finde es nervt weniger als Geld auszugeben.

Viel interessanter: Was haltet Ihr davon? Nehmt Ihr Anzeigen-Konsum als eine Art Währung war? Zahlt Ihr gerne per Werbeguckerei? Oder hättet Ihr lieber ein ganz anderes System? Oder mal klipp und klar gefragt:

Wie viel würdet Ihr monatlich für Twitter zahlen? Wie viel für Email? Wie viel für die Google-Suche?

Über den Autor

Mirco Lang

Mirco Lang

Freier Journalist, Exil-Sauerländer, (ziemlich alter) Skateboarder, Dipl.-Inf.-Wirt, Einzelhandelskaufmann, Open-Source-Nerd, Checkmk-Handbuchschreiber. Ex-Saturn'ler, Ex-Data-Becker'ler, Ex-BSI'ler.

Computer-Erstkontakt: ca. 1982 - der C64 des großen Bruders eines Freunds.

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1 Kommentar

  • Gut gebrüllt, Löwe. Zähle mich selber eher zu den Werbungs-Blockiererern – wobei: Hardcore-Einstellungen im Browser, am besten ohne Java-Script und Bilder? Dann kann ich das www gleich im Textbrowser durchforsten ;-). Insofern lösche ich lieber beherzt den kompletten Cache, Verlauf usw., wenn mir mal wieder danach ist – oder ich nach vier Wochen zum hundertsten Mal eine Kaffeemaschine vorgeschlagen bekomme, die ich einst suchte und vlt. längst erworben habe.

    Twitter: Nutze ich nicht.
    *E-Mail: 1 €/Monat bei mailbox.org. DER seriöse Anbieter aus DE. Wäre mir sogar 2,- wert. Werbefrei *harr
    und echt guter Spam-Filter. freenet und Co. gingen mir zu arg auf den…
    *Google: Komme privat tatsächlich mit anderen Suchmaschinen klar. Ohne Google-Dienste. Auch kein Maps, oder Kalender, oder…

    Schon klar: Wir bezahlen halt mit unseren Daten.
    Lieber Spende ich ab und zu gezielt an (aus meiner Sicht) unterstützenswerte Projekte.