Linux-Desktops und -Tools könnt Ihr direkt auf dem Windows-Desktop nutzen – auf unterschiedlichste Weise. Eine Option kommt ganz ohne Linux aus 😉

Ihr braucht keinen Dual-Boot-Rechner, um Linux-Desktops und -Tools unter Windows zu nutzen. Es gibt sooo viele andere Möglichkeiten, um ganze Systeme zu bekommen, einzelne Programmfenster oder einfach die allgegenwärtige Sammlung von GNU-Werkzeugen für den Terminal. Einen Weg sollte eigentlich jeder in petto haben – man weiß nie, wann man es mal braucht.

„Linux-Werkzeuge“ – wirklich?

Bevor es wieder zu Aufständen kommt, eine kleine Bemerkung zu dem, was man als Schreiberling so unter „Linux-Tools“ versteht – Überschriften sind nämlich begrenzt lang 😉 „Linux“ sollte eigentlich „GNU/Linux“ genannt werden (auch wenn man sich darüber streiten kann …), da Distributionen wie Debian oder Mint grundsätzlich aus dem Linux Kernel und den GNU-Paketen bestehen (und heutzutage Hunderten weiterer Programme). Wenn von Linux-Tools die Rede ist, sind damit nicht selten vor allem die GNU Coreutils gemeint, eine Sammlung von Programmen für den Terminal.

Aber auch andere Software, die nur unter Linuxen läuft, fällt je nach Kontext in die Rubrik „Linux-Tools“. Und wie sehr Linux-Tools bisweilen exakt keine Linux-Tools sind, zeigt am Ende das wundervolle UnxUtils. Im Folgenden findet Ihr unterschiedlichste Möglichkeiten, Linux und Linux-Tools zu nutzen, ohne den Windows-Desktop verlassen zu müssen.

Ganzes Linux als Virtuelle Maschine

Mit einer Virtuellen Maschine (VM) lässt sich ein ganz reguläres Linux direkt in einem Windows-Fenster nutzen. Über eine Software wie VirtualBox wird ein kompletter Computer samt Grafikkarte, Netzwerkkarte, Festplatten, Prozessoren und so weiter in Software dargestellt. Und darauf lassen sich sowohl Linuxe als auch Windows installieren. Der große Vorteil: Ihr habt tatsächlich ein „stinknormales“ Linux zur Verfügung. Im Vollbild seht Ihr von Windows gar nichts mehr, Ihr könnt externe (echte) Hardware daran anschließen, Live-CDs booten, es ist ziemlich schnell und ihr seid maximal flexibel. Ein möglicher Nachteil: Wenn Ihr eigentlich nur ein Programm oder einen Terminal nutzen wollt, verbraucht eine VM eigentlich zu viel Ressourcen.

Erfreulicherweise ist das Aufsetzen einer VM super einfach und komplett ohne Vorwissen möglich, wie wir Euch hier zeigen. Aber das Beste ist wohl, dass Ihr keinen echten Linux-Rechner benötigt – die nächsten vier Möglichkeiten sehr wohl! Die ziehen nämlich Linux-Desktops und -Tools über das Netzwerk auf den Windows-Desktop.

linux-desktops

Einfach, zuverlässig, vielseitig – VMs sind immer noch eine gute Wahl.

Linux-Desktop über VNC

Das Prinzip kennt Ihr vielleicht vom PC-Support: Der Techniker zieht sich Euren Desktop auf seinen Rechner und steuert ihn fern, um etwa ein Problem zu beheben. Auf dieselbe Art könnt Ihr aber natürlich auch einfach einen Linux-Desktop zum Arbeiten bereitstellen. Das funktioniert wunderbar über VNC-Programme (Virtual Network Computing). Auf dem Linux läuft der Server, auf dem Windows der Client – und dann gebt Ihr im Grunde einfach die IP-Adresse des Servers im Client ein und schon bekommt Ihr den kompletten Linux-Desktop im Windows-Fenster. Unter Windows würde sich dafür zum Beispiel UltraVNC als Client anbieten, unter Linux gibt es für jede Desktop-Umgebung eigene Varianten – schaut einfach mal nach, was sich im Software-Center findet. TightVNC gibt es sowohl für Linuxe als auch für Windows.

Das Gute: VNC läuft stabil, es gibt etliche Programme, entfernte Desktops können auch im Browser dargestellt werden und lokal verbraucht Ihr nur sehr wenige Ressourcen, da ja nur das Bild dargestellt werden muss. Als Nachteile könnte man aufführen, dass man im Vergleich zur VM einen eigenen Rechner braucht (einen Raspberry Pi zum Beispiel), dass die grafische Darstellung manchmal nicht ganz so perfekt ist und man zum Nutzen externer Hardware an den Linux-Rechner muss. Was wiederum doof ist, wenn der im Keller steht.

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Ein Puppy Linux per UltraVNC.

Übrigens: Ihr könnt auch einzelne Programm über VNC bereitstellen – aber dazu haben wir weiter unten eine andere, komfortablerere Empfehlung.

Terminal-Tools via SSH

Würde man SSH morgen verbieten, würden vermutlich alle Admins dieser Welt und die meisten Entwickler in den Generalsteik treten. Über SSH könnt Ihr eine Verbindung zu einem entfernten Rechner aufbauen und diesen über einen Terminal fernsteuern. Das ist praktisch zum Warten und Patchen, aber auch, wenn Ihr mal eben Tausende Dateien umbenennen oder durchsuchen wollt oder sonst welche Aufgaben habt, die sich eben einfacher unter Linux lösen lassen.

Das Tolle daran: SSH läuft auf so ziemlich jedem System, häufig müsst Ihr am entfernten Rechern überhaupt nichts machen, sofern Ihr Login-Daten dafür habt. Unter Windows ist das natürlich wieder nicht standardmäßig implementiert, daher braucht Ihr das Standard-SSH-Windows-Werkzeug Putty. Auch hier gilt wieder: IP-Adresse des Servers eingeben, einloggen, fertig. Sollte der entfernte Linux-Rechner tatsächlich keinen SSH-Server haben, installiert ihr mit „sudo apt install openssh-server“ nach.

Desktop und Fenster über X11-Forwarding

SSH ist so super, dass es nicht beim Terminal bleiben muss. Ihr könnt auch grafische Programme, sprich Fenster, per SSH auf den Desktop ziehen. Grundsätzlich ist das derselbe Vorgang wie eben: SSH-Server auf dem Linux-Rechner, Putty unter Windows – es öffnet sich der Terminal. Und wenn Ihr hier nun beispielsweise „firefox“ eingebt, startet eben ein Firefox-Fenster. Das Ganze nennt sich dann X11 Forwarding. Alles, was es dafür braucht, sind das Programm Xming für Windows sowie ein wenig Konfiguration in Putty und der SSH-Config-Datei. Aber das erklären wir in einem eigenen Artikel.

Über diese Verbindung könnt Ihr übrigens auch eine komplette Desktop-Umgebung starten und habt so weitestgehend wieder das Ergebnis der VNC-Lösung – die Ihr für ganze Desktops definitiv bevorzugen solltet. Die nächste Variante wäre wiederum eine Alternative für einzelne Fenster – die Ihr ebenfalls bevorzugen solltet. X11 Forwarding funktioniert mit vielen Systemen, aber es gibt auch immer wieder Problemchen. SSHs Kernaufgabe ist eben nicht das Bereitstellen von Desktops …

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Per X11 Forwarding über SSH kommen die Fenster, juchee.

Desktop und Fenster über X2Go

X2Gos Kernaufgabe ist das Bereitstellen von Desktops. Genauer gesagt das Bereitstellen der X-Server-Ausgabe, also des Bilds am Linux-Rechner selbst, über das Netzwerk. Im Grunde ist es dasselbe wie VNC – eine Fernwartungslösung. X2Go hat einen eigenen, komfortablen Windows-Client, ist gut einstellbar und einfach eine beliebte Alternative zu VNC. Wie Ihr mit X2Go arbeitet, zeigen wir Schritt für Schritt hier.

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Windows-Gimp und Linux-Gimp über X2Go nebeneinander.

Desktop und Fenster via Cygwin

Cygwin ist wohl der Klassiker, was Linux-Funktionalität unter Windows angeht: Vereinfacht gesagt, stellt Cygwin eine Schnittstelle für viele native Linux-Werkzeuge zur Verfügung, über die deren Linux-Systemaufrufe in Richtung Windows gedolmetscht werden. Über einen Terminal könnt Ihr Tausende Pakete, unter anderem die meisten GNU-Tools, nutzen, darunter auch ein X-Xerver und X-Programme, also grafische Anwendungen. Cygwin wendet sich primär an Entwickler, die Ihre Linux-Software unter Windows zur Verfügung stellen wollen. Es kann durchaus sein, dass Ihr bereits eine Datei „cygwin.dll“ auf Eurem Rechner habt, vielleicht auch mehrere – schaut mal nach!

Bei der Installation könnt Ihr aus etlichen Paketen wählen, die installiert werden sollen – einfacher könnt Ihr kaum an so viele Funktionen kommen. Darunter befinden sich auch die Desktop-Umgebungen Mate, Gnome und LXDE, Videoplayer, Grafikprogramme, Spiele und und und. Cygwin ist nicht umsonst der Klassiker. Übrigens: Im Gegensatz zu früher laufen auch Desktops wunderbar flüssig.

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Na, erkannt? Das Windows-Norton meldet den Zugriff des Midori-Browsers auf dem Cygwin-LXDE-Desktop – perfekter Mischmasch.

Native Windows-Linux-Tools

Wenn Ihr auf all den Linuxkram eigentlich gar kein Bock habt: Viele Linux-Tools gibt es natürlich auch als native Windows-Binaries, sprich die geliebten EXE-Dateien. Die GNU Coreutils bekommt Ihr etwa als Sammlung UnxUtils in einem Paket und viele weitere Terminal-Standards findet man separat zum Download. Ihr könnt einfach alle EXE-Dateien, die Ihr so findet in ein und denselben Ordner packen, diesen dem Windows-Pfad hinzufügen und schon kann die Windows-Eingabeaufforderung viele Dinge, die auch ein Linux-Terminal kann – ganz ohne einen wirklichen Linux-Bezug.

Was soll es denn nun sein?

Alle Lösungen haben hier und da ihren Reiz. VMs sicherlich der Königsweg auf gut ausgestatteten Rechnern. Wenn Ihr zwei Kerne und mindestens 4 Gigabyte Arbeitsspeicher für eine VM abzwacken könnt, könnt Ihr eine Linux-VM im Grunde dauerhaft laufen lassen. Wenn Ihr Windows und Linux unbedingt gleichzeitig nutzen wollt, ohne Ressourcen zu teilen, dann ist X2Go vermutlich die beste Option. Wenn Ihr hingegen nur die Scripting-Fähigkeiten von Windows verbessern wollt (oder Euch einfach besser mit Bash & Co auskennt), sind die UnxUtils die perfekte, ressourcensparendste Lösung – zumal Ihr immer noch im normalen Windows-Umfeld arbeitet und vor allem in der Windows-Verzeichnisstruktur. Und für Minimalisten kommt vermutlich nur SSH in Frage.

Die Eierlegende Wollmilchsau dürfte Cygwin sein: Arbeit unter Windows, native Linux-Software, komfortabler Installer, ressourcensparend, kein weiterer Rechner nötig. Man muss sich nur einmal im Dateisystem und dem riesigen Wust an verfügbarer Software zurechtfinden. Für absolute Computer-Laien taugt Cygwin eher nicht.

Na gut, einen haben wir noch: Über die Versionsverwaltung Git wird auch die Git Bash installiert und schon habt Ihr einen Terminal, der sich weitestgehend verhält, wie ein typischer Linux-Terminal – samt GNU-Programmen und weiteren Standards. Wer sich mit sonst gar nichts anfreunden kann, sollte zumindest darüber nachdenken.

Jaja, sind immer noch keine 10 – also noch einer: Container – aber was es damit auf sich hat, haben wir hier.

docker

Ein Container-Linux, ausgeführt unter Windows, angezeigt per VNC.

Über den Autor

Mirco Lang

Mirco Lang

Am Anfang war der C-64 des großen Bruders des besten Freundes in der Grundschule …

Der echte Technikwahn kam dann mit einer Ausbildung bei Saturn – als Computer noch erklärt werden mussten, Soundkarten benötigten, ein gutes Monatsgehalt kosteten und das Internet nur bei Nerds und mit 38 kbp/s lief, bestenfalls.

Ein Studium der Informationswirtschaft und ein paar Jahre als Redakteur bei Data Becker später, sitzt hier ein freier Journalist, der auf Old-School-Computing (cli ftw!), Free Software, Frickelei, Kodi und „Hundedinger“ steht – und Grauseligkeiten wie Bild und Heftig.co zutiefst verabscheut.

Und sonst so? Sauerländer, Ex-BSI’ler, untalentierter Musikinstrumentebesitzer und seit 26 Jahren Skateboarder, ein ziemlich alter. Und manchmal kommt das abgebrochene Philo-Studium wieder durch …

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