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Social-Media-Verbot? Alle 56 Vorschläge kommentiert

Die Expertenkommission "Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt" hat Handlungsempfehlungen veröffentlicht - taugt das?

56 - das wird vermutlich bei vielen hängen bleiben. Die Medien berichten stündlich darüber. 56 und "Social-Media-Verbot" - das sind die beiden großen Schlagworte, nicht? Natürlich steckt mehr dahinter und ich habe mir mal die Mühe gemacht, das Originaldokument zu lesen. Und zu kommentieren - aus Techie-Sicht!

Falls nicht bekannt, darum geht's: Expertenkommission veröffentlicht Handlungsempfehlungen

So viel Disclaimer muss sein: Ich bin kein Fachmann für Kinder und Jugend oder deren Schutz, nicht politisch aktiv. Und ich habe auch bestimmt weniger Ahnung, als die 18-köpfige Expertenkommission. Allerdings sitzen darin Politiker, Pädagogen, Juristen - reine Techies sehe ich da nicht, Berührungspunkte schon.

Auch werde ich hier keine langen Recherchen zu allen Punkten betreiben, sondern nur mal kurz und quasi live aus dem Bauch heraus kommentieren - direkt nach dem Lesen der jeweiligen Empfehlung. Ich weiß also beim Tippen immer so viel, wie Ihr dann beim Lesen wisst. Nennen wir es Experiment! Und wenn meine technische Expertise irrelevant ist, kommentiere ich halt als Mensch :)

Auch Sinn der Sache: Um die 56 Empfehlungen mal nicht pauschal, sondern einzeln zu präsentieren. Das ist in TV und Radio und Tagespresse ja leider nie der Fall, da geht es immer nur um "56" und "Handy-Verbot".

Die Empfehlungen sind übrigens Teil 2 von 3 der Veröffentlichungen, der Abschlussbericht ist für September angekündigt. Die Pressemeldung hat als Anlage übrigens auch eine 12-Seitige Kurzversion - macht einen guten Eindruck, habe sie aber nur kurz überflogen.

Die einzelnen Empfehlungen werden übrigens jeweils auf einer Seite mit den Abschnitten "Problem", "Empfehlung" und "Wirkung" beschrieben - das ist mal nett übersichtlich, Kompliment!

Und noch was: Ich gehe hier einfach der Liste von Handlungsempfehlung HE 1 bis HE 56 durch - und im Inhaltsverzeichnis links habe ich Links gesetzt: Ab hier: deutet jeweils auf die Kategorien hin - und die stehen für die Antwort auf "Wer muss handeln?" Hinzu kommen ein paar HEs, die mir interessanter erscheinen.

Eltern und Familie

HE 1: Informationskampagne "Wir für unsere Kinder"

Es soll eine "dauerhafte nationale Aufklärungs- und Sensibilisierungskampagne" geben - auch mit Plattformbetreibern und Influencern - mit der Folge: "Eltern ... erkennen digitale Risiken frühzeitig ...".

Tja, scheint mir ziemlich selbstverständlich und naiv. Dass sich die breite Masse der Menschen wirklich mit Fragen von Sicherheit, Datenschutz & Co. beschäftigt hat noch nie funktioniert - selbst Kaffeefahrten funktioneren offenbar noch!

HE 2: "Familien vor Geburt ...

... und in den ersten Lebensmonaten verlässlich beraten und unterstützen." Kurz gesagt: Eltern soll klar gemacht werden, dass es nicht so cool ist, das schreiende 2 Monate alte Baby ganztägig durch ein flackerndes Smartphone zu beruhigen.

Das muss man also Menschen beibringen? Schon mal das Wort "Fernseher" gehört? Schon in meiner Kindheit gehörte es zur Allgemeinbildung, dass es nicht gut ist, Kinder völlig beliebig in die Glotze starren zu lassen. Wem muss man solche Dinge heute noch beibringen? Frage: Wenn das Baby mit Smartphone (statt Mobilé) ruhig ist und ohne 10 Stunden Terror verbreitet - hören die Menschen, die diese Art von Beratung wirklich brauchen dann auf die Beratung?

HE 3: "Anlaufstellen für Angebote ...

der Medienkompetenzförderung vor Ort ausbauen, stärken und auffindbar machen." Noch mehr Beratung, nun aber auch analog und "wohnortnah". Viel Glück dabei, die dafür notwendigen Zehntausenden Berater zu finden ...

HE 4: "Verantwortungsvoller Umgang mit Bildern ...

... von Kindern und Jugendlichen im Netz." Und wieder Beratung und Sensibilisierung. Wow, 18 Experten kommen zu dem Schluss, dass der beste Schutz vor digitalen Gefahren für Kinder das Wissen der Eltern ist - ich bin ja so gespannt, was da noch kommt ...

HE 5: Inklusive Elternberatung ...

Und nochmal das gleiche Blabla, nun aber alltagstauglich, barrierearm und mehrsprachig. Schön, dass die obigen Empfehlungen dann wohl nicht für Nachtarbeiter, Gehörlose, Blinde, Zugezogene etc. gelten ... Aber klar, gute Sache.

HE 6: Austausch zu Medienerziehung unter Eltern

Cool - alles wie oben, aber in fachlich begleiteten Elternrunden. Damit sind jetzt schon 6 Seiten mit folgender Empfehlung gefüllt: Eltern, informiert Euch! Wow.

HE 7: Elterliche Medienerziehung

Hey, es kommt was Konkretes! Kurz: Der Gesetzgeber soll das BGB um "digitale Vernachlässigung" erweitern. Ein wenig schwammig, aber immerhin. Als Vergleich wird das Recht auf gewaltfreie Erziehung angeführt. Spontan würde ich sagen: "Hau Dein Kind nicht!" versteht jeder Honk. "Vernachlässige Dein Kind nicht digital!" versteht erstmal niemand - aber hey, HE 1 bis HE 6 werden das schon deixeln :)

Außerdem ist ja klar, was nicht darf, passiert auch nicht.

Frühe Bildung, Schule, Ausbildung, Hochschule

HE 8: Medienpädagogik in der Ausbildung

Gut 30 Jahre zu spät, aber immerhin! Kurz gesagt, Medienkompetenz soll in Lehrplänen für Lehrer und sonstige pädagogische Fachkräfte festgeschrieben werden. Unterstütze ich voll und ganz - warum man 18 Experten braucht, um eine solche Selbstverständlichkeit 26 Jahre nach der geplatzten Bubble in ein unverbindliches Dokument zu schreiben, ergibt sich mir nicht.

HE 9: Medienpädagogik in Studium und Ausbildung

Eigentlich nur eine Ergänzung zu HE 8, es soll ein "... medienpädagogisches Modul [geben], das auch rechtliche Aspekte sowie Unterstützung bei belastenden Medienerlebnissen umfasst."

HE 10: Digitale Bildung in der Grundschule stärken

Und nochmal: Medienkompetenz in der Schule.

Meine Fresse ist das alles redundant. Nicht jedes Detail muss eine eigene Empfehlung werden, oder? Was habe ich mir da nur angetan ... noch 55 weiterer solcher Ergüsse.

HE 11: Selbstregulationsfähigkeiten stärken

Kindern beibringen, irgendwann auch mal Schluss zu machen, um nicht süchtig zu werden. Hand hoch: Wer von Euch weiß, dass man keine ganze Tüte Chips essen sollte - und tut es trotzdem? Also abermals: Beratung.

HE 12: KI-Seepferdchen

Und nochmal derselbe Driss, nu aber mit Seepferdchen. Quizfrage: Erinnert Ihr Euch noch an den Internehtführerschein, der vor gut 20 Jahren mal dasselbe für Erwachsene und Internet statt Kindern und KI erreichen sollte? Hat's funktioniert? Nein. Aber dieses Mal! Denn nun soll das verpflichtend sein.

Und ganz ehrlich: Das wäre gar nicht schlecht. In Unternehmen werden Mitarbeiter auch verfplichtet, winzige Tests bezüglich Informationssicherheit zu bewältigen - einfach, um eine sehr sehr grundlegende Sensibilisierung zu erreichen. Gut gemacht, durchgeführt in der Grundschule, zentral verwaltet könnte das funktionieren.

HE 13: Algorithmen- und KI-Kompetenz

Und nochmal das gleiche, nur für ältere Schüler, tiefergehend und nicht verpflichtend. Eigentlich scheint mir HE 13 nur zu sagen, dass Lehrer das via HE 8 gelernte auch im Unterreicht einsetzen ;)

HE 14: Ansprechperson mit medienpädagogischer Expertise

Gefordert wird eine Art digitaler Sozialarbeiter an jeder Schule, damit sich Schüler nach "belastenden Medienerfahrungen" an jemanden wenden können. Hätte in meiner Schulzeit nicht funktioniert, aber vielleicht sind Schüler heute vollkommen anders und nutzen sowas, mmmmkay?

HE 15: "Medienkompetenz in den Sekundarstufen I und II ...

...durch (Peer-to-Peer)-Programme stärken" Äh ... "... bei denen Lehr- oder Fachkräfte ausgebildet werden, die vor Ort ältere Schülerinnen und Schüler schulen." Das ist mal innovativ! Man lehrt Erwachsenen etwas und lässt sie das dann Jugendlichen beibringen, die das dann Kindern beibringen.

"Kleine" Crux: "Die Länder sollen mit finanzieller Unterstützung des Bundes eine Datenbank von Programmen und Angeboten aufbauen und in ihren zuständigen Einrichtungen ausreichende personelle Ressourcen bereitstellen." Wenn das so einfach wäre, könnte jeder Idiot jedes Problem lösen, oder?

HE 16: Private Nutzung digitaler Endgeräte an Schulen regeln

Okay, endlich geht's zur Sache - verbieten. Bis zur 7. Klasse soll die private Nutzung gesetzlich verboten werden, im Unterricht, in außerschulischen Angeboten und Pausen. Dadurch sollen Schüler konzentrieter und sicherer lernen und in den Pausen "direkte soziale Begegnungen" erleben.

Man verrate mir: Ich höre immer wieder von immensen Kosten, um ganze Schulen mit Endgeräten zu versorgen - also für alle Schüler eigene Geräte. Private Geräte scheinen mir hier ein gewaltiges Problem zu lösen! Zumal bisweilen eine Entscheidung für Apple fällt - was wiederum ein gewaltiges neues Problem erschafft. Android ist auch nicht der reinste Sonnenschein, aber Kinder direkt in eine Abhängigkeit zu führen?

Ich frage mich, ob Nicht-Digital-Natives (zu denen tendenziell ein Großteil der Expertenkommission gehören dürfte), den Stellenwert des eigenen Smartphones nicht total unterschätzen. Erst haben ein, zwei Generationen es völlig verpasst, sich selbst die für die heutige Welt nötigen digitalen Fertigkeiten anzueignen, haben die Welt völlig den jungen Menschen überlassen und jetzt plötzlich sollen Verbote für andere die eigenen Versäumnisse ausbügeln. Kein Fan.

Kinder- und Jugendhilfe

HE 17: "Medienbildung und ...

... Prävention von Anfang an: das Potenzial von Frühen Hilfen und Kindertageseinrichtungen stärken." Und schon wieder Medienkunde für Kitas - die Liste sollte wohl lang werden.

HE 18: "Analoge Alternativen ...

... der Freizeitgestaltung und Ehrenamt fördern." Wirkung: "Junge Menschen erhalten verlässliche analoge Erfahrungsräume ..." Fußball und sonstige Mannschafts-/Vereinssportarten, Trading Cards, Brettspiele, öffentliche Sportplätze, Skateboarding (yes, das!), Kneipen, Freibäder, Kinos (natürlich nur mit Analogprojektor), Museen ... ja, gut ;)

Es scheint mir eigentlich jede Menge analoger Alternativen zu geben, aber wenn man Kindern die freie Wahl lässt, entscheiden sich halt viele fürs Zocken und Social Media.

Nichts dagegen, Vereine auszubauen, gute Sache. Was "... verbindlich mit Schule und öffentlichen Einrichtungen verzahnt ..." heißen soll, würde ich aber gerne erklärt bekommen!

HE 19: Medienbildung und Demokratiebildung verzahnen

Och menno, schon wieder Medienkunde ... Ja verdammt, wir haben es verstanden, junge Menschen sollen Fake News, Scam und sonstigen Bullshit erkennen.

Sätze wie "Internet und soziale Medien sind für junge Menschen zentrale Quellen politischer Informationen ..." lassen mich allerdings erschaudern. Für junge Menschen? Nein, für quasi alle Menschen - schon mal Auflagenzahlen von Printmedien angeguckt, liebe Experten? Ich meine, die ganze Sprache in dem Bericht zeugt nicht gerade von Nähe zum Menschen auf der Straße, aber das hier schrappt ganz knapp an Neuland-Dimenstionen vorbei.

Fun-Fact: Ja, wir Techies alle waren stinkig wegen Merkels Neuland-Bemerkung damals - 2013! Und heute, unfassbare 13 Jahre später brauchen wir eine Expertenkommission, die Dutzende Male die immer gleiche Empfehlung gibt: Medienkunde für Kinder und Lehrer. Aus politischer Sicht, aus Sicht von Verwaltung und Staat, hatte Merkel sowas von Recht! Moment, nur Staat und Verwaltung? Amazon betreibt hier Ende der 1990er einen Webshop, MediaMarkt/Saturn hat 2012 nachgelegt - Deutschlands größter Elektronikhändler hat gerade mal 1 Jahr vor dem Neuland-GAU eine brauchbares Web-Angebot gestartet. Und das, obwohl Saturn maßgeblich für die Digitalisierung der breiten Masse mit verantwortlich war ;)

HE 20: "Erprobungsräume (Safer Spaces) für junge Menschen ...

... öffnen, um Internetphänomene zu erkennen und Umgangsstrategien zu entwickeln." Ich mag es nicht mehr kommentieren, ja, Medienkunde gut.

HE 21: "Alters- und entwicklungsdifferenzierte Ansätze ...

... zur Förderung von Medien- und digitaler Kompetenz zentral bündeln und zugänglich machen." "... Medienkompetenzförderung ..." - 'nuff said.

Btw... BzKJ? Aha, die Bundeszentrale für Kinder- und Jugendmedienschutz. Früher bekannt als BPjM - Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien. Noch früher bekannt als BPjS - Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften. Habe ich nicht gerade noch von mangelnder Nähe zu Menschen auf der Straße gesprochen? Der Laden war schon in meiner Kindheit ein weltfremder Witz. Da kann ich die Umbenennerei echt verstehen.

HE 22: "Medienkompetenzförderung ...

... im erzieherischen Kinder- und Jugendschutz stärken." Ihr ahnt es, Medienkunde - dieses mal speziell für die Kinder- und Jugendhilfe formuliert. Die lesen sich echt gerne schreiben ... hmm, sich gerne reden zu hören überträgt sich ziemlich schlecht, oder? Sorry, aber nach 22 HEs bei einer Raumtemperatur von 29,8 Grad ...

Liebe Expertenkommission, Ihr hättet den Bericht deutlich kürzer halten können, wenn Ihr so formatiert hättet:

Medienkunde - jaaaa :) Und zwar jeweils dort:

  • Kitas
  • Schulen
  • Kinder- und Jugendhilfe
  • Menschen mit blauen Augen
  • Menschen mit nicht blauen Augen
  • Ach fuck, halt alle

Aber dafür bezahlt niemand 18 promovierte Menschen, gelle? Egal, bevor ich die HE 23 mit einer gewissen Vorahnung aufschlage, hole ich mir erstmal ein Guinness - ganz analog aus der Dose.

Fun-Facts: Guinness aus der Dose hat nur 4,2 Prozent Alkohol und ist daher steuerlich ein Schankbier. Außerdem ist eine Plastikkugel mit Stickstoff in der Dose - daher auch der Aufdruck "Draught" auf der Dose. Denn Guinness wird nicht mit "Kohlensäure" gezapft, sondern mit Stickstoff und so schmeckt ein Dosen-Guinness fast genauso wie ein gezapftes Guinness. Flaschen-Guinness ist im Grunde eher ein Schwarzbier. Egal, schlagen wir HE 23 auf ...

HE 23: "Medienbildung in Schulen ...

... durch Stärkung der Schulsozialarbeit ausbauen." Spezialisierung dieses mal: Schulzozialarbeit.

Immerhin erwähnenswert: Wieder mal wird speziell über Hilfe vor Ort gesprochen - ich wäre ja für digitale Angebote zu haben ... Ach und: Die erste HE, die über eine Seite lang ist. Wunderbar.

HE 24: "Umgang mit Alterskennzeichen von Games ...

... u. a. in der Jugendhilfe flexibilisieren." Sehr schön, da bin ich dabei! Kurz gesagt sollen Spiele, die zum Beispiel wegen In-Game-Käufen ab X Jahre freigegeben sind, in der Kinder- und Jugendhilfe auch jüngeren Kindern zugänglich gemacht werden dürfen - sofern technisch begrenzt oder pädagogisch begleitet.

Im Grunde das gleiche, wie wenn Eltern mit 10-jährigen einen Film ab 16 gucken, mit ihren 14-jährigen ein erstes Bier trinken oder ihre 17-jährigen Auto fahren.

Gesundheite, Beratung, Therapie

HE 25: "Ein abgestuftes Präventionssystem ...

... mit passgenaueren Angeboten für vulnerable Kinder und Jugendliche entwickeln." Ich habe nun viel gemeckert, das Thema Medienkompetenz sei redundant - aber natürlich geht es ständig andere betroffene Stellen und Institutionen und Mikroziele. Und folgendes Zitat zeigt ganz gut auf, wer die Zielgruppe des Reports ist:

"In § 20 SGB V soll das Wort „primäre“ gestrichen und die Begriffe „universelle“, „selektive“ sowie „indizierte Prävention“ ausdrücklich aufgenommen werden. Die Standesorganisationen sollen verbindliche Qualitätsstandards für digitale Interventionen (Gesundheits-Apps) entwickeln."

Das gibt auch einen schönen Einblick in die ganz praktische, alltägliche Arbeit an Gesetzen! Oft geht es wirklich genau darum, einzelne Worte zu streichen, zu ändern oder hinzuzufügen. In der Regel haben wirklich wirklich viele Menschen ein Mitsprache- oder zumindest Kommentierrecht wenn Gesetze gebastelt werden. Und ja, das Verb basteln verwende ich mit Absicht.

HE 26: "Einheitliche Standards bei der Diagnose ...

... und Behandlung von Verhaltenssüchten und suchtartigem Verhalten einführen." Auch hier wird es wieder technisch, die Regierung soll konkret die International Classification of Diseases (ICD-11) in deutscher Übersetzung priorisieren und in die Versorgung mit einbeziehen. Kann ich inhaltlich nicht einschätzen, aber einheitliche Standards? Ja, bitte.

HE 27: "Abgestufte universelle, selektive ...

... und indizierte Präventionsmaßnahmen zu exzessiver Nutzung und Abhängigkeit ausweiten." Hier geht es um die Implementierung von HE 25 - letztendlich um Medienkompetenz und Selbstregulation.

HE 28: "Medienerziehung und Gesundheit ...

... zusammen denken." Oh, Medienkompetenz, ich schmeiß mich weg ... Aber Medienerziehung (die man offenbar aus gesundheitlichen Gründen endlich zu brauchen scheint), nicht von gesundheitlichen Aspekten abzukoppeln, ist natürlich eine revolutionäre Empfehlung. Über den Tellerrand gucken? Innovativ. Mutig. Wow.

HE 29: "Hilfsangebote für Kinder und Jugendliche ...

... stärken und zugänglich machen." Die Empfehlung ist wieder mal so brillant: "Bestehende Beratungs- und Hilfsangebote sollen personell und finanziell gestärkt ..." werde. Das ist die Art Handlungsempfehlung, die auch mein Dackel geben könnte. Und ich habe nicht mal einen.

HE 30: "Niedrigschwelligen Zugang ...

... zu medizinischer und psychologischer Hilfe bei digitalen Belastungen schaffen." Und wieder Hilfsangebote, wieder mit dem glorreichen Zusatz "... niedrigschwelliger, schneller und besser vernetzt ..." Immerhin werden irgendwelche konkreten Dinge benannt, die mir nichts sagen, "Stepped-Care-Ansatz" und "DiGA-Regulierung", und die ich jetzt auch nicht nachschlage - ich habe noch 36 von diesen redundanten, aufgeblasenen HEs vor mir.

Beschwerdestellen, Fachstellen, Sicherheitsbehörden

HE 31: Digitale Polizeiarbeit stärken

Sicherheitsbehörden sollen ihre Arbeit im digitalen Raum verbessern. Trivial. Aber es wird auch konkret: Verifizierte Polizeikonten, Melde-Buttons, niederschwellige Ansprechbarkeit, virtuelle Polizeistreifen - vermutlich nicht zu verwechseln mit digitalen Streifen.

Kurz: Es soll für Minderjährige einfacher werden, sich digital an die Polizei zu wenden. Und die Polizei wiederum soll besser und moderner werden. Kann man eigentlich nur gut finden. Die exakte technische Definition von virtuellen Streifen würde ich aber gerne mal näher vorgestellt bekommen.

HE 32: "Kinderonlinewache ...

– bundeseinheitliche Anzeige- und Meldestelle der Sicherheitsbehörden für Minderjährige einrichten." Eine konkrete Implementierung von HE 31, mit dem üblichen Anspruch: "... durchgehende pädagogische Begleitung ..., ausreichend finanziert ..."

HE 33: Darstellungen sexualisierter Gewalt konsequent bekämpfen

Einfach nur ja. Die konkrete Empfehlung ist im Kern nichts Neues: "Etablierte Beschwerdestellen, Ermittlungsbehörden und Justiz sollen finanziell und personell so ausgestattet werden ..." dass sie ihren Job machen können.

HE 34: "Digitale Sexualdelikte ...

... mithilfe polizeilicher Scheinkindoperationen bekämpfen." Es sollen also verdeckte Ermittler häufiger und besser eingesetzt werden, um gegen Cybergrooming & Co. vorzugehen - ja, bitte, natürlich. Aber auch hier wieder zum Kern, abseits des schlicht Offensichtlichem: "Dazu bedarf es ... der Bereitstellung der notwendigen Ressourcen."

HE 35: "Einheitliche Kriterien und Datenaustausch ...

... bei Darstellungen sexueller Gewalt entwickeln." Ganz kurz: Behörden und Beschwerdestellen sollen Deepfakes vernunftbegabt austauschen. Aber es wird auch konkret:

"Der Bund soll ein standardisiertes Datenformat zur automatisierten Identifikation entwickeln lassen, das die inhaltliche Klassifikation über Metadaten und den technischen Abgleich über Hashwerte ermöglicht."

Gemeint ist sowas wie JPG (Datenformat) mit EXIF (Metadaten) einerseits, und sowas wie "md5sum.exe meine-datei.jpg" (Hashwerte) andererseits. Das ist natürlich sinnvoll. So grundsätzlich. Wenn allerdings der Bund ein standardisiertes Format erstellen lassen will ... dann viel Glück damit im nächsten Jahrhundert. Für solche Zwecke gibt es doch längst Lösungen. Das bringt mich zu meiner Anfangsvermutung: Es fehlt an Techies ...

Plattformen, Anbieter, Industrie

Okay, hier muss ich mal kurz was zur neuen Kategorie sagen: Es wird abrupt länger! Und schon im Vorwort wird es interessant:

"Viele Gefährdungen entstehen ... durch die Gestaltung der Dienste selbst – etwa durch algorithmische Empfehlungen, Endlos-Feeds, manipulative Benachrichtigungen oder Geschäftsmodelle, die auf maximale Verweildauer abzielen."

Ein Schelm wer meint, klassisches privates TV würde dieser Beschreibung nicht auch gerecht ;) Die Empfehlungen kommen vermutlich auch von Programmplanern, die auf statistische Analysen setzen. Endlos-Feed - check. "Manipulative Benachrichtigungen" - also Werbung? Check. Maximale Verweildauer? Ja, vermutlich ist es Sat 1 lieber, wenn die Menschen nicht wegschalten ... Wat'n Wunder. Nur einer wollte das anders, Peter Lustig.

Weiters heißt es im Wesentlichen, das EU-Gesetze Unternehmen zu "Jugendschutz by Design" zwingen sollen. Und, dass es europäischer Alternativen geben soll, damit die Regulierung nicht nur begrenzt, sondern auch ... bla bla bla.

Das klingt eindeutig nach: Wir schalten TikTok ab und etablieren stattdessen eine von der Post betriebene Plattform auf der wir dann die neuesten Rap-Songs von Behörden und pädagogisch wertvolle Lernfilme zeigen - und zwar so, dass alle sofort keinen Bock mehr haben und abschalten.

Man verzeihe mir den Sarkasmus, aber ich bin alt. Und ich habe diesen "Wir lösen den coolen Scheiß, den alle lieben, auf und ersetzen es durch etwas furchtbar ethisch Wertvolles ohne Kommerz"-Unfug einfach schon zu oft gehört. Schenkt Euren Kindern ruhig Holzspielzeugenten bis sie einen ganzen Wald hergeben - aber Plastikmüll aus China wäre ihnen wohl lieber. Sagen zumindest He-Man, der Playmo-Cowboy, Barbie, Action-Man, ein paar Millarden Lego-Figuren, Hulk und seine Freunde, ein nicht enden wollender Strom aus Baby-Puppen, Monchichis, Labubus ... Und es wollen auch alle Google, Apple, Microsoft - auch wenn ich noch so oft meine digitale Holzspielzeugente namens Open Source Softare empfehle ;)

Wie gesagt, ich lese und schreibe live - sprich noch kenne ich nur die Einleitung. Vielleicht wird's ja auch brillant und ich stehe als Idiot da ...

HE 36: "Risiko- und designorientiert regulieren ...

... – zwei Alternativen: gesetzliche Mindestaltersgrenze (13 Jahre) und dienstspezifische Altersgrenzen." Okay, das ist schon etwas mehr Stoff, aber ich mache es kurz (auch weil der wichtigste Part noch fehlt ...): Plattformbetreiber sollen verpflichtet werden, entweder spezielle Jugend-Accounts für diverse Altersgruppen bereitstellen oder schlicht die Funktionen bei normalen Accounts beschränken - verbunden jeweils mit einer Altersverifikation.

Schön: Es wird ausdrücklich nicht empfohlen, die Nutzung zu verbieten - weil nicht bei den zu schützenden Menschen, sondern bei den Erzeugern der Risiken, den Betreibern, angesetzt werden soll.

Realistisch: Ebenso ist den Autoren bewusst, dass zu starke Regulierung dazu führen kann, dass es mehr Umgehungsversuche gibt oder die Betroffenen schlicht auf unregulierte Angebote ausweichen.

Realistisch: Der Kommission ist offensichtlich klar, dass alles ein juristischer Großakt wird, spricht sich gegen ein rein Deutsches Gesetz aus und verweist auf eine Studie, die im Juli erscheinen soll. Ich hoffe inständig, dass dort dann mehr Fleisch zu finden ist - denn diese Empfehlung ist bis hierhin geradezu kindlich naiv: Ich will aber, ich will aber, ich will aber, so.

Hier wird aber durchaus von Verschleierung gesprochen, sowie dem Vorhandensein weniger regulierter Alternativen - da wird man hoffen dürfen, dass der Kommission Dinge wie VPN vielleicht doch bekannt sind.

Fun-Fact: VPNs könnten irgendwann Browser-Standard werden, Firefox führt sowas derzeit (sehr rudimentär) ein. Und wenn dann irgendwann der Browser einfach fragt: "Aus welchem Land heraus willst Du die Webseite besuchen? Wie wäre es mit Südsudan?" Tja, dann hat es sich mit der europäischen Regulierung. Und lustigerweise dürften die vieeeeeeeeeelen angedachten Veranstaltungen zur Medienkompetenz Kindern schon beibringen, was ein VPN ist :)

HE 37: "Sichere und altersgerechte Voreinstellungen ...

... und Designanforderungen für Jugendaccounts – Jugendschutz by Design und by Default durchsetzen." Im Prinzip die Ausgestaltung/Implementierung von HE 36. Das ist auf Seite 71 und ein echter Anspieltipp!

Hier mal ein paar Punkte:

  • Keine Empfehlungen, nur Abos
  • Keine Endlos-Feeds
  • Befristete Angebote
  • Kein Confirmshaming (ha, wieder ein neues Wort gelernt!)
  • Privatmodus als Default
  • Kontakt im Wesentlichen nur zu verifizierten Kontakten (ist das noch Sinn einer Social-Media-Seite?)
  • Block- und Meldefunktionen
  • Kein Livestreaming (Kindern Live-Gaming vorzuenthalten scheint mir ziemlich hart)
  • Kennzeichnungspflicht für KI-Inhalte (super Idee, mäßig realistisch)
  • Voreingestellte Tageslimits (wenn X oder TikTok das jemals so umsetzen, fresse ich einen digitalen Besen)

Ganz ehrlich, da ist viel gutes Zeugs dabei - aber es liest sich wie eine Weihnachtswunschliste, fehlen nur noch Bilder von Elfen und fliegende Herzchen.

HE 38: "Eine wirksame und datenschutzgerechte Altersbestimmung ...

... unter Wahrung der Grundrechte verbindlich regeln." Sorry, hier halte ich es noch kürzer - weil langweilig. Es geht um konkrete Fragen, wie genau technisch wie rechtlich "Altersbestimmungstechnologien" eingesetzt werden können und sollen.

Besonderes Augenmerk: Wenn ein gesetzliches Mindestalter für die Nutzung von sozialen Medien eingeführt werden sollte, soll die Prüfung vorrangig über das "EUDI-Wallet" gestaltet werden - na, Hand hoch, wer kennt das? Macht nichts, gibt es eh noch nicht, ist erstmal für 2027 angekündigt.

Schon lustig, wenn einem bei der Lektüre dieses Berichts immer bewusster wird, dass es nicht um heutige Kinder geht - sondern um Urenkel heutiger Babys.

HE 39: "Mehr Nutzerkontrolle über Empfehlungssysteme ...

... und Inhalte durchsetzen." Mal was einfaches: Empfehlungssystem sollen einfach anpassbar sein - das wünsche ich mir auch für mich selbst ;) Pro-Tipp: Der Youtube-Empfehlungs-Algorithmus liefert ganz hervorragende Ergebniss, sofern man sich Junk-Sessions spart!

HE 40: "Bestehende Schutzlücken im DSA schließen:

Anpassung der Klein- und Kleinstunternehmerregelung." Lücken schließen ist immer gut, hier geht es darum, dass auch Firmen mit nur wenigen Mitarbeitern aber Millionen Nutzern in die Pflicht genommen werden.

HE 41: "Privatsphäre von Kindern schützen ...

... – anbieterseitige Warnhinweise zum Hochladen von Kinderfotos." Ziemlich lahm: Rein zufällig sollen Plattformbetreiber Warnmeldungen anzeigen, die auf die Risiken von Foto-Uploads hinweisen. Angeblich ist sowas sogar schon gängig, sagt die bislang uninspirierteste HE.

HE 42: "Mit Kinderbildern durch öffentliche Einrichtungen ...

... verantwortungsvoll umgehen." Staatliche Stellen sollen keine Kinderbilder ins Netz laden. Ist schon irgendwie cool, dass Schulen dann keine Bilder mehr von Kindern und Jugendlichen veröffentlichen können. Also doch, können sie - verpixelt von hinten nachts im Dunkeln.

HE 43: "Kinder-/Family-Influencing: ...

... Eltern in ihrer Schutzverantwortung stärken, verbindliche Rahmenbedingungen schaffen." Hier geht es um Reglungen für "Kinderinfluencerinnen" - Altersbegrenzung, finanzielle Beteiligung der Kinder (sehr gut!), "... Verbot intimer, bloßstellender oder emotional belastender Darstellungen ..." und so weiter. Sowie eine generelle Reform des Jugenarbeitsschutzgesetzes, da diese Art der Arbeit nicht wirklich berücksichtig würde.

HE 44: Nutzungsrisiken in JuSchG und JMStV KI-bezogen erweitern

Die konkreten Risiken durch KI sollen in die Gesetze einfließen - scheint mir ein selbstverständliches Update.

HE 45: Schutz vor missbräuchlichen Deepfakes und Deepnudes verbessern

Das kann ich kaum kürzer schreiben: "Der Entwurf eines digitalen Gewaltschutzgesetzes durch das BMJV soll zügig verabschiedet und konsequent angewendet werden." - plus Aufklärungskampagne. Den Entwurf kenne ich nicht, HE 45 ist jedenfalls nichts weiter als eine Daumen hoch für den BMJV-Vorschlag.

HE 46: "Gefahren durch AI Companions: ...

... Altersgrenze als Sofortmaßnahme einführen." Betreiber sollen verpflichtet werden, KI-Freunde erst ab 13 Jahren zu erlauben, klar machen, dass es sich nicht um menschliche Beziehungen handelt, jugendschutzgerechte Voreinstellungen verwenden und so weiter.

Die Probleme bleiben wie bei so vielen HEs: Globale Juristerei, funktionierende und datenschutzkonforme Altersverifikation.

Barbie mit einer von Matell entwickelten KI samt natürlicher Sprachsynthese - bei diesem Szenario hoffe ich doch inständig, dass der gesunde Menschenverstand der Eltern greift. Ha, und da werfe ich anderen Naivität und Holzspielzeugentenmentalität vor ...

HE 47: "Kindgerechte Online-Angebote ...

... ausbauen und weiterentwickeln." Ja, gerne, natürlich - nur landet nicht wieder bei Holzspielzeugenten. Wenn ich mir so anschaue, was es in den Jahren alles so an öffentlich geförderten/entwickelten Spielen, Plattformen und sonstigen Angeboten gab, fehlt mir da einfach das Vertrauen. Es ist einfach meist zu bieder, zu klein, zu deutsch. Obst ist die Süßigkeit der Natur ... jaja, gib' mal die Schoki.

So rein als Ergebnis langen expertischen kommissionierens ... mau.

HE 48: Kindgerechte KI in digitaler Souveränität der EU entwickeln

Das gleiche nochmal speziell für KI. Dafür, allein schon weil ich zusehen möchte, wie sie "... kindgerechte KI auch im sensiblen Bereich der Demokratiesicherung ... entwickeln." ;) Nein, Spaß, nicht der Bund soll entwickeln, sondern es soll in Deutschland und der EU entwickelt werden. Der Bund sollte dafür ein "KI-Reallabor" zur Verfügung stellen (laut KI-Verordnung), sprich eine bundesweite Testumgebung.

Das Thema Reallabor scheint mir interssant, wäre jetzt aber zu viel Ausflug, der Text hat eh schon biblische Ausmaße. Ach, seien wir ehrlich - hier unten liest doch schon keiner mehr mit, oder? Falls doch, haut doch mal was Sinnloses in die Kommentare ;)

HE 49: "Industrie-Siegel für Spielzeug: ...

... „Kindersichere KI“ mit begleitender Informationskampagne entwickeln." Wir drehen uns etwas im Kreis. Ein solches Siegel soll es für "... „Kindersichere KI“ für Spielzeug ..." geben, "... dessen Kriterien unter Federführung der BzKJ im Dialog mit der Zivilgesellschaft entwickelt werden." Klar, toll, aber es wird ewig dauern, es werden Holzspielzeugenten ... Aber klar, wenn man die ferne Zukunft gestalten will, muss man ja irgendwann anfangen.

Das ist die KI-Barbie von der ich fantasierte, ebenso aber ein Amazon-Alexa-Ding - wer hat nicht schon gesehen, wie ach so putzig es doch ist, wenn Babys mit Alexa kommunizieren. Dass das problematisch werden kann, dürfte eigentlich klar sein - ich finde es schon kritisch, wenn erwachsene Menschen zu KIs Bitte und Danke sagen. Technik wird traditionsgemäß angeschrien oder verkloppt.

HE 50: "Anreize für vertrauenswürdige europäische Plattform- ...

... und Dateninfrastrukturen schaffen." Da ich es langsam nicht mehr ertrage, immer wieder dieselben Dinge aufzuführen: Bund und EU sollen europäische Alternativen unterstützen - und verweisen zum Beispiel (verkürzt gesagt) auf Mastodon/Fediverse statt X.

Der Vorschlag ist mal wieder eher eine Binsenweisheit - und als einer von ungefähr 8 Mastodon-Nutzern auf diesem Planeten: Es ist toll, kommt alle her. Aber gut, es ist die Holzspielzeugentenversion von X. Was soll ich sagen, ist halt so.

HE 51: "Politische Forderungen zur DSA-Haftung ...

... wissenschaftlich prüfen." Oh, klingt interessant! Offenbar gibt es aus der Politik Forderungen, dass Plattformbetreiber für Inhalte ähnlich haften sollen wie Zeitungsverlage. Und die HE will nun eine wissenschaftliche Klärung ob der Rechtmäßigkeit sehen.

Da ich es sehr gut formuliert finde, hier der Hintergrund:

"Eine Ausweitung der Haftung – insbesondere straf- und ordnungsrechtlich – im Zusammenhang mit der neutralen Bereitstellung von Internet-Kommunikationsstruktur kann tief in die verfassungsrechtlich geschützten Kommunikationsfreiheiten eingreifen. Würden Plattformen für fremde Inhalte einstehen, drohten Anreize zur vorsorglichen Sperrung auch zulässiger Äußerungen sowie ein Eingriff in das austarierte europäische Verantwortlichkeitsgefüge."

Okay, ich konnte nicht anders - ein 3-Minuten-Recherche impliziert: Die Forderung stammen scheinbar aus dem Umfeld der "Initiative für einen handlungsfähingen Staat", Schirmherr Frank-Walter Steinmeier und auch sonst prominent besetzt, und wird zum Beispiel auch vom DJV unterstützt.

Aus journalistischer Sicht kann ich das verstehen, auch aus betriebswirtschaftlicher. Als Techie ... Ich möchte schon, dass es möglich ist, einfach Infrastuktur anzubieten. Und ich sehe einen irrwitzigen Aufwand, wirklich zuverlässig alles zu kontrollieren, was auf so großen Plattformen wie X gepostet wird.

Ich bin ja nicht vom Juristen- und Politiker-Fach - aber das fühlt sich schon so an, als hätte man der Initiative anonym 'nen Papierkügelchen an den Hinterkopf geworfen ...

Aber ernsthaft: War nur eine Mini-Rechere - man teile mir mit, wenn das Quark ist!

Forschung

HE 52: "Forschung zur Medienaneignung ...

... von Kindern und Jugendlichen fördern." Förderung von Grundlagenforschung - sehr schön. Vor allem: "Sie soll das Medienhandeln nicht isoliert betrachten, sondern in Beziehung zur Lebenswirklichkeit junger Menschen setzen ..." 1Up für die Lebenswirklichkeit.

HE 53: "Forschungsoffensive zu Wirkmechanismen ...

... bei sozialen Medien und KI-Anwendungen auflegen." Noch mehr Forschung: "Eine umfassende Forschungsoffensive zu den Folgen digitaler und sozialer Medien sowie von KI-Systemen soll aufgelegt werden, mit einer mehrjährigen Förderlinie ..."

Klingt gut, klingt selbstverständlich, klingt teuer - aber viel Erfolg!

Gesamtsteuerung und Beteiligung

In dem Bereich geht es nun um Querschnittsfunktionen, um all die bisherigen Handlungsempfehlungen zu einem Gesamtkunstwerk zu verschmelzen.

HE 54: "Strukturierte Kinder- und Jugendbeteiligung ...

... im digitalen Kinder- und Jugendschutz etablieren." Will eigentlich sagen: Alle HEs sollen sinnvoll und unter Beteiligung der jungen Menschen umgesetzt werden - ach, und eine Koordinierungsstelle muss auch noch her.

So macht man eine Liste voll, jawoll.

HE 55: "Ein interdisziplinäres Expertengremium ...

... zur Analyse und Einordnung aktueller Entwicklungen im Kinder- und Jugendmedienschutz einsetzen und verstetigen." Sehr cool! Im Grunde steht hier: Die Expertenkommission hat bei ihrer Arbeit festgestellt, wie großartig sie sind - und darum brauche es nun stetiges interdisziplinäres Expertengremium.

Spott zum Trotz: Wäre schon eine gute Sache, so schnell werden sich KI- und SM-Anbieter nicht in Friedenstauben verwandeln.

HE 56: "Vom Wissen zum Handeln: Eine Umsetzungsstrategie ...

... für den digitalen Kinder- und Jugendschutz auflegen." Zum Schluss dürfen sie nochmal selbst ran:

"Die einzelnen Handlungsempfehlungen der Expertenkommission werden nach Abschluss in eine kohärente Gesamtstrategie für den digitalen Kinder- und Jugendschutz im Sinne des § 17a Abs. 2 Nr. 1 JuSchG überführt."

Persönlich finde ich, ist es eine lässige letzte Empfehlung, alle meine spontanen Ideen in eine Gesamtstrategie zu überführen!

Und:

"Für die Umsetzung sollen ein Sofort-Programm bis Ende des Jahres 2026, Gestaltungs- und Umsetzungsformate, ein digitaler Rückkanal sowie ein verbindliches Wirkungsmonitoring eingerichtet werden."

Eine erfreulich konkrete Empfehlung zum Schluss - "irgendwas" bis Ende 2026 klingt jedenfalls sehr sportlich für unsere Politik und Verwaltung.

Fazit

Erkenntnis 1: Ich hätte mir das mit jeder einzelnen HE besser vorher mal überlegen sollen ...

Erkenntnis 2: Es gibt unfassbar viel Redundanz, auch, weil sich viele Empfehlungen schlicht an unterschiedliche Empfänger wenden - darum sicher die vielen vielen HEs, die eigentlich nur Vermittlung von Medienkompetenzen fordern. Insofern: Für den Leser fühlt es sich sehr redundant an, für die angesprochenen Stellen nicht!

Erkenntnis 3: Neben der Vermittlung von Medienkompetenz gibt es weitere Schwerpunkte, vor allem Strukturen rund um gesundheitliche Aspekte (Suchtprävention, Therapie etc.), kinder- und jugendtaugliche Angebote rund um Cyber-Kriminalität (Stichwort Kinderonlinewache) sowie Forderungen nach gesetzlichen Konkretisierungen.

Erkenntnis 4: Es wird auch viel geträumt. Von der großen Regulierung von Nicht-EU-Anbietern und digitalen Holzspielzeugenten.

Erkenntnis 5: Ja, es wird ein mögliches Verbot von privaten Geräten in Schulen ins Gespräch gebracht, aber generell gibt es hier keine riesigen Aufreger, zumal es eben nur Empfehlungen sind.

Erkenntnis 6: Um wirklich technische Fragen geht es leider fast gar nicht :(

Erkenntnis 7: Die eigentlichen Probleme werden nur sporadisch angesprochen, sonst vorausgesetzt: Personal und Geld.

Erkenntnis 8: Gefühlt ist da schon noch Luft nach oben - beziehungsweise ein wenig Luft drin. Einige Punkte scheinen mir arg selbstverständlich oder seicht, andere merkwürdig spät, dazu die besagten Redundanzen. Aber gut, es wird weitere Materialien geben. Zumal da ja nicht nur die Kommission selbst beteiligt war, sondern auch die im Vorwort bedankten "... mehreren Hundert Expertinnen und Experten ..."

Erkenntnis 9: Insgesamt eine ziemlich gute Veröffentlichung! Gut strukturiert, verständlich, inhaltlich nachvollziehbar und abseits der eigentlichen HEs gibt es noch hübsche Grafiken, die helfen, das alles einzuordnen.

Erkenntnis 10: Zweifel. Ich meine, ich habe jetzt wirklich viel Dokument gelesen. Und nein, es ist kein Lesevergnügen. Es geht schlimmer, aber sprachlich ist das, nun, bestenfalls trocken behördlich. Und dann, ganz am Ende, der letzte Hinweis vor dem Impressum: Für die Erstellung wurde KI genutzt, "... um sprachliche Verbesserungen (Stil, Grammatik, Rechtschreibung) vorzunehmen ..."

Öhm, sprachliche Verbesserungen? Dann seid Ihr entweder nicht gut in KI-Nutzung (daher die Zweifel) oder Ihr solltet Sprache für Menschen Menschen überlassen - Autorinnen, Lektoren, Redakteurinnen, Korrektoren, kann man alle engagieren, zur Not sogar analog ;)

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Einstiegsbild: © Thomas Imo/BMBFSFJ/photothek.de

Mirco Lang

Freier Journalist, Exil-Sauerländer, (ziemlich alter) Skateboarder, Dipl.-Inf.-Wirt, Einzelhandelskaufmann, Open-Source-Nerd, Checkmk-Handbuchschreiber. Ex-Saturn'ler, Ex-Data-Becker'ler, Ex-BSI'ler. Computer-Erstkontakt: ca. 1982 - der C64 des großen Bruders eines Freunds. Wenn Ihr hier mehr über Open Source, Linux und Bastelkram lesen und Tutonaut unterstützen möchtet: Über Kaffeesponsoring via Paypal.freue ich mich immer. Schon mal im Voraus: Danke! Nicht verpassen: cli.help und VoltAmpereWatt.de. Neu: Mastodon

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