10 Jahre iPhone – Vor zehn Jahren revolutionierte Apple nicht nur das Handy, sondern auch die Art, wie wir das Internet benutzen. Ein Dankeschön.

Mensch, wie die Zeit vergeht. In diesen Tagen feiern wir 10 Jahre iPhone! Am 29.06.2007 wurden die ersten Geräte an Kunden in den USA ausgeliefert. Apple hat damit mal eben den Handy-Markt revolutioniert, auch wenn ich damals nicht an den Erfolg des Geräts glaubte. Deutsche Kunden kamen ohnehin erst am 09. November 2007 in den Genuss der neuen Technik – allerdings nur, wenn sie bereit waren, eklig tarifierte Telekom-Verträge abzuschließen. Mir persönlich war das damals (und wäre es auch heute) zu teuer, doch schon beim iPhone 3G griff ich dann doch zu. Denn die eigentliche Revolution war der App-Store, der das iPhone erst zu dem machte, was es heute ist.

Wie war das eigentlich… vor dem Smartphone?

Es ist schon erstaulich, welche Fortschritte die Technik seit dem ersten iPhone gemacht hat. Ich erinnere mich noch an den Dezember 2006: Nach dem Abschluss der Uni und vor dem ersten Job reiste ich für eine Weile nach Indien. Mein Notebook – ein Macbook Pro der ersten Generation – nahm ich jedoch nicht mit: Zu groß, zu schwer. Zum Marschgepäck gehörte neben der Digitalkamera ein iPod nano und natürlich mein gutes, altes Sony Ericsson T610. Von Netbooks, Tablets oder gar Smartphones hatte seinerzeit noch niemand gehört. Und auf den langen Busfahrten durch die nordindische Wüste hatte ich die Wahl, vier Gigabyte Musik zu hören – oder auf dem iPod Solitär zu spielen. Langweilig. Und dann war da noch das Problem mit dem Bloggen: Ich wollte unterwegs auf meinem alten Blog xTown.net über die Indien-Reise schreiben. Und musste mir deshalb ständig Internet-Cafés suchen. Indische Internet-Cafés. Mit indischen Windows-98-PCs, indischen Tastaturen und indischen Internetverbindungen. Das war das erste Mal, dass ich mir bewusst einen leichten Immer-Dabei-Computer mit dauerhafter Internetverbindung wünschte.

Indisches Internetcafé 2006. Nein, natürlich nicht. Hier handelt es sich um Dienstleister vor einer Behörde, die anderen Leuten für kleines Geld Formulare ausfüllen. Aber das Internet war ähnlich schnell.

Indisches Internetcafé 2006. Nein, natürlich nicht. Hier handelt es sich um Dienstleister vor einer Behörde, die anderen Leuten für kleines Geld Formulare ausfüllen. Aber das mobile Internet war anno 2007 ähnlich schnell und komfortabel – nicht nur in Indien.

Später kam dann noch ein weiteres Problem dazu: Die Tarife für mobile Daten in Deutschland waren katastrophal. Bei meinem jobbedingten Umzug nach Düsseldorf Anfang 2007 trödelte Arcor (heute Vodafone) mit dem Internetanschluss. Ich ging über mein T610 mit GPRS/Edge (2G) per Macbook online, um täglich Mails abzurufen und ein wenig zu surfen. In den zwei Wochen häufte ich auf diese Weise 400 Euro Mobilfunk-Kosten an. Yay! Es war dringend an der Zeit, das zu ändern.

Das iPhone ist eine Kombination aus drei Geräten: ein Mobiltelefon, ein iPod mit Breitbild-Display und ein wegweisendes Internetgerät.Telekom-Pressemitteilung vom 29.10.2007

Das Streichel-Handy ist da

Dann kam Steve Jobs und zeigte das iPhone: Immer online, damals noch per GPRS. Da war er, mein Immer-Online-Taschencomputer. Und zwar mit angepassten Datentarifen, die die exklusiv verkaufenden Mobilfunkbetreiber AT&T in den USA und Telekom in Deutschland sich richtig gut bezahlen ließen. Das subventionierte iPhone kostete in Deutschland am Anfang 399 Euro in der 8-Gigabyte-Variante, hinzu kam eine Vertragsbindung von zwei Jahren zu mindestens 49,95 Euro pro Monat. Dafür gab es ein gigantisches Datenvolumen:

Im billigsten Tarif für 49,95 Euro wären demnach 100 Gesprächsminuten und 40 SMS-Kurznachrichten enthalten. Für 69,95 Euro bekäme man 200 Inklusivminuten sowie 150 SMS. Der teuerste Tarif schließlich soll für knapp 90 Euro 1000 Gesprächsminuten sowie 300 Inklusiv-SMS enthalten.
– SPON, 20.10.2007

Aus heutiger Sicht ein Witz – und zwar ein schlechter. Damals war das „Streichel-Handy“, wie eine Bekannte es schnell taufte, jedoch mehr oder weniger allein auf dem Markt. Und dementsprechend bösartig konnten die Provider abkassieren. Dabei konnte das iPhone der ersten Generation nichts: Es hatte keinen App-Store, weil niemand so recht ahnte, dass es den geben sollte. Die mitgelieferten Funktionen glichen eher denen meines guten, alten Ericsson T10 plus iPod, die Kamera war lausig und selbst im Vergleich zu damaligen Handys war das erste iPhone irgendwie, nunja… beschränkt. Ich fand das Multitouch-System geil und kaufte mir deshalb einen iPod touch mit 8 Gigabyte Speicher, den ich verwendete wie heute ein iPad. Und dazu ein neues Handy: Ein Sony-Ericsson K750 mit damals herausragender 2-Megapixel-Kamera, das tatsächlich in vielerlei Hinsicht besser war als das iPhone 1: Der Akku hielt ewig, die Sprachqualität war gut, es gab keinen Sim-Lock und es war sehr handlich. Genau dieses Gerät ist hier übrigens heute tatsächlich noch als Zweithandy mit eigener Sim bei uns im Einsatz. Sogar noch mit dem ersten Akku. Mit anderen Worten: Das iPhone 1 war nichts weiter als ein Prestige-Objekt.

Teurer Nichtskönner: Das iPhone 1 war eher ein Prestige-Objekt.

Teurer Nichtskönner: Das iPhone 1 war eher ein Prestige-Objekt.

Dann kamen die Hacker

Dass das iPhone seitens Apple unnötig eingeschränkt war, war nicht nur den Nutzern schnell klar: Schon kurz nach dem Start machten sich sogenannte Jailbreaker daran, das iPhone-OS-Betriebssystem (ein abgespecktes Mac OS X und damit ein Unix) zu knacken, den Sim-Lock zu entfernen und zusätzliche Software zu installieren. Anders als Apple selbst hatte man in der Hacker-Szene das Potential des Geräts nämlich sofort erkannt: Der große Multitouch-Bildschirm und die vergleichsweise hohe Rechenleistung, das integrierte Datenvolumen und das WLAN-Modul machten das iPhone tatsächlich zu einem „kleinen“ Mobil-PC. Verschiedene Jailbreak-Lösungen und der Cydia-App-Store entstanden, dringend benötigte Funktionen wie Tethering, zusätzliche Spiele oder Datentransfer-Optionen wurden nachgerüstet. Bei Ebay gab es für teures Geld jailbroken iPhones ohne Sim-Lock aus den USA zu kaufen, von denen sich ein Freund von mir sogar eines bestellte. Dann schlug Apple nach bester Apple-Art zurück:

Apple has discovered that many of the unauthorized iPhone unlocking programs available on the Internet cause irreparable damage to the iPhone’s software, which will likely result in the modified iPhone becoming permanently inoperable when a future Apple-supplied iPhone software update is installed.“Macworld

Mit dem Argument, das iPhone würde beschädigt, schaltete man die Jailbreaks mit dem nächsten Update aus. Ein wildes Katz- und Maus-Spiel begann, das erst in den vergangenen Jahren langsam an Relevanz verlor: Mit immer neuen Features in iOS und natürlich dem App-Store wurde das Jailbreaking nach und nach für die breite Masse uninteressant. Mittlerweile ist es eher ein Hacker-Hobby denn ein wirklich nützliches Feature für die iPhones.

Das Smartphone ist heute aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken.

Das Smartphone ist heute aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken.

Der App-Store machte vieles besser

Etwas Gutes hatte die Jailbreak-Szene aber: Sie führte Apple vor Augen, dass ihr Gerät mehr konnte als bloß ein sperriges Telefon mit lausiger Kamera und Notizfunktion zu sein. Schon ein Jahr nach dem iPhone-Release – am 11. Juli 2008 – brachte Apple den iTunes App-Store auf den Markt. Damit konnte den Hackern der Wind aus den Segeln genommen werden. Plötzlich hatte das iPhone einen Mehrwert: Für die persönlichen Nutzer-Bedürfnisse mit Funktionen nachgerüstet werden. Anfangs gab es hier nur sehr wenige Apps, doch die Idee war ein Erfolgskonzept: Binnen Jahresfrist war die Zahl der verfügbaren Apps auf deutlich über 50.000 gestiegen, ganze Unternehmen konnten durch den AppStore aufgebaut werden. Für mich war er dann auch ein Grund, ein iPhone anzuschaffen: Mir war der iPod touch im Krankenhaus geklaut worden, ich brauchte eh ein neues Handy und weil ich Ende 2008 aufgrund einer Krebserkrankung sowieso eine ganze Weile im Krankenhaus herumhängen musste, dachte ich mir, dass sich das trotz der fiesen Tarife lohnen könnte. Man guckt nicht so auf’s Geld, wenn man sich unsicher ist, ob man in einem Jahr noch lebt. Der Krebs ging, das iPhone 3G samt Ekel-Vertrag blieb. Trotzdem muss ich an dieser Stelle Apple danken: Das iPhone hat mir nicht das Leben gerettet, es hat aber viele Dinge in dieser Zeit angenehmer gestaltet.
Gottlob hatte Apple in den Vertragskonditionen ein Nachsehen: Als mein Vertrag sich dem Ende näherte, kam das iPhone 4 auf den Markt – und das wurde erstmals ohne Sim-Lock angeboten. Ich ließ das alte 3G aber trotzdem nach Vertragsende freischalten, um es teurer weiterzuverkaufen zu können.

Das iPhone 4 und der Androide

Das iPhone 4 halte ich bis heute für Apples iPhone-Meisterwerk: Es hatte alle Funktionen, die nötig waren, war durch seinen Metallrahmen und die Glasflächen massiv und gleichzeitig handlich. Das hochauflösende Retina-Display machte den kleinen Bildschirm endlich nützlich und die Fünf-Megapixel-Kamera war die erste iPhone-Kamera, die diesen Namen auch verdiente – endlich waren vernünftige Fotos mit einem Smartphone möglich. Die Konkurrenz von Apple war in der Zwischenzeit nicht untätig: Apple hatte geradezu beiläufig Nokia und Motorola erledigt, die aufgrund seiner Marktposition unfähig waren, sich den neuen Gegebenheiten anzupassen. Microsoft kaufte die Nokia-Konkursmasse, derweil Google mit Android ein eigenes Smartphone-Betriebssystem, das es Samsung, LG und anderen bislang auf diesem Markt eher unbedarften Unternehmen ermgöglichte, als Mobilfunkhersteller aufzusteigen.

Alles in einem: Steve Jobs machte es spannend.

Alles in einem: Steve Jobs machte es spannend.

Den Vorsprung von iOS hat Android aber meiner Meinung nach bis heute nicht aufgeholt – auch wenn Kollege Hofferbert da sicher anderer Meinung ist. Der Rest ist Geschichte: Android konnte sich durch eine große Zahl an Herstellern und durch seine offene Struktur große Marktanteile sichern, Microsoft-Nokia ist nach wie vor eher eine Randerscheinung, andere Mobilsysteme spielen eigentlich keine Rolle mehr. Ohne das iPhone wäre diese Entwicklung kaum möglich gewesen: Der Erfolg von Instagram, Facebook, WhatsApp, die günstigen Smartphone-Tarife, ja sogar Tablet-PCs und Geräte wie Microsofts Surface wären ohne Apples iPhone-Innovation deutlich später oder nie gekommen. Ich erinnere mich an eine CeBIT 2006, auf der Microsoft die Zukunft des Mobilsystems mit sperrigen, Windows-XP-basierten „UMPCs“ propagierte. Manchmal muss man eben um die Ecke denken.

Steve Jobs hasste einen Microsoft-Mann

Eine hübsche Anekdote in diesem Zusammenhang ist die Geschichte, die der ehemalige iOS-Manager Steve Forstall im Rahmen eines Interviews im Juni 2017 erzählte: Jobs habe über seine Frau einen Bekannten gehabt, der Microsoft-Manager gewesen sei. Diesen Typen habe Jobs ohnehin nie leiden können, doch als der Microsoft-Mann von Microsofts Versuchen der Tablet-Entwicklung erzählte, habe Jobs beschlossen, eine eigene Lösung zu präsentieren. Das Resultat war „Project Purple“ – der Name, unter dem das iPhone Apple-intern entwickelt wurde. Es wird überliefert, dass Jobs der Ansicht war, dass man keinen Stylus brauche – der Mensch habe schließlich zehn Stylusse eingebaut. Dass er die Dinger hasste, wurde schon auf der iPhone-Präsentation 2007 klar:

„Who wants a stylus? You have to get ‚em, put ‚em away, you lose ‚em. Yuck! Nobody wants a stylus. So let’s not use a stylus. We’re gonna use the best pointing device in the world. A pointing device that we are all born with. We’re born with ten of these. We’re gonna use our fingers!“
– Steve Jobs, Apple-Keynote 2007

Und das war auch die eigentliche Revolution: Multi-Touch-Oberfläche plus Internet-Flatrate. Plus, später, die Möglichkeit, Funktionen per App nachzurüsten. Alles Dinge, die alle Handys zuvor nicht leisten konnten. Der Markt der großen Player seinerzeit lief, Innovation war schlicht überflüssig. Apple hat mit dem iPhone dann mal eben den ganzen Markt aufgerüttelt und umgekrempelt. Das Resultat sehen wir heute: Bis auf einige Ewiggestrige möchte wohl niemand mehr auf sein Smartphone verzichten. Und es hat den Alltag revolutioniert: Die Kommunikation ist um vieles leichter als vor zehn Jahren, die Möglichkeit, unterwegs jederzeit auf Daten im Netz zuzugreifen, etwas zu recherchieren oder seine Umgebung zu erkunden, sind lange noch nicht ausgeschöpft.
Doch egal, ob Apple, Android oder Microsoft: Das ursprüngliche iPhone-Konzept ist bis heute in Smartphones, Tablets und inzwischen sogar Notebooks erhalten geblieben.

Who wants a stylus?

Who wants a stylus?

Ich liebe das iPhone

Während ich mit dem iPad immer gehadert habe und auch weiter hadere, obwohl ich mir gestern dann doch ein iPad Pro 10,5″ bestellt habe, ist das iPhone aus meiner Sicht nach wie vor das beste Smartphone. Es mag zeitweise nicht das schnellste sein und es mag bis heute Limitierungen geben, es hat diesen unfassbar blöden Lightning-Anschluss und andere Kleinigkeiten, die schlicht nerven – doch dafür funktioniert der Kram. Eingebettet ins Apple-Ökosystem muss ich mir als Mac-Nutzer keine Sorgen über Backups, Updates oder sonstige Probleme machen. Viren waren nie ein Thema. Und ich habe mit meinem aktuellen iPhone 6S nicht nur ein leistungsstarkes Internet-Terminal und Telefon, sondern auch auch eine Spielekonsole, eine brauchbare Kompaktkamera, einen Lautsprecher, eine Videokamera, einen Dokumentscanner, einen Notizblock, eine Uhr, einen Kompass, einen iPod und noch viel mehr immer dabei. Das Geraffel mit diesem ganzen Zeug ist spätestens seit Apples iPhone 4 endgültig vorbei. Zumal ich mich als Kind der 1980er Jahre auch noch an ganz andere Zeiten erinnern kann. Dafür möchte ich Apple danken, denn das hat, allen Unkenrufen zum Trotz, in den letzten 10 Jahren enorme Vorteile an Lebensqualität gebracht.

Damals, vor knapp 11 Jahren in Indien, als ich mal wieder eine Tastatur mit Sagrotan einsprühte, während ich darauf wartete, dass das fiepende Modem sich ins Internet wählte, hätte ich mir eine solche Entwicklung nämlich nicht träumen lassen.

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Über den Autor

Christian Rentrop

Technikjournalist und Schreiberling aus Überzeugung. Schon als Zweitklässler 1986 mit dem Amstrad CPC angefixt, habe ich mich immer für Computer und Technik interessiert und finde: Computer sind nichts, wovor man Angst haben sollte.

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