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Paso Doble schrieb DEN deutschen Computersong (Bild: Screenshot Youtube-Video)

9 bizarre deutsche Computer-Songs, die Ihr gehört haben müsst

Wenn Lieder über Computer geschrieben werden, ist das Ergebnis nicht so schön. Gerade deutschsprachige Computersongs sind oft ziemlich verstörend.

Schon seit Jahrzehnten wird Musik am Computer gemacht. Doch wenn Musiker über Computer singen, kommen dabei zumeist ausgesprochen kuriose Lieder heraus. Woran das liegt? Vermutlich daran, dass Musiker eben Musiker sind – und von der Technik nicht unbedingt viel Ahnung haben. Wir haben Euch neun bizarre deutschsprachige Computersongs herausgesucht, die Ihr auf jeden Fall mal gehört haben solltet. Achtung: Ohrwurm-Gefahr!

France Gall – Der Computer Nr. 3 (1968)

France Gall bediente Ende der 1960er und Anfang der 1970er als hübsche, deutschsprachig singende Französin den Wunsch der piefigen alten Bundesrepublik nach mehr Exotik im Schlager. Mit ihrem Song „Computer Nr. 3“ war sie ihrer Zeit weit voraus: Computer Nummer drei soll ihr den richtigen Boy suchen, Partnerbörse 0.1 auf der Bühne des Schlagerwettbewerbs 1968. „Weil es die Wissenschaft. Und die Technik. Und die Elektro-ooooonenhirne gibt“. Selbst mit 50 Jahren Abstand riecht man den Rauch von Ernte23 im Studio und und schwitzt solidarisch im virtuellen Polyesterhemd. Allerdings ist der Song mit seiner Sixties-Swingbeat doch recht fetzig und im Vergleich zum heutigen pompösen Glamour-Schlager einer Helene Fischer einfach nur liebenswert naiv.

Achim – Ich bin Dein Computer (1980)

Dieser Song ist ausgesprochen bizarr: Die Singstimme von „Achim“ erinnert an den frühen Mike Krüger, die „Computerstimme“ wurde vermutlich mit einem Electrolarynx aufgenommen. Über den Künstler lässt sich im Internet leider nur wenig in Erfahrung bringen, doch wenn das Video-Bild stimmt, hatte er damals eine Vorliebe für Hipsterbalken, bevor alle Hipster einen hatten.

R.E.K. – Computer haben Herzschmerz (1983)

In den frühen 1980ern kamen eine ganze Reihe von Computersongs heraus, darunter auch dieses Meisterwerk der längst vergessenen NDW-Band R.E.K., über die sich leider auch recht wenig im Internet aufstöbern lässt. Aber: Auch der Song ist aus heutiger Sicht einfach nur grandiose zeitgenössische Musik. Wo ist mein Relais? Und Ströme sind Gefühle! So sah man das zu Zeiten des C64 und des New Wave und hatte ganz offensichtlich keine Ahnung, was für ein Blödsinn da noch künftig kommen würde.

Paso Doble – Computerliebe (1985)

Natürlich darf hier das wohl wichtigste deutschsprachige Computerlied aller Zeiten nicht fehlen: Die „Computerliebe“ von Paso Doble. Die Band legte 1985 gegen Ende der Neuen Deutschen Welle diesen Knaller ab, der sich wochenlang in den Top 20 halten konnte. Das Ding ist aber sowas von Achtziger. In der im Video sichtbaren Vorstellung ist alles dabei: Seltsame MAZ-Effekte, bizarre breitschultrige Kostüme und Gel-Frisuren, groteske Schminke, eine frühe Popping-Performance, NDW-Beats, Nonsens-Texte und das Studio der ZDF-Hitparade. Und im Hintergrund links sitzt Thomas Anders mit seiner Nora und hat die Haare schön. Wirklich: Mehr Achtzigerjahre geht nicht!

Das Modul – Computerliebe (1995)

Weil der Song seinerzeit so einschlug, versuchte die selbsternannte NDD-Welle („Neuer deutscher Dancefloor“, ein Synonym für deutschsprachigen Eurodance bzw. Poptechno), den Erfolg zu wiederholen. Das Resultat ist ein bizarrer Technosong, der sich auf den Refrain des Originals beschränkt und dessen Video… nun ja, schaut selbst. Die Computeranimationen sind jedenfalls typisch für die trashigen Musikvideos der Zeit: Das 3D-Renderings sehen aus, als wären sie mit Imagine am Amiga erstellt worden, was vermutlich auch der Fall ist. Ansonsten ist der Song damals wie heute einfach nur dämlich. Herzlichen Glückwunsch an die Produzenten.

Blümchen – Computerliebe (2019)

Nun will ja niemand behaupten, dass die Computerliebe-Version von Das Modul so gut gewesen wäre, dass man sie neu auflegen muss. Allerdings gibt es da noch Blümchen. Wer sich erinnert: Klein, süß, Rollschuhe, Kirmestechno. Aber nicht die hier, sondern Jasmin Wagner, seit dem „Erfolg“ der 1990er vor allem als B-Prominente im TV unterwegs. Die hatte schon 1995 einen anderen Paso-Doble-Song sachgerecht in Eurodance zerlegt. Jetzt, 2019 (!) kommt sie mit fast 40 und ganz viel Hamilton-Filter im Rahmen des furchtbaren 90s-Revival zurück wie einst Cher. Nur eben schlechter. Und macht, was Blümchen halt schon immer so macht: Technotechnotechno. Immerhin singt sie den ganzen Text, die Produzenten haben also dazugelernt.

Bläck Fööss – Computer (1981)

Zu diesem Song fällt mir tatsächlich nichts ein. Die Fööss sind hier in Köln seit 50 Jahren eine Instanz, ich nenne sie auch die Stones von Köln. Anfang der 1980er hatte die Kölschband wohl eine Art sozialkritische Phase, aber mehr ist zu dem Song für einen Nicht-Fan dann auch nicht in Erfahrung zu bringen.

Eurocats – Surfen Multimedia (1996)

1996 fanden Eurodance-Optik und Internet-Thematik irgendwie ihren Weg in den Schlager. Das Resultat ist die Band „Eurocats“ mit dem Song „Surfen Multimedia“. Titel und Text klingen ungefähr wie der Inhalt meiner „Multimediakurse“ an der FH Anfang der 2000er-Jahre, doch auch modisch haben die Eurocats einiges zu bieten, von der Performance ganz abgesehen. Und dann der Refrain. Und ist das etwa… Jens Riewa, der da moderiert? So oder so ist dieser schlagergewordene Telekom-Spot ein echter Kracher.

EAV – Datenautobahn (1998)

Zuguterletzt noch ein Klassiker aus Österreich: Die Erste Allgemeine Verunsicherung (EAV) ist eine dieser Bands, die sich in das Hirn jedes in den 1980ern aufgewachsenen Kindes eingebrannt hat. Warum das so ist, weiß ich ehrlich gesagt nicht, vermutlich, weil sie mit riesigen Maskottchen auf der Bühne standen, im österreichischen Zungenschlag sangen und überhaupt irgendwie mit Comics und lustig gearbeitet haben. Das hat auf mich als Kind schwer Eindruck gemacht. Heute ist dieser Stil natürlich längst Ironie-Inception, damals war’s aber neu und vermutlich deshalb klingelte es sofort beim Namen „EAV“. Der Song „Da-Da-Datenautobahn“ klingt wie jeder andere Song der Band, nur mit Techno-Elementen. Das macht die Sache ziemlich schräg. Unterhaltsam ist „Da-Da-Datenautobahn“ aber allemal.

Übrigens: Die Zahl der Computer-Songs ging in den 2000ern deutlich zurück. Vermutlich wollte die Musikindustrie nicht noch auf diese böse Technik hinweisen, die ihnen die Umsätze per MP3-Download verhagelte. Inzwischen haben Apple und Co. die Industrie zwar gerettet. Aber über Computer singt bis heute niemand mehr – außer Blümchen.

Kennt Ihr weitere schräge deutsche Computersongs? Dann lasst es uns per Kommentar wissen, denn wir würden sie wirklich gerne in die Liste aufnehmen.

Christian Rentrop

Christian Rentrop

Freier Journalist, Baujahr 1979. Erste Gehversuche 1986 am Schneider CPC. 1997 ging es online. Seither als Blogger und Journalist in Totholzwäldern, auf digitalen Highways und mit der Vespa GTS 300 oder meinem Hund in der echten Welt unterwegs.
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