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Meinung

Mastodon: Erste Schritte – und muss das überhaupt?

Durch Musks Twitter-Übernahme bekommt die Alternative Rückenwind. Naja, Rückenlüftchen.

Kaum kauft ein exzentrischer Typ Twitter, bekommt ein gutes Projekte endlich Aufmerksamkeit – Mastodon ist plötzlich in aller Munde. Nun, im Munde der Twitter-Bubble. Der linke Teil davon schreit „Lasst uns wechseln!“, der rechte „Gerne, verpisst Euch!“. Hach, was würden sich die beiden Seiten vermissen ;) Aber keine Sorge, das ist bloße Theorie. Wieso, weshalb, warum und wie das geht – dranbleiben.

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Was also ist Mastodon?

Die einfache Antwort aus Nutzersicht: Sowas wie Twitter – sieht fast genauso aus, bedient sich fast genauso. In Mastodon seht Ihr dann aber schnell Unterschiede: Weniger Nutzer (also so richtig viel weniger, so 3-Re-Tweets-reichen-zum-Trend-mäßig viel weniger), weniger Werbung, weniger Bots, weniger Aggressionen, weniger Lob … einfach weniger. Und vor allem: Kein Unternehmen, das Mastodon betreibt!

Und genau da liegen Fluch und Segen nah beieinander. Twitter ist eine Software, ein Unternehmen, eine Adresse – Twitter läuft auf Twitter.com und wird von Twitter Inc. betrieben. Mastodon hingegen ist nur eine Software. Und da diese Open Source ist, darf sie jeder kostenlos nutzen und eine eigene Website damit anbieten – genau so, wie Millionen Menschen Webseiten mit Wordpress anbieten. Entwickelt wird Mastodon von der Mastodon gGmbH (gemeinnützige GmbH) in Berlin, natürlich auf GitHub.

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So könnten etwa Microsoft, Apple und Tutonaut eigene soziale Netzwerke auf Mastodon-Basis aufbauen – und schon könnte mastodon.tutonaut.de die neue Anlaufstelle für entnervte Ex-Twitterer sein. Gut, wenn Microsoft dann ein eigenes Portal mastodon.microsoft.com aufbauen würde, wäre das vielleicht eine noch populärere Anlaufstelle. Das Gute: Nutzer von mastodon.tutonaut.de müssten nicht wechseln, um mit Nutzern von mastodon.microsoft.com zu interagieren – Mastodon-Seiten sind alle miteinander verbunden. Bei Twitter adressiert man Nutzer mit sowas wie @PeterPetersen. Bei Mastodon müsste entsprechend noch der Mastodon-Betreiber angegeben werden: @PeterPetersen@mastodon.tutonaut.de zum Beispiel. Die Mastodon gGmbH betreibt exemplarisch die Instanz mastodon.social.

Kommt Euch bekannt vor? Klar, genauso sehen Email-Adressen aus – PeterPetersen@mail.tutonaut.de.

Mastodonse …

Wie im Email-Universum gibt es also unterschiedliche Anbieter für ein und denselben Service. Und genau wie Email-Anbieter, können auch Mastodon-Anbieter unterschiedliche Clients, Features und Regeln anbieten. So könnte etwa jemand auf die Idee kommen, ein Liebe-über-alles-Mastodon zu betreiben und die Nutzer zu Freundlichkeit zu zwingen.

Etwas blöd: Wenn Nutzer trotzdem völlig lieblos herumhassen, kann man sie zwar vom Liebe-Server ausschließen, aber sie können sich dann einfach auf einem Hass-geht-in-Ordnung-Mastodon anmelden – und darüber immer noch mit den Liebe-Nutzern und anderen Mastodon-Servern interagieren.

Aber natürlich kann man auch bei Mastodon blocken und entfolgen und ganze Mastodon-Server ausblenden. Oder einfach nur die Local-Timeline anschauen, also nur Meldungen von Nutzern Eures Mastodon-Betreibers, bei dem Ihr angemeldet seid. Oder die Home-Timeline mit allem, dem Ihr folgt. Die Federated-Timeline hingegen zeigt Meldungen aller bekannten Mastodon-Instanzen.

Ihr selbst könnt übrigens auch nur für Follower oder gar bestimmte Personen (!) tröten. Äh, tröten? Was Twitter ein Tweet, ist Mastodon ein Toot, okay. Wer allerdings auf die Idee gekommen ist, den Eigennamen Toot ins Deutsche zu übersetzen, sollte auf Lebenszeit von Übersetzungsplattformen ausgeschlossen werden. Denn hierzulande schimpft sich das allen Ernstes Tröt.

Aber nochmal: Aus Nutzersicht ist das alles im Grunde relativ egal. Anmeldung bei und Nutzung von Mastodon unterscheiden sich nur im Detail vom Vorgehen bei Twitter. Lediglich die Wahl eines Mastodon-Anbieters steht davor – Anoxinon e.V. zum Beispiel.

Erste Schritte

Die Anmeldung ist trivial: Email-Adresse, Nutzername, fertig. Nun … Bei Anoxinon möchte man gleich von vorn herein klarstellen, dass Mastodon dort niemals ein großes Ding werden darf, denn man kann sich nicht mit Gmail anmelden – wegen zuviel Spam. Nachvollziehbare Entscheidung, aber dann wird sich das Komma bei den gerade mal 1.450 Nutzern ganz sicher nicht relevant verschieben. Aber das ist auch nur eine Anoxinon-Regel, keine Mastodon-Regel!

mastodon-mail-meldung.
Wehr Spam ab, aber auch Nutzer

Anschließend solltet Ihr zunächst Euer Profil anpassen und zum Beispiel sinnstiftende Sprüche, Bilder und dergleichen eintragen.

mastodon-profil.
Sieht aus wie Twitter, ist aber Mastodon :)

Und wenn Ihr dann auf die Startseite wechselt – seht Ihr erstmal quasi gar nichts :) Super, oder? Bei Twitter würdet Ihr an dieser Stelle mit Vorschlägen zum Folgen bombardiert, bei Mastodon müsst Ihr erstmal Inhalte und Nutzer herbeizaubern. Inhalte findet Ihr über die beiden Punkte Local und Federated rechts in der Navigation sowie über das Profilverzeichnis (unten links) und die Trends (unten rechts). Nachdem Ihr ein paar Konten folgt, seht Ihr auch auf der Homepage Inhalte.

einfache mastodon-ansicht.
Die wichtigsten Orte für den Einstieg

Als letzten ersten Schritt könnt Ihr mal die erweiterte Oberfläche aktivieren: Die Einstellung findet Ihr über Profil bearbeiten/Einstellungen/Fortgeschrittene Benutzeroberfläche benutzen.

erweiterte mastodon ansicht.
Erweiterte Ansicht aktivieren

Nun sieht Eure Mastodon-Seite plötzlich deutlich unübersichtlicher aus und in der rechten Spalte könnt Ihr parallel zu Home-Timeline und Benachrichtigungen auch noch die lokale oder föderierte Zeitleiste einblenden. Und so könnte dann das Finale aussehen – mit echtem Content und nach kurzer Gewöhnung ist das durchaus schick. Und das ist ja auch nur die Browser-Variante, selbstverständlich gibt es Apps für Android und iOS.

advanced-gui in chrome.
Die erweiterte Ansicht im Browser

Aber nein, aber ja, aber nein, aber ja …

Wenn ich mal kurz zusammenfasse: Mastodon kann so ziemlich alles, was Twitter kann und sieht auch so aus und nutzt sich so. Allerdings gibt es kaum Werbung, kaum Bots, einen wesentlich freundlicheren Umgangston, ein paar tolle Features, die Twitter nicht hat, viel mehr Kontrolle über die eigenen Daten, keine zentrale Datenkrake, keinen einzelnen Betreiber, der die Regeln diktieren kann, keine Möglichkeit, Nutzer wirklich von der Plattform zu entfernen.

Das klingt fucking awsome, woll?! Ist es auch. Technisch. Konzeptionell. Aus Techie-Sicht. Also: Alle anmelden, sofort!

Das wirklich richtig Blöde: 98 Prozent des Nutzwerts eines sozialen Netzwerks ergibt sich aus dem Content, also den aktiv Teilnehmenden.

Und wie sieht es da bei Mastodon aus? Mau wäre noch übertrieben. Schaut mal zum Beispiel hier: Die Trends drehen sich alle um das Mastodon-Twitter-Fediverse-Thema (übrigens: Fediverse -> Federation Universe -> Federated Timeline -> Ahhhh!) und die Anzahl der „people talking“ … Oder anders ausgedrückt: Wer 3 Re-Twee … äh, Re-Toots bekommt, darf bei Mastdodon vermutlich schon als Influencer gelten.

mastodon-charts.
Das ist inhaltlich wie quantitativ ein wenig traurig

Apropos Fediverse, das folgende Schaubild zeigt schön, was alles dazu gehört – denn Mastodon-Instanzen können auch mit anderen Produkten kommunizieren.

Von Imke Senst und Mike Kuketz, unter der CC-BY-SA 4.0.

Und wie stehen die Chancen, dass sich das ändert und Mastodon zu einer realen Alternative zu Twitter wird? Sagen wir es mal so: Wer hier nutzt Diaspora? Okay, unfair, niemand. Aber wer weiß, was Diaspora ist? Tja, vermutlich auch niemand … Diaspora ist die Facebook-Alternative, ähnlich konzipiert wie Mastodon (Aufmerksame können Diaspora auch im obigen Bild entdecken). Oder wie wäre es damit: Der unsägliche Trump – dessen potenzielle Twitter-Rückkehr lustigerweise überhaupt zur derzeitigen Mastodon-Aufmerksamkeit geführt hat – hat doch auch versucht, eine Twitter-Alternative zu etablieren. Natürlich nicht mit den Zielen und Konzepten von Mastodon, aber sicherlich mit Geld, einigen Fans und ein weeeeeeeeeenig Bekanntheitsgrad. Und auch das interessiert kein Schwein. Selbst die Trump-Fans haben sich doch lieber auf Twitter darüber ausgekotzt, dass Ihr Liebling weg ist, als ihm zu folgen.

Die Chancen stehen gut, dass Dinge wie Mastodon auf lange Zeit nur von wenigen Neugierigen, Techies und Extremisten genutzt werden. Dass Menschen und Organisationen wie Jan Böhmermann oder das ZDF Mastodon aktiv nutzen wird trotz deren Reichweite eher nicht reichen, um wirklich etwas in Schwung zu bringen. Okay, Reuters ist auch zu finden – mit einem Toot von April 2021. Wenn es denn Reuters ist, ein Official-Feature wie bei Twitter gibt es nicht. Und die Anmeldung nur per Email schreit natürlich nach Pseudonymen. Hat Vorteile wie Nachteile.

Aber es gibt mindestens eine Sache, die Grund zur Hoffnung gibt – auch die Bild ist (als Bot) vertreten und kommt bei 22.000 Beiträgen auf 8 Follower :)

bild-follower bei mastodon.
Awwwwwww :O

Ach verdammt, nicht offiziell …

Btw: Mein Dummy-Account ist auch noch bei Mastodon.

Nachtrag: Ihr könnt auch Twitter-Konten, denen Ihr folgt oder die Euch folgen, in Mastodon importieren!

Mirco Lang

Freier Journalist, Exil-Sauerländer, (ziemlich alter) Skateboarder, Dipl.-Inf.-Wirt, Einzelhandelskaufmann, Open-Source-Nerd, Checkmk-Handbuchschreiber. Ex-Saturn'ler, Ex-Data-Becker'ler, Ex-BSI'ler. Computer-Erstkontakt: ca. 1982 - der C64 des großen Bruders eines Freunds. Wenn Ihr hier mehr über Open Source, Linux und Bastelkram lesen und Tutonaut unterstützen möchtet: Über Kaffeesponsoring via Paypal.freue ich mich immer. Schon mal im Voraus: Danke! Nicht verpassen: cli.helpTestweise bei Mastodon

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